Montag, August 23, 2010

Huxley vs. Orwell

Ich bin soeben über einen humorvoll beunruhigenden Vergleich von Schöne neue Welt und 1984 in Comicform gestolpert.

Er regt zum Nachdenken an. Die Schlussfolgerung, nicht Orwell sondern Huxley habe Recht behalten, ist aber meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen. Angesichts des Terrors um Überwachung und Datensammlung hat sich "1984" immer mehr zum Symbol eines totalen Überwachungsstaates entwickelt. Dabei hat 1984 weitere wichtige Aspekte zu bieten: die perverse Umdefinierung von Begriffen, das Entfernen oder Fälschen von Geschichtsschreibung, und ganz allgemein der Einsatz manipulativer Rhetorik zur Verblendung der Gesellschaft.

Diese Techniken sind heute allgegenwärtig. Weder Huxley noch Orwell haben unsere Zeit allein richtig vorhergesehen. Vielmehr erleben wir Geschmacksproben beider Werke, wobei zum Glück noch keines der beiden vollständig eingetreten ist.

Samstag, Juli 17, 2010

Mr. Nobody

Wie ich gelesen habe, läuft Mr. Nobody seit gut einer Woche in Deutschland in den Kinos. Ich habe den Film im Januar gesehen, als er in der französischsprachigen Schweiz ins Kino kam, und vor Kurzem nun auch zum zweiten Mal.

Mr. Nobody erzählt die Geschichten von Entscheidungen im Leben und ihren Konsequenzen. Es ist schwer, einen Film auf den Punkt zu bringen, der so sehr von immer feiner werdenden Verästelungen und Zeitsprüngen lebt, und ich habe bisher keinen einzigen Film gesehen, der wirklich mit Mr. Nobody vergleichbar wäre. Am nächsten kommt wohl The Butterfly Effect, aber während dort der Spruch "das Gegenteil von gut ist gut gemeint" in immer schlimmeren Verstrickungen zu einem dramatischen Ende führt, betrachtet Mr. Nobody die vielfältigen Möglichkeiten eines Lebens in all seinen guten und schlechten Seiten von außen, mit einer gleichzeitig ernsten aber eben auch im wahrsten Sinne des Wortes kindlich optimistischen Einstellung. Es ist auch gut zu wissen, dass an meinem 108. Geburtstag die Welt zu Ende geht.

Zudem ist Mr. Nobody einfach nur schön, in Bild und Klang, und ein in meinen Augen perfektes Beispiel für ein Werk, das Film sein muss und in keinem anderen Medium vergleichbar geschaffen werden könnte. Ich lege jedem, der auch nur ein bißchen offen für Filme jenseits von Action und Romanze ist, ganz dringend ans Herz, ins Kino zu gehen und diesen Film anzusehen. Am Besten noch dieses Wochenende, natürlich in OV.

Ach ja, und noch etwas: Ich habe gesehen, dass Mr. Nobody in manchen Artikeln als Science Fiction charakterisiert wird und behauptet wird, der Film spiele im späten 21. Jahrhundert. Beides ist irreführender Unfug, der wohl von Schreiberlingen, die sich im hektischen Redaktionsalltag etwas aus den Fingern gesaugt haben, ohne den Film überhaupt gesehen zu haben, erfunden wurde.

Dienstag, Juni 22, 2010

Ausbruch der Vernunft?

Bundesinnenminister de Maizière stellte heute ein Thesenpapier zur konservativen Netzpolitik vor, und nach einer Lektüre war ich erstmal sprachlos. Internet-relevante Vorschläge, die aus dieser politischen Ecke kommen, haben sich bis jetzt ja immer vor allem dadurch hervorgetan, dass sie einfach nur dumm waren, der Volksmund würde sagen: Dumm wie Brot. Die Vorstöße strotzten nur so vor Ideen, auf die man nur kommen kann, wenn man thematisch einfach keine Ahnung hat.

Dieses neue Thesenpapier liest sich auf einmal ganz anders, ja, es ist regelrecht vernünftig. Es zeigt ein Gefühl für Augenmaß und Ausgewogenheit, das ich in der heutigen Politik fast schon für unmöglich gehalten hatte.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich in allem mit de Maizière übereinstimmen würde. Wir kommen aber an den Punkt, an dem wir nur noch verschiedener Meinung sind weil er eben konservativ (im politischen Sinn, der sich vom Wortsinn bekanntermaßen unterscheidet) ist und ich nicht. Das ist ein gigantischer Fortschritt gegenüber der bisherigen Netzpolitikrealität.

Sicher, dieses Thesenpapier bleibt eher vage und man muss nicht mit jedem Punkt vollkommen übereinstimmen, aber wenn das so bleibt kann man nur sagen: Gratuliere, Piraten, und macht weiter so! Wir haben das euch zu verdanken.

Und als ob das nicht genug wäre, gibt der gleiche de Maizière heute offiziell bekannt, dass die Linke nicht verfassungsfeindlich ist. Auch das eine sehr erfreuliche, vernünftige Erkenntnis.

Und als ob auch das immer noch nicht genug wäre, bewegt sich die Regierungskoalition womöglich auch strafrechtlich in eine vernünftige Richtung.

Zugegeben, die letzten beiden Punkte sind eher klein verglichen mit der ersten Nachricht, aber an einem Tag gleich drei erfreuliche Nachrichten aus der Berliner Politik? Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wenn die Regierung jetzt auch noch volkswirtschaftliche Kompetenz zeigen würde, müsste dringend einmal jemand in der Hölle nach dem Thermostat sehen.

Donnerstag, Juni 17, 2010

Außenansicht

Via die Nachdenkseiten bin ich über einen Kommentar von Paul Krugman gestolpert, indem er wiederholt, was in interessierten Kreisen schon länger bekannt ist: die deutsche Regierung hat zwar volkswirtschaftliche Kompetenzen, man kann ihr aber beim besten Willen nicht unterstellen, Kompetenz zu haben. Es fehlt ihr gewissermaßen die Kompetenzkompetenz, nicht zu verwechseln mit Kompetenzkompetenz.

Ambiguitätsbedingte Wortspielereien beiseite, Krugman schreibt unter anderem: "Arguing with German deficit hawks feels more than a bit like arguing with U.S. Iraq hawks back in 2002: They know what they want to do, and every time you refute one argument, they just come up with another."

Für ihn sind staatliche Sparvorhaben unverantwortlich, und er erklärt sich das Verhalten deutscher Politiker: "German deficit hawkery seems more sincere. But it still has nothing to do with fiscal realism. Instead, it’s about moralizing and posturing. Germans tend to think of running deficits as being morally wrong, while balancing budgets is considered virtuous, never mind the circumstances or economic logic."

Ob die Deutschen wirklich "sincere" sind im Gegensatz zu ihren US-amerikanischen Kollegen ist für mich persönlich etwas fragwürdig, schließlich fällt es der Regierung doch allzu leicht bei denen zu sparen, die davon am härtesten getroffen werden (und wodurch gleichzeitig noch die Binnennachfrage am stärksten abgewürgt würde - solche Politik ist auch dann dumm, wenn man überhaupt kein soziales Gewissen hat), während es beim eigenen Klientel bei vagen Allgemeinaussagen bleibt.