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Sonntag, Januar 22, 2017

Unser Wohlstand basiert auf geerbtem Wissen und aktiven Gehirnen


Vor Kurzem schrieb Stefan Pietsch einen Essay, in dem er einigermaßen frei assoziierend eine Reihe von Themen im Umfeld "Arbeit" kommentiert. Der Text ist etwas zu unfokussiert für eine umfassende Antwort, aber ich möchte ein paar Punkte ansprechen, bei denen wir nicht ganz einig sind

Ich will einmal am Ende anfangen, worauf unser Wohlstand eigentlich beruht. Wenn man sich das im historischen Vergleich überlegt, dann übersieht Pietsch einen ganz wichtigen Faktor: im Wesentlichen beruht unser Wohlstand auf den wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben und heute weiterentwickeln.

Das hat interessante Konsequenzen. Da das Wissen und die Technologien von der ganzen Menschheit geerbt wurden, kann ein Einzelner daraus resultierende Gewinne nicht ohne Weiteres für sich beanspruchen. Zwar hat der Einzelne, indem er das geerbte Wissen praktisch anwendbar macht, durchaus seinen Teil beigetragen. Diese Argumentation eignet sich aber nur zur Rechtfertigung von relativem Wohlstand im Vergleich zu anderen, die weniger zur praktischen Anwendung des geerbten Wissens beigetragen haben. Sie eignet sich nicht zur Rechtfertigung von absolutem Wohlstand, da der absolute Wohlstand eben nicht aus dem persönlichen Beitrag kommt. Dieser Widerspruch lässt sich durch eine sehr "linke" Gesetzgebung ausgleichen, die dafür sorgt, dass jeder über hohen absolute Wohlstand verfügt, auch wenn es weiterhin relative Unterschiede gibt (die dann aber natürlich geringer ausfallen).

Unser Wohlstand beruht aber natürlich nicht nur auf geerbtem Wissen. Pietsch nennt ein paar weiter Punkte, die aber nicht wirklich an die Wurzel gehen. Ganz wesentlich beruht unser Wohlstand darauf, dass ein möglichst großer Anteil der menschlichen Gehirne, die auf unserem Planeten wandeln, möglichst gut in gesellschaftliche Produktionsprozesse einbezogen und genutzt werden.

Dazu gehört natürlich die von Pietsch genannte Freiheit: Gehirne, die von sich aus Konstruktives leisten wollen, muss man machen lassen.

Dazu gehört auch, dass man Gehirne, die vielleicht nicht unbedingt von sich aus Konstruktives leisten, trotzdem dazu ermutigen. Die von Pietsch genannte Achtung des Eigentums ist ein entsprechendes Anreizsystem. Wenn man das Eigentum von dieser Perspektive aus betrachtet erkennt man aber auch sofort, dass es dabei schnell zu Tradeoffs kommt. Gerne wird ja zum Beispiel die Senkung von Spitzensteuersätzen als Anreiz begründet. Aber hier muss man doch nachhaken: wie stark ist der Anreizeffekt dieser Steuersenkungen denn nun wirklich? Und wäre es nicht besser, die Gehirne in der breiten Masse zu mobilisieren, anstatt sie womöglich noch durch die offensichtliche und steigende Ungleichheit zu demoralisieren?

Der Blick auf die aktiven Gehirne wirft auf viele politische Themen ein anderes Licht. Pietsch nennt zum Beispiel eine Selbständigenquote von etwa 23% im Deutschland Anfang der 1960er und sieht darin lobenswerte Eigeninitiative. (Er unterschlägt dabei übrigens die in seiner eigenen Quelle erkennbare Tatsache, dass der Wert bis ins Jahr 2000 in Deutschland höher lag als in den USA, obwohl diese landläufig als sehr viel unternehmerischer wahrgenommen werden. Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst selektiv ausgewählt hast.)

Ich sehe in dieser hohen Selbständigenquote aber auch Unternehmen mit durchschnittlich vier Personen. Da ist keine tiefe Spezialisierung möglich, und damit ist auch der optimalen Nutzung von Gehirnen eine gewisse Grenze gesetzt.

Ich sehe auch das Potential für Scheinselbständigkeit oder Selbständigkeit aus Not. Da wird ein großer Teil der mentalen Energie verschwendet, weil sich die Menschen mit Sorgen auseinandersetzen müssen, die ihnen von guter linker Politik genommen werden könnten.

Letztlich ist es die Einbindung möglichst vieler Menschen in produktiv-kreative Prozesse auf hohem Niveau, die für unseren Wohlstand essentiell ist. Diese Einbindung kann in Form von Unternehmertun geschehen, aber oft ist das eben auch der falsche Weg.







Mittwoch, Dezember 07, 2016

Bedingungsloses Grundeinkommen: Die Finanzierung ist nicht das Problem

Gestern hat Joerg Wellbrock auf dem Spiegelfechter einen Beitrag geschrieben, in dem er einige Kritik am Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) übt. Ich teile vieles der Kritik zumindest als Skepsis.

Aber wenn er die Finanzierung des BGE hinterfragt, steige ich aus. Er sieht ein Finanzierungsproblem, wo in Wirklichkeit keins ist. Denn der Staat, zumindest der monetär souveräne Staat, kann finanzieren was und wie viel er will. Zu glauben, ein monetär souveräner Staat könne irgendwo ein Finanzierungsproblem haben ist ungefähr so, als würde man glauben, dass beim Spiel Monopoly die Bank pleite gehen kann. Kann sie nicht - und wenn das gedruckte Geld ausgeht, dann behilft man sich eben irgendwie anders. So steht es in den Regeln.

Moment! ruft der geneigte Leser jetzt innerlich, aber ist das nicht Gelddrucken und kommt dann nicht die Inflation? Nein, Gelddrucken ist das nicht. Auch beim Monopoly-Spielen würde man das "Problem" eher nicht durch Gelddrucken lösen. Aber ja, natürlich kann Geldausgeben grundsätzlich immer zu Inflation führen, den Umständen entsprechend. Diese Möglichkeit führt ja auch Wellbrock schon als potentielles Problem des BGE an.

Aber es ist eben wichtig, dass das Potential für Inflation das einzige Problem ist. Es gibt kein Finanzierungsproblem. Vielleicht gibt es ein Inflationsproblem. Der Unterschied ist wichtig, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens geben wir den sogenannten Kreditgebern und Finanzmärkten zu viel Macht, wenn wir an ein Finanzierungsproblem glauben. Dieser Glaube führt dazu, dass unsere Politiker in Angst leben vor den sogenannten Finanzmärkten. Und weil diese so diffus sind und nicht klar definiert, gibt diese Angst dann de facto Macht an die Hohepriester bei Banken und Think Tanks, die als Interpreten des Marktwillens gelten. Neutrale Beobachter sind das auf keinen Fall, und das Wohl der breiten Bevölkerung haben die meisten von ihnen auch nicht im Blick. Wir leben aber in einer Demokratie. Deren Politik muss natürlich die Beschränkungen der Realität anerkennen, aber sie darf nicht grundlos Macht an nicht legitimierte Gruppen abgeben.

Zweitens schwingt beim Gedanken an Finanzierung und Kredite immer automatisch mit, dass das Geld zurück gezahlt werden soll, womöglich noch mit Gewinn. Effizienz ist natürlich auch für demokratische Politik ein sinnvolles Ziel, aber Profitwirtschaft darf kein Ziel sein. Außerdem gibt es gute Gründe dafür, dass der Staatsaushalt im langfristigen Mittel gar nicht ausgeglichen werden darf. Es kann vereinzelt Perioden geben, in denen ein Überschuss im Staatshaushalt sinnvoll ist. Aber im langfristigen Mittel muss ein inflationsneutraler Staatshaushalt von normalen, monetär souveränen Staaten im Defizit sein.

Besser also, wenn man erkennt, dass der Kaiser keine Kleider hat. Inflationsprobleme kann es für monetär souveräne Staaten geben, Finanzierungsprobleme nicht.

Zurück zum BGE. Ich finde das Konzept sympathisch, aber ich teile die Bedenken, dass ein BGE vermutlich wegen der Inflationsproblematik nicht so realisierbar ist, wie sich die Befürworter das wünschen. Je näher die Roboterutopie kommt, um so realitischer wird ein BGE natürlich. Ich bezweifle, dass wir heute schon so weit sind, muss aber zugeben, dass es letztlich eine empirische Frage ist, die man nur experimentell beantworten kann.

Und als kleines Nachwort noch: Die Überlegungen zum Staatshaushalt oben gehen von einem monetär souveränen Staat aus. Deutschland ist nicht mehr monetär souverän, sondern Mitglied der Eurozone. Diese hat keinen Souverän, und ich würde sagen, dass genau darin das Kernproblem der Eurozone liegt. Um die Eurozone langfristig politisch zu stabilisieren, bräuchte es einen Haushalt auf Euroebene, der wichtige Stabilisatorenaufgaben übernimmt. Dazu gehören auch Elemente des Sozialstaats, und die BGE-Befürworter täten gut daran, für ein BGE auf Euro-Ebene zu werben. Aber all das ist ein anderes Thema.

Sonntag, Januar 24, 2016

History of internet culture in acronyms

I've been on the internet for a pretty long time now. At least for me, getting on the internet back in the 90s meant making myself familiar with its "local" culture, customs and traditions. I'm sure that is still the case for many today. Curiously, I started to notice the appearance of acronyms that I wasn't familiar with, and I thought it interesting to consider how changing acronyms reflect broader changes of internet culture.

Back in the old days, a large fraction of what the internet was about was more or less serious, text-based discussion among relatively small groups. This shows in acronyms that facilitate such discussion, like AFAIK (as far as I know) or IM(H)O (in my (humble) opinion). Of course, social interactions could be rough back then as well: for every IMHO there's an IMNSHO (in my not so humble opinion), and of course there is the tradition of telling people to RTFM (read the f{ine, ucking} manual).

The acronyms that I did not recognize at first reflect an internet that has changed. MFW (my face when) reflects a culture of image reaction macros that were made possible by higher bandwidth. ICYMI (in case you missed it) certainly developed as the internet became a mass communication medium where shared stories and memes roll around. Similarly, ITT (in this thread) is a pattern where the author of a posting tries to set themselves apart from the "herd" of others in the thread, clearly a reaction to the increased size of groups and increasing anonymity in which the interactions often take place.

Montag, Juli 06, 2015

OXI zu Parallelwelten

Es sind krasse Parallelwelten, die sich in Folge der Finanzkrise in Europa aufgebaut haben. Letzte Woche wurde in den Tagesthemen kommentiert, die Griechen sollten doch bitte beim gestrigen Referendum mit Ja stimmen. Die Logik des Kommentators: Dann gebe es ein Ende (der Syriza-Regierung) mit Schrecken, statt einem Schrecken (stockende Verhandlungen) ohne Ende.

Dabei erleben die Griechen den Schrecken (Rezession) ohne Ende schon seit mehreren Jahren. Folgerichtig haben sie mit deutlicher Mehrheit Nein gesagt zu den Forderungen der Gläubigern. Womöglich ist damit ein Ende (Grexit) mit Schrecken eingeleitet - so sieht es in der Welt aus, in der ich lebe, und die sich offenbar deutlich von der jenes Kommentators unterscheidet.

Der Kommentator und ich verwenden die gleiche Redensart - "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" - und drücken damit vollkommen gegensätzliche Meinungen aus.

Das macht mir schon länger Sorgen. Denn wie überlegen haben wir uns gefühlt, als vor über 10 Jahren in den USA das öffentlich-mediale Narrativ aus dem Ruder gelaufen ist und so den Irakkrieg ermöglicht hat! Und nun passiert bei uns etwas ganz ähnliches (nur dass es wenigstens nicht in einem Krieg, sondern "nur" in der ewigen Rezession einer Volkswirtschaft durch Austeritätspolitik mündet)!

Von daher: Ganz unabhängig davon, wie es mit dem Euro weitergeht, von mir ein "Vielen Dank, ihr Griechen!" aus tiefster Seele. Denn die Griechen haben mit ihrem Mut und ihrer Standfestigkeit eine Politik gestärkt, die Europa zur Auseinandersetzung mit den blinden Flecken seiner Eliten zwingt. Die Chancen stehen besser denn je, dass wir die Parallelwelten, in denen wir leben, aufbrechen und wieder gemeinsam zur Vernunft finden können.

Mittwoch, Februar 04, 2015

Preismechanismus + Ungleichheit = Suboptimal

Märkte - eigentlich genauer: frei bewegliche Preise - sind eine schöne Sache für die Organisation von produktiver Kooperation. Aber Märkte führen nicht immer zu optimalen Ergebnissen. Ich möchte das am Beispiel von Vielleicht-Taxi-Unternehmen wie Uber, Lyft, und so weiter, die sich nicht an die Tarife des regulären Taxigewerbes binden möchten, illustrieren (und stehle damit ganz schamlos vom exzellenten Matt Bruenig, der kein mir bekanntes Pendant im deutschen Sprachraum hat).

Sagen die Ökonomen nicht, dass freie Märkte optimal sind? Nein. Das kann so pauschal auch gar nicht sein, denn "optimal" ist immer relativ zu einer Bemessungsgrundlage. Wer glaubt, dass freie Märkte optimal sind, macht damit also automatisch eine subjektive Wertung.

Was die Ökonomen sagen ist, dass flexible Preise und ein freier Markt markträumend sind. Der Umsatz wird laut Ökonomen maximiert: Damit sich zusätzliche Käufer finden, müsste der Preis sinken, und damit sich zusätzliche Verkäufer finden, müsste der Preis steigen. Ökonomen zeichnen dazu Diagramme, die so aussehen:


Die Ökonomen sagen, dass die Menschen auf Preis-Signal aus ihrer Außenwelt reagieren, also: "Das Produkt kostet X; zu diesem Preis kaufe ich Y". Außerhalb der Parallelwelt der Ökonomen wird die abhängige Variable auf der vertikalen Achse gezeichnet, weshalb es vielleicht einfacher ist, das Diagramm richtig herum zu zeichnen:


Eine zentrale Annahme fließt in das Diagramm mit hinein: Bei steigendem Preis finden sich mehr potentielle Verkäufer, aber weniger potentielle Käufer. Das ist im Allgemeinen natürlich falsch, weshalb dieses einfache Bild auch zurecht kritisiert wird. Für viele Märkte ist es aber ungefähr richtig, so auch bei den Vielleicht-Taxis, die mir als Beispiel dienen.

Aus dieser und weiteren Annahmen (z.B. dass es die gezeichneten Kurven überhaupt gibt) folgt, dass es (genau) einen Preis gibt, zu dem sich die Angebots- und die Nachfragemenge gleichen. Würde man den Preis auf einen anderen Wert festlegen (zum Beispiel per Gesetz), so würde eine geringere Menge umgesetzt, weil entweder die Angebotsmenge unter der Nachfragemenge liegt oder umgekehrt.

Unter gewissen, oft auch plausiblen Annahmen maximiert ein freier Markt also die umgesetzte Menge. Aber ist das auch optimal?

Die Frage der Zielfunktion

Um diese Frage zu beantworten muss man zuerst einmal wissen, was die Gesellschaft eigentlich erreichen will. Das ist gar nicht so einfach. Grundlage für einen Kompromiss ist sicher die Feststellung, dass die Lebensqualität der Menschen wichtig ist. Ökonomen würden von individuellen Nutzenfunktionen reden. Menschen, die durch eine Kombination von Egoismus und entweder Reichtum oder Naivität geprägt sind, würden vermutlich die Summe dieser Nutzenfunktionen maximieren wollen. Menschen, die die Argumente von Rawls und anderen überzeugend finden, würden vermutlich eher erreichen wollen, dass die minimale Lebensqualität maximal wird. Und natürlich gibt es eine weite Bandbreite dazwischen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich das Beispiel der Vielleicht-Taxi-Unternehmen untersuchen. Diese argumentieren, dass sie das Angebot an Vielleicht-Taxis erhöhen, wenn sie zu Stoßzeiten oder zu besonderen Krisenanlässen die Preise erhöhen, und dass dadurch ein für die Gesellschaft besseres Ergebnis erzielt wird als durch klassische Taxis mit festen Tarifen. Dass Letzteres im Allgemeinen falsch ist will ich an einem Beispiel illustrieren.

Sagen wir, dass sich am Beispiel-Ort (Taxingen) zur Beispiel-Zeit (2 Uhr dienstags morgens) das Angebot und die Nachfrage nach Taxi-Diensten so eingependelt hat, dass normalerweise 10 Leute eine Fahrt nachfragen und von 10 Fahrern auch bedient werden.

Jetzt kommt die Katastrophe: Vielleicht ein Unwetter, in dessen Folge plötzlich 100 Leute um diese Zeit eine Fahrt nachfragen. Nehmen wir einmal an, dass es im klassischen Taxi-Gewerbe trotzdem noch nur 10 Fahrer gibt (weil ja, der simplen Ökonomen-Logik folgend, nur der gleichbleibende Preis das Angebot bestimmt). Welche der 100 Leute erhalten die 10 Fahrten? Wer einmal in einer solchen Situation war weiß, dass es ziemlich viel mit Zufall zu tun hat.

Im Gegensatz dazu würden die Vielleicht-Taxi-Unternehmen ihre Preise anheben. Nehmen wir einmal an, dass sich dabei der Marktpreis findet (was natürlich nicht stimmt, weil auch diese Unternehmen letztlich Preise zentral steuern - aber wir können gerne so tun, als ob). Sagen wir, dass sie auf diese Weise 10 zusätzliche Fahrer auf die Straße locken können (was schon viel ist, wenn doch die Fahrer sicher auch mit dem Unwetter zu kämpfen haben...). Von den 100 Leuten, die ursprünglich eine Fahrt nachgefragt hätten, halten sich wegen des hohen Preises 80 zurück, so dass auf 20 Fahrer genau 20 verbleibende Kunden kommen. Der Markt ist geräumt, und eine größere Zahl an Fahrten hat stattgefunden.

Welche der 100 Leute erhalten die 20 Fahrten? Die 20, die bereit sind, am meisten Geld dafür zu bieten. Jetzt kommt Ungleichheit ins Spiel. Wenn alle 100 Leute gleich vermögend wären, dann könnten wir davon ausgehen, dass diejenigen, die am meisten Geld für die Fahrt bieten, auch den größten Nutzen davon erzielen. Damit wäre die Summe des Nutzens der 20 Taxifahrten auf jeden Fall größer als der erwartete Nutzen der 10 zufälligen Taxifahrten bei festen Preisen. Wenn Vermögensgleichheit herrschen würde, wäre das Ergebnis also tatsächlich besser.

Ungleichheit entkoppelt Nutzen von Geldwert

Wir leben in einer ungleichen Welt. Ein Beamter im gehobenen Dienst wird 80 Euro für eine nächtliche Taxifahrt, die sonst nur 8 Euro kostet, weg stecken können - eine auf 400 Euro-Basis angestellte Hilfskraft eher nicht, obwohl diese Hilfskraft vielleicht einen höheren Nutzen durch die Fahrt erzielen würde.

Mit dem Preismechanismus erhält besagte Hilfskraft die Fahrt garantiert nicht; ohne den Preismechanismus hat sie wenigstens eine Chance. Es ist durchaus denkbar, dass der erwartete Nutzen bei den 10 zufälligen Fahrten höher ist als bei den 20 Fahrten, die an die Meistbietenden gehen. Das erklärt übrigens auch, weshalb es gerade für ärmere Menschen durchaus rational sein kann, gegen Marktmechanismen zu sein.

Für die Verfechter von freien Märkten ergibt sich eine Zwickmühle. Entweder, sie wollen die finanzielle Ungleichheit, die sich aus ungezügelten Märkten ergibt, beibehalten. Dann müssen sie in Kauf nehmen, dass Märkte eben nicht immer die beste Antwort auf gesellschaftliche Fragen sind. Oder sie wollen die Gesellschaft wirklich marktwirtschaftlich organisieren - aber dann müssen sie in Kauf nehmen, dass aktiv gegen finanzielle Ungleichheit vorgegangen wird. Wer für die Gesellschaft optimale Institutionen will, der muss einen Kompromiss suchen.

Realistisch gesehen ist das gerade den radikalen Verfechtern von freien Märkten - Mitglieder einer gewissen neuerdings trichromen Partei, zum Beispiel - natürlich alles egal. Ihnen geht es nicht darum, gesellschaftlich optimale Institutionen zu schaffen. Sie sind einfach Überzeugungstäter, oder nur an der eigenen privilegierten Position interessiert, oder beides.

Dienstag, November 27, 2012

Die Job-Garantie, ein Jahr später

Ich bin davon überzeugt, dass Vollbeschäftigung das beste Sozialprogramm ist. Jeder, der arbeiten will soll auch problemlos eine gesellschaftlich sinnvolle und angemessen bezahlte Arbeit finden. Dadurch wächst die Freiheit in der Wahl der Arbeit, so dass langfristig unser Verständnis von Arbeit insgesamt fundamental transformiert werden kann.

Das hört sich für die meisten Menschen gut an. Leider bezweifeln viele, dass Vollbeschäftigung überhaupt erreicht werden kann. Deshalb will ich noch einmal über die Job-Garantie reflektieren, die ich vor etwas über einem Jahr schon einmal erklärt habe.

Die Grundidee der Job-Garantie ist einfach. Sie erzeugt einen Pool an offenen Stellen, der so groß ist, dass jeder eine Arbeit findet. Die Stellen werden von Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen (zum Beispiel Sportvereine, Umweltverbände und wohltätige Organisationen) ausgeschrieben und zu einem gesetzlich festgelegten Stundenlohn mit Mindestlohn-Charakter bezahlt. Die wichtigsten Fakten zur Job-Garantie sind (siehe z.B. hier):
  • Wer arbeiten will und kann erhält von der Job-Garantie eine Stelle, unabhängig von seiner Ausbildung, seinem Lebenslauf, oder von der aktuellen wirtschaftlichen Lage.
  • Die Job-Garantie gibt den Menschen eine Möglichkeit, ihren Arbeitswillen konkret zu bezeugen, und wird zudem durch Weiterbildungs-Programme begleitet. Dadurch öffnet sich für die Beschäftigten der Weg in den privaten Arbeitsmarkt, und für private Unternehmen wird es einfacher, qualifizierte Beschäftigte zu finden.
  • Die Job-Garantie und der Privatsektor stehen nicht im Wettbewerb zueinander: Die Job-Garantie nimmt genau die Menschen auf, denen vom Privatsektor kein angemessener Arbeitsplatz angeboten wird.
  • Im Gegensatz zu klassischen Konjunkturprogrammen gibt es bei der Job-Garantie keine Inflationsgefahr, weil der ausgezahlte Lohn gesetzlich fixiert ist.
  • Die Richtlinien für die Job-Garantie - also zum Beispiel die Höhe des Lohns und die Kriterien für Ausschreibungen - werden zentral festgelegt, aber die einzelnen Stellen werden vor Ort durch die jeweiligen Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen angeboten und verwaltet.
  • Die Job-Garantie wird von zentraler Stelle finanziert.
Der letzte Punkt ist besonders wichtig. Die Idee der Job-Garantie basiert unter anderem auf der Einsicht, dass es einerseits Millionen von Menschen gibt, die gerne einer sinnvollen Arbeit nachgehen würden, und dass es andererseits viele für die Gesellschaft sinnvollen Arbeiten gibt, die getan werden könnten. Das Problem ist, dass den Kommunen und gemeinnützigen Organisationen, die diese Arbeiten normalerweise durchführen würden, das Geld dazu fehlt. Die Job-Garantie überbrückt ganz gezielt diese Finanzierungslücke.

Ich möchte auch den Unterschied zu klassischen "keynesianischen" Konjunkturprogrammen betonen. Klassische Konjunkturprogramme werden gefordert, wenn produktive Kapazitäten in der Volkswirtschaft brach liegen. Die Politik legt dabei Projekte fest, die umgesetzt werden sollen, und geht dann auf den Markt, um diese Projekte "zu kaufen". Sie legt sich also von vornherein auf die Art und die Anzahl der Projekte fest, nicht aber auf deren Preis. Wenn die Politik dabei das Angebot überschätzt, dann steigt der Preis, und das kann sich auf das allgemeine Preisniveau auswirken.

Die Job-Garantie umgeht dieses Problem, indem sich die Politik nicht auf die Art und Anzahl der Projekte festlegt, sondern auf ihren Preis. Indem der Preis - genauer: der Lohn, der für Beschäftigte in der Job-Garantie gezahlt wird - politisch festgelegt wird, können die Preise nicht überraschend ansteigen, eine Inflationsgefahr gibt es daher nicht. Diese theoretische Überlegung wird auch durch ökonometrische Simulationen belegt.

Alles in allem bietet uns die Job-Garantie einen aus ökonomischer Perspektive realistischen Weg, um Arbeitslosigkeit grundsätzlich abzuschaffen. Gleichzeitig kann sie eine positive Transformation unserer Gesellschaft auslösen, indem Arbeit, die von gesellschaftlichem Nutzen ist, auch finanziell angemessen honoriert wird.

Freitag, November 18, 2011

Was ist und was sein soll

Die Funken des arabischen Frühlings und der Indignados sind weit über den Mittelmeerraum hinaus geflogen und haben in New York ein Feuer entfacht, dessen Funken in Form der Occupy-Bewegung nun wiederum bei uns angekommen sind. Ich nehme dies zum Anlass, ein paar Gedanken zu veröffentlichen, die ich vor langer Zeit aufgeschrieben habe. Seit etwa drei Jahren verwende ich eine E-Mail-Signatur, die seit einiger Zeit auch als Untertitel mein Blog ziert: Lerne, wie die Welt wirklich ist, aber vergiss niemals, wie sie sein sollte. Dies ist der Hintergrund dieser Signatur.

Jeder, der schon einmal mit politischen Protesten im weitesten Sinne in Kontakt kam, dürfte ein in der ein oder anderen Form immer wiederkehrendes Schema kennen. Ein paar "aufmüpfige junge Leute" haben eine gute, vielleicht sogar etwas revolutionäre Idee, wie die Welt aussehen oder funktionieren sollte. Sie schwingen mehr oder weniger kohärente Reden voll Idealismus und verstehen nicht, wie der Rest der Welt so blind sein kann, die Wichtigkeit ihrer Ideale nicht zu sehen.

Wenn es schwierig wird, sie zu ignorieren, geben irgendwann die im Geiste Älteren — sie sind die Vertreter des Establishments, so sehr das nach Klischee klingen mag — ihre Statements ab. Man habe ja Verständnis für das, was die jungen Leute sagen, aber ihre Ideen sind vollkommen unrealistisch. Die Proteste werden diskreditiert, indem man sie naiv nennt, und der ein oder andere mimt den alterserfahrenen Weisen, obwohl die Dinge, die er sagt, nicht weise sind, sondern einfach nur zynisch.

Das langfristige Ergebnis ist von Protest zu Protest anders. In den meisten Fällen werden die Jungen vom entgegengebrachten Widerstand einfach nur entmutigt und entpolitisiert. In einigen Fällen werden sie radikalisiert. Und manchmal bleiben sie hartnäckig, lernen dazu und setzen ihre Ideen am Ende, in der Regel in abgewandelter Form, um. Wenn dies geschieht wird die Welt meistens zu einem besseren Ort.

Hinter diesem Konflikt stehen zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen auf die Welt.

Auf der einen Seite gibt es den Blick auf die Welt wie sie ist. Dieser Blick ist essentiell um in der Welt zurechtzukommen, und jeder Mensch schult ihn mehr oder weniger bewusst sein Leben lang. Mit wachsender Erfahrung wird dieser Blick auf ganz natürliche Weise schärfer.

Auf der anderen Seite gibt es den Blick auf die Welt wie sie sein soll. Wir Menschen sind einzigartig in unserer Fähigkeit, flexibel Einfluss auf unsere Umwelt zu nehmen. Unser Erfolg als Spezies liegt darin, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Aber dazu benötigen wir einen Blick dafür, wie die Welt anders aussehen könnte um dann zu entscheiden, wie wir sie verändern wollen.

Diese beiden Sichtweisen sind Gegensätze, die sich ergänzen. Wer zu sehr nur für das schwelgt was sein soll, schätzt womöglich falsch ein, in wie weit seine Ideale überhaupt realisierbar sind, und wie sie — womöglich in angepasster Form — erreicht werden können. Wer im Gegenzug nur den Blick dafür hat, was ist, der steht der Verbesserung der Welt einfach nur im Weg. Wir müssen die beiden Sichtweisen in Einklang bringen, um langfristig erfolgreich zu sein.

Das ist leider gar nicht so einfach, weil die typische Persönlichkeitsentwicklung dem entgegensteht. Mir fällt dazu immer wieder ein Satz aus Die Fetten Jahre sind vorbei ein: "Wer unter dreißig ist und nicht links, hat kein Herz, und wer über dreißig ist und immer noch links, hat keinen Verstand". Dieser Satz ist natürlich falsch. Er ist genau die Art von Pseudoweisheit, mit der das Establishment so gerne versucht, jugendlichen Idealismus zu zerstören. Aber gerade dadurch bringt er das Problem auf den Punkt.

Wir lernen erst im Laufe unseres Lebens, die Komplexität der Welt zu verstehen. Sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen erfordert geistiges Engagement und Demut vor den Grenzen des eigenen Wissens. Trotzdem müssen wir uns dem stellen — viele meiner Texte entstehen letztlich aus diesem Prozess heraus. Die Gefahr ist aber, dass wir vor lauter Verständnis für das, was ist, plötzlich den Blick dafür verlieren, was sein soll.

Ich sehe kein einfaches Rezept um das zu verhindern, sondern kann nur immer wieder einen Rat wiederholen, der ganz besonders auch an mein zukünftiges Ich gerichtet ist: Lerne, wie die Welt wirklich ist, aber vergiss niemals, wie sie sein sollte.

Mittwoch, November 09, 2011

Die Marktlogik der Popkultur

Was haben Lady Gaga, Günter Jauch, und andere Stars gemeinsam? Sie alle verdienen mehr, als ihr Talent eigentlich wert ist.

Keine Frage: ganz talentfrei werden die wenigsten zum Star, zumindest nicht für lange. Vielleicht sind viele der Stars sogar deshalb zum Star geworden, weil sie tatsächlich zu den Besten in ihrem jeweiligen Gebiet gehören. Darauf kommt es mir aber hier nicht an. Worauf es ankommt ist ganz einfach. Es gibt viele, viele andere Menschen, die einer Lady Gaga oder einem Günter Jauch in deren jeweiligen Beschäftigungsfeld das Wasser reichen können, was das reine Talent angeht. Lady Gaga ist in dem, was sie tut, um Größenordnungen besser als ich, aber sie steht mit ihrem Talent nicht allein da. Warum verdient sie dann soviel mehr als andere Musiker?

Um es anders zu formulieren: Talent ist in praktisch jedem Bereich und in praktisch jeder Hinsicht ungefähr normalverteilt. Einkommen ist aber -- besonders in Bereichen, die im weitesten Sinne der populären Kultur zugeordnet werden können -- exponentialverteilt. Woher kommt diese Diskrepanz?

Dieses Phänomen hat mich immer wieder gewundert. Denn zum einen läuft es dem Fairness-Verständnis der meisten Menschen zuwider. Wenn Leistung angemessen bezahlt werden soll, und die Fähigkeiten der Menschen ungefähr normalverteilt sind, sollte dann nicht auch das Einkommen ungefähr normalverteilt sein?

Zum anderen stellt sich die Frage, warum eigentlich nicht der Wettbewerb auf "dem Markt" dieses Missverhältnis zwischen Leistung und Einkommen korrigiert. Was läuft da schief?

Hier ist eine Sichtweise gerade auf diese letzte Frage. Lady Gaga verkauft sich nicht auf dem Markt für Musiker. Sie verkauft sich auf dem Markt für Lady Gagas (oder Ladies Gaga?). Auf diesem Markt gibt es aber nur einen Anbieter, und dementsprechend profitiert Lady Gaga von ihrer Stellung als Monopolist. In ihrem Fall wird dieses Monopol sogar noch über das Urheberrecht staatlich gestützt.

Genauso sieht es bei Günter Jauch aus, und bei praktisch jedem anderen Star der populären Kultur, sei es im Fernsehen, im Kino, in der Musik oder sonstwo. Die Stars werden nicht für ihre Leistung bezahlt, sondern für die Marke, zu der sie entweder durch Zufall geworden sind, oder zu der sie sich ganz bewusst stilisiert haben.

Diese Dynamik ist heutzutage stärker als noch vor zweihundert Jahren. Auch damals konnten Stars ihre Marke monopolisieren, aber mit einer sehr viel kleineren Reichweite. Mangels moderner Kommunikationstechnologie gab es, im Vergleich zu heute, nur kleinere, dafür aber viel mehr "Kulturkreise", in denen sich jeweils lokale Stars etablieren konnten. Heute ist es schwieriger für Künstler, sich lokal zu etablieren, weil sie von den globalen Stars so leicht übertönt werden können. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach den wenigen Stars, die noch existieren, sehr viel größer. Die Verzerrung des Verhältnisses von Einkommen zu Talent wird also ebenfalls stärker.

Aber ist das gut oder schlecht? Und nach welchem Maßstab bewertet man das überhaupt?

Letztlich muss darauf jeder seine eigene Antwort finden. Ich persönlich finde den ganzen Zirkus zutiefst unsympathisch. Da er in vieler Hinsicht auf natürliche Weise entsteht, ja, viele Menschen es offenbar genau so und nicht anders wollen, muss man wohl damit leben. Allerdings muss man ihn nicht auch noch fördern.

Insbesondere muss man ihn nicht noch mit öffentlichen Mitteln fördern.

Vor diesem Hintergrund sollten gerade die Öffentlich-Rechtlichen Sender in sich gehen und reflektieren, ob nicht vielleicht zu viele ihrer Sendungen den Namen eines Stars im Titel haben. Sollen doch von mir aus die privaten Sender ihre Stars überbezahlen. Die Öffentlich-Rechtlichen sollten einfach Wert auf gutes Programm und gute Sendungen legen (und das bedeutet übrigens nicht einfach nur verstaubte Kultursendungen!).

Wenn dann die Schausteller oder Moderatoren dieser Sendungen im Laufe der Zeit zu Stars werden, dann ist das in Ordnung, solange die Sender sich nicht zu übertriebenen Gagen verleiten lassen.

Im Grunde ist es sogar gut, wenn die Öffentlich-Rechtlichen auf diese Weise zu einer Quelle neuer Stars werden. Dann besteht zumindest die geringe Hoffnung, dass sich die Aufmerksamkeit der Popkultur etwas weniger stark konzentriert, und dadurch die ungleiche Einkommensverteilung zumindest ein klein wenig abgeflacht werden kann.

Freitag, September 30, 2011

Die Schock-Strategie, und wie es anders geht

Es ist der Klassiker schlechthin: eine Wirtschaftskrise wird von den Reichen verwendet, um Klassenkampf zu betreiben.

Stellvertretend untertitelt zum Beispiel Nikolaus Piper in der SZ am 29.9. das "Thema des Tages" wie folgt:

Mit der Schuldenkrise verliert Europa seine Rolle als Vorbild: Das Modell des Sozialstaats gerät in Misskredit

Auch im Rest des Artikels wird insinuiert, dass die aktuelle Schuldenkrise in der Eurozone irgendwas mit den sowieso schon zurückgefahrenen Sozialstaaten in Europa zu tun habe. Unsere neoliberale Elite frohlockt über die Gelegenheit, unter diesem und ähnlichen Vorwänden die sozialen Netze weiter zu zerfleddern und die wirtschaftlichen Ungleichheiten zu vergrößern.

Aber was ist die Wahrheit? Lassen wir uns einmal aus der Perspektive von Modern Monetary Theory zusammenfassen:

  1. Der private Sektor will netto finanzielles Vermögen sparen, sei es aus reiner Lust am Horten, zum Aufbau einer "Kriegskasse" im Fall von Unternehmen, oder für die Altersvorsoge (übrigens, zum Thema Vermögen: ein Blick auf die Vermögensuhr kann ab und zu nicht schaden).

    Finanziellem Vermögen muss per Definition immer irgendwo eine finanzielle Schuld gegenüberstehen. Wenn der private Sektor netto im Plus sein soll, dann muss rein rechnerisch entweder das Ausland oder der Staat im Minus sein. Staatsschulden sind also zunächst einmal eine gute Sache, weil sie den Aufbau von privatem Geldvermögen ermöglichen.

  2. In jedem gut funktionierenden Geldsystem gibt es genau einen großen Herausgeber von öffentlichen Anleihen - und zwar die Regierung, die das jeweilige Geldsystem betreibt. In den USA ist das deren Bundesregierung, in Schweden ist es die Regierung in Stockholm, und so weiter. Der Rest der öffentlichen Anleihen, der von Kommunen und Bundesländern herausgegeben wird, macht einen deutlich kleineren Teil aus. Zudem greift die jeweils nächstgrößere Instanz im Zweifelsfall helfend unter die Arme. Beides sorgt für Stabilität.

  3. In der Eurozone gibt es im Gegensatz dazu 17 konzeptionell gleichrangige Herausgeber von öffentlichen Anleihen. Deshalb war die Eurozone von Anfang an labil.

    Sobald hinreichend große Anleger einen Anlass sehen, ihr Vermögen von einem Herausgeber von Anleihen zu einem anderen zu verschieben, lösen sie dadurch eine Änderung der Preise der Anleihen und damit der Yields aus. Dadurch muss dann der betroffene Staat auf neue Anleihen einen höheren Zinssatz bezahlen. Das wiederum erhöht dessen Defizit, und es wird von höheren Ausfallwahrscheinlichkeiten gemunkelt. Das wiederum ist für Anleger ein neuer Anlass, ihr Vermögen von den Anleihen dieses Staates hin zu einem anderen Herausgeber von Anleihen zu verschieben, und der Kreis schließt sich.

    Ein anfänglicher Impuls kann also in einen Teufelskreis ausarten, für den es keine Dämpfung gibt. Der erste größere Schock, den die Eurozone erlebt hat, hat genau diese Dynamik losgetreten.
Dieser grundlegende Konstruktionsfehler der Eurozone hat überhaupt nichts mit dem Sozialstaat zu tun, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Aber diese Feststellung reich nicht aus. Wenn man immer nur gegen einen Mythos wettert (in diesem Fall der Mythos, der Sozialstaat habe zur Eurokrise geführt) gibt man ihm womöglich nur noch mehr Brennstoff.

Eine positive Botschaft muss also auch sein. Wie kann man den grundlegenden Konstruktionsfehler wirklich beheben?

  1. Da das eigentliche Problem ist, dass dem Großteil des privaten finanziellen Vermögens heutzutage Anleihen von 17 verschiedenen Herausgebern gegenüberstehen, muss zukünftig eben ein großer, zentraler Herausgeber diese Rolle übernehmen. Es kann sich dabei um europäische Anleihen handeln, es könnten aber auch einfach Passiva der EZB sein (also Reserven).

    Ja, richtig, es ist durchaus plausibel, dass zukünftig der größte Teil des Netto-Geldvermögens in Form von Reserven bei der EZB gehalten wird anstatt in Anleihen. Immerhin bezahlt die EZB auch Zinsen auf Reserven, der Unterschied zu Anleihen ist also ohnehin eher oberflächlich.

  2. Der zentrale Unterschied zwischen diesem Vorschlag und Eurobonds ist, dass bei Eurobonds nach wie vor die Euro-Staaten Schuldner sind. Ich dagegen bevorzuge den Weg der weitgehenden Entschuldung der Euro-Staaten ohne Zahlungsausfall, bei dem die Schulden einfach in eine zentrale Bilanz verschoben werden, weil das ehrlicher und einfacher ist.

    Außerdem erleichtert es den Weg hin zum Aufbau einer fiskalpolitisch schlagkräftigen Gemeinschaftsregierung. Ohne eine solche Regierung ist es schwierig, die Wirtschaftskrise, die sich unter der Schuldenkrise versteckt, zu bekämpfen.

  3. Auf dem Weg hin zu diesem Ziel gibt es zwei große Fragen. Erstens: Wie gelingt die Umstellung? Zweitens: Wenn die Umstellung erst einmal gelungen ist, wie kann dann dafür gesorgt werden, dass es auch so bleibt?

  4. Die Umstellung gelingt, indem man Schritt für Schritt beim Rollover der Staatsschulden diese nicht durch neue Staatsanleihen ersetzt. Bisher läuft der Rollover so: alte Anleihen laufen aus und werden durch den jeweiligen Staat zurückgezahlt. Ungefähr gleichzeitig werden in einer Auktion neue Anleihen ausgegeben.

    Dieser Prozess wird ersetzt durch: alte Anleihen laufen aus und werden mit Geld zurückgezahlt, das direkt von einer Euro-zentralen Instanz überwiesen wird. Diese Euro-zentrale Instanz könnte zum Beispiel die EZB sein, die die nötigen Reserven einfach "per Knopfdruck" bereitstellt.

    Natürlich muss irgendwie dafür gesorgt werden, dass das gerecht abläuft, zum Beispiel indem das Volumen für diesen neuen Prozess auf einen bestimmten Betrag pro Kopf beschränkt wird (ein Bezug auf das BIP wäre gegenüber den Menschen in wirtschaftlich schwächeren Staaten ungerecht).

  5. Stellen wir uns nun eine hypothetische Zukunft vor, in der sagen wir 70% der öffentlichen Schulden durch eine zentrale Instanz herausgegeben werden. Wie kann dafür gesorgt werden, dass das so bleibt?

    Der private Sektor will typischerweise netto finanzielle Vermögen aufbauen. Langfristig ist es schwierig, dies gegenüber dem externen Sektor zu tun. Also müssen die öffentlichen Schulden langfristig steigen, und 70% der Neuschulden müssen von der zentralen Instanz kommen, um den Status Quo zu erhalten. Aber wer entscheidet, wie viel und wofür das Geld, das diesen Schulden gegenübersteht, ausgegeben werden soll?

    Ich denke, dass dies letztlich höchst politische Entscheidungen sind und sein müssen. Automatismen, zum Beispiel solche die ans BIP gekoppelt sind, taugen wenig. Schließlich sind 3% Defizit bezogen aufs BIP in vielen Staaten heute viel zu wenig, während prinzipiell - in ferner Zukunft - Zeiten auf uns zukommen könnten, in denen bereits ein ausgeglichener Haushalt gegen die Inflationsbarriere stößt, und ein staatlicher Überschuss wirtschaftlich am sinnvollsten wäre.

    Es sind also politische Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen, die der entsprechenden Legitimation bedürfen. Ja, ich wiederhole mich, aber im Grunde darf diese Macht nur beim Europäischen Parlament (evtl. beschränkt auf MEPs aus der Eurozone) liegen. Dieses kann dann die politische Entscheidung treffen, entweder selbst Geld auszugeben, oder Geld an die Mitgliedsstaaten zu verteilen, damit diese das notwendige Defizit erzielen können, ohne dass es zu Ungleichgewichten bei der Zusammensetzung der öffentlichen Schulden kommt.

  6. Ach ja, und lasst gefälligst den Internationalen Währungsfonds aus dem Spiel. Einmischung durch den IWF hat noch niemandem wirklich gut getan. Er hat keine Legitimation, um in der Eurozone mitzumischen, und wir brauchen ihn auch nicht.
Es gibt noch mehr zu tun, als ich angesprochen habe. Mit einer Umstrukturierung der öffentlichen Schulden kann nämlich die zugrunde liegende Wirtschaftskrise nicht beendet werden. Dafür muss das deutsche Lohndumping beendet werden, und die Eurozone braucht einen kräftigen Konjunkturimpuls, zum Beispiel über eine Job-Garantie. Genauso ist es eine gute Idee, die Umverteilung von Einkommen und Vermögen wieder etwas zurück zu drehen, indem stark progressive Einkommenssteuern (auch auf Kapitalerträge!) und Vermögenssteuern eingeführt oder ausgeweitet werden. Aber diese Maßnahmen alleine können den fundamentalen Konstruktionsfehler der Eurozone eben auch nicht beheben: es braucht beides.

Am wichtigsten aber bleibt, dass wir denjenigen, die die Schuldenkrise nutzen wollen, um den Sozialstaat abzubauen, Paroli bieten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, und diese so sinnvolle und hart erkämpfte Institution muss erhalten bleiben.

Dienstag, September 13, 2011

Erbschaftssteuer und Machtverhältnisse

Seit langem erstaunt mich, dass wir als Gesellschaft zwar die Vererbung politischer Macht weitgehend überwunden haben, aber die Vererbung wirtschaftlicher Macht nicht hinterfragen. Gerade angesichts des Ideals, dass die eigene Position in der Gesellschaft primär durch die eigene Leistung begründet sein sollte, ist Erbschaft ein hoch problematisches Konzept. Ab einem gewissen Freibetrag sollte eine ziemlich hohe und progressive Erbschaftssteuer, also eine Erbschaftssteuer, bei der der Steuersatz mit wachsendem Erbe steigt, eigentlich selbstverständlich sein.

Natürlich kann man die Erbschaftssteuer nicht ganz isoliert betrachten. Ist sie zu hoch, wird sie womöglich durch Schenkungen vor dem Tod hintergangen. Trotzdem halte ich es für wichtig, dass einerseits der rein vererbten Finanzmacht ein Riegel vorgeschoben wird, und andererseits Firmen im Laufe der Generationen zum Gemeinschaftsbesitz werden.

Denn einerseits gibt es zwar positive Beispiele von Unternehmerfamilien, die über mehrere Generationen einen mittelständischen Betrieb sinnvoll weiterführen. Deshalb bin ich auch nicht für eine vollständige Enteignung im Erbfall. Andererseits muss auch die Tatsache anerkannt werden, dass eine erfolgreiche Firmengeschichte nicht im Vakuum entsteht, sondern durch das gesellschaftliche und regionale Umfeld erst ermöglicht wird.

Deswegen, so mein ursprünglicher Gedanke, sollte ein Großteil der Besitzrechte in öffentlich-rechtliche Stiftungen überführt werden, die politisch kontrolliert werden, z.B. gerade bei kleineren Betrieben durch kommunale Regierungen. Diese dienen, da sie von den Bürgern gewählt werden, als Mittler des politischen Willens bei der Verwaltung von Gemeinschaftsbesitz.

In einem Interview mit Sahra Wagenknecht habe ich nun eine weitere gute Idee dazu gelesen. Sie schlägt vor, den Besitz in eine Stiftung zu überführen, die von der Belegschaft selbst kontrolliert wird. Es gibt einiges, das dafür spricht. Zum einen ist die Belegschaft ein ganz zentraler Grund für den Erfolg eines Betriebs, weshalb es nur logisch ist, ihr über diesen Mechanismus einen noch konkreteren Einfluss zu geben. Andererseits ist damit garantiert, dass der Einfluss fachfremder Außenseiter auf die Firmenpolitik nicht zu groß werden kann. Das so typische Phänomen des generischen Managers, der von der konkreten Tätigkeit des Betriebs keine Ahnung hat und deshalb dumme Entscheidungen trifft, kann also vermieden werden. Das führt langfristig nicht nur zu gerechterem, sondern auch zu effizienterem Wirtschaften.

Es gibt natürlich trotzdem noch Gründe, die für die erste, politikgebundene Variante sprechen, und ich bin mir nicht sicher, welche davon nun wirklich die Bessere ist. Vielleicht ist ja auch eine Mischung denkbar. Sicher bin ich mir aber darin, dass beides besser ist als der Status Quo. Ein graduelles Verschieben der Machtverhältnisse über eine hohe Erbschaftssteuer erscheint mir der beste Weg zu einer effizienteren und menschlicheren Wirtschaftsform.

Mittwoch, August 31, 2011

Konfrontation oder Kooperation mit Arbeitslosen

Wenn jede Arbeitskraft in jedem Jahr genau einen Monat arbeitslos wäre, dann hätten wir, wie man leicht nachrechnen kann, eine Arbeitslosenrate von etwas mehr als 8%. Und wir hätten keine sozialen Probleme, die durch Arbeitslosigkeit entstehen.

Sicher, unsere Gesellschaft würde 8% des Arbeitspotentials verschwenden, und darüber sollte man sich ab und zu Gedanken machen. Aber einen Monat lang arbeitslos zu sein ist in der Regel kein Problem. Man kann diesen Monat zur Arbeitssuche nutzen und hat mehr Zeit für Familie und Urlaub.

In der Praxis bedeutet 8% Arbeitslosigkeit aber, dass die meisten Menschen Arbeit haben, während ein kleinerer Teil (nämlich 8% der Arbeitskräfte) über einen sehr langen Zeitraum arbeitslos ist. Das ist ein schwerer Schlag für die Betroffenen, einerseits wirtschaftlich wegen des fehlenden Einkommens, vor allem aber psychisch.

Für die meisten Menschen ist es peinlich, keine Arbeit zu finden. Sie reden im Allgemeinen nicht gerne darüber. Menschen sind aber auch sehr gut darin, sich mit unangenehmen Situationen abzufinden und sich einzubilden, dass sie es gar nicht anders wollen. So ist es nur verständlich, wenn einzelne Langzeitarbeitslose irgendwann sagen, dass sie mit ihrer Arbeitslosigkeit zufrieden sind. Sich dies nicht einzureden wäre für sie einfach zu schmerzhaft.

In der Praxis verteilen sich 8% Arbeitslosigkeit auch sehr unterschiedlich auf verschiedene Regionen und Milieus. Wenn die Arbeitslosenrate insgesamt bei 8% liegt, dann wird sie in einigen regional-sozialen Milieus über 20% oder noch höher liegen.

In diesen Milieus kann der Scham-Effekt dann relativ schnell aussterben. Wenn im Bekanntenkreis jeder Fünfte schon seit längerer Zeit keine Arbeit findet, dann wird Arbeitslosigkeit zur Normalität. Und dann verringern sich womöglich die Anstrengungen, die die Arbeitslosen innerhalb des Milieus bringen um wieder einen Job zu finden. Auf dieses Weise kann ein soziales Milieu durch eine anfangs erhöhte Arbeitslosigkeit in einen Teufelskreis abrutschen.

Konfrontation oder Kooperation?

Es ist heutzutage in der Mode, daraufhin bestenfalls die Achseln zu zucken, normalerweise aber die Betroffenen zu beschimpfen. Sollen sie sich doch mehr anstrengen, dann würden sie schon Arbeitsplätze finden! Diese Haltung ist äußerst ignorant.

Erstens ist hohe Arbeitslosigkeit immer auch ein makro-ökonomisches Phänomen an dem die Betroffenen selbst nichts ändern können. Wenn die Gesamtnachfrage nun mal zu gering ist um genügend Arbeitsplätze in der Wirtschaft insgesamt bereitzustellen, dann können die Arbeitslosen daran nichts ändern. Die "Tale of 100 Dogs and 95 Bones" illustriert dies mit einer anschaulichen Parabel.

Zweitens geht diese Haltung an der sozialen Realität der Betroffenen vollkommen vorbei. Ihre Lebenserfahrung ist nun einmal, dass es eben nicht einfach ist, einen Job zu finden, und dass Arbeitslosigkeit außerdem ein Normalzustand ist. Schöne Reden ändern daran nichts, und daher verpuffen Moralpredigten angesichts der realen Umstände wirkungslos.

Will man ganzen Milieus aus der Arbeitslosigkeitsspirale wirksam heraus helfen, dann muss man diese realen Umstände verändern. Konkret bedeutet das: Es muss für die Betroffenen einfacher werden, Arbeit zu finden.[1]

Erst wenn es für die Betroffenen wieder einfach genug ist, einen respektablen Job zu finden, kann es für sie peinlich werden, arbeitslos zu sein. Die Scham kann erst dann langsam zurückkehren, wenn sich die erfahrene Realität lange genug und signifikant genug verändert hat. Und wie macht man es einfach genug, einen Job zu finden? Die Antwort ist offensichtlich: indem man neue Jobs schafft.

Die Frage ist also: Wenn alle Beteiligten nur gewinnen können, indem man direkt neue Arbeitsplätze schafft - die Arbeitslosen, weil sie aus ihrer Situation herauskommen, und der Rest der Gesellschaft, weil er die Arbeitslosen nicht mehr unterstützen muss - warum wird es dann nicht getan?

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal (und anderswo) erzählt werden soll.

[1] Eine typische egoistische Reaktion auf diese Einsicht ist: "Wieso soll es den Arbeitslosen leicht gemacht werden? Ich habe mich doch auch angestrengt!" Aber auch diese Denkweise greift zu kurz. Wenn es für die jetzigen Arbeitslosen einfacher wird, einen Job zu finden, dann wirkt sich das natürlich auch für alle anderen positiv aus. Obwohl das eigentlich offensichtlich sein sollte erwähne ich es explizit, weil leider erfahrungsgemäß viele Menschen nicht so weit denken.

Freitag, März 04, 2011

Benzin ist zu billig

Eine merkwürdige Debatte zieht durch das Autoland Deutschland. Wegen Regulierung, die eine verstärkte Beimischung von Ethanol in Benzin fordert als Schritt in Richtung Unabhängigkeit von Erdöl, gibt es eine neue Benzinsorte mit Namen "E10". Vor dieser fürchten sich die Deutschen scheinbar, und tanken deshalb lieber eine deutlich teurere Super-Variante.

Es gibt sicher vieles, worüber man in diesem Kontext diskutieren kann. Die Anti-Regenerative-Energien-Lobby wird sicherlich versuchen, von der Verwirrung zu profitieren. Es gibt vermutlich auch einige Aspekte, die wirklich diskussionswürdig sind.

Aber all das wird überschattet von einer klaren Erkenntnis, die wir durch die Tatsache, dass die Debatte überhaupt geführt wird, gelernt haben: Benzin ist in Deutschland immer noch zu billig. Wenn so viele Menschen ohne Not auf eine teurere Benzinsorte umschwenken, dass dadurch mancherorts das Angebot knapp wird, dann bedeutet das, dass noch sehr viel Spielraum ist für eine Anhebung der Ökosteuer im Interesse der Umwelt. Dieser Spielraum sollte ausgenutzt werden (aus makroökonomischen Gründen sollte im Gegenzug z.B. die Mehrwertsteuer gesenkt werden; es geht mir hier nicht um Haushaltspolitik, sondern um Steuerpolitik im Sinne des Verbs "steuern").

Sonntag, Februar 20, 2011

Die Unwucht in der deutschen Politik

Es war im Jahr 2009, als zuerst die Umfrageergebnisse und dann das Ergebnis der Bundestagswahl so manchen Deutschen an seinem Verstand zweifeln ließen. Die FDP feierte ein Rekordergebnis, und das, obwohl gerade die gesamte Welt eine Rezession erleidete, die ganz wesentlich durch die reale Umsetzung der politischen Ideale der FDP verschärft worden war. Nur ein Jahr später war die Normalität dann wieder zurückgekehrt, zumindest bei der FDP. Stattdessen feiern inzwischen die Grünen Höhenflüge, über die man sich auch wundern muss. Was ist da los?

Die Parteienlandschaft in Deutschland zur Zeit ist kurios. CDU/CSU, FDP, Grüne und SPD verfolgen allesamt in ihrer tatsächlichen Politik einen weitgehend arbeiter- und angestelltenfeindlichen Kurs. Dessen Folgen für das effektive Lebensgefühl der Menschen sind in der Folge der Finanzkrise, und der sich unnötigerweise anschließenden Wirtschaftskrise, auf schmerzhafte Weise deutlich geworden, aber die vier(einhalb) genannten Parteien haben daraus nicht gelernt. Die Linke steht diesem Kurs immer noch als einzige Partei deutlich entgegen - übrigens mit wirtschaftspolitischen Positionen, die in den frühen Jahren der Bundesrepublik zum Teil auch von der CDU vertreten wurden. Logischerweise hätte ein großer Teil der Wähler eigentlich auf die Linke umschwenken und ihnen zu einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene verhelfen müssen. Nun führen aber die anderen Parteien im Schulterschluss mit den Medien und finanziell gut ausgestatteten PR-Organisationen einen massiven Propagandakrieg gegen die Linke. Dieser geht selbstverständlich nicht auf inhaltliche Positionen ein, sondern spricht mit Oberflächlichkeiten die Emotionen der Wähler an, zum Beispiel mit der angeblichen Unzuverlässigkeit der Linken. Deshalb gibt es in Deutschland viele Menschen, die ausgehend von ihrer inhaltlichen Ausrichtung eigentlich die Linke wählen müssten, aus rein emotionalen Gründen dann aber zwischen den anderen Parteien hin- und her schwappen. Die Umfragewerte der Parteien werden so extrem volatil - siehe die FDP, und womöglich im kommenden Jahr die Grünen.

Kurzer Einschub: Was ich im letzten Absatz geschrieben habe klingt für jemanden, der sich seine Meinung nur aus den deutschen Leitmedien bildet, womöglich absurd. Ich habe trotzdem keine Lust, jeden Punkt einzeln zu dokumentieren. Falls so jemand über diesen Artikel stolpern sollte, bitte ich einfach darum, die Möglichkeit anzuerkennen, dass es so sein könnte wie ich schreibe, um dann die politischen Nachrichten aus dieser Perspektive zu lesen. Ein regelmässiger Blick auf die NachDenkSeiten kann auch nicht schaden.

Das also ist mein Erklärungsansatz für die Merkwürdigkeiten, die zur Zeit die deutsche Parteienlandschaft durchziehen: Die vier(einhalb) alten Parteien haben auf ganzer Linie dabei versagt, eine Politik im Interesse des Volkes zu entwerfen oder gar umzusetzen. Massive PR - Propaganda - verhindert die Wirksamkeit der fünften Partei als Korrektiv. Das Wählerverhalten wirkt dadurch zunehmend irrational.

(Faszinierende Synchronizität am Rande: Während dieser Text vor sich hin gärt, erscheint ein ganz analoger Kommentar von Albrecht Müller.)

Voraussagen sind schwierig, ganz besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Trotzdem kann es amüsant sein, einige möglichen Szenarien für die Zukunft zu entwerfen, in die die Instabilität des Systems münden könnte:

1. Eine der vier(einhalb) Parteien könnte den Wink mit dem Zaunpfahl endlich verstehen und auf eine arbeiter- und angestelltenfreundliche Politik umschwenken. Wachsender Wohlstand und reduzierte Ungleichheit wären die Folge, und diese Partei hätte gute Chancen, sich auf absehbare Zeit als stärkste politische Kraft in Deutschland zu verankern.

2. Es gelingt der Linken, den Propagandakrieg für sich zu entscheiden und auf Bundesebene eine Regierungsbeteiligung zu erreichen. Noch ist nicht klar, ob es ihnen dann auch gelingen würde, eine bessere Politik umzusetzen, oder ob sie - wie die SPD unter Schröder - von arbeiter- und angestelltenfeindlichen Einflüssen unterwandert würden. Im Zweifel würde ich davon ausgehen, dass sie erfolgreich die Politik auf richtige Bahnen lenken können. Die Konsequenzen sind ähnlich wie im ersten Szenario.

3. Die im Moment herumschwappenden Wählerstimmen werden apathisch, die Wahlbeteiligung sinkt noch tiefer, als sie ohnehin schon ist. Dies erhöht mittelfristig die Stabilität der politischen Konstellationen, führt aber langfristig zu einer weiteren Verschärfung der sozialen Missstände und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Kollaps in Form von Revolution bzw. Diktatur.

4. Ein Kollaps des Euro erzwingt eine Währungsreform. Im Zuge der Reform werden - mehr Glück als politischer Verstand - wirtschaftlich positive Effekte aktiviert, die den Lebensstandard der Bevölkerung verbessern, und dadurch den politischen Unmut und die Volatilität dämpfen, obwohl die Politik nichts dazugelernt hat. Bleiben die positiven Effekte aus, so sind wir wieder in der Ausgangssituation.

5. Andere Staaten des Euro erleben einen politischen Wandel. Ihre neuen Regierungen drohen damit, den Euro zu verlassen, wenn nicht auf Euroebene eine arbeiter- und angestelltenfreundliche Politik umgesetzt wird. Von dieser würden auch deutsche Arbeiter und Angestellte profitieren, so dass die inländischen Probleme kaschiert und die Volatilität gedämpft wird.

6. Einzelne Staaten treten aus dem Euro aus. Diese Staaten würden vermutlich aufgrund nominaler Abwertung einen Aufschwung erleben, aber für Deutschland ergeben sich keine direkten positiven Effekte. Angesichts der positiveren Entwicklung in den anderen Staaten erhöht sich der politische Druck im Inland, eine bessere Wirtschaftspolitik umzusetzen, was dann ins erste Szenario münden könnte.

7. Es kommt überraschend trotz weltweiter Ausgabenkürzungen zu einem selbsttragenden Aufschwung, der die politische Inkompetenz kaschiert und die Wogen glättet.

Wie plausibel sind diese Szenarien? Hier begebe ich mich endgültig ins Land der Kaffeesatzleserei, aber alle Jubeljahre sei mir dieser Spaß gegönnt. Das erste Szenario erscheint mir angesichts der Abkapselung der deutschen Eliten von der wirtschaftlichen Realität zur Zeit ziemlich unplausibel. Auch für das zweite Szenario habe ich wenig Hoffnung. Das vierte Szenario ist unwahrscheinlich, weil das europäische Währungssystem rein institutionell sehr solide ist und durchaus in der Lage ist, mit Phänomenen wie Bankruns, die früher einmal ein Problem waren, umzugehen.

Das fünfte und sechste Szenario sind kurzfristig unplausibel, weil die europäischen Regierungschefs noch zu sehr von neoliberalen Ideen durchsetzt sind, teils weil sie selbst genauso stolz auf ihre zerstörerische Politik sind wie die deutsche Bundesregierung, teils weil sie in einer Angststarre gefangen sind. Allerdings sind sowohl die Bereitschaft zum Aufstand als auch der objektive Leidensdruck der Bevölkerungen anderer Staaten oft deutlicher höher als in Deutschland, mit teilweise über 20% Arbeitslosigkeit. Dementsprechend plausibel sind diese Szenarien mittel- bis langfristig.

Gerne würde ich mich vom siebten Szenario überraschen lassen, aber es entstammt eher den Wunschträumen der Mainstream-Kommentatoren als einem nüchternen Blick auf die Situation, z.B. hier oder hier (faszinierend ist dabei, dass fast alle Kommentatoren schreiben, diese schlechten Nachrichten wären "überraschend". Dass die Wirtschaft unter dem Sparkurs der Regierungen leidet ist alles andere als überraschend für jemanden, der die Zusammenhänge richtig versteht). Bleibt das dritte Szenario: ein tristes Hinabgleiten in Inkompetenz, bis es zu einem großen Knall kommt. Das erscheint mir leider recht plausibel, weil es konsistent ist mit einer naiven Extrapolation der aktuellen Politik.

Ich gebe zu, dass ich ein sehr düsteres Bild der Zukunft zeichne. Aber es liegt in diesem Bild auch eine Hoffnung verankert. Es liegt an uns, darauf hinzuarbeiten, das eins der ersten beiden Szenarien eintritt. Dazu möchte ich alle Leser auffordern, sich erstens ein wenig mit den volkswirtschaftlichen Hintergründen auseinanderzusetzen, die zu einem soliden Verständnis der Situation helfen, und sich zweitens politisch zu engagieren, durch direkte Aktivität in existierenden Parteien oder mit Briefen an und direkten Gesprächen mit Abgeordneten.

Konkret gibt es drei Themen, die mir als Hebel für politische Veränderung vorschweben. Erstens müssen wir das Thema Verteilung von Vermögen und Einkommen offensiv ansprechen, und zwar mit konkreten Zahlen. Es geht mir um einen Konsens, zumindest innerhalb einzelner Parteien, der ganz konkret beziffert, wie die Verteilung in Deutschland aussehen sollte: welcher Anteil des Gesamtvermögens sollte in der Hand der reichsten 20%, 5%, 1%, 0,1% liegen, welcher in der Hand der ärmsten 20%? Auf diese Fragen brauchen wir als Gesellschaft ganz konkrete Antworten. Sobald diese vorliegen, kann konstruktiv darüber geredet werden, wie diese politischen Ziele am besten erreicht werden. Übrigens: um einen kleinen Vorgeschmack darauf zu geben, was bei einer solchen Strategie passieren könnte, sei auf eine Studie aus den ja nun gar nicht als egalitär bekannten USA verwiesen.

Zweitens muss offensiv die Botschaft verbreitet werden, dass Massenarbeitslosigkeit kein gottgegebenes Schicksal ist, sondern Folge von wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen. Konzepte zur Abschaffung der Arbeitslosigkeit zumindest als Massenphänomen, zum Beispiel die von MMT-Vertretern propagierte Job Guarantee müssen wir immer wieder von Neuem ins Gespräch bringen.

Drittens, und dies ist schwieriger zu erklären, für eine langfristige Verankerung besserer Wirtschaftspolitik aber notwendig, muss die makroökonomische Rolle von Geld den Menschen erklärt werden. Es muss im kollektiven Bewusstsein verankert werden, dass Geldsysteme Massenarbeitslosigkeit verursachen können, und dass in einem Fiatgeldsystem der Geldsouverän dies sowohl verhindern als auch forcieren kann. Damit hat der Geldsouverän viel Macht, aber eben auch viel Verantwortung für das Wohl der Menschen. Dieser Gedanke wird gerade Liberalen unangenehm sein, da sie dem Staat so wenig Macht wie möglich geben wollen. Aber diese bittere Pille müssen sie schlucken: so, wie wir als Gesellschaft dem Staat aus guten Gründen ein Monopol der physischen Gewalt geben, geben wir ihm auch ein Monopol der wirtschaftlichen Gewalt - und müssen dann einfordern, dass er dieses Monopol zum Wohl der Menschen verwendet.

Diese Einsichten zu verbreiten und zu erklären klingt nach viel Arbeit, und das ist es auch. Aber in einer Demokratie bekommt nunmal jedes Volk die Politik, die es verdient hat, und schon kleine Schritte können helfen: Leserbriefe, Briefe an Abgeordnete, Diskussion mit anderen politisch Interessierten. Also packen wir's an!

Sonntag, Dezember 12, 2010

Das dreckige Geheimnis der Zentralbanker

Arbeitslosigkeit ist eines der der zentralen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das nicht immer so war (Quelle: destatis).

Was war in den 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre anders als heute? Warum gelang es damals, die Kapazität der deutschen Wirtschaft voll auszulasten, mit den bekannten positiven Folgen für die ganze Gesellschaft? Und was hat sich seitdem verändert? Können wir zu Vollbeschäftigung wie vor 40 Jahren zurückfinden? Fragen wie diese haben mich dazu gebracht, mich ernsthaft mit volkswirtschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Ich habe diese intellektuelle Reise, die ich jedem nur empfehlen kann, hier bereits teilweise dokumentiert: #1, #2, #3.

Die Zentralbanker glauben, dass Vollbeschäftigung mit Preisstabilität in Konflikt steht. Sie glauben, Vollbeschäftigung führt zwangsläufig zu erhöhter Preissteigerung, sprich Inflation, und umgekehrt sei Preisstabilität nur möglich, wenn die produktive Kapazität der Volkswirtschaft nicht ausgelastet ist und daher Menschen arbeitslos sind. Deswegen verhindern die Zentralbanken, dass Vollbeschäftigung erreicht wird.

Konkret funktioniert das so. Wenn die Konjunktur anzieht und die Zentralbanker glauben, das könnte zu unerwünscht hoher Inflation führen, dann erhöht die Zentralbank ihre Leitzinsen. Diese Erhöhung schlägt durch auf die Kosten für Kredite, was den Aufschwung abwürgt und so das Erreichen von Vollbeschäftigung verhindert.

Das ist das dreckige Geheimnis der Zentralbanker. Nun ist das natürlich kein Geheimnis, das für Wikileaks interessant wäre, man lernt das nämlich in jedem Makroökonomie-Studium - stellvertretend wird es hier in Lausanne gleich auf der ersten Folie erwähnt. Leider ist die ökonomische Allgemeinbildung eben so schlecht, dass kaum jemand davon weiß.

Ich will nun zwei Fragen nachgehen. Erstens: Angenommen, Preisstabilität und Vollbeschäftigung stehen wirklich zueinander in Konflikt - was sind die politischen Konsequenzen? Und zweitens: Gibt es diesen Konflikt wirklich?

Unabhängigkeit und Entdemokratisierung

Die Zentralbank soll unabhängig von der Politik sein, sagen die Zentralbanker seit langem. Tatsächlich haben sie es geschafft, sich weitgehend der demokratischen Kontrolle zu entziehen. Das Dumme daran ist nur, dass sie politische Entscheidungen treffen: Wenn die Konjunktur anzieht, wird gerne der Leitzins angehoben um den Aufschwung zu bremsen. Aber sollte man den Leitzins schon frühzeitig anheben? Oder sollte man damit nicht noch etwas länger warten um vom Aufschwung zu profitieren, und gegebenenfalls dafür eine etwas höhere Inflation in Kauf nehmen? Das ist eine Entscheidung, bei der verschiedene wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele gegeneinander abgewogen werden müssen. Mit anderen Worten, es ist eine politische Entscheidung, die aber heutzutage keiner parlamentarischen Kontrolle unterworfen ist. Das ist ein klares Demokratiedefizit.

Verschärft wird es durch die Tatsache, dass die Zentralbanker durch ihr Amt wirtschaftlich ausgesorgt haben. Vor Arbeitslosigkeit und ähnlichen Sorgen müssen sie sich nicht fürchten. Vermutlich haben sie nicht einmal echtes Verständnis für die tiefen sozialen und gesundheitlichen Folgen, die Arbeitslosigkeit nach sich ziehen kann. Dementsprechend tendieren sie natürlich dazu, Arbeitslosigkeit als Problem nicht ernst zu nehmen und stattdessen nur auf Preisstabilität zu achten. So kommt es, dass die Situation der breiten Bevölkerung, insbesondere die der Arbeiter und Arbeitslosen, für die Entscheidungen der Zentralbanken de facto keine Rolle spielt. Der von mir eingangs gezeigte Verlauf der Arbeitslosigkeit in Deutschland ist nicht nur, aber eben auch, eine Folge dieser politischen Entwicklung.

Es ist zwar von Vorteil, wenn die Zentralbank jederzeit entscheidungsfähig ist und nicht durch politisches Durcheinander blockiert werden kann. Aber das entbindet sie nicht von der Pflicht zur demokratischen Legitimation. Im konkreten Fall der Eurozone müsste die EZB dem Europaparlament Rechenschaft schuldig sein und an dessen Weisungen gebunden werden.

Die Unschuld der Arbeitslosen

Es ist heutzutage modisch, Arbeitslosen zu erklären, sie hätten an ihrer Lage selbst Schuld. Schließlich sei jeder seines Glückes - oder eben Pechs - Schmied, und wenn sich die Arbeitslosen nur etwas mehr anstrengen würden, würden sie auch Arbeit finden.

Das steht im krassen Gegensatz zur ökonomischen Lehre der Zentralbanker, nach der Arbeitslosigkeit notwendig ist um Preisstabilität zu ermöglichen.

Faszinierenderweise gibt es trotzdem Menschen, die beide Positionen gleichzeitig vertreten. Einerseits solle die Zentralbank für Preisstabilität sorgen, indem sie einen zu kräftigen Aufschwung verhindert und dadurch die Schaffung von Arbeitsplätzen verhindert, andererseits seien die Arbeitslosen für ihr Schicksal selbst verantwortlich. Das ist an Doppelzüngigkeit kaum zu überbieten.

Wenn Arbeitslosigkeit als Werkzeug zum Erreichen von Preisstabilität eingesetzt wird, dann muss man die Arbeitslosen, denen damit ein Opfer abgefordert wird, auch entsprechend würdigen. Das sollte für jeden, der auch nur ein Fünkchen Anstand in sich trägt, selbstverständlich sein. Aber an dieser Stelle versagt unsere Politik vollständig.

Ist Arbeitslosigkeit wirklich notwendig?

Damit kommen wir zu der Frage, was denn nun wirklich dran ist an dem Konflikt zwischen Preisstabilität und Vollbeschäftigung. Kernpunkt ist die Phillips-Kurve, eine ursprünglich rein empirische Beobachtung eines inversen Zusammenhangs zwischen Arbeitslosenquote und Lohnsteigerungen, bzw. später allgemeinen Preissteigerungen. Je höher die Arbeitslosenquote, desto geringer waren die beobachteten Preissteigerungen, und umgekehrt.

Daraus schließen die meisten Ökonomen, dass der besagte Konflikt existiert und nicht aus der Welt geschaffen werden kann. Natürlich untermauern sie diese Schlussfolgerung mit Stapeln aus formelgefülltem Papier und komplizierten Theorien, getreu dem Motto, dass derjenige, der am wenigsten zu sagen hat oft am meisten redet, aber sie begehen dabei einen sehr einfachen methodischen Fehler, der ihr Gedankengebäude wie ein Kartenhaus einstürzen lässt.

Sie nehmen nämlich an, dass bestimmte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen nicht verändert werden können.

Tatsächlich hat man angesichts einer empirischen Beobachtung wie der Phillips-Kurve zwei Möglichkeiten. Entweder, man baut darauf Gedankengebäude auf, um die Anhebung der Arbeitslosenquote (oder der Inflation) zu rechtfertigen und das Gewissen der Zentralbanker zu entlasten. Oder man macht sich Gedanken darüber, ob man die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen so verändern kann, dass Vollbeschäftigung und Preisstabilität gleichzeitig erreicht werden. Dass die meisten Ökonomen die erste Möglichkeit wählen, zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild der Profession.

Es gibt aber vereinzelte Ökonomen, die den zweiten Weg gehen. Dazu gehört der Australier Bill Mitchell, auf dessen Blog ich bereits des öfteren gelinkt habe, sowie der Amerikaner Randall Wray, dessen Buch "Understanding Modern Money" ich sehr empfehlen kann. Sie haben einen ganz konkreten Vorschlag: ein Regierungsprogramm, das unbegrenzt Arbeitsplätze bereitstellt, die den gesellschaftspolitischen Zielen und damit dem Wohl der Gesellschaft dienen.

Die Abschaffung der Massenarbeitslosigkeit

Ich werde diesem Programm, das wahlweise "Job Guarantee" (JG), "Employer of Last Resort" (ELR) oder "Basic Public Sector Work" (BPSW) genannt wird, sicher in Zukunft noch einen eigenen Eintrag widmen. Hier will ich nur kurz umreißen, wie es konkret in der Eurozone aussehen könnte. Unter diesem Programm, das mit den jeweiligen staatlichen Sozialprogrammen koexistiert, bieten die Regierungen der Eurozone jedem, der eine Arbeit möchte, eine Arbeit zu einem europaweit festgelegten Mindestlohn an.

Konkret werden auf europäischer Ebene Richtlinien ausgearbeitet, die die "ELR-Jobs" erfüllen müssen. Alle Kommunal- und Landesregierungen der Eurozone, aber auch gemeinnützige Einrichtungen, können ELR-Jobangebote gemäß dieser Richtlinien anmelden und ausschreiben. Die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit orientiert sich an den öffentlichen Aufgaben der Staaten, typisch sind z.B. Jobs in den Bereichen Pflege, Bau und Instandhaltung von Infrastruktur, etc.

Finanziert werden die Stellen zu 100% von der Europäischen Zentralbank bzw. einem noch zu schaffenden Euro-Finanz- und Arbeitsministerium. Zur Finanzierung des Programms sind weder Steuereinnahmen noch zusätzliche Staatsverschuldung notwendig, es wäre also insbesondere mit den Maastricht-Kriterien jederzeit kompatibel (so dumm diese auch sind). Wem das merkwürdig vorkommt, dem lege ich die Lektüre meiner früheren Einträge zum Thema Modern Monetary Theory nahe, insbesondere den zum Thema Staatsschulden.

Neben den ganz offensichtlichen Vorteilen dieses Programms (positive soziale Auswirkungen, geringere Kriminalität, bessere Versorgung sozialer Einrichtungen, Instandhaltung und Ausbau von Infrastruktur, etc.) gibt es signifikante volkswirtschaftliche Vorteile. So wirkt das ELR-Programm als Puffer für Beschäftigung und als antizyklischer Stabilisator. Es löst in Krisenzeiten fiskalische Impulse aus, ohne dass es Ärger mit dem Stabilitätspakt gibt.

Zudem geht von dem Programm eine preisstabilisierende Wirkung aus. Klassische Konjunkturprogramme tragen oft eine gewisse Inflationsgefahr in sich, weil der Staat dabei de facto am oberen Rand des Preis- und Lohnspektrum einkauft und so ein Preissog nach oben entstehen kann. Die Phillips-Kurve wird typischerweise über einen ähnlichen Effekt erklärt: Bei niedriger Arbeitslosigkeit können Arbeitnehmer höhere Gehälter einfordern. Wenn es Produzenten dann gelingt, die zusätzlichen Kosten auf die Preise weiterzugeben - weil entweder nicht genug Wettbewerb stattfindet oder keine Profite mehr erwirtschaftet werden - dann kann eine Preissteigerungsspirale entstehen.

Das vorgeschlagene ELR-Programm schiebt dem ein Riegel vor, da der Lohn der ELR-Jobs vom Gesetzgeber - konkret also vom Europaparlament - festgeschrieben ist. ELR kauft also Arbeit am unteren Rand des Lohnspektrums ein und agiert dadurch als Preisanker.

... und noch eine Anmerkung zum Schluss

Zugegebenermaßen habe ich in diesem Eintrag einiges vereinfacht dargestellt. Die VWL hat sich seit den Beobachtungen von Phillips weiterentwickelt, wenn auch in eine äußerst merkwürdige Richtung. Anstatt sich zu überlegen, wie Preisstabilität und Vollbeschäftigung in Einklang gebracht werden kann, hat sie große Mengen an Theorien hervorgebracht, mit deren Hilfe das destruktive Verhalten der Zentralbanken den Anschein der Legitimation erhält.

Dummerweise ignorieren diese Theorien die Erkenntnisse von Behavioural Economics weitgehend. Sie unterstellen den Menschen ein Verhalten, das so in der Realität einfach nicht zu finden ist. Ein schönes Beispiel dafür ist die Ricardian Equivalence, die unter anderem vorhersagt, dass jemand, der vom Staat einen Steuererlass bekommt, das ihm zusätzlich zur Verfügung stehende Geld unter keinen Umständen ausgeben wird. Das ist natürlich offensichtlicher Quatsch, aber trotzdem hängen ihm einige Ökonomen an.

Und selbst die, die Unfug wie die Ricardian Equivalence nicht 1:1 unterschreiben würden, kommen nicht unbedingt mit sich ins Reine. Stattdessen konstruieren sie noch kompliziertere Gedankengebäude, in denen die unsinnigen Annahmen noch besser versteckt sind, und für deren Widerlegung noch mehr ausschweifender Text nötig ist. Und auf dieses argumentative Wettrüsten lasse ich mich nicht ein, getreu dem alten Spruch: Never argue with a fool, for they will pull you down to their level and beat you with their experience.

Montag, Oktober 11, 2010

Unsichtbare Revolutionen

Welche Veränderungen des letzten Jahrhunderts haben unsere Gesellschaft am stärksten (um)geformt?

Eine spannende Frage, finde ich, mit vielen möglichen Antworten. Man kann sie aus politisch-historischer Perspektive beantworten mit den Geschehnissen, die später einmal in den Geschichtsbüchern stehen werden: die Weltkriege und der Kalte Krieg; die sozialen Veränderungen wie die Emanzipation der Frauen und die Umweltbewegung. Bei dieser Perspektive muss man allerdings aufpassen, ob man nicht womöglich Symptome und Resultate aus Versehen für Ursachen hält.

Schließlich ist die Frage nicht, in welcher Hinsicht sich unsere Geselltschäft (um)geformt hat, sondern warum sie sich (um)geformt hat.

Die meisten Menschen werden auf die Frage nach den Auslösern wahrscheinlich aus einer technischen Perspektive antworten und Erfindungen bzw. Entwicklungen wie das Auto, das Fernsehen, digitale Armbanduhren, Computer, Handys, und das Internet nennen. Das 20. Jahrhundert war auch tatsächlich ein Jahrhundert atemberaubend schneller technischer Entwicklung.

Aber dennoch bin ich von diese Antworten nicht so recht befriedigt. Es gibt andere Veränderungen, die sich langsam vollziehen und subtil, so dass wir ihrer meist nicht so recht bewusst sind und sie nicht hinterfragen. Gerade deshalb können sie aber unser Denken so vollkommen verändern, dass wir uns wenigsten ab und zu explizit mit ihnen auseinandersetzen sollten.

Heute will ich zwei Kandidaten vorstellen, von denen ich glaube, dass sie zu den wichtigsten "unsichtbaren Revolutionen" des letzten Jahrhunderts zählen.

1. Die Klaustrophobie der Menschheit

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts haben wir Fotos der Erde - und wir finden das normal! Dabei ist es ein symbolischer Höhepunkt für gleich zwei jahrhundertelange Entwicklungen.

Zum einen wurde der Menschen zunehmend aus dem Zentrum des Universums gedrängt. Viele Menschen haben mit dieser Vorstellung so ihre Schwierigkeiten.

Zum anderen leben wir heute mit dem Gefühl, dass es keine weißen Flecken auf den Landkarten mehr gibt. Die plausible Existenz von Abenteuer jenseits der Grenzen unseres Horizonts ist uns durch die moderne Technik genommen worden.

Diese Sicht ist zwar einerseits nicht wirklich richtig. Es ist ja schon ein Klischee, dass wir über die Tiefsee (anscheinend) weniger wissen als über den Weltraum. Unerkundetes gibt es also eigentlich genug, aber das vorherrschende Gefühl ist ein anderes.

Unser Verständnis von uns selbst und unserer Welt muss sich dadurch geändert haben, und ich bin mir selbst nicht ganz im Klaren wie, und ob in guter oder in schlechter Richtung. Die eingangs erwähnte Umweltbewegung nährte sich ganz sicher auch aus dem gewachsenen Bewusstsein, dass die Erde alles ist, das wir haben.

Auf der anderen Seite hatten Gesellschaften früher immer ein Ventil für ihre Hyperaktiven, indem sie sie (bestenfalls) als Entdecker oder (schlimmstenfalls) als Eroberer ins Unbekannte geschickt haben. Dieses Ventil existiert auf der Erde nicht mehr in dieser Form, und ich frage mich, ob man nicht bewusst eine Besiedlung des Weltraums auch aus diesem Grund anstreben sollte.

Natürlich würden wir auch trotz Besiedlung des Weltraums nie mehr (modulo eines vollkommenen Zusammenbruchs unserer heutigen Zivilisation) in den Zustand zurückkehren, in dem wir eine Gegend erkunden müssen, indem wir sie persönlich besuchen. Erkundungssatelliten werden in der interplanetaren Raumfahrt immer eine Rolle spielen bevor tatsächlich Siedlungen gebaut würden.

Dennoch sollten wir uns die Frage stellen: leidet die Menschheit an Klaustrophobie? Ich persönlich sehne mich tatsächlich ab und zu nach weißen Flecken auf der Landkarte, auch wenn ich intellektuell natürlich weiß, dass es im Prinzip noch genug zu entdecken gäbe. Ob es einem signifikanten Teil der Bevölkerung bewusst oder unbewusst ähnlich geht? Ich weiß es nicht - genau für solche Fragen gibt es eigentlich Geisteswissenschaften.

2. Der Mythos Wettkampf

Als ich in Fribourg auf den Joint Operations Research Days war ist mir bei einem Vortrag eines Doktoranden ein Kommentar aufgefallen, der eigentlich gar nicht mathematischer Natur war.

Der Redner meinte, wir Menschen seien im ständigen Konkurrenzkampf und Wettbewerb untereinander. In der Tat ist diese Vorstellung so weit verbreitet, dass Konkurrenzkampf nicht nur als normal gilt, sondern sogar normativ ist. Wettbewerb wird von vielen Menschen als Ziel an sich verstanden. Wer Wettbewerb und Konkurrenz hinterfragt wird höchstens milde belächelt.

Dabei ist die Vorstellung des ewigen Konkurrenzkampfs vollkommen falsch.

Ich schlage euch, meinen Lesern, hiermit ein Selbst-Experiment vor. Beobachtet euch eine Woche lang selbst und notiert bewusst, wann ihr mit anderen Menschen konkurriert, und wann eure Interaktionen mit anderen Menschen eher sozialer und kooperativer Natur sind.

Bei mir war das Ergebnis eindeutig: natürlich gibt es Konkurrenzsituationen, aber sie sind sehr deutlich in der Minderheit, verglichen mit anderen Arten der Interaktion. Ich würde wetten, dass selbst für irgendwelche Investmentbanker die klar überwiegende Mehrheit aller Interaktionen mit anderen Menschen von sozialer bzw. kooperativer Natur ist und mit Konkurrenz nichts zu tun hat.

Woher kommt also der Glaube, Konkurrenz dominiere unser aller Verhalten?

Eine wichtige Rolle spielt die banale Tatsache, dass Konkurrenz spektakulär ist. Nicht nur die Medien stürzen sich darauf, auch Wissenschaftler zieht sie in ihren Bann. Daraus entstand im letzten Jahrhundert die durchaus nützliche und interessante Spieltheorie. Darüber hat dann leider so mancher, der sich professionell mit dem Konkurrenzverhalten von Menschen beschäftigt, vergessen, dass diese Verhaltensweise in Wirklichkeit nur einen Bruchteil menschlichen Handelns ausmacht.

Verbunden hat sich das dann einerseits mit der ganz ähnlich entstandenen und ebenso absurden Vorstellung, dass der Homo oeconomicus ein vollständiges Bild der menschlichen Natur ist, und andererseits mit politischen Strömungen, die ihre Ideologien nur allzugern zur unverrückbaren Wahrheit definieren wollten.

Heraus kommt ein Weltbild, das von den Menschen verlangt, sich ständig wie in einer Konkurrenzsituation zu verhalten, obwohl das überhaupt nicht mit der menschlichen Natur zusammenpasst.

Dieses Weltbild hat sich schleichend entwickelt und unser gesamtes Denken unterwandert, und es sieht so aus, als würden wir uns dadurch mehr schaden als nützen.

Social Engineering

Es ist also wichtig zu verstehen, wie diese schleichenden Veränderungen funktionieren, wodurch sie ausgelöst werden, und welche Folgen sie haben. Aber es stellt sich auch die umgekehrte Frage: können wir solche schleichenden Veränderungen erzeugen, mit dem Ziel, bestimmte Aspekte unserer Gesellschaft zu verbessern?

Es geht also um Social Engineering - nicht zu verwechseln mit Social Engineering. Die Vorstellung davon löst sicher bei vielen Abstoßungsreflexe aus, und man muss schon ein sehr vertrockneter Technokrat sein, um dieser Idee vollkommen unkritisch gegenüberzustehen. Andererseits gibt es drei wichtige Gründe, die Abstoßungsreflexe zumindest zeitweise zu unterdrücken:

  1. Wie jede Technologie wäre auch diese stets zum Guten wie zum Bösen nutzbar.

  2. Social Engineering wird bereits in großem Stil eingesetzt, und zwar, wie ich persönlich finde, nicht gerade zu einem guten Zweck.

  3. Es gäbe einige implizite Glaubenssätze in unserer Gesellschaft, deren Veränderung vermutlich eine langfristige Besserstellung der breiten Bevölkerung zur Folge hätte.


Mit dem letzten Punkt meine ich nicht nur den bereits erwähnten Mythos des permanenten Konkurrenzkampfs, sondern zum Beispiel auch die vorherrschende Vorstellung des freien Markts, den der Staat auf jeden Fall alleine lassen muss weil sonst die Welt untergeht (oder so). Auch diese Vorstellung vom für die Gesellschaft positiven freien Markt gehört zu den unsichtbaren Revolutionen - ich habe sie eingangs nicht erwähnt, damit im Internet noch genug Platz bleibt. Dieser Post wird schließlich auch so sehr lang.

Kann man angesichts dieser - empirisch widerlegten - Vorstellung nicht etwas tun?

Es ist schwierig, einen einmal in die Welt gesetzten Mythos wieder zu entfernen. Aber vielleicht kann man ihn ja so verbiegen, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Schließlich können Märkte ja tatsächlich positive Resultate für die Gesellschaft erzielen, aber eben nur, wenn die Rahmenbedingungen richtig sind.

Über einen möglichen Weg dorthin bin ich gestolpert, als ich neulich hier einen Post geschrieben habe. Der Gedanke war dabei in etwa der folgende:

Demokratische Marktwirtschaft bedeutet: der Staat gestaltet die Märkte so, dass die Beteiligten derart gegeneinander ausgespielt werden, dass dabei das bestmögliche Resultat für die am schlechtesten gestellten Menschen im Land erzielt wird.

Durch diese Formulierung wird die Leistungsfähigkeit der Märkte nicht in Frage gestellt, eher im Gegenteil. Somit wird auch einem Hardliner der Ideologie des freien Marktes eher ermöglicht, dem Satz zuzustimmen und ihn als eigene Idee zu übernehmen. Gleichzeitig wird dieser Leistungsfähigkeit aber ein Ziel gegeben und die Idee ins Spiel gebracht, dass "der Markt" Hilfe braucht in Form eines gestaltenden Staates. Die Formulierung beinhaltet auch eine Komponente, die den Staat implizit über Firmen und Banken, gleichzeitig aber unter die Menschen stellt. Sie zementiert dadurch eine Schlüsselidee progressiven Denkens.

Ich weiß nicht, wie leicht oder schwer es wäre, diesen Satz ins Mainstream-Gedankengut einzuschleusen. Aber stellt euch einfach vor, in den Talkshowrunden Deutschlands wäre der oben zitierte Satz so selbstverständlich wie heutzutage die Vorstellung, der freie Markt würde ganz von alleine alles gut machen. Würde das nicht von ganz alleine zu einer deutlich besseren Politik führen?

Donnerstag, September 30, 2010

Überdruckventil

Wie zwei der jüngeren Posts auf diesem Blog erkennen lassen, habe ich mich in jüngerer Zeit mit der Funktionsweise von Geld beschäftigt. Außerdem bin ich begeisterter Leser der Süddeutschen Zeitung via e-Paper-Abonnement.

Diese beiden Umstände sind in den letzten Wochen zunehmend in Konflikt geraten, da beim Lesen der Zeitung recht schnell erkennbar wird, dass die darin zitierten Politiker und "Experten", aber auch die Redakteure selbst, auf der grundlegensten Ebene ganz offensichtlich nicht verstehen, wie ein modernes Fiat-Geldsystem funktioniert. Das ist insofern verständlich als sich da vor 40 Jahren ganz massiv etwas verändert hat und diese Menschen zum Großteil bei anderen Menschen gelernt haben, für die wiederum diese Umstellung zu spät im Leben kam um noch umzudenken.

Trotzdem löst es Reaktionen aus die mich dazu bewogen haben, Dampf auf einem neuen Blog abzulassen. Auf einem neuen Blog deshalb, weil ich die fast, aber nicht ganz, immer länger überdachten und meist länger editierten Beiträge hier nicht mit kurzfristig geschriebenen Kommentaren zur jeweiligen SZ des Tages verwässern möchte.

Es ist ein Experiment, und ich weiß noch nicht, wie lange ich es durchziehen werde. Normalerweise bin ich ein Mensch, dessen Zorn schnell verebbt und der schnell vergibt, aber vielleicht beiße ich mich an dem Thema ja auch fest. Wir werden sehen.

Montag, September 13, 2010

Joint Comedy

Ende letzter Woche fand in Fribourg (Vorsicht, Verwechslungsgefahr) der Schweizer Joint Operations Research Day statt, der trotz seines Namens höchstens mit Mathematik und Informatik, nicht aber mit Drogen zu tun hat. Organisiert von der Schweizer Vereinigung für Operations Research, die selbstverständlich stets auf die paritätische Sprachverteilung achtet, tummelten wir uns zwei Tage lang, eine dritte Sprache nutzend, auf bilingualem Terrain.

Auf dieser Zweitagung erzählten Forscher und Praktiker aus dem Gebiet des Operations Research über ihre Aktivitäten. Zum großen Teil war das eher unspannend, weil viele Vorträge einfach nur zum Xten Mal über eine IP- oder QP-Formulierung für Kaffeesatzleserei erzählten. Natürlich waren auch sehr schöne Vorträge zu genießen, zum Beispiel von Michael Bürgisser über eine Verbindung zwischen konvexer Optimierung und Machine Learning, genauer gesagt zum Hedge-Algorithmus, einer multiplikativen Update-Regel analog zum Weighted Majority Algorithmus.

Den Vogel abgeschossen haben zwei Figuren von IBM, die knallhart vor einem akademischen Publikum Vorträge mit "Management-Folien" durchgezogen haben. Vor dem Hintergrund von mit hunderten Worten vollgeschriebenen PowerPoint-Folien, die garantiert nie ein Mensch zuvor gelesen hatte, schwurbelten sie ihre Buzzwords durcheinander.

Das Einzige, was dabei an Botschaft durchgekommen ist, ist dass sie mit mathematischen Methoden die Einteilung ihrer Mitarbeiter auf Projekte verbessern wollen. Die inhumane Betrachtungsweise dieses legitimen Problems, die dabei durchschimmerte, übt eine gewisse soziopathische Faszination aus. Den Vortragenden ist das aber anscheinend gar nicht mehr aufgefallen, zumindest würde ich das aus der Frage- und Antwort-Session am Ende eines der Vorträge schließen. In solchen Momenten frage ich mich, ob ich nicht doch Soziologie hätte studieren sollen.

Legitim ist das geschilderte Problem insofern, als sich die beiden zwischen den Zeilen auch darüber beschwert haben, dass es für das Management schwierig ist zu wissen und zu verstehen, was IBM überhaupt weiß bzw. versteht. Wenn alle Vorträge auf Management-Ebene so aussehen wie diese Kostprobe, dann überrascht mich das wenig: solche Folien erstellt nur jemand, dem es nicht um Inhalte geht.

Insgesamt gehört dieses Phänomen wohl zu einer breiteren Strömung, die versucht, Intelligenz durch Business Intelligence zu ersetzen - so lange bis einer heult. Ich hoffe, dass dabei nicht zu viel kaputt geht.

Ich war jedenfalls sehr amüsiert angesichts dieser unfreiwillig selbstparodierenden Vorträge. Es lässt sich schwer in Worte fassen, wie bizarr diese Erfahrung war. Wer in Paderborn einmal eine Winfo-Vorlesung von Prof. Fischer besucht hat, kann sich vielleicht ein Bild davon machen.

Am Donnerstagabend waren wir zu einem opulenten Abendessen in Murten eingeladen, worüber wir erst hinterher murrten. Der Koch verstand zwar wohl sein Handwerk, nichts aber von gutem Geschmack. Ich würde jedenfalls jederzeit eine ordentliche Portion Rösti halbgekochten Aprikosen zum Fleisch vorziehen.

Ausgeglichen wurde das durch den soliden Riecher des Kochs der Uni-Mensa am Freitagmittag. Alles in allem war es eine sehr willkommene, amüsante, und nebenbei auch teils lehrreiche Ablenkung vom Alltag.

Freitag, August 27, 2010

Pseudo-Emanzipation

Update: Ich habe inzwischen eine überraschend rasche Antwort von Barbara Steffens erhalten in der sie erklärt, dass sie dies nicht gesagt habe, und ihre Aussage in dem Artikel missverständlich, da verkürzt, wiedergegeben wurde. Es tut mir leid, wenn ich jemandem mit diesem Posting auf die falsche Fährte gebracht haben sollte. Ich lasse den ursprünglichen Text der Vollständigkeit halber im Folgenden stehen, er ist aber nun mit der entsprechenden Vorsicht zu lesen.

In Nordrhein-Westfalen ist seit der Regierungsbildung Barbara Steffens (Grüne) die Ministerin für (unter anderem) Emanzipation. Die hat jetzt, laut SZ von heute (Seite 2), verlauten lassen, dass es in ihren Augen okay ist wenn nur Männer durch einen Pflichtdienst in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Zitat: "Bei aller Emanzipation, Frauen kriegen eben Kinder."

Ich verstehe einfach nicht, warum manche Menschen ein derart negatives Bild von Gerechtigkeit haben. Das ist ein Gerechtigkeitsverständnis bei dem man, um Martins Beitrag zu unserer gestrigen Mittagsdiskussion zu zitieren, in Europa Menschen hungern lässt, weil ja schließlich in Afrika auch Menschen hungern.

Pflichtdienst mit Schwangerschaft gleichzusetzen ist einfach nur zynisch. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der keine Frau unfreiwillig schwanger sein muss. Gleichzeitig beteiligen sich Männer zunehmend an der Erziehung, und der Schutz für schwangere Frauen ist erheblich. All das sind Errungenschaften, die in den letzten Jahrzehnten hart erkämpft wurden und unsere Welt besser machen.

Zumindest dieses eine Grünen-Mitglied hat da gerade innerlich mindestens 30 Jahre gesellschaftlichen Fortschritts zurückgedreht. Ich hoffe, dass diese Art von Unfug bei den Grünen nicht noch weiter verbreitet ist, von denen bin ich nämlich eigentlich Besseres gewohnt.

(Übrigens, zum Thema Sozialdienste - denn nur deshalb wird überhaupt semi-ernsthaft über Pflichtdienste geredet: All das wäre gar kein so großes Problem, wenn die Politik sich aus der selbstverschuldeten neo-liberalen Unmündigkeit befreien würde; die Kapazität an Arbeitskräften ist ja in jedem Fall da. Aber bis dahin liegt leider noch ein weiter Weg vor uns.)

Montag, August 23, 2010

Huxley vs. Orwell

Ich bin soeben über einen humorvoll beunruhigenden Vergleich von Schöne neue Welt und 1984 in Comicform gestolpert.

Er regt zum Nachdenken an. Die Schlussfolgerung, nicht Orwell sondern Huxley habe Recht behalten, ist aber meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen. Angesichts des Terrors um Überwachung und Datensammlung hat sich "1984" immer mehr zum Symbol eines totalen Überwachungsstaates entwickelt. Dabei hat 1984 weitere wichtige Aspekte zu bieten: die perverse Umdefinierung von Begriffen, das Entfernen oder Fälschen von Geschichtsschreibung, und ganz allgemein der Einsatz manipulativer Rhetorik zur Verblendung der Gesellschaft.

Diese Techniken sind heute allgegenwärtig. Weder Huxley noch Orwell haben unsere Zeit allein richtig vorhergesehen. Vielmehr erleben wir Geschmacksproben beider Werke, wobei zum Glück noch keines der beiden vollständig eingetreten ist.