Posts mit dem Label Deutsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Deutsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, Januar 22, 2017
Unser Wohlstand basiert auf geerbtem Wissen und aktiven Gehirnen
Vor Kurzem schrieb Stefan Pietsch einen Essay, in dem er einigermaßen frei assoziierend eine Reihe von Themen im Umfeld "Arbeit" kommentiert. Der Text ist etwas zu unfokussiert für eine umfassende Antwort, aber ich möchte ein paar Punkte ansprechen, bei denen wir nicht ganz einig sind
Ich will einmal am Ende anfangen, worauf unser Wohlstand eigentlich beruht. Wenn man sich das im historischen Vergleich überlegt, dann übersieht Pietsch einen ganz wichtigen Faktor: im Wesentlichen beruht unser Wohlstand auf den wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben und heute weiterentwickeln.
Das hat interessante Konsequenzen. Da das Wissen und die Technologien von der ganzen Menschheit geerbt wurden, kann ein Einzelner daraus resultierende Gewinne nicht ohne Weiteres für sich beanspruchen. Zwar hat der Einzelne, indem er das geerbte Wissen praktisch anwendbar macht, durchaus seinen Teil beigetragen. Diese Argumentation eignet sich aber nur zur Rechtfertigung von relativem Wohlstand im Vergleich zu anderen, die weniger zur praktischen Anwendung des geerbten Wissens beigetragen haben. Sie eignet sich nicht zur Rechtfertigung von absolutem Wohlstand, da der absolute Wohlstand eben nicht aus dem persönlichen Beitrag kommt. Dieser Widerspruch lässt sich durch eine sehr "linke" Gesetzgebung ausgleichen, die dafür sorgt, dass jeder über hohen absolute Wohlstand verfügt, auch wenn es weiterhin relative Unterschiede gibt (die dann aber natürlich geringer ausfallen).
Unser Wohlstand beruht aber natürlich nicht nur auf geerbtem Wissen. Pietsch nennt ein paar weiter Punkte, die aber nicht wirklich an die Wurzel gehen. Ganz wesentlich beruht unser Wohlstand darauf, dass ein möglichst großer Anteil der menschlichen Gehirne, die auf unserem Planeten wandeln, möglichst gut in gesellschaftliche Produktionsprozesse einbezogen und genutzt werden.
Dazu gehört natürlich die von Pietsch genannte Freiheit: Gehirne, die von sich aus Konstruktives leisten wollen, muss man machen lassen.
Dazu gehört auch, dass man Gehirne, die vielleicht nicht unbedingt von sich aus Konstruktives leisten, trotzdem dazu ermutigen. Die von Pietsch genannte Achtung des Eigentums ist ein entsprechendes Anreizsystem. Wenn man das Eigentum von dieser Perspektive aus betrachtet erkennt man aber auch sofort, dass es dabei schnell zu Tradeoffs kommt. Gerne wird ja zum Beispiel die Senkung von Spitzensteuersätzen als Anreiz begründet. Aber hier muss man doch nachhaken: wie stark ist der Anreizeffekt dieser Steuersenkungen denn nun wirklich? Und wäre es nicht besser, die Gehirne in der breiten Masse zu mobilisieren, anstatt sie womöglich noch durch die offensichtliche und steigende Ungleichheit zu demoralisieren?
Der Blick auf die aktiven Gehirne wirft auf viele politische Themen ein anderes Licht. Pietsch nennt zum Beispiel eine Selbständigenquote von etwa 23% im Deutschland Anfang der 1960er und sieht darin lobenswerte Eigeninitiative. (Er unterschlägt dabei übrigens die in seiner eigenen Quelle erkennbare Tatsache, dass der Wert bis ins Jahr 2000 in Deutschland höher lag als in den USA, obwohl diese landläufig als sehr viel unternehmerischer wahrgenommen werden. Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst selektiv ausgewählt hast.)
Ich sehe in dieser hohen Selbständigenquote aber auch Unternehmen mit durchschnittlich vier Personen. Da ist keine tiefe Spezialisierung möglich, und damit ist auch der optimalen Nutzung von Gehirnen eine gewisse Grenze gesetzt.
Ich sehe auch das Potential für Scheinselbständigkeit oder Selbständigkeit aus Not. Da wird ein großer Teil der mentalen Energie verschwendet, weil sich die Menschen mit Sorgen auseinandersetzen müssen, die ihnen von guter linker Politik genommen werden könnten.
Letztlich ist es die Einbindung möglichst vieler Menschen in produktiv-kreative Prozesse auf hohem Niveau, die für unseren Wohlstand essentiell ist. Diese Einbindung kann in Form von Unternehmertun geschehen, aber oft ist das eben auch der falsche Weg.
Mittwoch, Dezember 07, 2016
Bedingungsloses Grundeinkommen: Die Finanzierung ist nicht das Problem
Gestern hat Joerg Wellbrock auf dem Spiegelfechter einen Beitrag geschrieben, in dem er einige Kritik am Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) übt. Ich teile vieles der Kritik zumindest als Skepsis.
Aber wenn er die Finanzierung des BGE hinterfragt, steige ich aus. Er sieht ein Finanzierungsproblem, wo in Wirklichkeit keins ist. Denn der Staat, zumindest der monetär souveräne Staat, kann finanzieren was und wie viel er will. Zu glauben, ein monetär souveräner Staat könne irgendwo ein Finanzierungsproblem haben ist ungefähr so, als würde man glauben, dass beim Spiel Monopoly die Bank pleite gehen kann. Kann sie nicht - und wenn das gedruckte Geld ausgeht, dann behilft man sich eben irgendwie anders. So steht es in den Regeln.
Moment! ruft der geneigte Leser jetzt innerlich, aber ist das nicht Gelddrucken und kommt dann nicht die Inflation? Nein, Gelddrucken ist das nicht. Auch beim Monopoly-Spielen würde man das "Problem" eher nicht durch Gelddrucken lösen. Aber ja, natürlich kann Geldausgeben grundsätzlich immer zu Inflation führen, den Umständen entsprechend. Diese Möglichkeit führt ja auch Wellbrock schon als potentielles Problem des BGE an.
Aber es ist eben wichtig, dass das Potential für Inflation das einzige Problem ist. Es gibt kein Finanzierungsproblem. Vielleicht gibt es ein Inflationsproblem. Der Unterschied ist wichtig, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens geben wir den sogenannten Kreditgebern und Finanzmärkten zu viel Macht, wenn wir an ein Finanzierungsproblem glauben. Dieser Glaube führt dazu, dass unsere Politiker in Angst leben vor den sogenannten Finanzmärkten. Und weil diese so diffus sind und nicht klar definiert, gibt diese Angst dann de facto Macht an die Hohepriester bei Banken und Think Tanks, die als Interpreten des Marktwillens gelten. Neutrale Beobachter sind das auf keinen Fall, und das Wohl der breiten Bevölkerung haben die meisten von ihnen auch nicht im Blick. Wir leben aber in einer Demokratie. Deren Politik muss natürlich die Beschränkungen der Realität anerkennen, aber sie darf nicht grundlos Macht an nicht legitimierte Gruppen abgeben.
Zweitens schwingt beim Gedanken an Finanzierung und Kredite immer automatisch mit, dass das Geld zurück gezahlt werden soll, womöglich noch mit Gewinn. Effizienz ist natürlich auch für demokratische Politik ein sinnvolles Ziel, aber Profitwirtschaft darf kein Ziel sein. Außerdem gibt es gute Gründe dafür, dass der Staatsaushalt im langfristigen Mittel gar nicht ausgeglichen werden darf. Es kann vereinzelt Perioden geben, in denen ein Überschuss im Staatshaushalt sinnvoll ist. Aber im langfristigen Mittel muss ein inflationsneutraler Staatshaushalt von normalen, monetär souveränen Staaten im Defizit sein.
Besser also, wenn man erkennt, dass der Kaiser keine Kleider hat. Inflationsprobleme kann es für monetär souveräne Staaten geben, Finanzierungsprobleme nicht.
Zurück zum BGE. Ich finde das Konzept sympathisch, aber ich teile die Bedenken, dass ein BGE vermutlich wegen der Inflationsproblematik nicht so realisierbar ist, wie sich die Befürworter das wünschen. Je näher die Roboterutopie kommt, um so realitischer wird ein BGE natürlich. Ich bezweifle, dass wir heute schon so weit sind, muss aber zugeben, dass es letztlich eine empirische Frage ist, die man nur experimentell beantworten kann.
Und als kleines Nachwort noch: Die Überlegungen zum Staatshaushalt oben gehen von einem monetär souveränen Staat aus. Deutschland ist nicht mehr monetär souverän, sondern Mitglied der Eurozone. Diese hat keinen Souverän, und ich würde sagen, dass genau darin das Kernproblem der Eurozone liegt. Um die Eurozone langfristig politisch zu stabilisieren, bräuchte es einen Haushalt auf Euroebene, der wichtige Stabilisatorenaufgaben übernimmt. Dazu gehören auch Elemente des Sozialstaats, und die BGE-Befürworter täten gut daran, für ein BGE auf Euro-Ebene zu werben. Aber all das ist ein anderes Thema.
Aber wenn er die Finanzierung des BGE hinterfragt, steige ich aus. Er sieht ein Finanzierungsproblem, wo in Wirklichkeit keins ist. Denn der Staat, zumindest der monetär souveräne Staat, kann finanzieren was und wie viel er will. Zu glauben, ein monetär souveräner Staat könne irgendwo ein Finanzierungsproblem haben ist ungefähr so, als würde man glauben, dass beim Spiel Monopoly die Bank pleite gehen kann. Kann sie nicht - und wenn das gedruckte Geld ausgeht, dann behilft man sich eben irgendwie anders. So steht es in den Regeln.
Moment! ruft der geneigte Leser jetzt innerlich, aber ist das nicht Gelddrucken und kommt dann nicht die Inflation? Nein, Gelddrucken ist das nicht. Auch beim Monopoly-Spielen würde man das "Problem" eher nicht durch Gelddrucken lösen. Aber ja, natürlich kann Geldausgeben grundsätzlich immer zu Inflation führen, den Umständen entsprechend. Diese Möglichkeit führt ja auch Wellbrock schon als potentielles Problem des BGE an.
Aber es ist eben wichtig, dass das Potential für Inflation das einzige Problem ist. Es gibt kein Finanzierungsproblem. Vielleicht gibt es ein Inflationsproblem. Der Unterschied ist wichtig, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens geben wir den sogenannten Kreditgebern und Finanzmärkten zu viel Macht, wenn wir an ein Finanzierungsproblem glauben. Dieser Glaube führt dazu, dass unsere Politiker in Angst leben vor den sogenannten Finanzmärkten. Und weil diese so diffus sind und nicht klar definiert, gibt diese Angst dann de facto Macht an die Hohepriester bei Banken und Think Tanks, die als Interpreten des Marktwillens gelten. Neutrale Beobachter sind das auf keinen Fall, und das Wohl der breiten Bevölkerung haben die meisten von ihnen auch nicht im Blick. Wir leben aber in einer Demokratie. Deren Politik muss natürlich die Beschränkungen der Realität anerkennen, aber sie darf nicht grundlos Macht an nicht legitimierte Gruppen abgeben.
Zweitens schwingt beim Gedanken an Finanzierung und Kredite immer automatisch mit, dass das Geld zurück gezahlt werden soll, womöglich noch mit Gewinn. Effizienz ist natürlich auch für demokratische Politik ein sinnvolles Ziel, aber Profitwirtschaft darf kein Ziel sein. Außerdem gibt es gute Gründe dafür, dass der Staatsaushalt im langfristigen Mittel gar nicht ausgeglichen werden darf. Es kann vereinzelt Perioden geben, in denen ein Überschuss im Staatshaushalt sinnvoll ist. Aber im langfristigen Mittel muss ein inflationsneutraler Staatshaushalt von normalen, monetär souveränen Staaten im Defizit sein.
Besser also, wenn man erkennt, dass der Kaiser keine Kleider hat. Inflationsprobleme kann es für monetär souveräne Staaten geben, Finanzierungsprobleme nicht.
Zurück zum BGE. Ich finde das Konzept sympathisch, aber ich teile die Bedenken, dass ein BGE vermutlich wegen der Inflationsproblematik nicht so realisierbar ist, wie sich die Befürworter das wünschen. Je näher die Roboterutopie kommt, um so realitischer wird ein BGE natürlich. Ich bezweifle, dass wir heute schon so weit sind, muss aber zugeben, dass es letztlich eine empirische Frage ist, die man nur experimentell beantworten kann.
Und als kleines Nachwort noch: Die Überlegungen zum Staatshaushalt oben gehen von einem monetär souveränen Staat aus. Deutschland ist nicht mehr monetär souverän, sondern Mitglied der Eurozone. Diese hat keinen Souverän, und ich würde sagen, dass genau darin das Kernproblem der Eurozone liegt. Um die Eurozone langfristig politisch zu stabilisieren, bräuchte es einen Haushalt auf Euroebene, der wichtige Stabilisatorenaufgaben übernimmt. Dazu gehören auch Elemente des Sozialstaats, und die BGE-Befürworter täten gut daran, für ein BGE auf Euro-Ebene zu werben. Aber all das ist ein anderes Thema.
Freitag, November 11, 2016
Was Trump und Hitler (vielleicht) gemeinsam haben
Den zukünftigen US-Präsidenten mit Faschisten zu vergleichen ist nicht neu, aber eine Facette des Vergleichs habe ich bisher selten gesehen. In seiner Rede zum Wahlsieg hat Trump von groß angelegten Investitionsprogrammen gesprochen. Tatsächlich kann die USA das sehr gut gebrauchen. Schon seit Jahren beklagen Bauingenieure dort den schlechten Zustand der Infrastruktur, und natürlich wäre ein solches Investitionsprogramm gut für die Wirtschaft und könnte flächendeckend die Nachfrage nach Arbeit stärken.
Das ist wichtig, denn man muss sich klar machen, dass es ganze Schichten in den USA gibt, an denen die Erholung von der Wirtschaftskrise vollkommen vorbeigegangen ist. Diese Menschen beklagen sich zurecht über den Status Quo.
Das vermischt sich dann oft mit den für mich illegitimen Klagen von Weißen, die einfach nur Angst vor dem Verlust des gefühlten Privilegs der Mehrheit haben. Werdet endlich erwachsen!, möchte ich diesen Menschen zurufen. Aber wer sie dann deswegen als Rassisten abstempelt und den legitimen Teil ihrer Beschwerden schlicht ignoriert macht es sich auch zu einfach. Man riskiert damit nämlich genau den Aufstieg von Gefährdern wie Trump.
Die Parallele zu Hitler, dessen Regierungsprogramm ja trotz allem Negativen tatsächlich auch durch massive Investitionen erst einmal die Leben vieler Menschen verbessert hat, ist mir deswegen so wichtig, weil sie so unglaublich traurig ist. Warum konnten sich die Demokraten der Weimarer Republik nicht zu großen Investitionsprogramm zusammenreißen? Warum gelang es in den USA in den letzten Jahren nicht? Und warum gelingt es auch heute in Deutschland wieder nicht und schafft so den Nährboden für die AfD? Warum lassen liberale, progressive Parteien und Politiker ihre Flanken so ungeschützt? Man könnte ja durchaus die positiven Seiten eines expansiven und inklusiven Wirtschaftsprogramms übernehmen ohne deswegen gleich dem globalen Klimawandel die Tür zu öffnen, alle Juden zu vernichten, oder einen Weltkrieg anzuzetteln.
Wenn ich heute mit Menschen darüber rede, begegne ich leider immer wieder Fehlinformationen über unser Wirtschaftssystem. Bei Hitler heißt es sofort, das wäre ja alles in Wirklichkeit schlecht gewesen wegen der Schuldenaufnahme (dem zweiten beliebten Argument bei Hitler, nämlich der Kritik am Rüstungsfokus, stimme ich zu - aber es gibt so viele sinnvolle Dinge, in die man investieren kann, es muss wirklich nicht das Militär sein!). Auch im heutigen Deutschland ist die Ideologie der schwarzen Null das große Hindernis. Genauso haben in den USA in den letzten Jahren die Republikaner gerne mit Verweis auf das Haushaltsdefizit blockiert. Letzteres mag Zweifel aufbringen, ob es unter Trump große Investitionsprogramme geben wird, aber die Republikaner haben ja auch immer wieder bewiesen, dass ihnen Haushaltsdefizite nur so lange wichtig sind, wie sie damit demokratische Vorschläge blockieren können. Paul Ryans (republikanischer Speaker of the House) eigene Budgetentwürfe enthalten, wenn man sie nüchtern analysiert, immer gigantische Haushaltsdefizite. Vielleicht kommt Trump mit seinem Investitionsprogramm trotzdem nicht durch den Kongress, aber die Chancen stehen nicht schlecht.
In Wirklichkeit sind Schulden und Defizite für monetär souveräne Staaten schlicht kein Problem - zumindest nicht so, wie die meisten Menschen das zu wissen glauben. In der Eurozone verkompliziert die fehlende Souveränität die Situation, aber das ist ein Thema für ein andermal.
Natürlich ist ein Investitionsprogramm alleine nicht genug. Auch an Bildung muss gearbeitet werden und an regionalen Strukturen, und sicherlich an noch mehr. Aber ein Investitionsprogramm ist ein guter, klar sichtbarer und medienwirksamer Anfang, mit dem es einfach ist, in die richtige Richtung zu gehen.
Unsere Demokratie ist zu wichtig, um sie einer ökonomischen Ideologie zu opfern.
Das ist wichtig, denn man muss sich klar machen, dass es ganze Schichten in den USA gibt, an denen die Erholung von der Wirtschaftskrise vollkommen vorbeigegangen ist. Diese Menschen beklagen sich zurecht über den Status Quo.
Das vermischt sich dann oft mit den für mich illegitimen Klagen von Weißen, die einfach nur Angst vor dem Verlust des gefühlten Privilegs der Mehrheit haben. Werdet endlich erwachsen!, möchte ich diesen Menschen zurufen. Aber wer sie dann deswegen als Rassisten abstempelt und den legitimen Teil ihrer Beschwerden schlicht ignoriert macht es sich auch zu einfach. Man riskiert damit nämlich genau den Aufstieg von Gefährdern wie Trump.
Die Parallele zu Hitler, dessen Regierungsprogramm ja trotz allem Negativen tatsächlich auch durch massive Investitionen erst einmal die Leben vieler Menschen verbessert hat, ist mir deswegen so wichtig, weil sie so unglaublich traurig ist. Warum konnten sich die Demokraten der Weimarer Republik nicht zu großen Investitionsprogramm zusammenreißen? Warum gelang es in den USA in den letzten Jahren nicht? Und warum gelingt es auch heute in Deutschland wieder nicht und schafft so den Nährboden für die AfD? Warum lassen liberale, progressive Parteien und Politiker ihre Flanken so ungeschützt? Man könnte ja durchaus die positiven Seiten eines expansiven und inklusiven Wirtschaftsprogramms übernehmen ohne deswegen gleich dem globalen Klimawandel die Tür zu öffnen, alle Juden zu vernichten, oder einen Weltkrieg anzuzetteln.
Wenn ich heute mit Menschen darüber rede, begegne ich leider immer wieder Fehlinformationen über unser Wirtschaftssystem. Bei Hitler heißt es sofort, das wäre ja alles in Wirklichkeit schlecht gewesen wegen der Schuldenaufnahme (dem zweiten beliebten Argument bei Hitler, nämlich der Kritik am Rüstungsfokus, stimme ich zu - aber es gibt so viele sinnvolle Dinge, in die man investieren kann, es muss wirklich nicht das Militär sein!). Auch im heutigen Deutschland ist die Ideologie der schwarzen Null das große Hindernis. Genauso haben in den USA in den letzten Jahren die Republikaner gerne mit Verweis auf das Haushaltsdefizit blockiert. Letzteres mag Zweifel aufbringen, ob es unter Trump große Investitionsprogramme geben wird, aber die Republikaner haben ja auch immer wieder bewiesen, dass ihnen Haushaltsdefizite nur so lange wichtig sind, wie sie damit demokratische Vorschläge blockieren können. Paul Ryans (republikanischer Speaker of the House) eigene Budgetentwürfe enthalten, wenn man sie nüchtern analysiert, immer gigantische Haushaltsdefizite. Vielleicht kommt Trump mit seinem Investitionsprogramm trotzdem nicht durch den Kongress, aber die Chancen stehen nicht schlecht.
In Wirklichkeit sind Schulden und Defizite für monetär souveräne Staaten schlicht kein Problem - zumindest nicht so, wie die meisten Menschen das zu wissen glauben. In der Eurozone verkompliziert die fehlende Souveränität die Situation, aber das ist ein Thema für ein andermal.
Natürlich ist ein Investitionsprogramm alleine nicht genug. Auch an Bildung muss gearbeitet werden und an regionalen Strukturen, und sicherlich an noch mehr. Aber ein Investitionsprogramm ist ein guter, klar sichtbarer und medienwirksamer Anfang, mit dem es einfach ist, in die richtige Richtung zu gehen.
Unsere Demokratie ist zu wichtig, um sie einer ökonomischen Ideologie zu opfern.
Samstag, Juni 18, 2016
Wie man eine Privatisierung von Autobahnen bewertet
Heute erfahre ich, wohl mit etwas Verspätung, dass in Deutschland mal wieder die Privatisierung der Autobahnen diskutiert wird. Wozu soll diese Privatisierung gut sein?
Soweit ich sehe, gibt es in der aktuellen Diskussion grob skizziert zwei Argumente. Erstens, die Zinsen sind niedrig und private Investoren sehnen sich nach Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen. Private Autobahnen wären eine solche Möglichkeit. Dieses Argument finde ich ziemlich unverschämt. Private Investoren - vor allem die individuellen Investoren, die bei Privatisierungen in der Regel am meisten profitieren - gehören definitionsgemäß zu den Leuten, die nun wirklich als Allerletztes Hilfe vom Staat brauchen. Sich von deren Interessen leiten zu lassen geht gar nicht.
Kommen wir also zum zweiten Argument. Die Deutschen sehen zwar, dass Investitionen in das Autobahnnetz nötig sind, lieben aber auch die schwarze Null. Aber auch das ist kein stimmiges Argument. Um die Privatisierung der Autobahnen sinnvoll bewerten zu können, ist es hilfreich, sich die Nettogeldflüsse anzusehen:
Egal wie die Autobahn finanziell organisiert wird, letztendlich kommen die Einnahmen für das System zum einen von den Nutzern und zum anderen aus allgemeinen Steuern (manche Einnahmequellen können irgendwo dazwischen liegen, zum Beispiel Benzinsteuern). Und letztendlich landen die Ausgaben zum einen beim eigentlichen Bau und Betrieb der Autobahnen - das ist offensichtlich - und bei privaten Investoren. Letzteres ist nicht ganz so offensichtlich: auch eine Autobahn, die rein in Staatshand ist, hat Ausgaben an private Investoren wenn der Staat sich für Bau und Betrieb "verschuldet".
Aus Sicht des Gemeinwohls gibt es mit Blick auf die Geldflüsse vor allem zwei Fragen: Wie viel muss von der linken Seite gezahlt werden, und wie wird die Rechnung zwischen Autobahnnutzern und Bürgern allgemein aufgeteilt? Von links kommt zwangsläufig genau so viel Geld, wie rechts wieder herausfließt. Sinnvollerweise konzentriert sich die Politik also auf die rechte Seite. Hilft die Privatisierung dabei, die Ausgaben auf der rechten Seite zu reduzieren?
Meine kurze Einschätzung: Bei Bau und Betrieb lässt sich durch Privatisierung kaum etwas erreichen. Der größte Brocken ist der Bau, und der wird schon lange an private Unternehmen ausgeschrieben. Wenn es hier also Effizienz durch privates Wirtschaften geben sollte, so wird diese schon längst erreicht.
Spannender wird es bei den Ausgaben an private Investoren. Die erwartete Rendite bei privaten Unternehmungen liegt deutlich höher als die Zinsen auf Bundesanleihen. Man kennt das von anderen Privatisierungen: wenn die privaten Investoren nicht von einem höheren Gewinn als bei Bundesanleihen ausgehen können, dann kaufen sie eben lieber Bundesanleihen. Es ist also davon auszugehen, dass bei einer Privatisierung der Autobahnen die Ausgaben insgesamt eher steigen werden, wodurch das ganze System für die Bürger und Nutzer teurer wird. Privatisierung ist ein Verlustgeschäft.
Die zweite Frage, nämlich ob die Einnahmen mehr aus allgemeinen Steuern oder mehr direkt von den Nutzen kommen sollten, ist ganz offensichtlich unabhängig von der Frage der Privatisierung. Man muss nur bedenken (so wenig ich persönlich ein Freund des Autofahrens bin), dass eine verstärkte Finanzierung über die Nutzer in der Tendenz die Ausgabenseite erhöht und so das gesamte System teurer macht - Maut zu erheben ist ein Bürokratieaufwand. Ob die durch Maut verringerte Effizienz ein angemessener Preis ist für höhere Gerechtigkeit muss jeder für sich selbst entscheiden. Man beachte auch die Analogie zur Forderung nach kostenlosem ÖPNV!
Übrigens: Selbst wenn die Ausgaben mit der Privatisierung überraschend sinken sollten, gibt es noch zusätzliche Erwägungen, die in der Tendenz gegen eine Privatisierung sprechen. Zum einen stellt sich die Frage der Kontrolle: selbst wenn der Staat Mehrheitseigner des Autobahnnetzes bleibt erhöht sich doch der Einfluss demokratisch nicht legitimierter Kräfte auf den Betrieb wichtiger Infrastruktur des Landes. Wie hoch der finanzielle Zugewinn sein müsste, um diesen Kontrollverlust zu rechtfertigen, muss jeder selbst für sich entscheiden.
Zum anderen spielt auch die Zusammensetzung der privaten Investoren eine Rolle - wie weit werden die Ausgaben an private Investoren effektiv in der Bevölkerung gestreut? Bei der standardisierten, "langweiligen" Bundesanleihe sind die privaten Investoren oft langweilige Fonds an denen auch "normalere", weniger reiche Bürger z.B. zur Altersvorsorge beteiligt sind. Die Ausgaben für private Investoren gehen somit zwar nicht an alle Bürger gleichmässig, aber sie sind doch relativ weit gestreut. Bei einer Privatisierung wird aber nicht mit derart "langweiligen" Finanzinstrumenten gearbeitet, wodurch sie sich tendenziell eher in der Hand von Menschen sammeln, die ohnehin schon reich sind. Somit sorgen die Ausgaben an private Investoren also in der Tendenz für stärkere Ungleichheit im Land - auch das ein Argument gegen die Privatisierung.
Heißt das denn, das jede Privatisierung schlecht ist? Schließlich lassen sich die genannten Argumente auch auf andere Privatisierungen übertragen. Tatsächlich ist der Blick auf die Nettogeldflüsse immer hilfreich, und ja, das Fazit sieht bei allen Privatisierungsprojekten, die heutzutage diskutiert werden, ähnlich aus. Das liegt aber vor allem daran, dass sich der Staat bei uns schon weitgehend aus dem exekutiven Geschäft herausgezogen hat. Wäre die Stahlindustrie oder die Produktion von Industrierobotern heute in staatlicher Hand, dann sähe die Analyse einer Privatisierung der entsprechenden Unternehmen sicher anders aus, weil es dort glaubwürdige Argumente für einen Effizienzgewinn durch Marktöffnung gibt. Im Fall von Infrastruktur gibt es aber in der Regel keine sinnvolle Marktöffnung, und daher auch kaum Argumente für Privatisierung.
Soweit ich sehe, gibt es in der aktuellen Diskussion grob skizziert zwei Argumente. Erstens, die Zinsen sind niedrig und private Investoren sehnen sich nach Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen. Private Autobahnen wären eine solche Möglichkeit. Dieses Argument finde ich ziemlich unverschämt. Private Investoren - vor allem die individuellen Investoren, die bei Privatisierungen in der Regel am meisten profitieren - gehören definitionsgemäß zu den Leuten, die nun wirklich als Allerletztes Hilfe vom Staat brauchen. Sich von deren Interessen leiten zu lassen geht gar nicht.
Kommen wir also zum zweiten Argument. Die Deutschen sehen zwar, dass Investitionen in das Autobahnnetz nötig sind, lieben aber auch die schwarze Null. Aber auch das ist kein stimmiges Argument. Um die Privatisierung der Autobahnen sinnvoll bewerten zu können, ist es hilfreich, sich die Nettogeldflüsse anzusehen:
Egal wie die Autobahn finanziell organisiert wird, letztendlich kommen die Einnahmen für das System zum einen von den Nutzern und zum anderen aus allgemeinen Steuern (manche Einnahmequellen können irgendwo dazwischen liegen, zum Beispiel Benzinsteuern). Und letztendlich landen die Ausgaben zum einen beim eigentlichen Bau und Betrieb der Autobahnen - das ist offensichtlich - und bei privaten Investoren. Letzteres ist nicht ganz so offensichtlich: auch eine Autobahn, die rein in Staatshand ist, hat Ausgaben an private Investoren wenn der Staat sich für Bau und Betrieb "verschuldet".
Aus Sicht des Gemeinwohls gibt es mit Blick auf die Geldflüsse vor allem zwei Fragen: Wie viel muss von der linken Seite gezahlt werden, und wie wird die Rechnung zwischen Autobahnnutzern und Bürgern allgemein aufgeteilt? Von links kommt zwangsläufig genau so viel Geld, wie rechts wieder herausfließt. Sinnvollerweise konzentriert sich die Politik also auf die rechte Seite. Hilft die Privatisierung dabei, die Ausgaben auf der rechten Seite zu reduzieren?
Meine kurze Einschätzung: Bei Bau und Betrieb lässt sich durch Privatisierung kaum etwas erreichen. Der größte Brocken ist der Bau, und der wird schon lange an private Unternehmen ausgeschrieben. Wenn es hier also Effizienz durch privates Wirtschaften geben sollte, so wird diese schon längst erreicht.
Spannender wird es bei den Ausgaben an private Investoren. Die erwartete Rendite bei privaten Unternehmungen liegt deutlich höher als die Zinsen auf Bundesanleihen. Man kennt das von anderen Privatisierungen: wenn die privaten Investoren nicht von einem höheren Gewinn als bei Bundesanleihen ausgehen können, dann kaufen sie eben lieber Bundesanleihen. Es ist also davon auszugehen, dass bei einer Privatisierung der Autobahnen die Ausgaben insgesamt eher steigen werden, wodurch das ganze System für die Bürger und Nutzer teurer wird. Privatisierung ist ein Verlustgeschäft.
Die zweite Frage, nämlich ob die Einnahmen mehr aus allgemeinen Steuern oder mehr direkt von den Nutzen kommen sollten, ist ganz offensichtlich unabhängig von der Frage der Privatisierung. Man muss nur bedenken (so wenig ich persönlich ein Freund des Autofahrens bin), dass eine verstärkte Finanzierung über die Nutzer in der Tendenz die Ausgabenseite erhöht und so das gesamte System teurer macht - Maut zu erheben ist ein Bürokratieaufwand. Ob die durch Maut verringerte Effizienz ein angemessener Preis ist für höhere Gerechtigkeit muss jeder für sich selbst entscheiden. Man beachte auch die Analogie zur Forderung nach kostenlosem ÖPNV!
Übrigens: Selbst wenn die Ausgaben mit der Privatisierung überraschend sinken sollten, gibt es noch zusätzliche Erwägungen, die in der Tendenz gegen eine Privatisierung sprechen. Zum einen stellt sich die Frage der Kontrolle: selbst wenn der Staat Mehrheitseigner des Autobahnnetzes bleibt erhöht sich doch der Einfluss demokratisch nicht legitimierter Kräfte auf den Betrieb wichtiger Infrastruktur des Landes. Wie hoch der finanzielle Zugewinn sein müsste, um diesen Kontrollverlust zu rechtfertigen, muss jeder selbst für sich entscheiden.
Zum anderen spielt auch die Zusammensetzung der privaten Investoren eine Rolle - wie weit werden die Ausgaben an private Investoren effektiv in der Bevölkerung gestreut? Bei der standardisierten, "langweiligen" Bundesanleihe sind die privaten Investoren oft langweilige Fonds an denen auch "normalere", weniger reiche Bürger z.B. zur Altersvorsorge beteiligt sind. Die Ausgaben für private Investoren gehen somit zwar nicht an alle Bürger gleichmässig, aber sie sind doch relativ weit gestreut. Bei einer Privatisierung wird aber nicht mit derart "langweiligen" Finanzinstrumenten gearbeitet, wodurch sie sich tendenziell eher in der Hand von Menschen sammeln, die ohnehin schon reich sind. Somit sorgen die Ausgaben an private Investoren also in der Tendenz für stärkere Ungleichheit im Land - auch das ein Argument gegen die Privatisierung.
Heißt das denn, das jede Privatisierung schlecht ist? Schließlich lassen sich die genannten Argumente auch auf andere Privatisierungen übertragen. Tatsächlich ist der Blick auf die Nettogeldflüsse immer hilfreich, und ja, das Fazit sieht bei allen Privatisierungsprojekten, die heutzutage diskutiert werden, ähnlich aus. Das liegt aber vor allem daran, dass sich der Staat bei uns schon weitgehend aus dem exekutiven Geschäft herausgezogen hat. Wäre die Stahlindustrie oder die Produktion von Industrierobotern heute in staatlicher Hand, dann sähe die Analyse einer Privatisierung der entsprechenden Unternehmen sicher anders aus, weil es dort glaubwürdige Argumente für einen Effizienzgewinn durch Marktöffnung gibt. Im Fall von Infrastruktur gibt es aber in der Regel keine sinnvolle Marktöffnung, und daher auch kaum Argumente für Privatisierung.
Montag, Juli 06, 2015
OXI zu Parallelwelten
Es sind krasse Parallelwelten, die sich in Folge der Finanzkrise in Europa aufgebaut haben. Letzte Woche wurde in den Tagesthemen kommentiert, die Griechen sollten doch bitte beim gestrigen Referendum mit Ja stimmen. Die Logik des Kommentators: Dann gebe es ein Ende (der Syriza-Regierung) mit Schrecken, statt einem Schrecken (stockende Verhandlungen) ohne Ende.
Dabei erleben die Griechen den Schrecken (Rezession) ohne Ende schon seit mehreren Jahren. Folgerichtig haben sie mit deutlicher Mehrheit Nein gesagt zu den Forderungen der Gläubigern. Womöglich ist damit ein Ende (Grexit) mit Schrecken eingeleitet - so sieht es in der Welt aus, in der ich lebe, und die sich offenbar deutlich von der jenes Kommentators unterscheidet.
Der Kommentator und ich verwenden die gleiche Redensart - "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" - und drücken damit vollkommen gegensätzliche Meinungen aus.
Das macht mir schon länger Sorgen. Denn wie überlegen haben wir uns gefühlt, als vor über 10 Jahren in den USA das öffentlich-mediale Narrativ aus dem Ruder gelaufen ist und so den Irakkrieg ermöglicht hat! Und nun passiert bei uns etwas ganz ähnliches (nur dass es wenigstens nicht in einem Krieg, sondern "nur" in der ewigen Rezession einer Volkswirtschaft durch Austeritätspolitik mündet)!
Von daher: Ganz unabhängig davon, wie es mit dem Euro weitergeht, von mir ein "Vielen Dank, ihr Griechen!" aus tiefster Seele. Denn die Griechen haben mit ihrem Mut und ihrer Standfestigkeit eine Politik gestärkt, die Europa zur Auseinandersetzung mit den blinden Flecken seiner Eliten zwingt. Die Chancen stehen besser denn je, dass wir die Parallelwelten, in denen wir leben, aufbrechen und wieder gemeinsam zur Vernunft finden können.
Dabei erleben die Griechen den Schrecken (Rezession) ohne Ende schon seit mehreren Jahren. Folgerichtig haben sie mit deutlicher Mehrheit Nein gesagt zu den Forderungen der Gläubigern. Womöglich ist damit ein Ende (Grexit) mit Schrecken eingeleitet - so sieht es in der Welt aus, in der ich lebe, und die sich offenbar deutlich von der jenes Kommentators unterscheidet.
Der Kommentator und ich verwenden die gleiche Redensart - "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" - und drücken damit vollkommen gegensätzliche Meinungen aus.
Das macht mir schon länger Sorgen. Denn wie überlegen haben wir uns gefühlt, als vor über 10 Jahren in den USA das öffentlich-mediale Narrativ aus dem Ruder gelaufen ist und so den Irakkrieg ermöglicht hat! Und nun passiert bei uns etwas ganz ähnliches (nur dass es wenigstens nicht in einem Krieg, sondern "nur" in der ewigen Rezession einer Volkswirtschaft durch Austeritätspolitik mündet)!
Von daher: Ganz unabhängig davon, wie es mit dem Euro weitergeht, von mir ein "Vielen Dank, ihr Griechen!" aus tiefster Seele. Denn die Griechen haben mit ihrem Mut und ihrer Standfestigkeit eine Politik gestärkt, die Europa zur Auseinandersetzung mit den blinden Flecken seiner Eliten zwingt. Die Chancen stehen besser denn je, dass wir die Parallelwelten, in denen wir leben, aufbrechen und wieder gemeinsam zur Vernunft finden können.
Samstag, Juli 04, 2015
Kritik an der Struktur des Europäischen Emissionshandels
Die Reduktion von Treibhausgasemissionen ist ein (überlebens-)wichtiges Politikziel. Ein Mechanismus dafür unter vielen ist der Emissionshandel in der EU.
Der funktioniert so: Emittenten kaufen das Recht, Treibhausgase auszustoßen. Konkret kaufen sie ein standardisiertes Finanzprodukt, das kurz "allowance" genannt wird. Eine Allowance erlaubt den Ausstoß einer Tonne CO2 (bzw. einer äquivalenten Menge anderer Treibhausgase). Einmal im Jahr wird abgerechnet, wie viel der Emittent im vorangegangenen Jahr tatsächlich ausgestoßen hat. Die entsprechende Anzahl an Allowances muss er abgeben. Diese Allowances werden vernichtet und sind nicht mehr verfügbar. Hat der Emittent nicht genügend Allowances, muss er eine Strafe zahlen.
Die Allowances können wie Aktien an der Börse gehandelt werden, und wir wissen, wie sie vernichtet werden. Aber wie kommen sie in Umlauf? Es gibt eine politisch definierte Menge an Allowances, die jährlich in der EU in Umlauf gebracht wird (für 2015 sind es knapp über 20 Mrd. im Emissionsmarkt für "power stations and other fixed installations"; es gibt einen separaten Markt für Flugemissionen, aber solche Details klammere ich aus). Zum einen erhalten Emittenten kostenlos Allowances je nach Industrie und Unternehmensgröße. Dieser erste Mechanismus ist primär dazu gedacht, die Einführung des Emissionshandels möglichst reibungsfrei zu gestalten, und verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Die restlichen Allowances werden durch die Mitgliedsstaaten per regelmäßiger Auktion verkauft, mindestens die Hälfte der Erlöse muss für Projekte im Rahmen des Klimawandels verwendet werden. Der Lebenszyklus der Allowances sieht also so aus: Eine Allowance kostet übrigens zur Zeit zwischen 7€ und 8€. So weit die grobe Übersicht.
Eine politisch aufgeladene Frage ist natürlich noch, wer überhaupt Allowances kaufen muss, um Treibhausgase auszustoßen. Als Normalbürger darf man schließlich das eigene Haus heizen und Auto fahren, ohne sich am Emissionshandel zu beteiligen, und auch nicht alle Industrien sind gleichermaßen betroffen. Aber hier will ich mich konkreten Fragen der Marktstruktur zuwenden. Ich habe dazu einen kleinen und einen sehr großen Kritikpunkt.
Die potentiell drastischen Preisschwankungen bei Fehleinschätzung der tatsächlichen Emissionsmenge wurden bereits als Problem erkannt. Was dagegen getan werden kann ist mir aber unklar. Es gibt durchaus Alternativen zum Emissionshandel, um eine Einpreisung der Emissionen zu erzwingen, ganz banal zum Beispiel eine Emissionssteuer.
Wenn man beim Emissionshandel bleiben möchte - vielleicht auch im Hinblick darauf, dass dieser langfristig am ehesten international durchsetzbar ist - könnte die EU-Kommission statt der Emissionsmenge die Preiskurve fixieren. Vom aktuellen Auktionsmodell müsste man sich verabschieden. Konkret könnte die Kommission jederzeit zum Verkauf von Allowances bereitstehen, wobei der Preis vom gleitenden durchschnittlichen Verkaufsvolumen der letzten X Tage abhängt. Auf diese Weise ließe sich eine Preiskurve realisieren, die so aussieht:
Anstatt die in Auktionen verfügbaren Emissionsmengen schrittweise zu reduzieren, würde die Kommission dann diese Kurve im Laufe der Jahre nach links verschieben. Vermutlich hat auch diese Variante ihre Schwächen, aber sie müsste die Planungsunsicherheit eliminieren, die mit drastisch schwankenden Preisen verbunden ist. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir auf diesem Gebiet noch viel Erfahrung sammeln müssen.
Der funktioniert so: Emittenten kaufen das Recht, Treibhausgase auszustoßen. Konkret kaufen sie ein standardisiertes Finanzprodukt, das kurz "allowance" genannt wird. Eine Allowance erlaubt den Ausstoß einer Tonne CO2 (bzw. einer äquivalenten Menge anderer Treibhausgase). Einmal im Jahr wird abgerechnet, wie viel der Emittent im vorangegangenen Jahr tatsächlich ausgestoßen hat. Die entsprechende Anzahl an Allowances muss er abgeben. Diese Allowances werden vernichtet und sind nicht mehr verfügbar. Hat der Emittent nicht genügend Allowances, muss er eine Strafe zahlen.
Die Allowances können wie Aktien an der Börse gehandelt werden, und wir wissen, wie sie vernichtet werden. Aber wie kommen sie in Umlauf? Es gibt eine politisch definierte Menge an Allowances, die jährlich in der EU in Umlauf gebracht wird (für 2015 sind es knapp über 20 Mrd. im Emissionsmarkt für "power stations and other fixed installations"; es gibt einen separaten Markt für Flugemissionen, aber solche Details klammere ich aus). Zum einen erhalten Emittenten kostenlos Allowances je nach Industrie und Unternehmensgröße. Dieser erste Mechanismus ist primär dazu gedacht, die Einführung des Emissionshandels möglichst reibungsfrei zu gestalten, und verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Die restlichen Allowances werden durch die Mitgliedsstaaten per regelmäßiger Auktion verkauft, mindestens die Hälfte der Erlöse muss für Projekte im Rahmen des Klimawandels verwendet werden. Der Lebenszyklus der Allowances sieht also so aus: Eine Allowance kostet übrigens zur Zeit zwischen 7€ und 8€. So weit die grobe Übersicht.
Eine politisch aufgeladene Frage ist natürlich noch, wer überhaupt Allowances kaufen muss, um Treibhausgase auszustoßen. Als Normalbürger darf man schließlich das eigene Haus heizen und Auto fahren, ohne sich am Emissionshandel zu beteiligen, und auch nicht alle Industrien sind gleichermaßen betroffen. Aber hier will ich mich konkreten Fragen der Marktstruktur zuwenden. Ich habe dazu einen kleinen und einen sehr großen Kritikpunkt.
- Die relevante Regulierung legt fest (Artikel 6), dass jedes Gebot auf Auktionen ein Vielfaches von 500 oder 1000 Allowances sein muss. Insbesondere ist damit ein relativ hohes Mindestgebot festgelegt. Erstens erhöht dies die Hürden, überhaupt an Auktionen teilzunehmen. Zweitens wird es für Auktionsteilnehmer schwieriger, ihre Nachfragekurve präzise als Gebote zu formulieren. Und all das ohne guten Grund: Die Handelssysteme funktionieren allesamt elektronisch, und die Auktionen arbeiten im Stundentakt. Es wäre also problemlos möglich, Auktionen mit der feinsten Auflösung durchzuführen.
- Die harte Festlegung auf eine bestimmte Emissionsmenge pro Jahr ist weltfremd. Natürlich hat die verwendete Technologie eine Auswirkung auf die Emissionsmenge, und das Umrüsten auf umweltfreundlichere Produktionsmethoden ist ja gerade ein Ziel der Politik des Emissionshandels. Allerdings sind diese Umstellungsprozesse sehr langfristig. Kurzfristig wird die Emissionsmenge primär durch die Wirtschaftsleistung bestimmt, also durch die Nachfrage nach Produkten. Diese wird sich nur wegen des bisschen Emissionshandels nicht ändern.
Folgerichtig wird in einem Jahr also nie genau die politisch bestimmte angepeilte Menge emittiert, sondern entweder zu viel oder zu wenig. Wird zu viel emittiert, dann reicht die Menge der zufließenden Allowances nicht aus, um die tatsächlichen Emissionen abzudecken. Es werden also zwangsläufig irgendwo Strafen gezahlt werden müssen, was den Preis der Allowances in die Höhe treibt, bis eine Allowance genausoviel kostet wie die ansonsten zu zahlende Strafe.
Wird "zu wenig" emittiert, dann gibt es ein Überangebot an Allowances, was den Preis auf 0 drückt. Tatsächlich ist das auch zwischendurch in der Geschichte des Emissionshandels geschehen.
Graphisch gezeigt verhält sich der Preis für Allowances in etwa wie folgt, wobei M die angestrebte Emissionsmenge und S die Strafe für eine fehlende Allowance ist:
Bei perfekter Voraussicht der Marktteilnehmer müsste die Preiskurve bei M sogar vertikal sein. Praktisch ist diese perfekte Voraussicht nicht gegeben, so dass sich eine weniger langweilige Kurve ergibt. Dennoch ist vollkommen unklar, ob die resultierende Kurve irgendeine sinnvolle Erkenntnis wiedergibt. Wahrscheinlicher ist, dass sie wie ein Fraktal im Wesentlichen chaotisch und zufällig aus Implementierungsdetails des Marktes entsteht, und der tatsächliche Informationsgehalt verschwindend gering ist.
Die potentiell drastischen Preisschwankungen bei Fehleinschätzung der tatsächlichen Emissionsmenge wurden bereits als Problem erkannt. Was dagegen getan werden kann ist mir aber unklar. Es gibt durchaus Alternativen zum Emissionshandel, um eine Einpreisung der Emissionen zu erzwingen, ganz banal zum Beispiel eine Emissionssteuer.
Wenn man beim Emissionshandel bleiben möchte - vielleicht auch im Hinblick darauf, dass dieser langfristig am ehesten international durchsetzbar ist - könnte die EU-Kommission statt der Emissionsmenge die Preiskurve fixieren. Vom aktuellen Auktionsmodell müsste man sich verabschieden. Konkret könnte die Kommission jederzeit zum Verkauf von Allowances bereitstehen, wobei der Preis vom gleitenden durchschnittlichen Verkaufsvolumen der letzten X Tage abhängt. Auf diese Weise ließe sich eine Preiskurve realisieren, die so aussieht:
Anstatt die in Auktionen verfügbaren Emissionsmengen schrittweise zu reduzieren, würde die Kommission dann diese Kurve im Laufe der Jahre nach links verschieben. Vermutlich hat auch diese Variante ihre Schwächen, aber sie müsste die Planungsunsicherheit eliminieren, die mit drastisch schwankenden Preisen verbunden ist. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir auf diesem Gebiet noch viel Erfahrung sammeln müssen.
Freitag, Februar 20, 2015
Katharsis durch geschriebene und nicht abgeschickte Kommentare
Das ist schon fast jedem passiert: Man liest den Online-Kommentar irgendeines unbekannten Fremden, den man für furchtbaren Unfug hält. Unbedingt muss man ihn oder sie verbessern! So füllen sich die Kommentar-Bereiche von Blogs, und es werden Monster wie die Foren von Spiegel Online geschaffen.
Ich schließe mich da nicht aus. Auf Blogs, die ich regelmäßig lese, treibt sich die ein oder andere dort schon gut bekannte Person herum, mit der ich überhaupt nicht auf einen Nenner komme. Unsere größte Gemeinsamkeit, zumindest der ausgetauschten Kommentare nach zu urteilen, ist, dass wir zu viel Zeit auf Blogs verbringen.
Am besten wäre es, das alles zu ignorieren. Manchmal geht das auch, aber immer wieder kommt es vor, dass ein Kommentar an mir nagt, wenn mal wieder jemand etwas (für mich...) Offensichtliches nicht verstanden hat oder - und das ist oft wahrscheinlicher - nicht verstehen will. Dann ertappe ich mich dabei, zumindest einen kurzen Kommentar zu schreiben, der eine nutzlose Diskussion nur noch weiter verlängert. Es tut gut, in einer solchen Situation inne zu halten, kurz die Augen zu schließen, und den begonnenen Kommentar einfach wieder zu löschen, bevor er meinen Computer verlässt.
Danach fühle ich mich gut - und obwohl der Kommentar letztlich nicht abgeschickt wurde ist das nagende Gefühl, das ein gänzlich unbeantworteter Kommentar ausgelöst hat, verschwunden. Gleichzeitig ist die Diskussion beendet, so dass Zeit und zukünftige nagende Gefühle gespart werden.
Meistens ist das die beste Lösung. Es ist ziemlich irrational und unlogisch, aber so ist die Psyche nun mal. Ich kann die Strategie daher nur weiterempfehlen.
Am besten wäre es, das alles zu ignorieren. Manchmal geht das auch, aber immer wieder kommt es vor, dass ein Kommentar an mir nagt, wenn mal wieder jemand etwas (für mich...) Offensichtliches nicht verstanden hat oder - und das ist oft wahrscheinlicher - nicht verstehen will. Dann ertappe ich mich dabei, zumindest einen kurzen Kommentar zu schreiben, der eine nutzlose Diskussion nur noch weiter verlängert. Es tut gut, in einer solchen Situation inne zu halten, kurz die Augen zu schließen, und den begonnenen Kommentar einfach wieder zu löschen, bevor er meinen Computer verlässt.
Danach fühle ich mich gut - und obwohl der Kommentar letztlich nicht abgeschickt wurde ist das nagende Gefühl, das ein gänzlich unbeantworteter Kommentar ausgelöst hat, verschwunden. Gleichzeitig ist die Diskussion beendet, so dass Zeit und zukünftige nagende Gefühle gespart werden.
Meistens ist das die beste Lösung. Es ist ziemlich irrational und unlogisch, aber so ist die Psyche nun mal. Ich kann die Strategie daher nur weiterempfehlen.
Sonntag, Februar 15, 2015
In der Schweiz Erwähnenswertes
Als ich letztes Wochenende aus Oberwolfach zurück gefahren bin, musste ich mit ein paar Kollegen in Offenburg auf den Anschlusszug warten. Dort hatte die Bahn einen Aushang, auf dem Sonderzüge zu einem sogenannten "Basler Morgestraich" angekündigt wurden.
Neugierig und mit intelligenten Telefonen bewaffnet haben wir also den Wikipedia-Artikel gelesen, den ich für die geneigte Leserin hier nicht kopieren muss. Aber wir haben doch gestutzt, dass der Bericht über die falsch gestellte Uhr, wegen der der Morgestraich im Jahr 2002 eine Minute zu früh gestartet ist, fast 10% des Artikels ausmacht. Was manche Menschen eben so bewegt...
Neugierig und mit intelligenten Telefonen bewaffnet haben wir also den Wikipedia-Artikel gelesen, den ich für die geneigte Leserin hier nicht kopieren muss. Aber wir haben doch gestutzt, dass der Bericht über die falsch gestellte Uhr, wegen der der Morgestraich im Jahr 2002 eine Minute zu früh gestartet ist, fast 10% des Artikels ausmacht. Was manche Menschen eben so bewegt...
Mittwoch, Februar 04, 2015
Preismechanismus + Ungleichheit = Suboptimal
Märkte - eigentlich genauer: frei bewegliche Preise - sind eine schöne Sache für die Organisation von produktiver Kooperation. Aber Märkte führen nicht immer zu optimalen Ergebnissen. Ich möchte das am Beispiel von Vielleicht-Taxi-Unternehmen wie Uber, Lyft, und so weiter, die sich nicht an die Tarife des regulären Taxigewerbes binden möchten, illustrieren (und stehle damit ganz schamlos vom exzellenten Matt Bruenig, der kein mir bekanntes Pendant im deutschen Sprachraum hat).
Sagen die Ökonomen nicht, dass freie Märkte optimal sind? Nein. Das kann so pauschal auch gar nicht sein, denn "optimal" ist immer relativ zu einer Bemessungsgrundlage. Wer glaubt, dass freie Märkte optimal sind, macht damit also automatisch eine subjektive Wertung.
Was die Ökonomen sagen ist, dass flexible Preise und ein freier Markt markträumend sind. Der Umsatz wird laut Ökonomen maximiert: Damit sich zusätzliche Käufer finden, müsste der Preis sinken, und damit sich zusätzliche Verkäufer finden, müsste der Preis steigen. Ökonomen zeichnen dazu Diagramme, die so aussehen:
Die Ökonomen sagen, dass die Menschen auf Preis-Signal aus ihrer Außenwelt reagieren, also: "Das Produkt kostet X; zu diesem Preis kaufe ich Y". Außerhalb der Parallelwelt der Ökonomen wird die abhängige Variable auf der vertikalen Achse gezeichnet, weshalb es vielleicht einfacher ist, das Diagramm richtig herum zu zeichnen:
Eine zentrale Annahme fließt in das Diagramm mit hinein: Bei steigendem Preis finden sich mehr potentielle Verkäufer, aber weniger potentielle Käufer. Das ist im Allgemeinen natürlich falsch, weshalb dieses einfache Bild auch zurecht kritisiert wird. Für viele Märkte ist es aber ungefähr richtig, so auch bei den Vielleicht-Taxis, die mir als Beispiel dienen.
Aus dieser und weiteren Annahmen (z.B. dass es die gezeichneten Kurven überhaupt gibt) folgt, dass es (genau) einen Preis gibt, zu dem sich die Angebots- und die Nachfragemenge gleichen. Würde man den Preis auf einen anderen Wert festlegen (zum Beispiel per Gesetz), so würde eine geringere Menge umgesetzt, weil entweder die Angebotsmenge unter der Nachfragemenge liegt oder umgekehrt.
Unter gewissen, oft auch plausiblen Annahmen maximiert ein freier Markt also die umgesetzte Menge. Aber ist das auch optimal?
Die Frage der Zielfunktion
Um diese Frage zu beantworten muss man zuerst einmal wissen, was die Gesellschaft eigentlich erreichen will. Das ist gar nicht so einfach. Grundlage für einen Kompromiss ist sicher die Feststellung, dass die Lebensqualität der Menschen wichtig ist. Ökonomen würden von individuellen Nutzenfunktionen reden. Menschen, die durch eine Kombination von Egoismus und entweder Reichtum oder Naivität geprägt sind, würden vermutlich die Summe dieser Nutzenfunktionen maximieren wollen. Menschen, die die Argumente von Rawls und anderen überzeugend finden, würden vermutlich eher erreichen wollen, dass die minimale Lebensqualität maximal wird. Und natürlich gibt es eine weite Bandbreite dazwischen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich das Beispiel der Vielleicht-Taxi-Unternehmen untersuchen. Diese argumentieren, dass sie das Angebot an Vielleicht-Taxis erhöhen, wenn sie zu Stoßzeiten oder zu besonderen Krisenanlässen die Preise erhöhen, und dass dadurch ein für die Gesellschaft besseres Ergebnis erzielt wird als durch klassische Taxis mit festen Tarifen. Dass Letzteres im Allgemeinen falsch ist will ich an einem Beispiel illustrieren.
Sagen wir, dass sich am Beispiel-Ort (Taxingen) zur Beispiel-Zeit (2 Uhr dienstags morgens) das Angebot und die Nachfrage nach Taxi-Diensten so eingependelt hat, dass normalerweise 10 Leute eine Fahrt nachfragen und von 10 Fahrern auch bedient werden.
Jetzt kommt die Katastrophe: Vielleicht ein Unwetter, in dessen Folge plötzlich 100 Leute um diese Zeit eine Fahrt nachfragen. Nehmen wir einmal an, dass es im klassischen Taxi-Gewerbe trotzdem noch nur 10 Fahrer gibt (weil ja, der simplen Ökonomen-Logik folgend, nur der gleichbleibende Preis das Angebot bestimmt). Welche der 100 Leute erhalten die 10 Fahrten? Wer einmal in einer solchen Situation war weiß, dass es ziemlich viel mit Zufall zu tun hat.
Im Gegensatz dazu würden die Vielleicht-Taxi-Unternehmen ihre Preise anheben. Nehmen wir einmal an, dass sich dabei der Marktpreis findet (was natürlich nicht stimmt, weil auch diese Unternehmen letztlich Preise zentral steuern - aber wir können gerne so tun, als ob). Sagen wir, dass sie auf diese Weise 10 zusätzliche Fahrer auf die Straße locken können (was schon viel ist, wenn doch die Fahrer sicher auch mit dem Unwetter zu kämpfen haben...). Von den 100 Leuten, die ursprünglich eine Fahrt nachgefragt hätten, halten sich wegen des hohen Preises 80 zurück, so dass auf 20 Fahrer genau 20 verbleibende Kunden kommen. Der Markt ist geräumt, und eine größere Zahl an Fahrten hat stattgefunden.
Welche der 100 Leute erhalten die 20 Fahrten? Die 20, die bereit sind, am meisten Geld dafür zu bieten. Jetzt kommt Ungleichheit ins Spiel. Wenn alle 100 Leute gleich vermögend wären, dann könnten wir davon ausgehen, dass diejenigen, die am meisten Geld für die Fahrt bieten, auch den größten Nutzen davon erzielen. Damit wäre die Summe des Nutzens der 20 Taxifahrten auf jeden Fall größer als der erwartete Nutzen der 10 zufälligen Taxifahrten bei festen Preisen. Wenn Vermögensgleichheit herrschen würde, wäre das Ergebnis also tatsächlich besser.
Ungleichheit entkoppelt Nutzen von Geldwert
Wir leben in einer ungleichen Welt. Ein Beamter im gehobenen Dienst wird 80 Euro für eine nächtliche Taxifahrt, die sonst nur 8 Euro kostet, weg stecken können - eine auf 400 Euro-Basis angestellte Hilfskraft eher nicht, obwohl diese Hilfskraft vielleicht einen höheren Nutzen durch die Fahrt erzielen würde.
Mit dem Preismechanismus erhält besagte Hilfskraft die Fahrt garantiert nicht; ohne den Preismechanismus hat sie wenigstens eine Chance. Es ist durchaus denkbar, dass der erwartete Nutzen bei den 10 zufälligen Fahrten höher ist als bei den 20 Fahrten, die an die Meistbietenden gehen. Das erklärt übrigens auch, weshalb es gerade für ärmere Menschen durchaus rational sein kann, gegen Marktmechanismen zu sein.
Für die Verfechter von freien Märkten ergibt sich eine Zwickmühle. Entweder, sie wollen die finanzielle Ungleichheit, die sich aus ungezügelten Märkten ergibt, beibehalten. Dann müssen sie in Kauf nehmen, dass Märkte eben nicht immer die beste Antwort auf gesellschaftliche Fragen sind. Oder sie wollen die Gesellschaft wirklich marktwirtschaftlich organisieren - aber dann müssen sie in Kauf nehmen, dass aktiv gegen finanzielle Ungleichheit vorgegangen wird. Wer für die Gesellschaft optimale Institutionen will, der muss einen Kompromiss suchen.
Realistisch gesehen ist das gerade den radikalen Verfechtern von freien Märkten - Mitglieder einer gewissen neuerdings trichromen Partei, zum Beispiel - natürlich alles egal. Ihnen geht es nicht darum, gesellschaftlich optimale Institutionen zu schaffen. Sie sind einfach Überzeugungstäter, oder nur an der eigenen privilegierten Position interessiert, oder beides.
Sagen die Ökonomen nicht, dass freie Märkte optimal sind? Nein. Das kann so pauschal auch gar nicht sein, denn "optimal" ist immer relativ zu einer Bemessungsgrundlage. Wer glaubt, dass freie Märkte optimal sind, macht damit also automatisch eine subjektive Wertung.
Was die Ökonomen sagen ist, dass flexible Preise und ein freier Markt markträumend sind. Der Umsatz wird laut Ökonomen maximiert: Damit sich zusätzliche Käufer finden, müsste der Preis sinken, und damit sich zusätzliche Verkäufer finden, müsste der Preis steigen. Ökonomen zeichnen dazu Diagramme, die so aussehen:
Die Ökonomen sagen, dass die Menschen auf Preis-Signal aus ihrer Außenwelt reagieren, also: "Das Produkt kostet X; zu diesem Preis kaufe ich Y". Außerhalb der Parallelwelt der Ökonomen wird die abhängige Variable auf der vertikalen Achse gezeichnet, weshalb es vielleicht einfacher ist, das Diagramm richtig herum zu zeichnen:
Eine zentrale Annahme fließt in das Diagramm mit hinein: Bei steigendem Preis finden sich mehr potentielle Verkäufer, aber weniger potentielle Käufer. Das ist im Allgemeinen natürlich falsch, weshalb dieses einfache Bild auch zurecht kritisiert wird. Für viele Märkte ist es aber ungefähr richtig, so auch bei den Vielleicht-Taxis, die mir als Beispiel dienen.
Aus dieser und weiteren Annahmen (z.B. dass es die gezeichneten Kurven überhaupt gibt) folgt, dass es (genau) einen Preis gibt, zu dem sich die Angebots- und die Nachfragemenge gleichen. Würde man den Preis auf einen anderen Wert festlegen (zum Beispiel per Gesetz), so würde eine geringere Menge umgesetzt, weil entweder die Angebotsmenge unter der Nachfragemenge liegt oder umgekehrt.
Unter gewissen, oft auch plausiblen Annahmen maximiert ein freier Markt also die umgesetzte Menge. Aber ist das auch optimal?
Die Frage der Zielfunktion
Um diese Frage zu beantworten muss man zuerst einmal wissen, was die Gesellschaft eigentlich erreichen will. Das ist gar nicht so einfach. Grundlage für einen Kompromiss ist sicher die Feststellung, dass die Lebensqualität der Menschen wichtig ist. Ökonomen würden von individuellen Nutzenfunktionen reden. Menschen, die durch eine Kombination von Egoismus und entweder Reichtum oder Naivität geprägt sind, würden vermutlich die Summe dieser Nutzenfunktionen maximieren wollen. Menschen, die die Argumente von Rawls und anderen überzeugend finden, würden vermutlich eher erreichen wollen, dass die minimale Lebensqualität maximal wird. Und natürlich gibt es eine weite Bandbreite dazwischen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich das Beispiel der Vielleicht-Taxi-Unternehmen untersuchen. Diese argumentieren, dass sie das Angebot an Vielleicht-Taxis erhöhen, wenn sie zu Stoßzeiten oder zu besonderen Krisenanlässen die Preise erhöhen, und dass dadurch ein für die Gesellschaft besseres Ergebnis erzielt wird als durch klassische Taxis mit festen Tarifen. Dass Letzteres im Allgemeinen falsch ist will ich an einem Beispiel illustrieren.
Sagen wir, dass sich am Beispiel-Ort (Taxingen) zur Beispiel-Zeit (2 Uhr dienstags morgens) das Angebot und die Nachfrage nach Taxi-Diensten so eingependelt hat, dass normalerweise 10 Leute eine Fahrt nachfragen und von 10 Fahrern auch bedient werden.
Jetzt kommt die Katastrophe: Vielleicht ein Unwetter, in dessen Folge plötzlich 100 Leute um diese Zeit eine Fahrt nachfragen. Nehmen wir einmal an, dass es im klassischen Taxi-Gewerbe trotzdem noch nur 10 Fahrer gibt (weil ja, der simplen Ökonomen-Logik folgend, nur der gleichbleibende Preis das Angebot bestimmt). Welche der 100 Leute erhalten die 10 Fahrten? Wer einmal in einer solchen Situation war weiß, dass es ziemlich viel mit Zufall zu tun hat.
Im Gegensatz dazu würden die Vielleicht-Taxi-Unternehmen ihre Preise anheben. Nehmen wir einmal an, dass sich dabei der Marktpreis findet (was natürlich nicht stimmt, weil auch diese Unternehmen letztlich Preise zentral steuern - aber wir können gerne so tun, als ob). Sagen wir, dass sie auf diese Weise 10 zusätzliche Fahrer auf die Straße locken können (was schon viel ist, wenn doch die Fahrer sicher auch mit dem Unwetter zu kämpfen haben...). Von den 100 Leuten, die ursprünglich eine Fahrt nachgefragt hätten, halten sich wegen des hohen Preises 80 zurück, so dass auf 20 Fahrer genau 20 verbleibende Kunden kommen. Der Markt ist geräumt, und eine größere Zahl an Fahrten hat stattgefunden.
Welche der 100 Leute erhalten die 20 Fahrten? Die 20, die bereit sind, am meisten Geld dafür zu bieten. Jetzt kommt Ungleichheit ins Spiel. Wenn alle 100 Leute gleich vermögend wären, dann könnten wir davon ausgehen, dass diejenigen, die am meisten Geld für die Fahrt bieten, auch den größten Nutzen davon erzielen. Damit wäre die Summe des Nutzens der 20 Taxifahrten auf jeden Fall größer als der erwartete Nutzen der 10 zufälligen Taxifahrten bei festen Preisen. Wenn Vermögensgleichheit herrschen würde, wäre das Ergebnis also tatsächlich besser.
Ungleichheit entkoppelt Nutzen von Geldwert
Wir leben in einer ungleichen Welt. Ein Beamter im gehobenen Dienst wird 80 Euro für eine nächtliche Taxifahrt, die sonst nur 8 Euro kostet, weg stecken können - eine auf 400 Euro-Basis angestellte Hilfskraft eher nicht, obwohl diese Hilfskraft vielleicht einen höheren Nutzen durch die Fahrt erzielen würde.
Mit dem Preismechanismus erhält besagte Hilfskraft die Fahrt garantiert nicht; ohne den Preismechanismus hat sie wenigstens eine Chance. Es ist durchaus denkbar, dass der erwartete Nutzen bei den 10 zufälligen Fahrten höher ist als bei den 20 Fahrten, die an die Meistbietenden gehen. Das erklärt übrigens auch, weshalb es gerade für ärmere Menschen durchaus rational sein kann, gegen Marktmechanismen zu sein.
Für die Verfechter von freien Märkten ergibt sich eine Zwickmühle. Entweder, sie wollen die finanzielle Ungleichheit, die sich aus ungezügelten Märkten ergibt, beibehalten. Dann müssen sie in Kauf nehmen, dass Märkte eben nicht immer die beste Antwort auf gesellschaftliche Fragen sind. Oder sie wollen die Gesellschaft wirklich marktwirtschaftlich organisieren - aber dann müssen sie in Kauf nehmen, dass aktiv gegen finanzielle Ungleichheit vorgegangen wird. Wer für die Gesellschaft optimale Institutionen will, der muss einen Kompromiss suchen.
Realistisch gesehen ist das gerade den radikalen Verfechtern von freien Märkten - Mitglieder einer gewissen neuerdings trichromen Partei, zum Beispiel - natürlich alles egal. Ihnen geht es nicht darum, gesellschaftlich optimale Institutionen zu schaffen. Sie sind einfach Überzeugungstäter, oder nur an der eigenen privilegierten Position interessiert, oder beides.
Sonntag, Februar 01, 2015
Noch mehr Spaghetti! Wie soll Staatsfinanzierung durch die EZB aussehen?
Im Freitag erscheint ein Artikel von Christian Felber mit dem etwas albernen Titel "Mehr Spaghetti für die Wirtschaft". Der Artikel handelt nicht etwa von Griechenland, wie man angesichts des aktuellen, etwas ermüdenden Dauerthemas erwarten könnte, sondern von der EZB-Politik des Quantitative Easings. Der geneigte Leser sollte ihn am besten jetzt sofort lesen. Dieses Blog hier wartet solange geduldig.
Es stimmt vollkommen, dass die Staatsfinanzierung über Finanzmärkte ein unsinniges, undemokratisches Konstrukt ist. Der Vorschlag von Christian Felber, Staatsanleihen bis zur Höhe von 50% des BIP direkt und ohne Zinsen von der EZB kaufen zu lassen ist gut und richtig. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen.
Woher kommt eigentlich diese Zahl von 50%? Mit den 50% ist es genau wie mit den fast schon in Vergessenheit geratenen 60% aus dem Vertrag von Maastricht oder den durch Reinhart und Rogoff popularisierten 90%. Diese Zahlen sind aus der Luft gegriffen. In Vergessenheit gerät dabei, dass Keynes für eine expansive Fiskalpolitik plädiert hat, als der Schuldenstand weit oberhalb von 100% zum BIP lag. Was ist also die richtige Zahl?
Es gibt keine, und zwar aus gutem Grund. Die wesentliche und notwendige Funktion von Staatsschulden ist die des Gegengewichts zu privaten Vermögen. Private Haushalte versuchen aus den verschiedensten und meist auch berechtigten Gründen, direkt oder indirekt Vermögen aufzubauen. Das schafft finanzielle Freiheit, sorgt vor fürs Alter, und so weiter. Dieses Vermögen kann zum Beispiel in Form eines Eigenheims oder in Form von Anteilen an privaten Unternehmen gehalten werden. Insgesamt gibt es aber nie genügend Werte - und vor allem nicht genügend Werte der gewünschten Bonität - um die "Nachfrage" nach Vermögen zu bedienen (das ist keine mathematisch zwingende Tatsache, sondern eine empirische Beobachtung). Ohne Staatsschulden führt diese "Nachfrage" nach Vermögen zu einem Sparverhalten, das die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen drückt und dadurch die Wirtschaft abwürgt. Staatsschulden dienen als Ausgleichsventil, weil sie einen Vermögenswert guter Bonität zur Verfügung stellen.
Wie viele Staatsschulden werden für diese Funktion als Ausgleichsventil benötigt? Das hängt vom Sparverhalten der privaten Haushalte und vom Verhalten der privaten Wirtschaft ab. Deshalb ist eine feste Zahl Unsinn - egal ob man sie nun auf 50%, 60%, 90%, oder gar 200% setzt. Die Aufgabe der Politik muss es sein, angemessen auf das Verhalten des Privatsektors zu reagieren.
Für die Eurozone bedeutet das, dass die EZB Staatsfinanzierung nicht nur bis zu einer festen Grenze leisten sollte, sondern - den Umständen entsprechend - potentiell unbegrenzt. Natürlich darf der Zugriff auf diese Finanzierung nicht nur von der Politik der individuellen Mitgliedsstaaten abhängig sein, da sonst einer Inflationsspirale nichts im Weg stünde (das ist offensichtlich und wurde auch schon von Christian Felber angemerkt). Außerdem gibt es noch das Problem der Fairness: Wenn Österreich aus guten Gründen ordentlich bei der EZB zugreift, dann werden die Populisten in Deutschland darauf pochen, dass das unfair ist und man zumindest genauso zugreifen sollte - auch wenn es in Deutschland vielleicht gar keinen ökonomisch angemessenen Grund dafür gibt. Dann werden Geschenke verteilt, die man bald wieder rückgängig machen muss.
Meine favorisierte Lösung ist daher, dass man ein System fester Grenzen, wie es von Christian Felber vorgeschlagen wird, durch automatische Stabilisatoren ergänzt, die einheitlich für die Eurozone sind. Der progressivste Vorschlag in diese Richtung ist eine Euro-weite Job-Garantie. Es wäre aber auch denkbar, verschiedene Sozialsysteme, wie zum Beispiel eine Arbeitslosigkeitsversicherung, auf Ebene der Eurozone zu errichten und durch die EZB abzusichern (die Sozialsysteme der einzelnen Mitgliedsstaaten würden natürlich - entsprechend reduziert - als Ergänzung weitergeführt). Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn in der nächsten Krise die Arbeitslosigkeit wieder in die Höhe schnellt, und staatliche Ausgaben am dringendsten benötigt werden, dann wird der größte Teil dieser Last durch die Eurozone insgesamt getragen. Einzelne Staaten geraten nicht mehr in einen fiskalischen Teufelskreis, und eine humanitäre Katastrophe, wie wir sie jetzt in Griechenland erlebt haben, kann auf gerechte Weise vermieden werden.
Es stimmt vollkommen, dass die Staatsfinanzierung über Finanzmärkte ein unsinniges, undemokratisches Konstrukt ist. Der Vorschlag von Christian Felber, Staatsanleihen bis zur Höhe von 50% des BIP direkt und ohne Zinsen von der EZB kaufen zu lassen ist gut und richtig. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen.
Woher kommt eigentlich diese Zahl von 50%? Mit den 50% ist es genau wie mit den fast schon in Vergessenheit geratenen 60% aus dem Vertrag von Maastricht oder den durch Reinhart und Rogoff popularisierten 90%. Diese Zahlen sind aus der Luft gegriffen. In Vergessenheit gerät dabei, dass Keynes für eine expansive Fiskalpolitik plädiert hat, als der Schuldenstand weit oberhalb von 100% zum BIP lag. Was ist also die richtige Zahl?
Es gibt keine, und zwar aus gutem Grund. Die wesentliche und notwendige Funktion von Staatsschulden ist die des Gegengewichts zu privaten Vermögen. Private Haushalte versuchen aus den verschiedensten und meist auch berechtigten Gründen, direkt oder indirekt Vermögen aufzubauen. Das schafft finanzielle Freiheit, sorgt vor fürs Alter, und so weiter. Dieses Vermögen kann zum Beispiel in Form eines Eigenheims oder in Form von Anteilen an privaten Unternehmen gehalten werden. Insgesamt gibt es aber nie genügend Werte - und vor allem nicht genügend Werte der gewünschten Bonität - um die "Nachfrage" nach Vermögen zu bedienen (das ist keine mathematisch zwingende Tatsache, sondern eine empirische Beobachtung). Ohne Staatsschulden führt diese "Nachfrage" nach Vermögen zu einem Sparverhalten, das die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen drückt und dadurch die Wirtschaft abwürgt. Staatsschulden dienen als Ausgleichsventil, weil sie einen Vermögenswert guter Bonität zur Verfügung stellen.
Wie viele Staatsschulden werden für diese Funktion als Ausgleichsventil benötigt? Das hängt vom Sparverhalten der privaten Haushalte und vom Verhalten der privaten Wirtschaft ab. Deshalb ist eine feste Zahl Unsinn - egal ob man sie nun auf 50%, 60%, 90%, oder gar 200% setzt. Die Aufgabe der Politik muss es sein, angemessen auf das Verhalten des Privatsektors zu reagieren.
Für die Eurozone bedeutet das, dass die EZB Staatsfinanzierung nicht nur bis zu einer festen Grenze leisten sollte, sondern - den Umständen entsprechend - potentiell unbegrenzt. Natürlich darf der Zugriff auf diese Finanzierung nicht nur von der Politik der individuellen Mitgliedsstaaten abhängig sein, da sonst einer Inflationsspirale nichts im Weg stünde (das ist offensichtlich und wurde auch schon von Christian Felber angemerkt). Außerdem gibt es noch das Problem der Fairness: Wenn Österreich aus guten Gründen ordentlich bei der EZB zugreift, dann werden die Populisten in Deutschland darauf pochen, dass das unfair ist und man zumindest genauso zugreifen sollte - auch wenn es in Deutschland vielleicht gar keinen ökonomisch angemessenen Grund dafür gibt. Dann werden Geschenke verteilt, die man bald wieder rückgängig machen muss.
Meine favorisierte Lösung ist daher, dass man ein System fester Grenzen, wie es von Christian Felber vorgeschlagen wird, durch automatische Stabilisatoren ergänzt, die einheitlich für die Eurozone sind. Der progressivste Vorschlag in diese Richtung ist eine Euro-weite Job-Garantie. Es wäre aber auch denkbar, verschiedene Sozialsysteme, wie zum Beispiel eine Arbeitslosigkeitsversicherung, auf Ebene der Eurozone zu errichten und durch die EZB abzusichern (die Sozialsysteme der einzelnen Mitgliedsstaaten würden natürlich - entsprechend reduziert - als Ergänzung weitergeführt). Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn in der nächsten Krise die Arbeitslosigkeit wieder in die Höhe schnellt, und staatliche Ausgaben am dringendsten benötigt werden, dann wird der größte Teil dieser Last durch die Eurozone insgesamt getragen. Einzelne Staaten geraten nicht mehr in einen fiskalischen Teufelskreis, und eine humanitäre Katastrophe, wie wir sie jetzt in Griechenland erlebt haben, kann auf gerechte Weise vermieden werden.
Dienstag, Januar 27, 2015
Sado-Maso Europolitik
(Dieser Kommentar ist auch als Gastbeitrag auf Deliberation Daily erschienen.)
Anlässlich des Wahlergebnisses in Griechenland schreibt Stefan Sasse einen klugen Kommentar, in dem er unter anderem den wichtigen Hinweis gibt:
Da gibt es keinen Zweifel: Die deutsche Mainstream-Position ist gefährlicher, quasi-religiöser, und sadistisch-masochistischer Unfug.
Das ist drastisch formuliert, aber auf mehreren Ebenen gut begründbar. Zunächst ist die Position quasi-religiös: sie fußt nicht auf sauberer volkswirtschaftlicher Analyse, sondern auf dem unreflektierten Glauben an die Lehren der schwäbischen Hausfrau, die aber makroökonomisch nicht anwendbar sind. Ja, es gibt deutsche Ökonomen - auch akademischer Couleur - die im deutschen Mainstream schwimmen. International sind diese Ökonomen ziemlich isoliert.
Stefan hat bereits erklärt, wieso die Position gefährlich ist - siehe das Zitat eingangs.
Vor allem aber ist die Position Unfug, nämlich sachlich falsch. Es gibt Situationen, in denen ein Land tatsächlich wirtschaftlich schwierige Zeiten durchleben muss. Aber solche Situationen sehen anders aus, und können von Demokratien auch gut überlebt werden. Man denke zum Beispiel an Großbritannien oder die USA im Zweiten Weltkrieg. Die Anstrengungen des Krieges hatten drastische wirtschaftliche Konsequenzen, und die Menschen mussten tatsächlich "ihre Gürtel enger schnallen". Aber da waren die Gründe für jeden klar erkennbar, weshalb daraus keine Probe für die Demokratie wurde. Und, was auch noch auffallen sollte: es gab keine Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: wer immer irgendwie wirtschaftlich oder militärisch einsetzbar war wurde eingesetzt.
Warum konnte die Arbeitslosigkeit in Griechenland über 25% steigen? Es ist offensichtlich, dass es den Menschen in Griechenland besser ginge, wenn dort mehr Menschen arbeiten und daher mehr produziert würde. Tatsächlich ist Arbeitslosigkeit immer Verschwendung und nie zwangsläufig notwendig.
Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da. Das lehren uns die historischen Erfahrungen, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufgabe des Goldstandards gemacht wurden - der Austritt aus dem Euro wäre analog dazu. Ja, eine wieder eingeführte Drachme, oder wie auch immer die neue von Griechenland ausgegebene Währung dann genannt würde, hätte zunächst deutlich an Wert verloren. Aber gleichzeitig hätte die griechische Regierung die Handlungsfreiheit gehabt, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Wirtschaft wäre wieder besser gelaufen, und eine Wirtschaft, die gut läuft, ist gleichzeitig eine flexiblere und anpassungsfähigere Wirtschaft.
Wenn ich Alexis Tsipras wäre, würde ich deshalb auch den griechischen Austritt als "nukleare Option" auf dem Verhandlungstisch belassen. Langfristig gesehen braucht Griechenland den Euro nicht wirklich. Aber die Eurozone braucht Griechenland als Mitglied, um langfristig zu überleben: ein "Grexit" würde in der nächsten Krise Nachahmer finden.
Wir stellen also fest: das griechische Leid ist unnötig, wenn man bereit ist, den Euro aufzugeben. Damit ist die deutsche Position sachlich falsch. Aber was, wenn man den Euro beibehalten will?
Die deutsche Position basiert auf einem Fünkchen Wahrheit. Wenn die relative Produktivität, insbesondere gemessen als Marktwert der produzierten Güter dividiert durch dafür gezahlte Gehälter und Löhne, zwischen zwei Ländern verschieden ist, dann führt dies mittelfristig zu einem Ungleichgewicht im Handel zwischen diesen Ländern. Wenn die Länder verschiedene Währung verwenden, dann führt dieses Ungleichgewicht zu einer Verschiebung des Wechselkurses, so dass sich die relative Produktivität und damit der Handel wieder ausgleicht.
Innerhalb der Eurozone gibt es keine Wechselkurse, so dass sich die Handelsströme nicht automatisch ausgleichen. Den Handelsströmen stehen in der Bilanz Geldströme gegenüber, so dass sich das (relativ gemessen) unproduktivere Land auf Dauer verschuldet.
In den meisten ähnlich gestrickten Situationen wird politisch ein direkter Ausgleich geschaffen, so zum Beispiel innerhalb Deutschlands ganz explizit durch den Länderfinanzausgleich. Es gibt aber auch einen impliziten Ausgleich durch die Steuern und Ausgaben der Bundesregierung, die einen signifikanten Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen.
Zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone gibt es keinen direkten Ausgleich dieser Form. Die einzige Alternative wäre also ein Angleichen der relativen Produktivität. Hier behauptet die deutsche Position, dass dies nur möglich ist, indem die Löhne und Gehälter in Griechenland jahrelang nicht steigen oder sogar fallen. Das ist offensichtlich falsch, denn schließlich könnten die Löhne und Gehälter auch einfach in Deutschland (und einigen anderen Ländern) einige Jahre lang deutlich schneller steigen.
tl;dr: Die deutsche Position basiert auf den Irrglauben,
Anlässlich des Wahlergebnisses in Griechenland schreibt Stefan Sasse einen klugen Kommentar, in dem er unter anderem den wichtigen Hinweis gibt:
Die Belastungen, denen die Griechen ausgesetzt sind, sind in einer Demokratie auf die Dauer nicht zu ertragen, und für die Griechen gehen sie mittlerweile in die Halbzeit einer Dekade. Den Deutschen reichten seinerzeit zweieinhalb Jahre unter solchen wirtschaftlichen Bedingungen, um alle Demokraten zum Teufel zu wünschen und ihr Glück im Autoritarismus zu suchen.Davor aber schreibt er:
Das BIP des Landes ist gewaltig eingebrochen, und mit ihm die Gehälter, Löhne und Sozialleistungen, auf denen der bisherige griechische Lebensstandard fußte. Man mag dies wie die meisten Staaten der Europäischen Union, Deutschland voran, als eine ökonomisch notwendige und schmerzhafte Anpassungsoperation sehen, an deren Ende ein gesundes Griechenland den Kampf um wirtschaftlichen Wohlstand erneut aufnehmen kann. In der Realität aber ist die Frage, ob diese Sicht richtig ist – die an dieser Stelle auch nicht beantwortet werden kann – völlig irrelevant.Ich kann verstehen, dass Stefan dieses Fass an dieser Stelle nicht aufmachen wollte, aber die Frage ist alles andere als irrelevant. Wenn wir aus der ersten großen Wirtschaftskrise der Eurozone lernen wollen, müssen wir diese Frage richtig beantworten.
Da gibt es keinen Zweifel: Die deutsche Mainstream-Position ist gefährlicher, quasi-religiöser, und sadistisch-masochistischer Unfug.
Das ist drastisch formuliert, aber auf mehreren Ebenen gut begründbar. Zunächst ist die Position quasi-religiös: sie fußt nicht auf sauberer volkswirtschaftlicher Analyse, sondern auf dem unreflektierten Glauben an die Lehren der schwäbischen Hausfrau, die aber makroökonomisch nicht anwendbar sind. Ja, es gibt deutsche Ökonomen - auch akademischer Couleur - die im deutschen Mainstream schwimmen. International sind diese Ökonomen ziemlich isoliert.
Stefan hat bereits erklärt, wieso die Position gefährlich ist - siehe das Zitat eingangs.
Vor allem aber ist die Position Unfug, nämlich sachlich falsch. Es gibt Situationen, in denen ein Land tatsächlich wirtschaftlich schwierige Zeiten durchleben muss. Aber solche Situationen sehen anders aus, und können von Demokratien auch gut überlebt werden. Man denke zum Beispiel an Großbritannien oder die USA im Zweiten Weltkrieg. Die Anstrengungen des Krieges hatten drastische wirtschaftliche Konsequenzen, und die Menschen mussten tatsächlich "ihre Gürtel enger schnallen". Aber da waren die Gründe für jeden klar erkennbar, weshalb daraus keine Probe für die Demokratie wurde. Und, was auch noch auffallen sollte: es gab keine Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: wer immer irgendwie wirtschaftlich oder militärisch einsetzbar war wurde eingesetzt.
Warum konnte die Arbeitslosigkeit in Griechenland über 25% steigen? Es ist offensichtlich, dass es den Menschen in Griechenland besser ginge, wenn dort mehr Menschen arbeiten und daher mehr produziert würde. Tatsächlich ist Arbeitslosigkeit immer Verschwendung und nie zwangsläufig notwendig.
Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da. Das lehren uns die historischen Erfahrungen, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufgabe des Goldstandards gemacht wurden - der Austritt aus dem Euro wäre analog dazu. Ja, eine wieder eingeführte Drachme, oder wie auch immer die neue von Griechenland ausgegebene Währung dann genannt würde, hätte zunächst deutlich an Wert verloren. Aber gleichzeitig hätte die griechische Regierung die Handlungsfreiheit gehabt, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Wirtschaft wäre wieder besser gelaufen, und eine Wirtschaft, die gut läuft, ist gleichzeitig eine flexiblere und anpassungsfähigere Wirtschaft.
Wenn ich Alexis Tsipras wäre, würde ich deshalb auch den griechischen Austritt als "nukleare Option" auf dem Verhandlungstisch belassen. Langfristig gesehen braucht Griechenland den Euro nicht wirklich. Aber die Eurozone braucht Griechenland als Mitglied, um langfristig zu überleben: ein "Grexit" würde in der nächsten Krise Nachahmer finden.
Wir stellen also fest: das griechische Leid ist unnötig, wenn man bereit ist, den Euro aufzugeben. Damit ist die deutsche Position sachlich falsch. Aber was, wenn man den Euro beibehalten will?
Die deutsche Position basiert auf einem Fünkchen Wahrheit. Wenn die relative Produktivität, insbesondere gemessen als Marktwert der produzierten Güter dividiert durch dafür gezahlte Gehälter und Löhne, zwischen zwei Ländern verschieden ist, dann führt dies mittelfristig zu einem Ungleichgewicht im Handel zwischen diesen Ländern. Wenn die Länder verschiedene Währung verwenden, dann führt dieses Ungleichgewicht zu einer Verschiebung des Wechselkurses, so dass sich die relative Produktivität und damit der Handel wieder ausgleicht.
Innerhalb der Eurozone gibt es keine Wechselkurse, so dass sich die Handelsströme nicht automatisch ausgleichen. Den Handelsströmen stehen in der Bilanz Geldströme gegenüber, so dass sich das (relativ gemessen) unproduktivere Land auf Dauer verschuldet.
In den meisten ähnlich gestrickten Situationen wird politisch ein direkter Ausgleich geschaffen, so zum Beispiel innerhalb Deutschlands ganz explizit durch den Länderfinanzausgleich. Es gibt aber auch einen impliziten Ausgleich durch die Steuern und Ausgaben der Bundesregierung, die einen signifikanten Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen.
Zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone gibt es keinen direkten Ausgleich dieser Form. Die einzige Alternative wäre also ein Angleichen der relativen Produktivität. Hier behauptet die deutsche Position, dass dies nur möglich ist, indem die Löhne und Gehälter in Griechenland jahrelang nicht steigen oder sogar fallen. Das ist offensichtlich falsch, denn schließlich könnten die Löhne und Gehälter auch einfach in Deutschland (und einigen anderen Ländern) einige Jahre lang deutlich schneller steigen.
tl;dr: Die deutsche Position basiert auf den Irrglauben,
- dass der Ausgleich in relativer Produktivität durch griechisches Leid und Lohndumping geschehen muss anstatt durch Belohnung deutscher und anderer Arbeiter und Angestellter (weshalb ich die deutsche Position sadistisch-masochistisch nenne), und
- dass irgendein Währungsraum der Welt langfristig ohne politische Finanzausgleiche (egal ob explizit oder implizit) funktionieren könnte.
Montag, Januar 26, 2015
Ausländische Investitionen
Syriza hat die Wahlen in Griechenland mit deutlichem Abstand gewonnen. Typisch für der Herren eigener Geist, in dem sich unsere heutige Zeit spiegelt, sorgen sich die Verfechter der marktkonformen Demokratie um die verschiedenen wirtschaftlichen Konsequenzen des Wahlergebnisses. Zum Beispiel: Sieht es für ausländische Investitionen in Griechenland jetzt düster aus? Ich möchte dies als Anlass für ein paar grundsätzliche Überlegungen nehmen.
Lauscht man den Sonntagsreden der Politiker, dann gehört die Steigerung der Attraktivität des eigenen Landes für ausländische Investoren zu den wichtigsten Tugenden einer Regierung. Zeit für die Frage nach des Kaisers neuen Kleidern: Warum eigentlich?
Die oberflächlichen Argumente sind einfach: Da kommt jemand, stellt eine Fabrik o.ä. hin, und das schafft Arbeitsplätze. So weit richtig, sofern man mal von den vielen Beispielen der Enttäuschung absieht, in denen ein ausländisches Unternehmen mit zeitlich beschränkten Steuergeschenken angelockt wird. Wenn diese Geschenke dann auslaufen sind alle furchtbar überrascht, wenn sich das Unternehmen wieder verabschiedet.
Aber selbst wenn die Investoren bleiben, so bleiben sie nur, wenn und weil sie einen dauerhaften Profit darin sehen. Aus der Perspektive des Auslands sieht das super aus: Man schickt eine einmalige Geldsumme, und erhält anschließend einen potentiell ewig anhaltenden Geldstrom, ohne, dass man dafür eine Gegenleistung bieten muss. Dies ist schließlich das Wesen allen Profits und aller Kapitalerträge.
Dementsprechend schlecht sieht der Deal für das Land aus, in dem die Investition getätigt wird: Klar, am Anfang kommt da eine Geldsumme herein, und klar, da werden Arbeitsplätze geschaffen. Aber gleichzeitig verpflichtet sich das Land dazu, potentiell auf ewig einen Geldstrom ins Ausland zu schicken, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.
Auf einmal sehen ausländische Investitionen überhaupt nicht mehr so toll aus.
Es wird noch schlimmer: Braucht man die ausländischen Investitionen überhaupt, um die Arbeitsplätze zu schaffen? In vielen Fällen nein. Das nötige Geld für den Aufbau der Fabrik o.ä. kann auch im Inland zum Beispiel durch den Finanzsektor bereitgestellt werden. Die gleiche Produktion kann oft gewährleistet werden, ohne dass danach langfristig Geld ins Ausland fließt. Schlimmstenfalls fließen die gleichen Ströme an reiche Inländer, bestenfalls in Pensionsfonds oder in einen Staatsfonds à la Norwegen oder Alaska.
Ein schönes Beispiel für all diese Überlegungen ist die Ausbeutung Rohstoff-reicher armer Länder. Dort kommen ausländische Investoren und bauen Minen. Sie entziehen dem Land die Bodenschätze, aber die Gewinne kassieren Ausländer. Dabei könnten diese Länder prinzipiell die gleichen Minen selbst bauen. Sicherlich müssten sie anfänglich notwendige Maschinen aus dem Ausland kaufen - aber die langfristigen Gewinne würden sie selbst einkassieren. Es wäre genau das umgekehrte Bild: eine einmalige Geldsumme wurde anfänglich ans Ausland gehen, damit ein langfristiger Geldstrom an Gewinnen aus dem Ausland aufgebaut wird. Das sieht kurzfristig teuer aus, ist aber langfristig der intelligentere Weg. Manche Regierungen verstehen das auch.
Das Beispiel der Maschinen, zu deren Bau das technische Know-How zumindest anfänglich nicht im Inland verfügbar ist, zeigt auch, dass ausländische Investitionen unter bestimmten Umständen ein akzeptabler Kompromiss sein können. Zum Beispiel eben dann, wenn das organisatorische Know-How im Inland nicht verfügbar ist, und dafür gesorgt wird, dass diese Know-How im Zuge der Investition langsam aufgebaut wird. Letzteres zu garantieren ist aber ein extrem schwieriges Spiel mit dem Feuer.
Die Idee, sich für ausländische Investitionen attraktiv machen zu wollen, ist fehlgeleitet. Das heißt nicht, dass man sich abschotten muss. Es heißt erst recht nicht, dass man auf internationalen Handel verzichten sollte - das ist eine andere Geschichte. Aber es heißt eben, dass es besser für ein Land ist, wenn es Investitionen aus sich selbst heraus generiert. Daran sollte sich Politik orientieren.
Lauscht man den Sonntagsreden der Politiker, dann gehört die Steigerung der Attraktivität des eigenen Landes für ausländische Investoren zu den wichtigsten Tugenden einer Regierung. Zeit für die Frage nach des Kaisers neuen Kleidern: Warum eigentlich?
Die oberflächlichen Argumente sind einfach: Da kommt jemand, stellt eine Fabrik o.ä. hin, und das schafft Arbeitsplätze. So weit richtig, sofern man mal von den vielen Beispielen der Enttäuschung absieht, in denen ein ausländisches Unternehmen mit zeitlich beschränkten Steuergeschenken angelockt wird. Wenn diese Geschenke dann auslaufen sind alle furchtbar überrascht, wenn sich das Unternehmen wieder verabschiedet.
Aber selbst wenn die Investoren bleiben, so bleiben sie nur, wenn und weil sie einen dauerhaften Profit darin sehen. Aus der Perspektive des Auslands sieht das super aus: Man schickt eine einmalige Geldsumme, und erhält anschließend einen potentiell ewig anhaltenden Geldstrom, ohne, dass man dafür eine Gegenleistung bieten muss. Dies ist schließlich das Wesen allen Profits und aller Kapitalerträge.
Dementsprechend schlecht sieht der Deal für das Land aus, in dem die Investition getätigt wird: Klar, am Anfang kommt da eine Geldsumme herein, und klar, da werden Arbeitsplätze geschaffen. Aber gleichzeitig verpflichtet sich das Land dazu, potentiell auf ewig einen Geldstrom ins Ausland zu schicken, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.
Auf einmal sehen ausländische Investitionen überhaupt nicht mehr so toll aus.
Es wird noch schlimmer: Braucht man die ausländischen Investitionen überhaupt, um die Arbeitsplätze zu schaffen? In vielen Fällen nein. Das nötige Geld für den Aufbau der Fabrik o.ä. kann auch im Inland zum Beispiel durch den Finanzsektor bereitgestellt werden. Die gleiche Produktion kann oft gewährleistet werden, ohne dass danach langfristig Geld ins Ausland fließt. Schlimmstenfalls fließen die gleichen Ströme an reiche Inländer, bestenfalls in Pensionsfonds oder in einen Staatsfonds à la Norwegen oder Alaska.
Ein schönes Beispiel für all diese Überlegungen ist die Ausbeutung Rohstoff-reicher armer Länder. Dort kommen ausländische Investoren und bauen Minen. Sie entziehen dem Land die Bodenschätze, aber die Gewinne kassieren Ausländer. Dabei könnten diese Länder prinzipiell die gleichen Minen selbst bauen. Sicherlich müssten sie anfänglich notwendige Maschinen aus dem Ausland kaufen - aber die langfristigen Gewinne würden sie selbst einkassieren. Es wäre genau das umgekehrte Bild: eine einmalige Geldsumme wurde anfänglich ans Ausland gehen, damit ein langfristiger Geldstrom an Gewinnen aus dem Ausland aufgebaut wird. Das sieht kurzfristig teuer aus, ist aber langfristig der intelligentere Weg. Manche Regierungen verstehen das auch.
Das Beispiel der Maschinen, zu deren Bau das technische Know-How zumindest anfänglich nicht im Inland verfügbar ist, zeigt auch, dass ausländische Investitionen unter bestimmten Umständen ein akzeptabler Kompromiss sein können. Zum Beispiel eben dann, wenn das organisatorische Know-How im Inland nicht verfügbar ist, und dafür gesorgt wird, dass diese Know-How im Zuge der Investition langsam aufgebaut wird. Letzteres zu garantieren ist aber ein extrem schwieriges Spiel mit dem Feuer.
Die Idee, sich für ausländische Investitionen attraktiv machen zu wollen, ist fehlgeleitet. Das heißt nicht, dass man sich abschotten muss. Es heißt erst recht nicht, dass man auf internationalen Handel verzichten sollte - das ist eine andere Geschichte. Aber es heißt eben, dass es besser für ein Land ist, wenn es Investitionen aus sich selbst heraus generiert. Daran sollte sich Politik orientieren.
Sonntag, August 25, 2013
Leserbrief zu "Haushälterträume" in der FAZ
In der FAZ vom Samstag las ich auf der Titelseite einen Kommentar von Heike Göbel zu Überschüssen im deutschen Regierungssektor. Wer den Kommentar sieht und mich kennt, der kann sich denken, dass ich mich beim Lesen sehr geärgert habe. (Wenn man es sich recht überlegt: Wer die deutschen Medien kennt kann meine Reaktion erahnen, ohne den Kommentar gelesen zu haben, so tief sind die Abgründe...)
Wer mich noch nicht so kennt, aber wirtschaftspolitisch interessiert ist, kann z.B. hier und hier mit dem Durchklicken und Lesen anfangen.
Wie dem auch sei: Ich habe einen kurzen Leserbrief an die FAZ geschickt, den ich der Vollständigkeit halber auch hier veröffentliche:
Wer mich noch nicht so kennt, aber wirtschaftspolitisch interessiert ist, kann z.B. hier und hier mit dem Durchklicken und Lesen anfangen.
Wie dem auch sei: Ich habe einen kurzen Leserbrief an die FAZ geschickt, den ich der Vollständigkeit halber auch hier veröffentliche:
In der FAZ vom 23. August kommentiert Heike Göbel die Meldung über Haushaltsüberschüsse im deutschen Regierungssektor ("Haushälterträume", Seite 1). Spätestens seit den Arbeiten von Wolfgang Stützel zur Saldenmechanik ist bekannt, dass Überschüsse und Defizite eines Wirtschaftssektors nur im Kontext der Ergebnisse der anderen Sektoren sinnvoll bewertet werden können.
Da die Einnahmen des Einen stets die Ausgaben eines Anderen sein müssen, ist ein Haushaltsüberschuss nur dann möglich, wenn mindestens ein anderer Sektor ein Defizit erwirtschaftet. Dies ist eine einfache Angelegenheit von Addition und Subtraktion.
In unserer heutigen Situation wird der Haushaltsüberschuss des deutschen Regierungssektors rein arithmetisch durch Defizite in anderen Euroländern ermöglicht. Die Mathematik spricht eine klare Sprache: Wer die Haushaltsüberschüsse lobt, der darf die Defizite anderswo nicht unreflektiert kritisieren, denn ohne sie könnten die Überschüsse nicht existieren. Beides geht Hand in Hand.
Wir brauchen in unserem Land eine ehrliche Diskussion darüber. Wer - wie viele heutzutage mit einer Scheuklappen-artigen Fixierung auf Regierungshaushalte - an einer Stelle unbedingt Überschüsse sehen will, der muss auch erklären, wo er die dafür notwendigen Defizite haben will. Will er die Defizite bei sich selbst, vielleicht in Form einer Vermögenssteuer? Will er weitere Defizite in Südeuropa? Oder einigen wir uns angesichts der Arithmetik darauf, dass das mit den Regierungsüberschüssen doch eine dumme Idee war? Dies ist keine einfache Diskussion. Aber solange sie nicht stattfindet ist es wenig überraschend, dass der Euroraum global gesehen das klare Schlusslicht in der Bewältigung der Spätfolgen der Finanzkrise bleibt.
Donnerstag, Juli 25, 2013
"The Money is Stuck in the Banks"
In der wirtschafts- und finanzpolitischen Diskussion hört und liest man regelmäßig Phrasen wie "Die Banken parken ihr Geld bei der Zentralbank" oder "Das Geld bleibt in den Banken". Exemplarisch zum Beispiel hier:
Das hört sich erst einmal merkwürdig an. Man muss genauer untersuchen, was mit Zentralbankgeld eigentlich geschieht. Einen Einstieg bieten diese Artikel, und hier noch einer mit Bildern.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld, und es wird von den Banken für den Zahlungsausgleich verwendet. Es gibt genau drei Dinge, die eine Bank mit Zentralbankgeld tun kann:
Manchmal reden die Mitglieder des Kommentariats auch davon, dass "das Geld in den Banken bleibt", und meinen damit, dass die Banken wenig neue Kredite vergeben. Wenn sie das so meinen, dann sollten sie das auch so sagen: Die Banken vergeben wenig Kredite. Denn die andere Formulierung zeugt von unsauberem Denken. Sie basiert auf dem Irrglauben, die Banken würden das Geld ihrer Kunden verleihen.
Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, dass dem nicht so ist. Denn wenn es die Wahrheit wäre, dann wären wir mit der folgenden Szene vertraut:
Die Wahrheit ist: Wenn Banken Kredite vergeben, dann erzeugen sie neues Geld. Mit dem Geld, das bereits auf Konten von Kunden der Bank existiert, hat das nichts zu tun. Damit ist die Phrase vom Geld, das "in den Banken bleibt" genauso unsinnig wie die Phrase vom Geld, das "bei der Zentralbank geparkt ist".
Was lernen wir daraus? Die wenigsten Menschen scheinen wirklich zu verstehen, wie das Geldwesen funktioniert. Das gilt sogar für diejenigen, die es eigentlich wissen müssten -- zum Beispiel, weil sie Wirtschafts- und Finanzjournalisten sind. Es wird versucht, dieses Unwissen durch unpräzise und irreführende Sprache zu verstecken. Das wäre an sich auch gar nicht so tragisch, wenn nicht wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen auf diesem unsoliden Fundament aufgebaut würden.
Wie man daran etwas ändern kann? Solange mir nichts Besseres einfällt hoffe ich, dass steter Tropfen den Stein wirklich höhlt.
Let's face it: inflation levels in Europe and Germany are astonishingly low, given the enormous amounts of newly printed money that was released by the ECB. To my mind this has several reasons:Diese Formulierungen sind allesamt Zeugen von unsauberem Denken. Denn von "Geld parken" spricht nur, wer eine andere Verwendung des Geldes für möglich hält. In der Diskussion der Geldbasis, also der Menge allen Zentralbankgeldes, gibt es aber keine andere Verwendung. Zentralbankgeld ist immer bei der Zentralbank geparkt solange es existiert.
1. The money is stuck in the banks. Which is good for Germany (little headline inflation) but bad for the periphery (credit crunch).
Das hört sich erst einmal merkwürdig an. Man muss genauer untersuchen, was mit Zentralbankgeld eigentlich geschieht. Einen Einstieg bieten diese Artikel, und hier noch einer mit Bildern.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld, und es wird von den Banken für den Zahlungsausgleich verwendet. Es gibt genau drei Dinge, die eine Bank mit Zentralbankgeld tun kann:
- Sie kann das Zentralbankgeld auf das Zentralbankkonto einer anderen Bank überweisen.
- Sie kann mit dem Zentralbankgeld von der Zentralbank Bargeld kaufen.
- Sie kann mit dem Zentralbankgeld Kredite an die Zentralbank zurückzahlen oder Wertpapiere von der Zentralbank kaufen.
Manchmal reden die Mitglieder des Kommentariats auch davon, dass "das Geld in den Banken bleibt", und meinen damit, dass die Banken wenig neue Kredite vergeben. Wenn sie das so meinen, dann sollten sie das auch so sagen: Die Banken vergeben wenig Kredite. Denn die andere Formulierung zeugt von unsauberem Denken. Sie basiert auf dem Irrglauben, die Banken würden das Geld ihrer Kunden verleihen.
Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, dass dem nicht so ist. Denn wenn es die Wahrheit wäre, dann wären wir mit der folgenden Szene vertraut:
PersonenAn der Absurdität dieser Szene erkennt man, dass Banken das Geld ihrer Kunden nicht verleihen.
Herr Kunde
Frau Bankière
Eine Bankfiliale. Frau Bankière sitzt an einem gut aufgeräumten, überdimensionierten Schreibtisch und telefoniert. Im Hintergrund sind weitere Pinguine zu sehen. Herr Kunde betritt die Bank und versucht, am Automaten im Vorraum Geld abzuheben. Dies scheint zu misslingen, worauf er den Hauptraum mit suchendem Blick betritt.
Frau Bankière: Grüß Gott, wie kann ich Ihnen helfen?
Herr Kunde: Ihr Geldautomat behauptet, mein Kontostand sei zu niedrig. Das kann eigentlich nicht sein!
Frau Bankière: Einen Moment. Dürfte ich Ihre ec-Karte sehen?
(Er überreicht die Karte, worauf sie etwas auf ihrem Computer eingibt.)
Frau Bankière: Doch, hier steht es. Auf Ihrem Konto sind gerade noch 17 Euro und 52 Cents.
Herr Kunde: Aber vorgestern waren da noch über 500 Euro drauf!
Frau Bankière: Das ist richtig, aber die haben wir inzwischen verliehen.
Die Wahrheit ist: Wenn Banken Kredite vergeben, dann erzeugen sie neues Geld. Mit dem Geld, das bereits auf Konten von Kunden der Bank existiert, hat das nichts zu tun. Damit ist die Phrase vom Geld, das "in den Banken bleibt" genauso unsinnig wie die Phrase vom Geld, das "bei der Zentralbank geparkt ist".
Was lernen wir daraus? Die wenigsten Menschen scheinen wirklich zu verstehen, wie das Geldwesen funktioniert. Das gilt sogar für diejenigen, die es eigentlich wissen müssten -- zum Beispiel, weil sie Wirtschafts- und Finanzjournalisten sind. Es wird versucht, dieses Unwissen durch unpräzise und irreführende Sprache zu verstecken. Das wäre an sich auch gar nicht so tragisch, wenn nicht wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen auf diesem unsoliden Fundament aufgebaut würden.
Wie man daran etwas ändern kann? Solange mir nichts Besseres einfällt hoffe ich, dass steter Tropfen den Stein wirklich höhlt.
[1] Wenn man diese Aussage das erste Mal liest, sollte man darüber stolpern. Ich lege dem geneigten Leser nahe, sich diese Tatsache zu verinnerlichen: Wenn die Zentralbank Zentralbankgeld einnimmt, dann verschwindet es einfach. Das ist übrigens bei Banken konzeptionell genauso, wenn sie Kontoführungsgebühren einziehen: Wo vorher noch eine Verbindlichkeit der Bank in Form von Buchgeld war, ist jetzt auf einmal ein Gewinn der Bank. Der steht als solcher in der gedachten Bilanz auch erst einmal auf der Passiv-Seite, ist aber kein Geld.
Sonntag, Juli 21, 2013
Transferzahlungen und Targetsalden
Seit vielen Jahren werden die Völker Europas durch die Folgen der Finanzkrise zermürbt. Die humanitäre Situation in Griechenland ist so schlecht wie eh und je, und eine Besserung ist nicht in Sicht, jedenfalls nicht außerhalb von Sonntagsreden. Ich sehe auch die Krisenmüdigkeit, die sich deswegen in Europa ausgebreitet hat. Nach so langer Zeit begegnen viele der Krise mit emotionaler Erschöpfung.
Die Diagnose hat sich in den letzten zwei Jahren wenig verändert. Die Handelsungleichgewichte innerhalb der Eurozone haben zum "monetären Ausbluten" einiger Mitgliedsstaaten geführt, in denen deshalb die Wirtschaft zusammen gebrochen ist. Der Geldmangel verhindert ein sinnvolles Wirtschaften, und Ressourcen liegen brach während Menschen leiden.
Es ist richtig, dass in Griechenland nicht so produktiv gearbeitet wird wie in Deutschland. Aber dass in Griechenland deshalb Menschen gar nicht arbeiten, obwohl sie können und wollen, das ist ein großes Unglück. Richtig pervers wird dieses Unglück dadurch, dass es nur über ein soziales Konstrukt -- nämlich den Mangel an Geld -- ausgelöst wurde.
In einer funktionierenden Währungsunion wäre die Krise schon längst überwunden, und zwar durch zwei gleichzeitig wirkende Mechanismen. Erstens würden Menschen auf der Suche nach Einkommen in ein anderes Land umziehen. Dies geschieht in Europa wegen der Sprachbarrieren nur unzureichend. Zweitens würden Geldtransfers in Form von automatischen Stabilisatoren den Geldmangel ausgleichen: In den USA wird das, was an Sozialhilfe und Arbeitslosengeld existiert, zu großen Teilen von der zentralen Bundesregierung finanziert. In Kombination mit dem Steuersystem ergibt sich ein impliziter Geldtransfer von reichen zu armen Bundesstaaten. Die Eurozone hat jedoch keine Zentralregierung und damit keine zentral implementierten automatischen Stabilisatoren.
Die Krise löst sich nicht von allein, und die Politik eiert ineffektiv herum.
Nun las ich vor Kurzem die Behauptung, die Target-Salden verhielten sich wie implizite Geldtransfers:
Was sind eigentlich Target-Salden?
Erst einmal muss man sich vergegenwärtigen, wie Überweisungen funktionieren: Wenn Person A von ihrem Konto bei der A-Bank etwas Geld an Person B mit Konto bei der B-Bank überweist, dann gleichen die Banken diese Zahlungen untereinander aus, indem die A-Bank eine zweite, parallel laufende Überweisung tätigt, bei der Zentralbankgeld vom Konto der A-Bank bei der Zentralbank auf das Zentralbankkonto der B-Bank überwiesen wird. So logisch, so einfach (und vereinfacht), so gut.
Nun ist das Europäische Zentralbanksystem nicht vollständig vereinheitlicht. Es gibt zwar die EZB als eigentliche Zentralbank der Eurozone. Aber auch die Zentralbanken der Länder existieren weiter. Die Zentralbanken der Länder erstellen auch nach wie vor separate Bilanzen, hier die der Bundesbank, der deutschen Zentralbank.
In den Bilanzen der Landes-Zentralbanken stehen die Zentralbankkonten der Banken aus diesem Land auf der Passiv-Seite, wie das in einer Bankbilanz eben üblich ist. (An dieser Stelle sei auch einmal wieder der exzellente Balance Sheet Visualizer empfohlen, mit dem man sich Bilanzen und die Veränderungen darin aus einer makroökonomischen Perspektive anzeigen lassen kann.)
Wenn nun Menschen und Unternehmen in Griechenland weitaus mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt, dann wird mehr Geld aus Griechenland nach Deutschland überwiesen als umgekehrt. Das bedeutet natürlich auch, dass -- netto betrachtet -- griechische Banken Zentralbankgeld an deutsche Banken überwiesen haben. Die Passiv-Seite der Bilanz der Bundesbank ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gewachsen.
In einer ordentlichen Bilanz müssen die Aktiv- und Passiv-Seiten gleich hoch sein. Also muss auch die Aktiv-Seite gewachsen sein. Damit das alles funktioniert, wurden beim Aufbau des europäischen Zentralbanksystems die Target-Salden erfunden. In der Bilanz der Bundesbank steht auf der Aktiv-Seite eine Target-Forderung (versteckt in Punkt 9.4 der Aktiva). Die Höhe dieser Forderung dokumentiert auf den Cent genau, wie viel Zentralbankgeld seit Gründung des Euro aus dem Rest der Eurozone nach Deutschland netto überwiesen wurde[1].
Mit anderen Worten: Die Target-Salden dokumentieren, dass Geld von Griechenland nach Deutschland geflossen ist! Spätestens hier wird der eingangs zitierte Vergleich von Target-Salden mit Transferzahlungen äußerst suspekt.
Der Vergleich bricht gänzlich in sich zusammen, wenn man sich die Frage stellt, woher dieses Geld, das nach Deutschland geflossen ist, ursprünglich gekommen ist, und wie es um die Netto-Geldvermögen bzw. Netto-Schulden der Menschen und Unternehmen in Griechenland bestellt ist.
Geld entsteht in unserem Geldsystem im Wesentlichen durch Kreditvergabe. Zentralbankgeld entsteht also primär dadurch, dass Banken einen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen, oder zu Krediten de facto identische Wertpapiergeschäfte mit der Zentralbank durchführen (sogenannte Repo-Geschäfte). Die Banken wiederum machen das nicht aus Spaß. Sie brauchen das Zentralbankgeld zum Zahlungsausgleich, weil Kunden der Bank Kredite aufgenommen haben. Letztlich ist das Geld, das nach Deutschland geflossen ist, also dadurch entstanden, dass sich Menschen, Unternehmen, und natürlich auch der Staat in Griechenland verschuldet haben.
Ändert sich an diesen Schulden etwas durch die Target-Salden? Natürlich nicht. Ändert sich an den eigenen Schulden zumindest netto etwas, wenn man Geld geschenkt bekommt? Natürlich ja.
Mit anderen Worten: Target-Salden sind keine Transferzahlungen. Sie haben auch keine Ähnlichkeit mit Transferzahlungen. Dass es überhaupt Menschen gibt, die auf diese Idee kommen, haben wir wahrscheinlich nur Meister Unsinn zu verdanken.
Ein Beispiel: Wenn ein Deutscher im Euro-Ausland lebt, dort ein Konto bei einer lokalen Bank eröffnet, dann wieder zurück nach Deutschland zieht und das Konto aber behält, dann fließt durch seinen Umzug natürlich kein Zentralbankgeld nach Deutschland. Erst, wenn er in Deutschland einkauft und elektronisch zahlt (bei einem Händler, dessen Konto bei einer deutschen Bank liegt), oder bei einem Geldautomaten einer deutschen Bank Geld abhebt, fließt Zentralbankgeld durch den Zahlungsausgleich nach Deutschland.
Ausschlaggebend ist also immer, über welches Zentralbankkonto die beteiligten Banken ihren Zahlungsverkehr abwickeln, und in welchem Land dieses Zentralbankkonto angemeldet ist.
Die Diagnose hat sich in den letzten zwei Jahren wenig verändert. Die Handelsungleichgewichte innerhalb der Eurozone haben zum "monetären Ausbluten" einiger Mitgliedsstaaten geführt, in denen deshalb die Wirtschaft zusammen gebrochen ist. Der Geldmangel verhindert ein sinnvolles Wirtschaften, und Ressourcen liegen brach während Menschen leiden.
Es ist richtig, dass in Griechenland nicht so produktiv gearbeitet wird wie in Deutschland. Aber dass in Griechenland deshalb Menschen gar nicht arbeiten, obwohl sie können und wollen, das ist ein großes Unglück. Richtig pervers wird dieses Unglück dadurch, dass es nur über ein soziales Konstrukt -- nämlich den Mangel an Geld -- ausgelöst wurde.
In einer funktionierenden Währungsunion wäre die Krise schon längst überwunden, und zwar durch zwei gleichzeitig wirkende Mechanismen. Erstens würden Menschen auf der Suche nach Einkommen in ein anderes Land umziehen. Dies geschieht in Europa wegen der Sprachbarrieren nur unzureichend. Zweitens würden Geldtransfers in Form von automatischen Stabilisatoren den Geldmangel ausgleichen: In den USA wird das, was an Sozialhilfe und Arbeitslosengeld existiert, zu großen Teilen von der zentralen Bundesregierung finanziert. In Kombination mit dem Steuersystem ergibt sich ein impliziter Geldtransfer von reichen zu armen Bundesstaaten. Die Eurozone hat jedoch keine Zentralregierung und damit keine zentral implementierten automatischen Stabilisatoren.
Die Krise löst sich nicht von allein, und die Politik eiert ineffektiv herum.
Nun las ich vor Kurzem die Behauptung, die Target-Salden verhielten sich wie implizite Geldtransfers:
Transferzahlungen, um die Leistungsbilanzdefizite der Peripherie zu beseitigen bedeuten nichts anderes, als dass die Überschussländer den Defizitländern das Geld schenken, um die Importe zu bezahlen.Das hat bei mir mal wieder ein Kopfschütteln ausgelöst, das ich dem geneigten Leser gerne erklären möchte. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen.
So einfach ist das. Im Augenblick passiert das implizit über nicht ausgeglichene Targetsalden im Eurosystem[.]
Was sind eigentlich Target-Salden?
Erst einmal muss man sich vergegenwärtigen, wie Überweisungen funktionieren: Wenn Person A von ihrem Konto bei der A-Bank etwas Geld an Person B mit Konto bei der B-Bank überweist, dann gleichen die Banken diese Zahlungen untereinander aus, indem die A-Bank eine zweite, parallel laufende Überweisung tätigt, bei der Zentralbankgeld vom Konto der A-Bank bei der Zentralbank auf das Zentralbankkonto der B-Bank überwiesen wird. So logisch, so einfach (und vereinfacht), so gut.
Nun ist das Europäische Zentralbanksystem nicht vollständig vereinheitlicht. Es gibt zwar die EZB als eigentliche Zentralbank der Eurozone. Aber auch die Zentralbanken der Länder existieren weiter. Die Zentralbanken der Länder erstellen auch nach wie vor separate Bilanzen, hier die der Bundesbank, der deutschen Zentralbank.
In den Bilanzen der Landes-Zentralbanken stehen die Zentralbankkonten der Banken aus diesem Land auf der Passiv-Seite, wie das in einer Bankbilanz eben üblich ist. (An dieser Stelle sei auch einmal wieder der exzellente Balance Sheet Visualizer empfohlen, mit dem man sich Bilanzen und die Veränderungen darin aus einer makroökonomischen Perspektive anzeigen lassen kann.)
Wenn nun Menschen und Unternehmen in Griechenland weitaus mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt, dann wird mehr Geld aus Griechenland nach Deutschland überwiesen als umgekehrt. Das bedeutet natürlich auch, dass -- netto betrachtet -- griechische Banken Zentralbankgeld an deutsche Banken überwiesen haben. Die Passiv-Seite der Bilanz der Bundesbank ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gewachsen.
In einer ordentlichen Bilanz müssen die Aktiv- und Passiv-Seiten gleich hoch sein. Also muss auch die Aktiv-Seite gewachsen sein. Damit das alles funktioniert, wurden beim Aufbau des europäischen Zentralbanksystems die Target-Salden erfunden. In der Bilanz der Bundesbank steht auf der Aktiv-Seite eine Target-Forderung (versteckt in Punkt 9.4 der Aktiva). Die Höhe dieser Forderung dokumentiert auf den Cent genau, wie viel Zentralbankgeld seit Gründung des Euro aus dem Rest der Eurozone nach Deutschland netto überwiesen wurde[1].
Mit anderen Worten: Die Target-Salden dokumentieren, dass Geld von Griechenland nach Deutschland geflossen ist! Spätestens hier wird der eingangs zitierte Vergleich von Target-Salden mit Transferzahlungen äußerst suspekt.
Der Vergleich bricht gänzlich in sich zusammen, wenn man sich die Frage stellt, woher dieses Geld, das nach Deutschland geflossen ist, ursprünglich gekommen ist, und wie es um die Netto-Geldvermögen bzw. Netto-Schulden der Menschen und Unternehmen in Griechenland bestellt ist.
Geld entsteht in unserem Geldsystem im Wesentlichen durch Kreditvergabe. Zentralbankgeld entsteht also primär dadurch, dass Banken einen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen, oder zu Krediten de facto identische Wertpapiergeschäfte mit der Zentralbank durchführen (sogenannte Repo-Geschäfte). Die Banken wiederum machen das nicht aus Spaß. Sie brauchen das Zentralbankgeld zum Zahlungsausgleich, weil Kunden der Bank Kredite aufgenommen haben. Letztlich ist das Geld, das nach Deutschland geflossen ist, also dadurch entstanden, dass sich Menschen, Unternehmen, und natürlich auch der Staat in Griechenland verschuldet haben.
Ändert sich an diesen Schulden etwas durch die Target-Salden? Natürlich nicht. Ändert sich an den eigenen Schulden zumindest netto etwas, wenn man Geld geschenkt bekommt? Natürlich ja.
Mit anderen Worten: Target-Salden sind keine Transferzahlungen. Sie haben auch keine Ähnlichkeit mit Transferzahlungen. Dass es überhaupt Menschen gibt, die auf diese Idee kommen, haben wir wahrscheinlich nur Meister Unsinn zu verdanken.
[1] Um genau zu sein dokumentiert sie, wie viel Zentralbankgeld netto von nicht-deutschen Banken zu deutsche Banken überwiesen wurde.Ein Beispiel: Wenn ein Deutscher im Euro-Ausland lebt, dort ein Konto bei einer lokalen Bank eröffnet, dann wieder zurück nach Deutschland zieht und das Konto aber behält, dann fließt durch seinen Umzug natürlich kein Zentralbankgeld nach Deutschland. Erst, wenn er in Deutschland einkauft und elektronisch zahlt (bei einem Händler, dessen Konto bei einer deutschen Bank liegt), oder bei einem Geldautomaten einer deutschen Bank Geld abhebt, fließt Zentralbankgeld durch den Zahlungsausgleich nach Deutschland.
Ausschlaggebend ist also immer, über welches Zentralbankkonto die beteiligten Banken ihren Zahlungsverkehr abwickeln, und in welchem Land dieses Zentralbankkonto angemeldet ist.
Mittwoch, Juli 17, 2013
Die Sache mit den Zinsen
Er war ein intelligenter Mensch, durchaus auch mit Verständnis für Mathematik. In leicht verschwörerischem Ton erzählte er mir, wie er vor einiger Zeit verstanden hat, was Banken überhaupt tun, und welche Konsequenzen das für unsere Wirtschaft hat. Ich habe in mich hinein gelächelt und gehofft, etwas über Kreditvergabe und die Entstehung und Vernichtung von Geld zu hören.
Leider wurde ich enttäuscht.
Stell dir ein vereinfachtes Modell vor, sagte er, mit dir und der Bank. Die Bank leiht dir 100#; dadurch entsteht das Geld erst (das ist korrekt, und auch seine korrekten Ausführungen zur Zentralbank lasse ich hier der Einfachheit halber weg). Es gibt also die 100# Geld und den Kredit. Am Ende musst du aber, wegen der Zinsen, 105# zurück zahlen. So viel Geld gibt es aber gar nicht! Du kannst dir die 5# natürlich auch von der Bank leihen, aber dann leihst du dir im Laufe der Zeit immer mehr von der Bank, und die Not, das Geld zurück zu zahlen, zwingt zu Wachstum. Deswegen, so seine Zusammenfassung, zwinge der Zins zu Wachstum.
Es gibt viele Menschen, die wie er denken. Seine Geschichte hört sich zunächst ja auch äußerst plausibel an. Aber wie so oft in der Ökonomie verbirgt sie einen Denkfehler dadurch, dass nicht der gesamte Geldkreislauf berücksichtigt wird. Um das gesamte Bild zu sehen, müssen wir das Modell etwas erweitern.
Zunächst hilft es, sich zu überlegen, dass niemand einen Kredit aufnehmen würde, wenn es nur eine Bank und eine einzige weitere Person gäbe. Kredite werden aufgenommen, um zu handeln. In unserem ersten Anlauf für ein seriöseres Modell gibt es deshalb den Kapitalisten K, die Bank und die (in eine einzige Person zusammengefassten) Arbeiter A.
Der Kapitalist ist Fabrikbesitzer und nimmt einen Kredit über 100# auf, um den Monatslohn der Arbeiter zu bezahlen. Diese geben ihren Lohn wiederum im Laufe eines Monats aus, um die von ihnen produzierten Dinge dem Kapitalisten ab zu kaufen. (Intelligente Kapitalismuskritik setzt an diesem Punkt an, aber das ist eine andere Geschichte.)
Am Ende des Monats muss K seinen Kredit bedienen. Dazu gehört, dass er die Zinsen darauf bezahlen muss. Da K aber sowieso einen neuen Kredit für den Lohn des nächsten Monats aufnehmen würde, steigt nur die Höhe des Kredits, ohne dass eine Zahlung geschieht. Das folgende Diagramm zeigt die Kontostände und die Höhe des Kredits im Verlauf der Zeit:
In der Grafik sieht man, wie die Arbeiter A zu Beginn der Periode ihren Lohn ausbezahlt bekommen, und wie er im Verlauf einer Periode zurück zum Kapitalisten K fließt. Der Kredit scheint im Laufe der Zeit unbegrenzt zu wachsen. Auch die vermutete Lücke zwischen den Kontoständen und der Kredithöhe ist zu sehen. In Wirklichkeit ist die Grafik aber schlicht falsch.
Das liegt daran, dass im Modell der Banker B fehlt. Denn der Banker B hat am Ende der ersten Periode bereits einen Zinsgewinn von 5# gemacht. Dieses Geld hat er nun auf seinem eigenen, privaten Konto, und er wird es im Verlauf der Zeit ausgeben, indem er beim Kapitalisten einkaufen geht. In Wirklichkeit sieht das Bild also so aus:
Wir sehen sofort, dass zu jedem Zeitpunkt die Summe der Kontostände gleich der Höhe des Kredits ist. Im Gegensatz zum Bild davor haben wir dieses Mal keinen Buchhaltungsfehler gemacht. Wir sehen auch sofort, dass der Kredit zwar noch ein wenig wächst, aber er wächst nicht mehr ins Unermessliche.
Um genau zu sein wächst der Kredit tatsächlich immer noch in jeder Periode wegen des Zinses. Das Wachstum ist aber durch eine geometrische Reihe beschränkt. Wenn unser Beispiel in alle Ewigkeit weiter laufen würde, würde der Kredit immer kleiner als 105,27# bleiben. Man kann das leicht nachrechnen, wie ich im Anhang an diesen Beitrag zeigen werde.
Fazit: Der Protagonist aus dem Anfang dieses Beitrags kann nicht Recht gehabt haben, weil insgesamt betrachtet genug Geld vorhanden ist, so dass die Kredite trotz Zinsen beschränkt bleiben.
Es ist zwar fraglich, ob der Banker die ca. 5,26#, die er langfristig zu Beginn jeder Periode erhält, in irgendeinem moralischen oder ethischen Sinne "verdient" hat. Schließlich kommt er in den Genuss der von den Arbeitern produzierten Dinge, obwohl er nichts "reales" geleistet, sondern nur irgendwelche Bücher geführt hat. Aber diese Verteilungsfrage ist eine andere Geschichte.
Nun mag jemand einwenden, dass die Realität nicht so sauber ist wie unser kleines Modell. Der Kapitalist K erhält zwar langfristig genügend Geld, aber vielleicht nicht zur richtigen Zeit. Tatsächlich ist es kaum denkbar, dass alle Kredite gleichzeitig vollständig getilgt werden. Aber erstens will das sowieso niemand, und zweitens ist das kein Problem des Zinses, sondern ein Problem der Verteilung des Geldes.
Selbst wenn es in unserem Modell keinen Zins gäbe könnte der Kapitalist am Ende einer Periode seinen Kredit nicht tilgen, wenn die Arbeiter ihren Lohn nicht wieder ausgeben. Sobald die Arbeiter zu sparen beginnen, fehlt dem Kapitalisten am Ende der Periode Geld. Dann muss er entweder einen höheren Kredit aufnehmen, oder er muss Arbeiter entlassen, damit er zu Beginn der nächsten Periode nicht so viel Lohn bezahlen muss.
Was als Problem des Zinses wahrgenommen wird ist also in Wirklichkeit ein Problem der ungleichen Verteilung und des Sparens. Damit will ich übrigens das Sparen nicht pauschal verteufeln. Die Realität des Sparens ist subtil, aber das ist eine andere Geschichte.
Und woher kommt nun der "Wachstumszwang"? Ich persönlich glaube nicht daran, dass es einen Wachstumszwang gibt. Die (unangenehme?) Wahrheit ist, dass es viele Menschen gibt, die (zumindest abseits von Sonntagsreden und Stammtischgeschwätz) Wachstum wollen -- teils aus Profitgier, teils weil sie das Wachstumsmantra unreflektiert nachplappern, teils weil sie der Überzeugung sind, dass wir unseren Lebensstandard mit Wachstum weiter verbessern könnten. Mit Zinsen hat das alles nichts zu tun.
Anhang: Die korrekte Modellrechnung
Wir gehen davon aus, dass der Kapitalist K am Anfang jeder Periode 100# an die Arbeiter A auszahlen will. Dazu nimmt er von der Bank einen Kredit auf. Im Laufe einer Periode zahlen die Arbeiter ihren gesamten Lohn zurück an K, und auch der Banker B gibt all sein Geld aus. Am Ende der Periode zahlt K seinen Kredit samt Zinsen zurück, nimmt aber direkt einen neuen Kredit auf, um den Teil der Zinsen, den er nicht bezahlen kann, zu decken. Alle Zinsen gehen an den Banker.
Die Höhe des Kredits C ist am Anfang 0. Am Anfang der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe C:
Ich lasse die Kontostände der Arbeiter weg, da sie immer nur zwischen 0 und 100 oszillieren. Am Ende der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe:
Der Kapitalist bezahlt nun den Kredit zurück unter Berücksichtigung der Zinsen:
Zu Beginn der zweiten Periode wird der Kredit um 100# erhöhte, um den Lohn der Arbeiter zu stellen:
Wir sehen also, dass der Kontostand des Kapitalisten am Ende jeder Periode genau ausreicht, um den Kredit ohne Zinsen zu bezahlen. Deswegen steigen die Zinsen im Laufe der Zeit gemäß einer geometrischen Reihe:
Der Grenzwert dieser geometrischen Reihe ist
Leider wurde ich enttäuscht.
Stell dir ein vereinfachtes Modell vor, sagte er, mit dir und der Bank. Die Bank leiht dir 100#; dadurch entsteht das Geld erst (das ist korrekt, und auch seine korrekten Ausführungen zur Zentralbank lasse ich hier der Einfachheit halber weg). Es gibt also die 100# Geld und den Kredit. Am Ende musst du aber, wegen der Zinsen, 105# zurück zahlen. So viel Geld gibt es aber gar nicht! Du kannst dir die 5# natürlich auch von der Bank leihen, aber dann leihst du dir im Laufe der Zeit immer mehr von der Bank, und die Not, das Geld zurück zu zahlen, zwingt zu Wachstum. Deswegen, so seine Zusammenfassung, zwinge der Zins zu Wachstum.
Es gibt viele Menschen, die wie er denken. Seine Geschichte hört sich zunächst ja auch äußerst plausibel an. Aber wie so oft in der Ökonomie verbirgt sie einen Denkfehler dadurch, dass nicht der gesamte Geldkreislauf berücksichtigt wird. Um das gesamte Bild zu sehen, müssen wir das Modell etwas erweitern.
Zunächst hilft es, sich zu überlegen, dass niemand einen Kredit aufnehmen würde, wenn es nur eine Bank und eine einzige weitere Person gäbe. Kredite werden aufgenommen, um zu handeln. In unserem ersten Anlauf für ein seriöseres Modell gibt es deshalb den Kapitalisten K, die Bank und die (in eine einzige Person zusammengefassten) Arbeiter A.
Der Kapitalist ist Fabrikbesitzer und nimmt einen Kredit über 100# auf, um den Monatslohn der Arbeiter zu bezahlen. Diese geben ihren Lohn wiederum im Laufe eines Monats aus, um die von ihnen produzierten Dinge dem Kapitalisten ab zu kaufen. (Intelligente Kapitalismuskritik setzt an diesem Punkt an, aber das ist eine andere Geschichte.)
Am Ende des Monats muss K seinen Kredit bedienen. Dazu gehört, dass er die Zinsen darauf bezahlen muss. Da K aber sowieso einen neuen Kredit für den Lohn des nächsten Monats aufnehmen würde, steigt nur die Höhe des Kredits, ohne dass eine Zahlung geschieht. Das folgende Diagramm zeigt die Kontostände und die Höhe des Kredits im Verlauf der Zeit:
In der Grafik sieht man, wie die Arbeiter A zu Beginn der Periode ihren Lohn ausbezahlt bekommen, und wie er im Verlauf einer Periode zurück zum Kapitalisten K fließt. Der Kredit scheint im Laufe der Zeit unbegrenzt zu wachsen. Auch die vermutete Lücke zwischen den Kontoständen und der Kredithöhe ist zu sehen. In Wirklichkeit ist die Grafik aber schlicht falsch.
Das liegt daran, dass im Modell der Banker B fehlt. Denn der Banker B hat am Ende der ersten Periode bereits einen Zinsgewinn von 5# gemacht. Dieses Geld hat er nun auf seinem eigenen, privaten Konto, und er wird es im Verlauf der Zeit ausgeben, indem er beim Kapitalisten einkaufen geht. In Wirklichkeit sieht das Bild also so aus:
Wir sehen sofort, dass zu jedem Zeitpunkt die Summe der Kontostände gleich der Höhe des Kredits ist. Im Gegensatz zum Bild davor haben wir dieses Mal keinen Buchhaltungsfehler gemacht. Wir sehen auch sofort, dass der Kredit zwar noch ein wenig wächst, aber er wächst nicht mehr ins Unermessliche.
Um genau zu sein wächst der Kredit tatsächlich immer noch in jeder Periode wegen des Zinses. Das Wachstum ist aber durch eine geometrische Reihe beschränkt. Wenn unser Beispiel in alle Ewigkeit weiter laufen würde, würde der Kredit immer kleiner als 105,27# bleiben. Man kann das leicht nachrechnen, wie ich im Anhang an diesen Beitrag zeigen werde.
Fazit: Der Protagonist aus dem Anfang dieses Beitrags kann nicht Recht gehabt haben, weil insgesamt betrachtet genug Geld vorhanden ist, so dass die Kredite trotz Zinsen beschränkt bleiben.
Es ist zwar fraglich, ob der Banker die ca. 5,26#, die er langfristig zu Beginn jeder Periode erhält, in irgendeinem moralischen oder ethischen Sinne "verdient" hat. Schließlich kommt er in den Genuss der von den Arbeitern produzierten Dinge, obwohl er nichts "reales" geleistet, sondern nur irgendwelche Bücher geführt hat. Aber diese Verteilungsfrage ist eine andere Geschichte.
Nun mag jemand einwenden, dass die Realität nicht so sauber ist wie unser kleines Modell. Der Kapitalist K erhält zwar langfristig genügend Geld, aber vielleicht nicht zur richtigen Zeit. Tatsächlich ist es kaum denkbar, dass alle Kredite gleichzeitig vollständig getilgt werden. Aber erstens will das sowieso niemand, und zweitens ist das kein Problem des Zinses, sondern ein Problem der Verteilung des Geldes.
Selbst wenn es in unserem Modell keinen Zins gäbe könnte der Kapitalist am Ende einer Periode seinen Kredit nicht tilgen, wenn die Arbeiter ihren Lohn nicht wieder ausgeben. Sobald die Arbeiter zu sparen beginnen, fehlt dem Kapitalisten am Ende der Periode Geld. Dann muss er entweder einen höheren Kredit aufnehmen, oder er muss Arbeiter entlassen, damit er zu Beginn der nächsten Periode nicht so viel Lohn bezahlen muss.
Was als Problem des Zinses wahrgenommen wird ist also in Wirklichkeit ein Problem der ungleichen Verteilung und des Sparens. Damit will ich übrigens das Sparen nicht pauschal verteufeln. Die Realität des Sparens ist subtil, aber das ist eine andere Geschichte.
Und woher kommt nun der "Wachstumszwang"? Ich persönlich glaube nicht daran, dass es einen Wachstumszwang gibt. Die (unangenehme?) Wahrheit ist, dass es viele Menschen gibt, die (zumindest abseits von Sonntagsreden und Stammtischgeschwätz) Wachstum wollen -- teils aus Profitgier, teils weil sie das Wachstumsmantra unreflektiert nachplappern, teils weil sie der Überzeugung sind, dass wir unseren Lebensstandard mit Wachstum weiter verbessern könnten. Mit Zinsen hat das alles nichts zu tun.
Anhang: Die korrekte Modellrechnung
Wir gehen davon aus, dass der Kapitalist K am Anfang jeder Periode 100# an die Arbeiter A auszahlen will. Dazu nimmt er von der Bank einen Kredit auf. Im Laufe einer Periode zahlen die Arbeiter ihren gesamten Lohn zurück an K, und auch der Banker B gibt all sein Geld aus. Am Ende der Periode zahlt K seinen Kredit samt Zinsen zurück, nimmt aber direkt einen neuen Kredit auf, um den Teil der Zinsen, den er nicht bezahlen kann, zu decken. Alle Zinsen gehen an den Banker.
Die Höhe des Kredits C ist am Anfang 0. Am Anfang der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe C:
K_1 = 100, B_1 = 0, C_1 = 100Ich lasse die Kontostände der Arbeiter weg, da sie immer nur zwischen 0 und 100 oszillieren. Am Ende der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe:
K'_1 = 100, B'_1 = 0, C'_1 = 100Der Kapitalist bezahlt nun den Kredit zurück unter Berücksichtigung der Zinsen:
K''_1 = 0, B'_1 = 5, C''_1 = 5Zu Beginn der zweiten Periode wird der Kredit um 100# erhöhte, um den Lohn der Arbeiter zu stellen:
K_2 = 100, B_2 = 5, C_2 = 105K'_2 = 105, B'_2 = 0, C'_2 = 105K''_2 = 0, B''_2 = 5,25, C''_2 = 5,25K_3 = 100, B_3 = 5,25, C_3 = 105,25K'_3 = 105,25, B'_3 = 0, C'_3 = 105,25Wir sehen also, dass der Kontostand des Kapitalisten am Ende jeder Periode genau ausreicht, um den Kredit ohne Zinsen zu bezahlen. Deswegen steigen die Zinsen im Laufe der Zeit gemäß einer geometrischen Reihe:
5, 5 + 5*0,05, 5 + 5*0,05 + 5*0,05^2, ...Der Grenzwert dieser geometrischen Reihe ist
5 / 0,95 = 5,263.... Die an den Banker pro Periode zu zahlenden Zinsen bleiben also immer kleiner als 5,27#.
Montag, Mai 06, 2013
Die Verlogenheit des Hans-Werner Sinn
Leider genießt Prof. Unsinn immer noch ungerechtfertigte Anerkennung in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Zum Glück liefert der Mann mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder neue Beweise dafür, dass er nicht von einer objektiven, neutralen Position heraus argumentiert. Als Public Service Announcement und für mein eigenes Archiv will ich einen davon hier kurz dokumentieren, und zwar aus diesem Artikel hier.
Wie so gerne und so oft schreibt Prof. Unsinn darin, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer und auch Frankreichs sei das Kernproblem in der Eurokrise. Die Löhne sind dort zu schnell gestiegen, zumindest gemessen am Anstieg der Produktivität. Einmal abgesehen von der Frage, ob Wettbewerbsfähigkeit so unkommentiert, gewissermaßen als Selbstzweck akzeptiert werden sollte, steckt darin durchaus eine Menge Wahrheit. in der Tat weisen die Unsinn-Apologeten gerne darauf hin, dass das meiste, was der Mann sagt, korrekt ist.
Das Problem liegt - wie in nahezu jedem seiner Texte - darin, was der Mann verschweigt. Denn während in den Südländern die Löhne zu schnell gestiegen sind, sind sie in Deutschland viel zu langsam gestiegen. Jedem, der mit ökonomischem Verstand nach Treu und Glauben die Eurokrise analysiert muss das auffallen, besonders wenn der Blick sowieso schon auf die Lohnentwicklung gerichtet ist. Da zudem bekannt ist, dass Lohnzuwächse für eine Volkswirtschaft leichter ökonomisch zu verkraften sind als Lohnsenkungen, und die Pflicht des Handelns hier also primär bei Deutschland liegt, muss jeder, der nach Treu und Glauben über die Eurokrise schreibt, dies auch ansprechen. Aber Prof. Unsinn verschweigt es - konsequent, und seit Jahren.
Sein Verhalten ist schlicht und einfach unlauter. Der Mann müsste schon längst eine persona non grata und aus dem öffentlichen Medienbetrieb ausgeschlossen sein.
(Übrigens: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Großen Teilen der deutschen Wirtschaft ist sicherlich daran gelegen, dass in Deutschland nicht über Lohnerhöhungen diskutiert wird. Bei der Frage, ob und welche Wirtschaftsinstitute man finanziert, freut man sich bestimmt über einen linientreuen Institutsleiter...)
Wenn der Euroraum auseinander brechen sollte und das Kommentariat dann Hände ringend fragt, wie es dazu kommen konnte, werden wir die Antwort schon lange gewusst haben: Weil ihr und eure Kumpanen auf Prof. Unsinn (stellvertretend als lautester Repräsentant für eine ganze Reihe deutscher Ökonomen) gehört habt anstatt auf Leute wie Heiner Flassbeck.
Wie so gerne und so oft schreibt Prof. Unsinn darin, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer und auch Frankreichs sei das Kernproblem in der Eurokrise. Die Löhne sind dort zu schnell gestiegen, zumindest gemessen am Anstieg der Produktivität. Einmal abgesehen von der Frage, ob Wettbewerbsfähigkeit so unkommentiert, gewissermaßen als Selbstzweck akzeptiert werden sollte, steckt darin durchaus eine Menge Wahrheit. in der Tat weisen die Unsinn-Apologeten gerne darauf hin, dass das meiste, was der Mann sagt, korrekt ist.
Das Problem liegt - wie in nahezu jedem seiner Texte - darin, was der Mann verschweigt. Denn während in den Südländern die Löhne zu schnell gestiegen sind, sind sie in Deutschland viel zu langsam gestiegen. Jedem, der mit ökonomischem Verstand nach Treu und Glauben die Eurokrise analysiert muss das auffallen, besonders wenn der Blick sowieso schon auf die Lohnentwicklung gerichtet ist. Da zudem bekannt ist, dass Lohnzuwächse für eine Volkswirtschaft leichter ökonomisch zu verkraften sind als Lohnsenkungen, und die Pflicht des Handelns hier also primär bei Deutschland liegt, muss jeder, der nach Treu und Glauben über die Eurokrise schreibt, dies auch ansprechen. Aber Prof. Unsinn verschweigt es - konsequent, und seit Jahren.
Sein Verhalten ist schlicht und einfach unlauter. Der Mann müsste schon längst eine persona non grata und aus dem öffentlichen Medienbetrieb ausgeschlossen sein.
(Übrigens: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Großen Teilen der deutschen Wirtschaft ist sicherlich daran gelegen, dass in Deutschland nicht über Lohnerhöhungen diskutiert wird. Bei der Frage, ob und welche Wirtschaftsinstitute man finanziert, freut man sich bestimmt über einen linientreuen Institutsleiter...)
Wenn der Euroraum auseinander brechen sollte und das Kommentariat dann Hände ringend fragt, wie es dazu kommen konnte, werden wir die Antwort schon lange gewusst haben: Weil ihr und eure Kumpanen auf Prof. Unsinn (stellvertretend als lautester Repräsentant für eine ganze Reihe deutscher Ökonomen) gehört habt anstatt auf Leute wie Heiner Flassbeck.
Dienstag, Februar 26, 2013
Sparen und Investitionen
Etwas vehement habe ich gestern einen Blogeintrag zum Thema Vollgeld kritisiert. Diese Kritik möchte ich detaillierter erläutern, was mich zu einer Auseinandersetzung mit den kausalen Verbindungen zwischen Sparen und Investition führen wird.
Vorweg zwei Punkte, die ich nicht kritisiere. Erstens ist meine Kritik keine Kritik am Vollgeld (was wiederum nicht heißt, dass ich Vollgeld ohne Vorbehalte unterstütze; aber das Thema ist komplex und verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung in einem anderen Artikel). Zweitens bin ich durchaus glücklich darüber, dass jemand von der BaFin schreibt:
Vor allem aber suggeriert er, dass Banken Ersparnisse einsammeln um es dann für Investitionen weiter verteilen zu können. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie doch selbst Geld erschaffen können? Richtig, sie tun es nicht. Ersparnisse werden nicht für Investitionen alloziiert. Von daher ist der Satz schlicht falsch. Wahrscheinlich ist er das Resultat einer makroökonomischen Indoktrination, die durch den Sitz des Autors nahe am Zentrum des Geldwesens zwar aufgeweicht, aber noch nicht abgeworfen wurde.
Ich bin gegen solche Sätze besonders allergisch, weil sie im Kern der "intellektuellen" aber falschen Rationalisierung von Kürzungspolitik stehen. Diese beruht auf dem Glauben daran, dass sich Sparen über irgendwelche makroökonomischen Transmissionsmechanismen stark positiv auf Investitionen auswirkt.
In Wirklichkeit ist die Kausalität aber umgekehrt: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus (diese Einsicht geht wesentlich auf Kalecki zurück, siehe z.B. hier). Auf der anderen Seite sorgt ein makroökonomischer Transmissionsmechanismus dafür, dass sich Sparen tendenziell negativ auf Investitionen auswirkt.
Natürlich sind alle diese Kausalitäten nur Tendenzen, die situationsabhängig stärker oder schwächer ausfallen können.
Übrigens: Wenn ich von "Sparen" schreibe meine ich nicht nur den Fluss von Geld in das Sparschwein zu Hause oder das Sparbuch bei der Bank, sondern grundsätzlich Geldflüsse in jede Anlageform, bei der nicht real investiert wird (z.B. Kauf von Aktien oder Fondsanteilen).
Einzelwirtschaftliches Denken und die Gesamtwirtschaft
Sparen um zu investieren, das ist ein bekanntes Muster. Familien sparen, um sich eine größere Anschaffung leisten zu können. Ein potentieller Unternehmer spart womöglich, bevor er den Schritt in die Unternehmensgründung wagt. Dieses Verhalten ist real und sinnvoll, wobei man natürlich über die Worte streiten könnte. Spart der Unternehmer wirklich? Oder ändert er nicht in Wirklichkeit einfach sein Ausgabeverhalten von Konsum hin zu Investition, zumindest mittelfristig betrachtet? Aber lassen wir diese Wortklauberei einmal beiseite.
Das eigentliche Problem ist, dass diese einzelwirtschaftlichen Betrachtungen nicht auf die Gesamtwirtschaft übertragen werden können. Denn damit Sparen über gesamtwirtschaftliche Mechanismen einen positiven Effekt auf Investitionen haben kann, müsste sich das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan positiv auf die Investitionsentscheidung eines Unternehmens irgendwo anders im Land auswirken können. Wie soll das gehen? Niemand in dem Unternehmen hat jemals von X und Y gehört!
Eine kurze Geschichte vom Zins
Oben habe ich geschrieben, dass Banken selbst Geld erschaffen können und deshalb nicht Ersparnisse einsammeln um sie als Kredite für Investitionen weiter verteilen zu können. Allerdings beobachten wir, dass Banken nicht nur Anlagemöglichkeiten für Ersparnisse anbieten, sondern dafür auch noch (Guthaben-)Zinsen bezahlen. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach: Banken machen das, aber aus einem anderen Grund. Sie machen das nicht, um Kredite vergeben zu können, sondern um die mit der Kreditvergabe verbundenen Kosten zu minimieren. Denn es gibt durchaus noch ein paar Spielregeln, an die sich Banken halten müssen. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich am Zahlungsausgleich bei Überweisungen zwischen Banken beteiligen und dementsprechend im Zweifelsfall refinanzieren müssen. Banken profitieren davon, dass sie sich bei Nichtbanken meist zu besseren Konditionen refinanzieren können als bei anderen Banken oder der Zentralbank.
Aber führt deshalb das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan dazu, dass ein Unternehmen irgendwo anders im Lande sich dazu entschließt, einen Investitionskredit aufzunehmen, und diesen von einer Bank auch zugestanden bekommt? Sicherlich nicht direkt.
Es gibt einen indirekten Transmissionsmechanismus, der prinzipiell funktionieren könnte. Wenn mehr Menschen sparen wollen, so die Überlegung, dann sinkt der Refinanzierungsdruck für Banken, weshalb diese weniger Guthabenzinsen zahlen müssen. Das könnte zu einem Wettbewerb zwischen Banken führen, der auch den verlangten Kreditzins senkt. Die niedrigeren Kreditzinsen könnten Menschen dazu ermutigen, Investitionen zu tätigen.
Dieser Mechanismus ist zunächst plausibel. Die Frage ist, wie stark er wirkt. Da muss man zunächst einmal feststellen, dass die endogenen Zinsschwankungen sowieso politisch beschränkt werden: die Zentralbank steuert den Zinssatz für kurzfristige Kredite, der sich natürlich mittelfristig auch auf den Zinssatz für langfristige Kredite auswirkt. Die absolute Größe der Zinsschwankungen ist daher ohnehin sehr klein. Und wie groß ist der Einfluss von Zinsen auf Investitionsentscheidungen überhaupt? Wird ein Prozentpunkt Unterschied in Kreditzinsen nicht sowieso von Faktoren wie dem unternehmerischen Risiko, oder dem Risiko, dass der Zinssatz in Zukunft wieder steigt, dominiert?
Die Nachfrageseite
Damit die Zinsen bei unveränderter Geldpolitik durch Sparen spürbar sinken können müssen viele Menschen ihr Ausgabeverhalten deutlich ändern (oder weniger Menschen noch deutlicher). Konkret müssen sie ihre Ausgabegeschwindigkeit (gemessen in Euro pro Tag oder Monat) deutlich reduzieren. Das bedeutet aber, dass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann - und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist.
Das ist der makroökonomische Transmissionsmechanismus, über den Sparen dazu führt, dass weniger investiert wird.
Die eigentliche Frage die beantwortet werden muss ist daher: Welcher der beiden Mechanismen ist stärker? Zumindest in der heutigen Zeit, in der das Zinsniveau sowieso schon extrem niedrig ist und Investitionen begünstigen sollte, aber Investitionen angesichts niedriger Nachfrage trotzdem schwächeln, hat die Frage doch recht rhetorischen Charakter.
Fazit
Aus makroökonomischer Perspektive ist Sparen tendenziell schädlich. Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation. Ungeachtet dessen gilt:
Vorweg zwei Punkte, die ich nicht kritisiere. Erstens ist meine Kritik keine Kritik am Vollgeld (was wiederum nicht heißt, dass ich Vollgeld ohne Vorbehalte unterstütze; aber das Thema ist komplex und verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung in einem anderen Artikel). Zweitens bin ich durchaus glücklich darüber, dass jemand von der BaFin schreibt:
Banken "erschaffen" durch ihre Kreditschöpfung Geld - und zwar den überwiegenden Teil der Geldmenge. Vergibt eine Bank einen Kredit und schreibt den korrespondierenden Betrag dem Kreditnehmer auf seinem Konto gut, dann entsteht damit neues Giralgeld.Aber damit kommen wir zur Kritik. Denn auf der anderen Seite schreibt er im gleichen Blogeintrag das Folgende:
[Die Banken] funktionieren durch ihr Kreditgeschäft als Finanzintermediäre, die eine effiziente Allokation der Ersparnisse für Investitionen sicherstellen.Dieser Satz enthält viele Dinge, an denen ich teils sehr grundsätzliche Kritik üben würde, zum Beispiel am Stichwort "effizient".
Vor allem aber suggeriert er, dass Banken Ersparnisse einsammeln um es dann für Investitionen weiter verteilen zu können. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie doch selbst Geld erschaffen können? Richtig, sie tun es nicht. Ersparnisse werden nicht für Investitionen alloziiert. Von daher ist der Satz schlicht falsch. Wahrscheinlich ist er das Resultat einer makroökonomischen Indoktrination, die durch den Sitz des Autors nahe am Zentrum des Geldwesens zwar aufgeweicht, aber noch nicht abgeworfen wurde.
Ich bin gegen solche Sätze besonders allergisch, weil sie im Kern der "intellektuellen" aber falschen Rationalisierung von Kürzungspolitik stehen. Diese beruht auf dem Glauben daran, dass sich Sparen über irgendwelche makroökonomischen Transmissionsmechanismen stark positiv auf Investitionen auswirkt.
In Wirklichkeit ist die Kausalität aber umgekehrt: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus (diese Einsicht geht wesentlich auf Kalecki zurück, siehe z.B. hier). Auf der anderen Seite sorgt ein makroökonomischer Transmissionsmechanismus dafür, dass sich Sparen tendenziell negativ auf Investitionen auswirkt.
Natürlich sind alle diese Kausalitäten nur Tendenzen, die situationsabhängig stärker oder schwächer ausfallen können.
Übrigens: Wenn ich von "Sparen" schreibe meine ich nicht nur den Fluss von Geld in das Sparschwein zu Hause oder das Sparbuch bei der Bank, sondern grundsätzlich Geldflüsse in jede Anlageform, bei der nicht real investiert wird (z.B. Kauf von Aktien oder Fondsanteilen).
Einzelwirtschaftliches Denken und die Gesamtwirtschaft
Sparen um zu investieren, das ist ein bekanntes Muster. Familien sparen, um sich eine größere Anschaffung leisten zu können. Ein potentieller Unternehmer spart womöglich, bevor er den Schritt in die Unternehmensgründung wagt. Dieses Verhalten ist real und sinnvoll, wobei man natürlich über die Worte streiten könnte. Spart der Unternehmer wirklich? Oder ändert er nicht in Wirklichkeit einfach sein Ausgabeverhalten von Konsum hin zu Investition, zumindest mittelfristig betrachtet? Aber lassen wir diese Wortklauberei einmal beiseite.
Das eigentliche Problem ist, dass diese einzelwirtschaftlichen Betrachtungen nicht auf die Gesamtwirtschaft übertragen werden können. Denn damit Sparen über gesamtwirtschaftliche Mechanismen einen positiven Effekt auf Investitionen haben kann, müsste sich das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan positiv auf die Investitionsentscheidung eines Unternehmens irgendwo anders im Land auswirken können. Wie soll das gehen? Niemand in dem Unternehmen hat jemals von X und Y gehört!
Eine kurze Geschichte vom Zins
Oben habe ich geschrieben, dass Banken selbst Geld erschaffen können und deshalb nicht Ersparnisse einsammeln um sie als Kredite für Investitionen weiter verteilen zu können. Allerdings beobachten wir, dass Banken nicht nur Anlagemöglichkeiten für Ersparnisse anbieten, sondern dafür auch noch (Guthaben-)Zinsen bezahlen. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach: Banken machen das, aber aus einem anderen Grund. Sie machen das nicht, um Kredite vergeben zu können, sondern um die mit der Kreditvergabe verbundenen Kosten zu minimieren. Denn es gibt durchaus noch ein paar Spielregeln, an die sich Banken halten müssen. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich am Zahlungsausgleich bei Überweisungen zwischen Banken beteiligen und dementsprechend im Zweifelsfall refinanzieren müssen. Banken profitieren davon, dass sie sich bei Nichtbanken meist zu besseren Konditionen refinanzieren können als bei anderen Banken oder der Zentralbank.
Aber führt deshalb das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan dazu, dass ein Unternehmen irgendwo anders im Lande sich dazu entschließt, einen Investitionskredit aufzunehmen, und diesen von einer Bank auch zugestanden bekommt? Sicherlich nicht direkt.
Es gibt einen indirekten Transmissionsmechanismus, der prinzipiell funktionieren könnte. Wenn mehr Menschen sparen wollen, so die Überlegung, dann sinkt der Refinanzierungsdruck für Banken, weshalb diese weniger Guthabenzinsen zahlen müssen. Das könnte zu einem Wettbewerb zwischen Banken führen, der auch den verlangten Kreditzins senkt. Die niedrigeren Kreditzinsen könnten Menschen dazu ermutigen, Investitionen zu tätigen.
Dieser Mechanismus ist zunächst plausibel. Die Frage ist, wie stark er wirkt. Da muss man zunächst einmal feststellen, dass die endogenen Zinsschwankungen sowieso politisch beschränkt werden: die Zentralbank steuert den Zinssatz für kurzfristige Kredite, der sich natürlich mittelfristig auch auf den Zinssatz für langfristige Kredite auswirkt. Die absolute Größe der Zinsschwankungen ist daher ohnehin sehr klein. Und wie groß ist der Einfluss von Zinsen auf Investitionsentscheidungen überhaupt? Wird ein Prozentpunkt Unterschied in Kreditzinsen nicht sowieso von Faktoren wie dem unternehmerischen Risiko, oder dem Risiko, dass der Zinssatz in Zukunft wieder steigt, dominiert?
Die Nachfrageseite
Damit die Zinsen bei unveränderter Geldpolitik durch Sparen spürbar sinken können müssen viele Menschen ihr Ausgabeverhalten deutlich ändern (oder weniger Menschen noch deutlicher). Konkret müssen sie ihre Ausgabegeschwindigkeit (gemessen in Euro pro Tag oder Monat) deutlich reduzieren. Das bedeutet aber, dass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann - und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist.
Das ist der makroökonomische Transmissionsmechanismus, über den Sparen dazu führt, dass weniger investiert wird.
Die eigentliche Frage die beantwortet werden muss ist daher: Welcher der beiden Mechanismen ist stärker? Zumindest in der heutigen Zeit, in der das Zinsniveau sowieso schon extrem niedrig ist und Investitionen begünstigen sollte, aber Investitionen angesichts niedriger Nachfrage trotzdem schwächeln, hat die Frage doch recht rhetorischen Charakter.
Fazit
Aus makroökonomischer Perspektive ist Sparen tendenziell schädlich. Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation. Ungeachtet dessen gilt:
- Wer "spart", um persönlich in das eigene Unternehmen oder den eigenen Hausbau zu investieren, der spart nicht im makroökonomischen Sinne. Deswegen trifft das Fazit auf diesen Fall nicht zu.
- Ersparnisse können ökonomische Sicherheit und Freiheit ermöglichen. Von daher kann Sparen aus der persönlichen Perspektive auch dann sinnvoll sein, wenn man keine konkrete Investition plant.
- Deswegen sollte der Staat eine Wirtschaftspolitik verfolgen, die jedem Menschen das Sparen ermöglicht, aber gleichzeitig die dadurch potentiell entstehenden makroökonomischen Schäden vermeidet (mein persönlicher Favorit ist bekannt).
- Dies ist möglich und angemessen, weil ein monetär souveräner Staat nicht den gleichen Handlungsbeschränkungen unterliegt wie private Akteure, und deshalb als Symmetrie brechender Stabilisator handeln kann und sollte.
Dienstag, November 27, 2012
Die Job-Garantie, ein Jahr später
Ich bin davon überzeugt, dass Vollbeschäftigung das beste Sozialprogramm ist. Jeder, der arbeiten will soll auch problemlos eine gesellschaftlich sinnvolle und angemessen bezahlte Arbeit finden. Dadurch wächst die Freiheit in der Wahl der Arbeit, so dass langfristig unser Verständnis von Arbeit insgesamt fundamental transformiert werden kann.
Das hört sich für die meisten Menschen gut an. Leider bezweifeln viele, dass Vollbeschäftigung überhaupt erreicht werden kann. Deshalb will ich noch einmal über die Job-Garantie reflektieren, die ich vor etwas über einem Jahr schon einmal erklärt habe.
Die Grundidee der Job-Garantie ist einfach. Sie erzeugt einen Pool an offenen Stellen, der so groß ist, dass jeder eine Arbeit findet. Die Stellen werden von Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen (zum Beispiel Sportvereine, Umweltverbände und wohltätige Organisationen) ausgeschrieben und zu einem gesetzlich festgelegten Stundenlohn mit Mindestlohn-Charakter bezahlt. Die wichtigsten Fakten zur Job-Garantie sind (siehe z.B. hier):
Ich möchte auch den Unterschied zu klassischen "keynesianischen" Konjunkturprogrammen betonen. Klassische Konjunkturprogramme werden gefordert, wenn produktive Kapazitäten in der Volkswirtschaft brach liegen. Die Politik legt dabei Projekte fest, die umgesetzt werden sollen, und geht dann auf den Markt, um diese Projekte "zu kaufen". Sie legt sich also von vornherein auf die Art und die Anzahl der Projekte fest, nicht aber auf deren Preis. Wenn die Politik dabei das Angebot überschätzt, dann steigt der Preis, und das kann sich auf das allgemeine Preisniveau auswirken.
Die Job-Garantie umgeht dieses Problem, indem sich die Politik nicht auf die Art und Anzahl der Projekte festlegt, sondern auf ihren Preis. Indem der Preis - genauer: der Lohn, der für Beschäftigte in der Job-Garantie gezahlt wird - politisch festgelegt wird, können die Preise nicht überraschend ansteigen, eine Inflationsgefahr gibt es daher nicht. Diese theoretische Überlegung wird auch durch ökonometrische Simulationen belegt.
Alles in allem bietet uns die Job-Garantie einen aus ökonomischer Perspektive realistischen Weg, um Arbeitslosigkeit grundsätzlich abzuschaffen. Gleichzeitig kann sie eine positive Transformation unserer Gesellschaft auslösen, indem Arbeit, die von gesellschaftlichem Nutzen ist, auch finanziell angemessen honoriert wird.
Das hört sich für die meisten Menschen gut an. Leider bezweifeln viele, dass Vollbeschäftigung überhaupt erreicht werden kann. Deshalb will ich noch einmal über die Job-Garantie reflektieren, die ich vor etwas über einem Jahr schon einmal erklärt habe.
Die Grundidee der Job-Garantie ist einfach. Sie erzeugt einen Pool an offenen Stellen, der so groß ist, dass jeder eine Arbeit findet. Die Stellen werden von Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen (zum Beispiel Sportvereine, Umweltverbände und wohltätige Organisationen) ausgeschrieben und zu einem gesetzlich festgelegten Stundenlohn mit Mindestlohn-Charakter bezahlt. Die wichtigsten Fakten zur Job-Garantie sind (siehe z.B. hier):
- Wer arbeiten will und kann erhält von der Job-Garantie eine Stelle, unabhängig von seiner Ausbildung, seinem Lebenslauf, oder von der aktuellen wirtschaftlichen Lage.
- Die Job-Garantie gibt den Menschen eine Möglichkeit, ihren Arbeitswillen konkret zu bezeugen, und wird zudem durch Weiterbildungs-Programme begleitet. Dadurch öffnet sich für die Beschäftigten der Weg in den privaten Arbeitsmarkt, und für private Unternehmen wird es einfacher, qualifizierte Beschäftigte zu finden.
- Die Job-Garantie und der Privatsektor stehen nicht im Wettbewerb zueinander: Die Job-Garantie nimmt genau die Menschen auf, denen vom Privatsektor kein angemessener Arbeitsplatz angeboten wird.
- Im Gegensatz zu klassischen Konjunkturprogrammen gibt es bei der Job-Garantie keine Inflationsgefahr, weil der ausgezahlte Lohn gesetzlich fixiert ist.
- Die Richtlinien für die Job-Garantie - also zum Beispiel die Höhe des Lohns und die Kriterien für Ausschreibungen - werden zentral festgelegt, aber die einzelnen Stellen werden vor Ort durch die jeweiligen Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen angeboten und verwaltet.
- Die Job-Garantie wird von zentraler Stelle finanziert.
Ich möchte auch den Unterschied zu klassischen "keynesianischen" Konjunkturprogrammen betonen. Klassische Konjunkturprogramme werden gefordert, wenn produktive Kapazitäten in der Volkswirtschaft brach liegen. Die Politik legt dabei Projekte fest, die umgesetzt werden sollen, und geht dann auf den Markt, um diese Projekte "zu kaufen". Sie legt sich also von vornherein auf die Art und die Anzahl der Projekte fest, nicht aber auf deren Preis. Wenn die Politik dabei das Angebot überschätzt, dann steigt der Preis, und das kann sich auf das allgemeine Preisniveau auswirken.
Die Job-Garantie umgeht dieses Problem, indem sich die Politik nicht auf die Art und Anzahl der Projekte festlegt, sondern auf ihren Preis. Indem der Preis - genauer: der Lohn, der für Beschäftigte in der Job-Garantie gezahlt wird - politisch festgelegt wird, können die Preise nicht überraschend ansteigen, eine Inflationsgefahr gibt es daher nicht. Diese theoretische Überlegung wird auch durch ökonometrische Simulationen belegt.
Alles in allem bietet uns die Job-Garantie einen aus ökonomischer Perspektive realistischen Weg, um Arbeitslosigkeit grundsätzlich abzuschaffen. Gleichzeitig kann sie eine positive Transformation unserer Gesellschaft auslösen, indem Arbeit, die von gesellschaftlichem Nutzen ist, auch finanziell angemessen honoriert wird.
Labels:
Deutsch,
Gesellschaft,
Politik,
Vollbeschäftigung
Abonnieren
Kommentare (Atom)






