Freitag, Oktober 12, 2007

Tulsa

Spät kommt er, der Blogeintrag über mein Wochenende in Tulsa, doch er kommt. Vor nicht ganz zwei Wochen sind Aissata, Ali, Lukas, Silvia und ich am Wochenende nach Tulsa gefahren. Nachdem Lukas am Wochenende zuvor den Trip vorgeschlagen hatte, weil er die Schnauze voll von Norman hatte, und ein Mietauto reserviert hatte, haben wir uns am Freitagabend getroffen, um zumindest ein kleines bißchen zu planen. An dieser Stelle viele Grüße von Lukas' heutigem und Alex' ehemaligem Mitbewohner ("I swear, this guy planned every single minute of his days!"). So wahnsinnig viel geplant haben wir dann doch nicht, da Lukas dem durch Alex entstandenen Vorurteil über Deutsche überhaupt nicht entspricht, aber am Ende hatten wir zumindest ein Motel reserviert und einen von Lukas' Geburtstagsfeier übrig gebliebenen Kuchen verdrückt.

Wir haben dann noch The Butterfly Effect aus der DVD-Sammlung des Clubhauses angeschaut und anschließend über logische Fehler oder Nichtfehler diskutiert. Ich kann den Film auf jeden Fall nur empfehlen. Am nächsten Morgen ging es dann zu (für einen Samstag) ziemlich früher Stunde in einem (für die USA) ziemlich kleinen Auto los.

Die Proviantfahrt zum Walmart haben wir gleich fleißig genutzt, um uns an Lukas' Fahrstil zu gewöhnen ("What's the speed limit again?"), der aber nach der anfänglichen Eingewöhnung eigentlich ganz angenehm war. Und beim Einschätzen des Wenderadius hätte ich auch meine Probleme gehabt...

Unsere Reise führte uns über einen Teil der ehemaligen Route 66 vorbei an einer zerfallenen Tankstelle, in deren Hinterzimmer einst nicht nur die Vegetation Blüten hervorbrachte. Für die Besitzer und damit für die Tankstelle selbst hatte diese Geschichte dummerweise kein Happy End.

Auf der Fahrt durch die Leere des Bible Belts machten wir noch einmal Rast am Lake Keystone (v.l.n.r.: Silvia, Aissata, Lukas, Ali)...

... und danach war Tulsa auch nicht mehr weit.

Tulsas Innenstadt erinnerte sehr an eine Version von 28 Days Later mit weniger Zombies, dementsprechend wenig gibt es davon zu erzählen. Zum Glück hat sich das geändert, als wir aus dem Business District raus und zur 15th Street gefahren sind. Dort hat es uns in ein selbsternanntes Café, das den Namen aber überhaupt nicht verdient hat, verschlagen. Es gibt wenige Dinge, die mich hier wirklich stören - aber es gibt zu wenige Orte an denen man nicht schräg angeschaut wird, wenn man nur etwas trinken will. Dennoch haben wir uns dort dann das letzte Viertel der Niederlage von OU gegen Colorado im Fernsehen angesehen (Football - was dachtet ihr denn?).

Am Abend war ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Casino, und wenn mich nicht nochmal jemand mitzerrt, war es auch das letzte Mal (vielleicht mache ich für Las Vegas eine Ausnahme). In einer großen Halle voller simpler Maschinen saßen die Zombies, die ich am Nachmittag so vermisst hatte, und ließen sich von "ihrer" Maschine die kümmerlichen Reste des Lebens heraussaugen. Das war zumindest mein Eindruck beim Anblick dieser Menschen, die mit leerem Gesichtsausdruck, Augen stets auf den Monitor vor sich gerichtet, nichts anderes taten als stundenlang wieder und wieder auf den "Play"-Knopf zu drücken. Vereinzelt gab es ein paar Seelen, die sich aufzubäumen schienen und ab und zu ein paar der anderen Knöpfe betätigten. Mir lief tatsächlich mehr als einmal ein Schauer über den Rücken, und ich habe mich selten so unwohl gefühlt wie in den paar Minuten im Casino. Denn viel länger war ich dort nicht, nachdem ich ein paar Fotos gemacht habe und ziemlich schnell freundlich, aber stahlhart "gebeten" wurde, die Bilder zu löschen und rauszugehen. Um ehrlich zu sein war ich froh, die (Spiel-)Hölle zu verlassen, auch wenn sich die anderen danach darüber lustig gemacht haben.

Nach viel Hin und Her haben wir den Abend dann in einem richtig gemütlichen Cafe beendet. Auf Sofas neben einem Klavier und zwischen Gemälden an den Wänden haben wir es uns bei den jeweiligen Getränken unserer Wahl gut gehen lassen und den schönen Begriff "dead dishes" kennengelernt, denn im Gegensatz zu fast allen Orten in Amerika wurde hier kein Einweggeschirr verwendet. Nur Aissata war etwas skeptisch, was ich bei ihrer merkwürdigen Mischung aus Kaffee und Soda aber auch gut nachvollziehen kann.

Am Sonntag sind wir mit einem Gummi-Raft auf dem Illinois River gefahren. Obwohl Lukas schon kurz nach Anfang gemeckert hat, der Fluß solle doch gefälligst alles für uns tun, war es eine angenehme und auch gemütliche Unternehmung, denn das Wasser war sehr ruhig abgesehen von einer Hand voll Stellen, und selbst die waren nicht wirklich spektakulär. So hatten wir mehr Zeit, uns der ein oder anderen Schildkröte zu widmen, aber diese wollten mit uns leider nichts zu tun haben.

Auf der Rückfahrt haben wir dann noch Highwayunterhaltungen kennengelernt. Da auf Highways alle im Wesentlichen gleich schnell fahren kann man hier längere Zeit nebeneinander fahren, was wir mit einem Auto voller amerikanischer Gleichaltriger ausgiebig genutzt haben. Auf Grund der Situation beschränkt sich die Kommunikation natürlich auf Gesten, Mooning, Flashing, Zeigefingerschießereien und sonstiges Theater, aber sie vertreibt wunderbar die Zeit. Leider (?) kamen unsere temporären Nachbarn nicht aus Norman, und so haben wir den letzten Teil der Reise ohne sie beschritten.

P.S.: Viele Grüße an Cynthias Mutter, die dieses Blog anscheinend gefunden hat bevor ich Cynthia das erste Mal getroffen habe.

Dienstag, Oktober 09, 2007

We are glad to help in your community

Nicht selten offenbart sich ein System ganz besonders dadurch, wie es mit Krisen umgeht, in diesem Fall mit dem Amoklauf eines Polizisten in Wisconsin. Erschreckend wie der Fall ist möchte ich doch nur auf einen nebensächlich wirkenden Aspekt hinweisen, der jedoch einiges über das politische System der USA durchblicken lässt.

Auf einen Europäer wirkt äußerst seltsam, dass es in den USA nicht eine einheitliche Polizei gibt, oder eine einheitliche Polizei pro Bundesstaat, sondern eine Polizei für jede Milchkanne, wie man in Analogie zu gewissen Nahverkehrsstrecken bei uns vielleicht sagen könnte. Dominik, einer von uns Austauschstudenten, hatte schon interessante Erfahrungen damit, als er eines abends sein Fahrrad nicht gestohlen, sondern an ein anderes, ihm fremdes Fahrrad angekettet vorfand und daraufhin einem Polizeiauto zuwinkte. Der Polizist in selbigem zeigte sich durchaus freundlich, war aber leider vom Norman Police Department - und der Ort, an dem die Fahrräder standen, fiel in den Zuständigkeitsbereich des OU Police Departments. Kurze Zeit später hatte sich dann nicht nur die Zahl der Fahrräder, sondern auch die Zahl der Polizeiautos vor Ort verdoppelt. Das klingt aus unserer Sicht skurril, aber so funktioniert das hier eben: dezentraler geht es kaum. (Dominik wurde dann übrigens von dem OU-Polizisten im zweiten Polizeiauto nach Hause gefahren, und am nächsten Tag war das zusätzliche Fahrrad von alleine verschwunden.)

Damit zurück zur ursprünglichen Geschichte. Gestern wurde auf CNN eine Presseerklärung des Attorney General von Wisconsin übertragen, in der dieser die Fakten des Amoklaufs nüchtern vorgetragen hat. Ich habe die Sendung nicht online finden können, was schade ist, da ein großer Teil aus Erklärungen bestand, welche Polizei- oder Justizbehörde auf welche Weise an dem Fall beteiligt war bzw. hinzugezogen wurde. Als den örtlichen Polizisten klar wurde, dass sie es hier mit einem der ihren zu tun hatten, haben sie das Department of Justice um "Assistance" gebeten, so die wörtliche Formulierung. Aus der Wortwahl ging hervor, dass trotz der offensichtlichen möglichen persönlichen Verstrickungen die Verantwortung nach wie vor bei der örtlichen Polizei lag und die Behörden auf Bundesstaatsebene zunächst gar nicht das Recht hatten, einzugreifen. Erst durch die Entscheidung des Sheriffs, die Angelegenheit zu übergeben - der Attorney General hat dies ganz ausdrücklich und öffentlich im Fernsehen als "verantwortungsbewußte Entscheidung" gelobt - hat sich das geändert.

Gleichzeitig hat der Attorney General mit schöner Regelmässigkeit betont, dass das Department of Justice in diesem Fall die "local community" unterstützt und den Leuten vor Ort zur Seite steht und nicht etwa einfach so von oben herab kommt. Uns wurde vor Jahren im Sozialkundeunterricht immer wieder vom Prinzip der Subsidiarität vorgepredigt, aber hier wird dieses Prinzip tatsächlich gelebt - und das ist womöglich die zentrale Erkenntnis, die man benötigt, um viele der politischen und gesellschaftlichen Merkwürdigkeiten hier zu verstehen.

Montag, Oktober 08, 2007

Texas weint

Wie bereits angekündigt war ich dieses Wochenende zum Red River Shootout und zur Texas State Fair in Dallas.

Alle Links angeschaut? Gut. Dummerweise habe ich meinen Blogeintrag über American Football (im Folgenden: Football) immer weiter hinausgezögert, so dass manchen von euch vielleicht noch nicht klar ist, dass College Football hier sehr ernst genommen wird. Sehr, sehr ernst. Das liegt natürlich zum großen Teil daran, dass die "Sooners" zu den besten Teams in den USA gehören und der Cheftrainer Bob Stoops von der Universität zum Multimillionär gemacht wird (wobei man da die Henne-Ei-Frage stellen kann), etc.

Ganz besonders ernst genommen wird das jährliche Spiel gegen das Team der University of Texas. Das spiegelt sich zum Beispiel in der Kleidung wieder. Generell tragen hier sehr viele Menschen - nicht nur Studenten, sondern auch Alumni, wie man beim Einkaufen immer wieder feststellen muss - Kleidung mit OU-Logo oder -Sprüchen in der ein oder anderen Form. Aber nur für das OU/Texas-Spiel gibt es eine ganze Reihe eigener Artikel mit mehr oder weniger kreativen Sprüchen wie "Beat Texas" oder "How do you want your Longhorn cooked?". Die Gegenseite macht das Gleiche, mit Sprüchen wie "O who?".

Bei einer so bitteren Feindschaft trifft man sich natürlich nicht auf Feindesland sondern irgendwo in der Mitte, in diesem Fall eben in Dallas, und wie so oft freut sich der Dritte, wenn sich zwei streiten. Denn egal wie das Spiel ausgeht, Dallas gewinnt immer. Das Spiel findet zwar am Samstag statt, aber weil Norman sowieso zur Geisterstadt wird gibt die Universität auch gleich noch den Freitag frei, und die Baustellen auf der I-35 nach Dallas werden fürs Wochenende ausgesetzt.

Nach etwas Hin und Her bin ich mit einer Horde Mädels am Freitag nach Dallas gefahren - alles Deutsche, bis auf Phoebe, die in Dallas allerdings bei Verwandten untergekommen ist: Theresia aus Paderborn, und Josephine und Cynthia, die von ihren Vorgängern den Van "Dodgey" übernommen haben. Dodgey ist übrigens ein Name, der in mehr als einer Hinsicht passt. Das Öl hat dann aber doch bis Dallas und zurück gereicht. Josi und Cynthia waren privat am Freitagnachmittag eingeladen, aber das war kein Problem. Ohne es bewusst geplant zu haben, war unser Motel direkt neben einem Bahnhof, und ja, in Dallas gibt es Nahverkehr! Der ist sogar mit 3$ pro Person für ein Tagesticket erstaunlich günstig, und man kommt im wahrsten Sinne des Wortes zügig mit einer Mischung aus S-Bahn und Straßenbahn nach Downtown.

Theresia und ich sind also dorthin gefahren (an dieser Stelle bietet es sich an, den entsprechenden Recht unten noch einmal anzusehen) und haben zunächst auf dem Reunion Tower erfahren, warum die Eisenbahn in den USA verdrängt wurde. Unten das Beweisfoto, dass es auch in den USA Züge gibt. Leider konnte der Zug auf dem Foto erst weiterfahren, nachdem jemand ausgestiegen ist und die Weiche offensichtlich per Hand umgestellt hat.

Wir haben das 'X' auf dem Asphalt bewundert, das die Stelle markiert, an der John F. Kennedy erschossen wurde. Dem Laberkopf, der sich wie eine Schmeißfliege an uns gehängt hat, um die Geschichte des Attentats zu erzählen, haben wir zwar keine Zeitung für fünf Dollar abgekauft, aber einer gutmütigeren Seele als mir verdankt er einen Dollar "for time and effort". Nach einem kurzen Trip durchs Stargate (der Komplex nennt sich Thanksgiving Plaza und ist sehr viel andächtiger und religiöser gemeint, aber ich konnte nicht widerstehen)

und andere Teile von Downtown Dallas sind wir durchs West End gezogen, wo sich die Footballfans traditionell am Abend vor dem Spiel die Seele aus dem Leib schreien. Es gab auch eine Band und einen Spraydosenkünstler zu bewundern - das Übliche eben.

Auch am Samstag haben wir das Auto stehen gelassen und sind mit der Kombination aus Zug und Shuttlebussen zur Texas State Fair gefahren, auf der sich auf einem großen Areal in Dallas die üblichen Fahrgeschäfte, Gewinnspiele und Verkäufer tummeln - und dazwischen ein Meer aus Fans in Rot und Orange. Im Zentrum des Fair Park befindet sich das Cotton Bowl Stadium, in dem am Nachmittag das große Spiel stattfand. Vorher machten wir aber noch einige Erfahrungen mit der lokalen bzw. pseudo-nichtlokalen Küche. Pseudo-nichtlokal ist hier das "deutsche" Essen. Der Kartoffelsalat im German Tent fällt definitiv in die Kategorie "interessant, nie wieder". Und "German Fajitas" (links unten im Bild) habe ich dort auch zum ersten Mal gesehen...

Deutlich besser war das lokale Essen in Form von Funnel Cake und Turkey Leg, auch wenn Letzteres, nach dem Spiel genossen, doch etwas zu viel war.

Und dann kam das Footballspiel. Bei meiner Ankunft im August hat sich mein Footballwissen auf "Ein Haufen Spieler stehen sich gegenüber und dann wird das Spiel unterbrochen" beschränkt. Natürlich musste ich mein Footballwissen nicht revidieren, sondern nur ergänzen. Trotzdem habe ich eine Menge Gefallen an dem Spiel gefunden. Grundsätzlich bin ich zwar immer noch der Meinung, dass die Spiele zu lange dauern: Netto dauert ein Spiel eine Stunde, die sich dank Spielprinzip und Fernsehen über vier Stunden brutto zieht. Aber wenn ein Spiel so ausgewogen und dadurch so spannend ist wie das Spiel gestern, dann vergeht die Zeit wie im Flug.

Natürlich hilft die Atmosphäre rundherum ungemein. Wir hatten keine Karten fürs Stadion - Josi hätte vor dem Eingang noch eine für 50$ kaufen können, hat dann aber zu lange gezögert -, standen und saßen also vor einer großen Leinwand mit mehreren Hundertschaften von Fans und haben mitgefiebert. Ulkig war, dass wir einen OU-Fanblock im Stadion sehen konnten, und so dank Zeitverzögerung im Fernsehen das ein oder andere Dejavu beim Touchdown erleben konnten. Im letzten Quarter hat dann das Team der OU dominiert und mit 28:21 gewonnen (die hohen Punktzahlen sind übrigens Kokolores - die Punktzahl ergibt sich aus 4:3 Touchdowns [jaja, es gibt noch Field Goals. Trotzdem!]).

Dann war das Spiel vorbei, und Texas hat Eimer vom Himmel geweint und so die Feier etwas gedämpft. Wir sind in eins der Gebäude geflüchtet, haben dort Schweinerennen bewundert und noch zufällig einen anderen Austauschstudenten getroffen, der mit seinem amerikanischen Mitbewohner im Stadion gewesen war.

Zum Glück war der Regen nicht von langer Dauer, und so konnten wir die Fair noch gemütlich abschließen. Mit dem Skyway, einer horizontalen Gondelbahn, sind wir noch einmal über das Gelände gefahren. Am Ende bin ich dann sogar noch von mir ungeplant mit Cynthia Achterbahn gefahren, denn sie hatte von ihrer Theatergruppe in Deutschland die Aufgabe bekommen, auf einer Achterbahn ein Lied zu singen. Und da man bei sowas heutzutage Videobeweise verlangt, durfte ich mit der Digicam als Kameramann fungieren. Das war eine merkwürdige Erfahrung, denn durch die Konzentration darauf, die Kamera einigermaßen stabil zu halten, ist der Rush der Achterbahn ziemlich an mir vorbeigegangen.

Auf der Rückfahrt im Zug hat eine Gruppe OU-Fans dazu angeregt, diverse Lieder anzustimmen, von denen wir die meisten nicht kannten, und auch die Texas-Fans haben mitgemacht. Man kann also über American Football denken und sagen, was man will, aber eines weiß ich nach diesem Wochende: Ich würde den Ruhrpott am Samstagnachmittag jederzeit gegen Dallas am Tag der Red River Rivalry tauschen.

Heute (bzw. inzwischen gestern) sind wir dann noch zum Dallas Heritage Village gefahren, einem Freilichtmuseum mit Gebäuden aus dem Texas des 19. Jahrhunderts. Und jetzt, viel zu spät dafür, dass morgen um 9.30 die Uni weitergeht, ist langes Wochenendeende (jeweils v.l.n.r: Josi und Cynthia, Theresia und Phoebe).

Donnerstag, Oktober 04, 2007

Landkarte 2.0 und gute Intentionen

Ich habe mich seit einiger Zeit ziemlich eingelebt hier in Norman. Anders formuliert, hier zu leben ist für mich inzwischen normal. Natürlich ist nach wie vor viel geboten: Nachdem ich zwei Wochen mit Fieber gekämpft habe war ich letztes Wochenende mit ein paar anderen Internationals in und um Tulsa unterwegs, und morgen geht es zum Red River Shootout nach Dallas, TX. Aber das ist ein andere Geschichte, die ich ein andermal erzählen werde.

Apartmentparties gibt es hier zur Genüge, aber ein bißchen weniger als letztes Jahr sind es wohl, berichten zumindest alte Hasen wie Aissata aus Mali. In der Hinsicht hat sich die Strategie der Verwaltung ausgezahlt, viele der Austauschstudenten in den Kraettli Apartments unterzubringen und die Internationals-Dichte so zu reduzieren. Nun sind diese Apartments nicht wirklich grausam, sondern - abgesehen von der unangenehmen Tatsache, dass sich hier zwei Studenten ein Zimmer teilen, der Begriff Roommate also wirklich wörtlich zu nehmen ist - durchaus mit einem Studentenwohnheim wie dem Vogeliusweg vergleichbar. Aber wenn man diese Apartments direkt neben Traditions Square stellt ist es kein Wunder, dass Kraettli liebevoll "The Ghetto" genannt wird. Immerhin ist die Miete für Austauschstudenten dort mit 65$ im Monat wirklich spottbillig.

Über die Apartmentparties werde ich sicher auch noch berichten, aber vorher wird es Zeit, euch Lesern eine Vorstellung davon zu vermitteln, wo ich hier eigentlich bin. Keine Angst, ich werde euch noch nicht durch Fotos erfreuen, aber als ersten Vorgeschmack gibt es eine Landkarte mit Anmerkungen. Ich sollte vielleicht anmerken, dass der Campus viel grüner ist als auf den veralteten Satellitenbildern.

Im Laufe der Zeit werde ich die Karte sicher noch ergänzen, aber ich wünsche euch schon einmal viel Spaß beim Erkunden. Einer der Punkte auf der Landkarte verdient ein paar zusätzliche Bemerkungen.

Das Physical Sciences Center ist das Gebäude, in dem alle meine Vorlesungen stattfinden. Die beiden 4000er-Kurse finden im fensterlosen, tiefgekühlten Erdgeschoss statt, die beiden Graduate Level-Kurse im 8. Stock im Turm des Gebäudes. Im Gegensatz zu den ersten vier Stockwerken gibt es dort zwar Fenster, aber da der Seminarraum schlauerweise ins Turminnere gebaut wurde ist er auch fensterlos. Lediglich das Pizza Seminar, zu dem ich regelmässig gehe, findet ganz oben im 11. Stock in einem Raum statt, der einen tollen Blick auf den Campus bietet.

Das Physical Sciences Center ist ein fahler Betonblock - mit Abstand das hässlichste Gebäude auf dem Campus. Seine Form hat ihm den Spitznamen "Blender" eingebracht, aber dank Fenstermangel bevorzuge ich den Begriff "Bunker". Es ranken sich eine Menge Legenden um dieses Gebäude, das Anfang der 1970er-Jahre gebaut wurde. Angeblich hatte man - typisch Amerikaner - Angst. Nicht vor Terroristen, denn die waren damals noch nicht "in", und auch nicht vor Commies, denn die waren zum Glück weit weg, sondern vor randalierenden protestierenden Studierenden (Deutsch ist schon eine tolle Sprache!). Dementsprechend wurde das Gebäude so eingerichtet, dass die wichtigen Büros leicht abgeschirmt werden können und niemand etwa durch Einschlagen einer Fensterscheibe in einen Bereich kommen kann, in den er nicht gehört. Ich habe keine Ahnung, wie viel Wahrheit in dieser Geschichte steckt, aber wenn sie falsch ist, so ist sie doch gut erfunden.

Eine andere Geschichte, deren Wahrheitsgehalt sicherlich höher ist, zeugt von guten Intentionen und grauenvoll mangelhafter Umsetzung. Der damalige Department Chair der Mathematik - ich vergaß den Namen - war zwar als Mathematiker wenig einflussreich, hatte aber anscheinend viele Ideen, was die Lehre der Mathematik anbelangte. Er war an der Planung des Gebäudes beteiligt und wünschte sich einen Dachgarten auf dem vierten Stock des Gebäudes (die Basis des Gebäudes geht nur bis zum vierten Stock; der darauf aufsetzende Turm hat eine wesentlich kleinere Grundfläche - auf den Satellitenbildern kann man das erkennen). In dem Dachgarten sollten Professoren und Graduate Students der Mathematik in angenehmer Atmosphäre an Problemen arbeiten oder einfach ihren Gedanken nachhängen können. Natürlich war dem Menschen klar, dass Mathematiker oft schriftlich denken, und Papier ist in einem Dachgarten bei Wind etwas problematisch. Also sollten in dem Dachgarten Glastische mit Markern installiert werden. Schade, dass daraus trotz Sputnik-Geldern nichts geworden ist...