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Freitag, November 11, 2016

Was Trump und Hitler (vielleicht) gemeinsam haben

Den zukünftigen US-Präsidenten mit Faschisten zu vergleichen ist nicht neu, aber eine Facette des Vergleichs habe ich bisher selten gesehen. In seiner Rede zum Wahlsieg hat Trump von groß angelegten Investitionsprogrammen gesprochen. Tatsächlich kann die USA das sehr gut gebrauchen. Schon seit Jahren beklagen Bauingenieure dort den schlechten Zustand der Infrastruktur, und natürlich wäre ein solches Investitionsprogramm gut für die Wirtschaft und könnte flächendeckend die Nachfrage nach Arbeit stärken.

Das ist wichtig, denn man muss sich klar machen, dass es ganze Schichten in den USA gibt, an denen die Erholung von der Wirtschaftskrise vollkommen vorbeigegangen ist. Diese Menschen beklagen sich zurecht über den Status Quo.

Das vermischt sich dann oft mit den für mich illegitimen Klagen von Weißen, die einfach nur Angst vor dem Verlust des gefühlten Privilegs der Mehrheit haben. Werdet endlich erwachsen!, möchte ich diesen Menschen zurufen. Aber wer sie dann deswegen als Rassisten abstempelt und den legitimen Teil ihrer Beschwerden schlicht ignoriert macht es sich auch zu einfach. Man riskiert damit nämlich genau den Aufstieg von Gefährdern wie Trump.

Die Parallele zu Hitler, dessen Regierungsprogramm ja trotz allem Negativen tatsächlich auch durch massive Investitionen erst einmal die Leben vieler Menschen verbessert hat, ist mir deswegen so wichtig, weil sie so unglaublich traurig ist. Warum konnten sich die Demokraten der Weimarer Republik nicht zu großen Investitionsprogramm zusammenreißen? Warum gelang es in den USA in den letzten Jahren nicht? Und warum gelingt es auch heute in Deutschland wieder nicht und schafft so den Nährboden für die AfD? Warum lassen liberale, progressive Parteien und Politiker ihre Flanken so ungeschützt? Man könnte ja durchaus die positiven Seiten eines expansiven und inklusiven Wirtschaftsprogramms übernehmen ohne deswegen gleich dem globalen Klimawandel die Tür zu öffnen, alle Juden zu vernichten, oder einen Weltkrieg anzuzetteln.

Wenn ich heute mit Menschen darüber rede, begegne ich leider immer wieder Fehlinformationen über unser Wirtschaftssystem. Bei Hitler heißt es sofort, das wäre ja alles in Wirklichkeit schlecht gewesen wegen der Schuldenaufnahme (dem zweiten beliebten Argument bei Hitler, nämlich der Kritik am Rüstungsfokus, stimme ich zu - aber es gibt so viele sinnvolle Dinge, in die man investieren kann, es muss wirklich nicht das Militär sein!). Auch im heutigen Deutschland ist die Ideologie der schwarzen Null das große Hindernis. Genauso haben in den USA in den letzten Jahren die Republikaner gerne mit Verweis auf das Haushaltsdefizit blockiert. Letzteres mag Zweifel aufbringen, ob es unter Trump große Investitionsprogramme geben wird, aber die Republikaner haben ja auch immer wieder bewiesen, dass ihnen Haushaltsdefizite nur so lange wichtig sind, wie sie damit demokratische Vorschläge blockieren können. Paul Ryans (republikanischer Speaker of the House) eigene Budgetentwürfe enthalten, wenn man sie nüchtern analysiert, immer gigantische Haushaltsdefizite. Vielleicht kommt Trump mit seinem Investitionsprogramm trotzdem nicht durch den Kongress, aber die Chancen stehen nicht schlecht.

In Wirklichkeit sind Schulden und Defizite für monetär souveräne Staaten schlicht kein Problem - zumindest nicht so, wie die meisten Menschen das zu wissen glauben. In der Eurozone verkompliziert die fehlende Souveränität die Situation, aber das ist ein Thema für ein andermal.

Natürlich ist ein Investitionsprogramm alleine nicht genug. Auch an Bildung muss gearbeitet werden und an regionalen Strukturen, und sicherlich an noch mehr. Aber ein Investitionsprogramm ist ein guter, klar sichtbarer und medienwirksamer Anfang, mit dem es einfach ist, in die richtige Richtung zu gehen.

Unsere Demokratie ist zu wichtig, um sie einer ökonomischen Ideologie zu opfern.

Samstag, Januar 19, 2008

Steuermentalität und Kleingeld

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen im Ausland zum Stolpern bringen. Eines dieser kleinen Dinge ist, in den USA die Kleingeldmenge im Geldbeutel unter Kontrolle zu halten. Langjährige Erfahrung mit Euromünzen erlaubt uns, das passende Kleingeld herauszusuchen, wenn wir zum Beispiel im Subway ein Sandwich kaufen. Doch wie sieht das im Ausland aus?

Natürlich war mir klar, dass das auf Grund des anderen Geldes in den USA zunächst etwas schwieriger sein würde. Man kann mir viel erzählen, aber nicht, dass sich ein praktisch denkender Mensch in den USA über den Entwurf der Münzen Gedanken gemacht hat. Oder, genauer: Höchstwahrscheinlich hat sich ein praktisch denkender Mensch darüber Gedanken gemacht, konnte seine Vorschläge dann aber politisch nicht durchsetzen. Die Münzwertverteilung ist unpraktischer als bei uns (1, 5, 10, 25 Cent; Dollarmünzen gibt es auch, treten in freier Wildbahn aber kaum auf), und die Amerikaner beharren darauf, den Nickel (5 Cent) größer zu machen als den Dime (10 Cent). Bei meinem Besuch der Münze in Denver habe ich auch den Grund dafür gelernt: Anno dazumal, als der Geldwert direkt mit dem verwendeten Material zusammenhing, war der aus sich selbst gefertigte Nickel eben größer als der aus Silber gefertigte Dime, weil Silber eine größere Wertdichte hatte. Seitdem hat sich offenbar nicht viel geändert. Aber an all das kann man sich gewöhnen, und da ich, meinem Mathematikstudium zum Trotz, einigermaßen des Kopfrechnens fähig bin waren die Münzwerte eher ein nebensächliches Problem.

Richtig blöd wird es durch das politische System und die Steuermentalität der Amerikaner. Man muss nämlich wissen, dass in der Politik in den USA alles ein bißchen direkter und lokaler funktioniert als bei uns, und es daher keine Mehrwertsteuer auf Bundesebene gibt. Stattdessen wird die Steuer von den Bundesstaaten und teilweise anscheinend auch von den Kommunen erhoben. Das logische Resultat davon ist, dass die Sales Tax, wie sie im Amerikanischen heißt (vermutlich sind auch andere Aspekte der Steuer anders als in Deutschland, aber Steuerrecht gehört normalerweise nicht zu den Dingen, mit denen ich mich einfach so spaßeshalber beschäftige), überall verschieden sein kann. In der Regel bewegt sie sich so zwischen 0,05 und 0,1, wenn ich mich richtig erinnere.

Ich bin mir nicht sicher, ob letztendlich die unterschiedlichen Steuersätze oder die Direktheit der Politik und der damit verbundene Wunsch, den Einfluss der Politik direkt spürbar zu machen, den größeren Anteil daran haben, jedenfalls ist eine zusätzliche Folge des ganzen Systems, dass in Läden in der Regel die Sales Tax nicht im angezeigten Preis inbegriffen ist. Der unwissende Deutsche geht also, um zum ursprünglichen Beispiel zurückzukommen, in einen Subway, gibt eine Bestellung auf und rechnet sich aus, dass er 5,99$ zu bezahlen hat. Dann macht er den Fehler, das passende Kleingeld herauszusuchen und stellt überrascht fest, dass er in Wirklichkeit 6,41$ bezahlen muss, weil die Sales Tax nicht im Preis inbegriffen ist.

Natürlich kann ich den Wunsch der Läden, den vom Käufer wahrgenommenen Preis zu reduzieren, nachvollziehen. Ebenso kann ich die Argumentation verstehen, dass die Läden klar angeben wollen, was sie verdienen; an den zusätzlichen Kosten ist der Staat "schuld", davon wollen sie sich distanzieren.

Auf der anderen Seite kenne ich dann aber auch keine Gnade. Wenn die Ladenbesitzer mir den tatsächlichen Preis erst ganz am Ende nennen, müssen sie sich eben auch gedulden, wenn ich zur Suche des passenden Kleingelds etwas länger brauche als mein Vorgänger.

Dienstag, Januar 15, 2008

Ende gut, alles gut

Nachdem ich Sebastian in Orlando abgeliefert hatte bin ich nach Norman zurückgefahren. Das sagt und schreibt sich schnell, dauert aber etwa anderthalb Tage, in denen ich unter anderem durchs nächtliche Alabama gefahren bin. Auf der kleinen Landstraße, die sich durch menschenleere Wälder und über Hügel gewunden hat, hatte ich mehr als einmal das Gefühl, die ersten paar Minuten eines Horrorfilms zu erleben. Glücklicherweise hat mein Auto die ganze Fahrt mitgemacht, so dass ich nicht in einem von einem Axtmörder geführten Motel übernachten musste. Da ich alleine unterwegs war, wäre es sowieso kein guter Horrorfilm geworden.

Am zweiten Tag bin ich spätabends in Amandines Apartment getaumelt, wo ich mein restliches Gepäck zwischengelagert hatte. Wir haben zusammen festgestellt, dass es auch in Oklahoma schöne und grüne Flecken in der Natur gibt, was ich zwar irgendwie vorher auch schon wusste, aber mangels Auto nur einmal vorher erleben konnte. Wir sind wieder auf eine Reise gegangen, die über die Great Smokey Mountains in Tennessee, was unfairerweise im deutschen Mathematikunterricht seltener in Erscheinung tritt als ein gewisser anderer Bundesstaat, und Floridas Strände wieder nach Orlando geführt hat. Unterwegs haben wir sogar eine richtige, wenn auch eher kleine, mittelalterliche Festung gesehen, die vor vielen Jahrhunderten einmal eine spanische Siedlung vor feindlichen Schiffen schützte.

In Orlando war dann endgültig Abschied angesagt, wir voneinander, ich von allem Möglichen. Meine Flüge verliefen problemlos und angenehm, nicht zuletzt dank des älteren Ehepaars, das unterwegs zu einem von Südkoreanern gebauten Krankenhaus in Äthiopien war und mich auf dem Flug nach Detroit mit Popcorn und Schokolade versorgt hat. Mein erster Blick aus dem Fenster auf der hiesigen Seite des um Größenordnungen die teichübliche Fläche übersteigenden Teichs war dann gleich wieder richtig schön typisch deutsch: Eisenbahnverkehr, dynamischer Verkehr auf Autobahnen, chaotischer und daher irgendwie menschlicher wirkende Siedlungen. Meine Eltern haben mich vom Flughafen abgeholt, und nach einer recht kurzen Familienwiedervereinigung schreibe ich diesen Eintrag bereits im Zug nach Paderborn sitzend.

Und was habe ich in den letzten Monaten gelernt? Mit den anderen Austauschstudenten habe ich immer gewitzelt, die Antwort würde "Französisch und ein bißchen Spanisch" sein, und darin steckt sicherlich viel Wahrheit. Im Nachhinein bin ich irgendwie froh, in eine Gegend gegangen zu sein, bei der ich mir regelmässig die Frage "Warum ausgerechnet dort?" anhören musste. Denn in den USA sind vor allem die Extreme stärker ausgeprägt als bei uns. Die Konservativen sind konservativer, die Liberalen liberaler, die Dicken dicker, die Fitnessfanatiker fitnessfanatischer, die Umweltverschmutzer umweltverschmutzender und die Umweltbewussten - halt, nein, hier sind wir Deutschen nach wie vor Weltmeister. Wie dem auch sei, all diese Extreme leben, wenn auch nicht immer miteinander, so doch zumindest nebeneinander friedlich im selben Land. Und Oklahoma gehört zu den uneuropäischsten Gegenden der USA. So habe ich die Extreme besser kennengelernt, die mir am fremdesten waren und zum Großteil auch noch sind. Ich denke, dass ich in Oklahoma weit mehr als anderswo Verständnis dafür gewinnen konnte, wie dieses Land tickt. Aber Football werde ich mir in Deutschland trotzdem nicht ansehen.

Sonntag, Januar 13, 2008

Florida

Am 30.12. haben wir Washington über den Reagan National Airport wieder verlassen, sind abends im unglaublich schwülen Orlando drunten gelandet und haben unseren Mietwagen abgeholt.

Die nächsten Tage sind wir recht gemütlich durch Florida getourt. Nach dem Motto "Wenn wir schon mal hier sind..." haben wir am ersten Tag in Florida, also an Silvester, Disney World bei Orlando durchwandert. Ich habe meine Zweifel, ob der Besuch den extrem teuren Eintrittspreis wirklich wert war. Rentabler ist Disney World für Leute, die sich die volle Dröhnung geben wollen und bis zu zehn Tage dort verbringen, aber das würde ich wahrscheinlich nicht aushalten. Immerhin sind alle Attraktionen kostenfrei, wenn man erstmal in einem der vier Theme Parks drinnen ist, die das touristische Hauptinteresse der Anlage sind. Und so hat sich der Besuch definitiv gelohnt, alleine schon aus metatouristischer Perspektive.

Auf einem Gelände, das so gigantisch ist, dass dort eigene Freeways gebaut werden, um von A nach B zu kommen, befinden sich inmitten großer Wald- und sonstiger Grünflächen unvorstellbar große Parkplatzflächen um jeden der vier Theme Parks. Permanent sind in jedem dieser Parkplatzbereiche mindestens fünf Leute damit beschäftigt, mit dem Auto ankommende Besucher in die jeweilige Betonwüste einzuweisen. Die Fahrer der Parkplatz-Tram und die Angestellten, die die Parkplatzgebühren einkassieren, sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

Nach einem kurzen Mahl im Auto haben wir uns der vom Parkplatz in Richtung der Eingangstore rollenden Touristenwalze angeschlossen und den Theme Park namens Epcot betreten. Dieser Park unterteilt sich in einen Teil, in dem unter dem Motto "Future World" diverse Technologien verwässert werden bis sie in Form einer Jahrmarkt-artigen Attraktion präsentiert werden können - zum Beispiel eine simulierte Testfahrt, natürlich mit viel Sponsoring eines großen amerikanischen Autoherstellers - und einen Teil, in dem das Kitschpotential verschiedener Länder, Deutschland mit seinen Kuckucksuhren und Lederhosen natürlich eingeschlossen, voll ausgenutzt wird um Produkte an den Mensch zu bringen. Das hört sich jetzt schlimmer an als es eigentlich ist, denn der Park ist definitiv nett gestaltet, und die ganze Infrastruktur, die wahrscheinlich beeindruckender ist als der Park selbst ist gut versteckt.

Von den vier Theme Parks in Disney World haben einige sogar angeblich etwas mit Disney zu tun. Wir waren allerdings nur noch im sogenannten Animal Kingdom, wo die Natur Afrikas und Asiens zur Tourismusmaschine wird. Dazu gehört zum Beispiel eine Safari mit echten Tieren und einer gestellten Verfolgung von Wilderern. In einem anderen ride in einer Art Boot sind wir ordentlich nass geworden, wobei das angesichts des Regens, der angefing, als wir in einer der vielen Warteschlangen auf die Achterbahnfahrt auf "Mt Everest" gewartet haben, auch wieder egal war. Die Achterbahn durch den Regen zu fahren war auf jeden Fall sehr cool. Danach sind wir aber doch lieber zurück ins Motel gefahren, um uns trocken einzukleiden und einen Regenschirm zu kaufen, den wir den Rest des Abends nicht mehr gebraucht haben.

Wir sind nämlich wieder zu Epcot gefahren um dort Silvester zu feiern. Man muss dazu wissen, dass die gezeigten Länder aus aller Welt dort um einen großen See herum angeordnet sind. Jeden Abend wird über dem See eine beeindruckende Feuerwerk- und Lasershow namens Reflections of Earth gezeigt. Am Silvesterabend war diese Show so getimed, dass ihr Ende direkt in den Countdown zum neuen Jahr übergegangen ist. Alle um den See versammelten Länder, die bereits im neuen Jahr waren, wurden vor Mitternacht mit einem Feuerwerk in den Farben der jeweiligen Fahne geehrt. Dass das bei Deutschland nicht so recht geklappt hat sei an dieser Stelle auf Grund der außerordentlichen Herausforderung verziehen. Das finale Feuerwerk um Mitternacht hat der ganzen Show dann nochmal eins draufgesetzt.

Und was macht man kurz nach Mitternacht? Man drängt sich durch die Tausende, die den Park bevölkern und versucht, vor dem großen Ansturm zum Parkplatz zu kommen um zu flüchten. Wir haben wahrscheinlich zwanzig Minuten gebraucht, um uns an den anderen Leuten vorbeizukämpfen, aber wir haben es tatsächlich geschafft, vor dem großen Exodus die Parkwüste zu durchqueren.

Disney World ist ein faszinierendes Thema. So hat Disney (die genaue Struktur der vielen Firmen, die in diesem Konzern stecken ist mir zu verwirrend, so dass ich sie einfach alle in einen Topf namens "Disney" werfe) de facto legislative Rechte im Bereich von Disney World, das sich im Reedy Creek Improvement District befindet. Dieser Bezirk ist zwar nominell demokratisch organisiert, aber da quasi alles Land mehr oder weniger direkt Disney gehört und die einzigen Einwohner hochrangige Disney-Angestellte sind, besitzt hier ein Konzern sehr direkt eine demokratisch gewählte Regierung und könnte zum Beispiel seine eigene offizielle Polizeibehörde einrichten (was in diesem Fall aber nicht passiert ist). Vollkommen abartig, aber da in den USA nunmal beinahe alles auf lokaler Ebene geregelt ist, im Rahmen des Möglichen.

Zudem könnte man einen ganzen Eintrag allein den moralischen Aspekten einer Tourismusmaschine wie Disney World widmen. Dabei denke ich gar nicht mal an die Unmengen an Energie und Müll, sondern an die geistige Hygiene der Besucher. Viele der Attraktionen versuchen bewusst, einen Eindruck zu vermitteln, als würden sie dem Besucher etwas reales zeigen. Sie versuchen, den Besucher davon zu überzeugen, dass er jetzt wirklich etwas über China lernt oder über Deutschland, dabei wird immer nur ein kleiner, ins kitschige übertriebener Ausschnitt gezeigt. Und ich werde zum Beispiel nie wissen, ob die Straußeneier, an denen wir vorbeigefahren sind, echt waren oder nicht, oder ob sie vielleicht echt waren, aber von den Parkangestellten an eine andere Stelle getragen wurden, um sie für uns "Safari"-Teilnehmer sichtbar zu machen.

Natürlich wissen Besucher von Disney World im Prinzip, dass ein Unterschied zwischen Show und Realität besteht - ich hoffe es zumindest. Aber die Designer der Attraktionen tun alles, um diese Unterscheidung zu erschweren - und gerade in der Langzeiterinnerung verankert sich dann womöglich als Fakt, was lediglich Teil der Show war.

Klar ist aber, dass es trotzdem möglich und auch angemessen ist, die Reizüberflutung und die aufwendig produzierten Shows zu genießen. Nur sollte man danach wieder aufwachen und sich vergegenwärtigen, dass man in Disney World war und nicht in der Real World.

Am nächsten Tag sind wir den US-Highway 1 an der Ostküste Floridas heruntergefahren. Auf dem Weg haben wir die unglaublich grüne Natur und natürlich auch ein Stück Strand genossen. Sebastian hat festgestellt, dass er tatsächlich in Florida ist. Überhaupt sind wir weit gereist, und Hollywood noch einmal zu sehen war auch ganz witzig. Nein, ein Hollywood-Schild gab es dort nicht. Auf unseren ursprünglichen Plan, Miami zu besuchen, ist dann am Nachmittag bis frühen Abend eine unglaubliche Menge Wasser gefallen, so dass wir uns einfach in Florida City, der letzten "Stadt" vor den Keys, eine Unterkunft gesucht haben.

Von dort aus haben wir am Mittwoch, dem 2. Januar, den Everglades National Park besucht. Das war eine wohltuende Abwechslung vom organisierten Tourismus der vorangegangenen Tage, und wir konnten neben einem Alligator auch eine überproportionale Anzahl Deutscher und Menschen, die sich erinnern, bewundern.

Tags darauf sind wir weiter dem US-Highway 1 nach Key West gefolgt. Key West ist die und befindet sich auf der letzten Insel in der langen Inselkette im Süden von Florida. All diese Inseln sind durch Brücken untereinander verbunden. Das etwas amüsante Resultat ist, das auf einigen der kleineren Inseln nur ein Stück Highway, ein nicht asphaltierter Parkplatz und eine ganze Menge Palmen zu finden sind. Key West selbst ist ein extrem touristisches, aber insgesamt sehr nettes Städtchen. Ich fühlte mich mal wieder in der Vermutung bestätigt, dass normalen amerikanischen Städte vor allem deswegen Charme fehlt, weil sie zu viel Platz haben. Noch am selben Tag sind wir zurück nach Norden bis Pompano Beach gefahren, und am Freitag habe ich Sebastian am Flughafen von Orlando abgeliefert.

Mittwoch, Januar 02, 2008

Houston und Washington

Jetzt, wo sich Amerikaner und Deutsche wieder darin einig sind, wie die Jahreszahl geschrieben wird, komme ich ein bißchen zum Nachholen...

Unser Aufenthalt in New Orleans endete am Sonntag mit einem frühmorgendlichen Trip zur kombinierten Amtrak/Greyhound-Station. Die nächsten acht Stunden verbrachten wir in einem vollen Reisebus nach Houston, und während Sebastian offenbar den größten Teil der Zeit am Fenster geschlafen hat habe ich "The Swarm" (von Arthur Herzog, nicht Frank Schätzing) gelesen und mit viel Augenrollen die Eskapaden unserer Mitreisenden verdrängt. Auf der ganzen Fahrt hatten wir zwei längere Aufenthalte, bei denen jeweils alle Passagiere den Bus verlassen sollte. Etwa eine halbe Stunde nach der ersten dieser längeren Pausen in Baton Rouge fragte mich einer der konfusen Leute hinter uns, ob unser Bus nach Memphis fahren würde. Dass man bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel manchmal umsteigen muss war wohl eine Neuigkeit für meine Mitreisenden, die sich auch sonst eher auf dem geistigen Niveau von Halbstarken befanden. Eine Freundin der beiden besuchte sie ungefähr stündlich, um sich von einem von ihnen zwicken zu lassen und sich dann lautstark darüber zu beschweren. Eben alles wie zu Hause, nur dass die Qual hier länger dauert.

In Houston übernachteten wir in einem Motel in europäischer Gehentfernung vom Johnson Space Center, das wir am Heiligabend besucht haben. Das Besucherzentrum wirkt auf den ersten Blick wie ein überdimensionierter Kinderspielplatz, aber wenn man diesen Aspekt wegabstrahiert bleibt ein sehr interessantes Museum mit diversen Originalen aus der Frühzeit der NASA, darunter die ziemlich verkohlte Kapsel von Apollo 17 und der berühmte, MacGyver in den Schatten stellende Luftfilter von Apollo 13. Der Höhepunkt des Besuchs im Space Center ist natürlich die Tram Tour über das Gelände der NASA. Auf dieser Tour kamen wir unter anderem in den alten Mission Control Room. Dorthin muss man ganze 87 (in Worten: siebenundachtzig!) Stufen hinaufsteigen, vor denen uns der (Tour-)Führer wieder und wieder sehr zu unserer Erheiterung gewarnt hat. Nachdem das Mondprogramm vorzeitig aus Geldgründen eingestellt wurde, hat die NASA das bereits vorhandene Material für das Skylab verwendet. Eine Saturn V ist trotzdem noch übriggeblieben, und an dieser gigantischen, flachgelegten Rakete entlangzulaufen war sicherlich der beeindruckendste Moment im Space Center. Aber man kann dort auch andere Dinge lernen. So lobpreiste ein Australier, mit dem wir uns in einer der Warteschlangen unterhalten haben, die "German ruthless efficiency", die er in Berlin kennengelernt hat.

Das Schöne am Mondprogramm ist, dass es bewiesen hat, dass monumentale und erfolgreiche technische Projekte aus öffentlicher Hand nicht nur im Militär stattfinden müssen, sondern auch im zivilen Bereich möglich sind. Es kommt eben hauptsächlich aufs Geld an - und da kommt die ernüchterndere Erkenntnis, dass signifikante Etats für solche Projekte wohl nur durchs Heraufbeschwören eines Feindes (ob real, imaginär oder komplex) zu bekommen sind.

Da öffentliche Verkehrsmittel im Großraum Houston allem Anschein nach nicht ernst genommen werden sind wir am nächstem Morgen mit einem Flughafenshuttle zu George Bush (dem Älteren; aber es gibt trotz allem auch noch genügend Texaner, die auf den Jüngeren stolz sind) gefahren. Etwa eine Viertelstunde zu früh in Philadelphia angekommen mussten wir feststellen, dass unser Anschlussflug nach Baltimore/Washington gestrichen wurde, laut dem Menschen am Schalter aus "Operational blahblah, no idea what that means"-Gründen. Böse Zungen würden behaupten, um den nachfolgenden und letzten Flug in diese Richtung besser auszulasten; nettere Zungen gehen natürlich von ernsthaften Sicherheitsbedenken am Flugzeug aus. Jedenfalls sind wir drei Stunden später als geplant in Washington angekommen.

Bereits auf dem recht langen Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum haben wir uns darüber gefreut, endlich wieder in der Zivilisation angekommen zu sein, wo U-Bahnen und Busse vorhanden und ausgeschildert sind. Lediglich die Tatsache, dass an der Greenbelt Station die Erklärungen zum Tarifsystem erst hinter den Schranken, deren Passieren ein Ticket erfordert, zu finden waren, hat mich etwas geärgert. Ohne dieses Hindernis hätten wir die richtige Wochenkarte früher kaufen können (es gibt zwei verschiedene, deren genaue Funktionsweise am Fahrkartenautomat natürlich nicht hinreichend erklärt wird).

Die Metro, wie die U-Bahn in Washington genannt wird, ist übrigens selbst einen Blick wert. Die Stationen wirken sehr retrofuturistisch und sollen wohl die Bedeutung Washingtons auch noch im Untergrund hervorheben. Jedenfalls bestehen sie im Gegensatz U-Bahn-Stationen anderer Städte nicht aus einem minimalistischen Netzwerk aus kleinen Tunneln, sondern vielmehr aus einem gigantischen Tunnel, in den ein Bahnhof hineingebaut wurde, der im wesentlichen oberirdischen Designs folgt. So entstehen die mit Abstand bombastischsten Stationen, die ich je gesehen habe.

Die ersten zwei Nächte haben wir in der Internationalen Jugendherberge nur eine handvoll Blocks vom Weißen Haus verbracht. Für die darauffolgenden drei Nächte mussten wir dann allerdings in ein Hotel etwas weiter außerhalb umziehen.

Aus touristischer Sicht ist Washington angenehm skalierbar. Wer sich nur von den Monumenten beeindrucken lassen und vielleicht einen Blick in die wichtigsten Gebäude werfen will, kommt in zwei Tagen durch. Auf der anderen Seite reihen sich an der National Mall auf der Hauptachse zwischen Kapitol und Lincoln Memorial die Museen der Smithsonian Institution, die keinen Eintritt verlangen - und wenn man sich alle Ausstellungen hier genauer ansehen will, reichen wahrscheinlich selbst zwei Wochen nicht aus. Eine gewisse Toleranz gegenüber inflationären Sicherheitskontrollen muss man natürlich auch mitbringen.

Das Weiße Haus ist ohne "reservations through your member of congress" leider nicht besuchbar, aber ins Kapitol kommt man, wenn man sich vor halb 9 morgens in die lange Schlange stellt um Tickets zu holen, also haben wir das natürlich getan. Wir haben auch dem Supreme Court und der Library of Congress einen Besuch abgestattet, bevor wir uns letztere nochmal im Kino angesehen haben. Und wir haben uns natürlich durch Museen geschlängelt, neben dem National Museum of the American Indian hauptsächlich durchs National Air and Space Museum.

Als wir dort gerade einen übriggebliebenen Mondlander betrachteten wurde ich plötzlich von jemandem angehauen. Da stand doch tatsächlich Areum neben mir, Lisset und Theresias Mitbewohnerin aus Südkorea. Wie's der Teufel so will ist sie am Vortag in Washington angekommen. Da sie aber auf der Suche nach Essen war und wir gerade von selbigem gekommen waren haben sich unsere Wege auch bald wieder getrennt. Die Welt ist so weit und doch so klein.

Dienstag, Januar 01, 2008

A Guads Neiß!

Jaha, 2008 hat inzwischen auch die (bzw. Teile der) USA erreicht. Wir sind dem Verkehrschaos bei Disney World wieder heil entkommen und planen gerade unsere nächsten Tage in Florida. Mehr Berichte aus der Neuen Welt sind auf Grund von längerem WLAN-Mangel in den letzten Tagen etwas verzögert worden, kommen aber bald.

Bis dahin wünsche ich euch allen ein gutes neues Jahr. Mögen eure realistischen guten Vorsätze Realität, und eure unrealistischen guten Vorsätze realistisch werden!

Montag, Dezember 24, 2007

New Orleans

Am Donnerstag bin ich mit einer Stunde Verspätung am Flughafen von New Orleans angekommen. Seit Langem habe ich zum ersten Mal wieder ein eingechecktes Gepäckstück schnappen müssen (ich hatte weder in Denver noch in Boston ein größeres Gepäckstück dabei) und durfte mich dabei über den heruntergekommenen Flughafen ohne Anzeige auf den Karussels freuen. Wenigstens war die Verspätung meines Fluges ganz okay, denn ich musste, Verspätung eingerechnet, immer noch zwei Stunden auf Sebastian warten, der seinen Anschlussflug in Philadelphia trotz allen Bemühungen der US-Einreisebehörde erreicht hat. Wir wollten eigentlich mit einem Bus in die Innenstadt fahren, aber nachdem wir eine halbe Stunde umsonst gewartet hatten haben wir doch eins der Shuttles genommen. Das Internet und die lokalen Bediensteten waren sich einig darüber, dass der Bus eigentlich hätte fahren müssen, aber die vollkommen fehlende Ausschilderung hat mich doch irgendwas verunsichert.

So sind wir spät abends eben direkt vor der Haustür des India House Backpackers Hostel angekommen. Das Hostel ist ein rundherum angenehmer Ort. Natürlich muss man mit den bei diesen Hostels üblichen Residents klarkommen, aber die waren hier alle ganz nett. Auch sonst schlägt der Ort hier meine Erfahrungen in Denver um Längen, da er von kostenlosem WLAN und ATM bis zur täglich aktualisierten Tafel mit Live Music-Locations einfach no-Nonsense-praktisch eingerichtet ist.

Da wir zwar Hunger hatten, aber dann doch nicht unbedingt Ramen Noodles aus dem Automaten essen wollten, sind wir nochmal rausgegangen und die Canal Street heruntergelaufen. Da das Hostel aber ein ganzes Stück außerhalb von Downtown liegt haben wir in der Nähe nur einen McDonald's und einen Burger King direkt daneben gefunden. Beide hatten schon zu, nur der Drive Through war jeweils noch offen. Wir haben also beschlossen, dass wir endlich einmal tun sollten, wovon andere nicht mal träumen: Zu Fuß durch den Drive Through laufen. Es hat sich herausgestellt, dass man zu Fuß leider keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Die Sprechanlage ist vermutlich mit einer Induktionsschleife gekoppelt, die auf uns einfache Fußgänger natürlich nicht angesprungen ist.

Also sind wir zum Ausgabefenster vorgelaufen und haben dort die Aufmerksamkeit auf uns gezogen. Ich habe die Angestellte freundlich aber deutlich darauf hingewiesen, dass wir nunmal hier seien und sie ja einfach eine Bestellung entgegennehmen könnte. Ich habe sogar angeboten, so zu tun, als würde ich in einem Auto sitzen. Leider hat sie scheinbar nicht die notwendige Flexibilität besessen, und ihr Kollege war noch weniger hilfreich.

Irgendwann ist dann hinter uns ein Van vorgefahren, dessen Fahrer sich offensichtlich nicht traute, an uns vorbeizufahren. Ich bin zu ihm hingelaufen und habe ihm die Situation erklärt. Daraufhin hat er von sich aus vorgeschlagen, uns einmal um den Block zu nehmen um dann mit uns nochmal durch den Drive Through zu fahren. Das Angebot haben wir natürlich gerne angenommen, und so sind wir letztendlich doch noch an unser ungesundes Essen gekommen.

Ich fordere meine Leser dazu auf, das Experiment einmal irgendwo in Deutschland durchzuführen, und mir das Resultat mitzuteilen. Falls sich die Leute dort auch so unflexibel stellen sollten ist es vielleicht an der Zeit, ein Gerät zu basteln, mit dem man einer Induktionsschleife ein Auto vorgaukeln kann...

Am nächsten Morgen haben wir Iris, Amandines und Veronicas Mitbewohnerin aus Südkorea, vor dem Hostel getroffen. Die Welt ist doch klein! Es war nett, nochmal mit ihr zu reden. Sie war mit einem Freund schon länger in New Orleans, und die beiden haben uns ein paar Tipps gegeben.

Wir sind mit dem Trolley auf der Canal Street bis zum Lieblingswort aller Kombinatoriklehrer gefahren und sind ein paar Stunden lang durch die Gegend des French Quarters gelaufen. Am Jackson Square haben wir den Musikern zugehört und den Zauberkünstlern zugesehen, die zum Teil schon verdammt flinke Finger haben müssen - und natürlich ein noch flinkeres Maul, denn ein Großteil der Unterhaltung kommt von flotten Sprüchen. Und den ganzen Tag über sind wir blauen Menschen begegnet, da an dem Tag der New Orleans Bowl (College Football, was sonst?) stattfand. Die blauen Menschen waren übrigens aus Memphis und am Abend nicht mehr ganz so guter Laune. Einige von ihnen haben das wohl durch zusätzliche Bläue ausgeglichen.

Das French Quarter wirkt in den USA ziemlich fehl am Platz. Sympathische alte zwei- oder dreistöckige Steinhäuser stehen eng aneinandergedrängt an den kleinen Gassen, wie man sie eigentlich eher in Südeuropa vermuten würde. Zudem haben die Häuser hübsche Eisenbalkone, an denen sich gerne die Pflanzen entlangschlängeln.

Allerdings sind nicht alle Teile New Orleans' so schön. Wenn man auf der Canal Street aus Downtown herausfährt, in die Gegend unseres Hostels, sieht man eine Menge verlassener und auch einfach heruntergekommener Gebäude. An dieser Stelle wäre es schon interessant, einen vor/nach-Katrina-Vergleich zu sehen, aber so etwas scheint es nur in Büchern zu geben und nicht etwa hautnah. (Aus Touristensicht muss man an dieser Stelle Paderborn, wo an einigen Stellen in der Innenstadt Vergleiche zur Zeit vor und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf Tafeln zu sehen sind, loben.)

Abends sind wir einem Tipp folgend in die Preservation Hall in der Nähe der Bourbon Street gegangen. Ich bin ja normalerweise nun wirklich kein Fan von Jazz, aber das Konzert dort hat sich definitiv gelohnt. Der beste und ehrlichste Indikator dafür ist, dass die drei Stunden unglaublich schnell vorbeigegangen sind. Bourbon Street selbst ist auch faszinierend. Überall wird lebendige Musik gespielt, und, da es sich um einen der wenigen Orte der USA, an denen öffentliches Trinken offiziell erlaubt ist, handelt, Handgranaten und Hurrikane verkauft. Die Polizei zeigt entsprechend noch stärkere Präsenz als sonst überall in New Orleans (das tatsächlich ein Polizeidepartment hat, auch wenn sich selbiges "NOPD" abkürzt). Richtig orwellsch wirkten die mobilen Wachtürme, die die Polizei an mehreren Kreuzungen auf der Bourbon Street und anderswo aufgestellt hat. Aber vermutlich sind solche Maßnahmen notwendig, um den durch Plünderungen zerstörten Ruf von New Orleans wieder herzustellen.

Am Samstagmorgen haben wir die Greyhoundstation ausgekundschaftet, bevor wir dem Voodoo-Museum einen Besuch abgestattet haben. Voodoo wurde von afrikanischen Sklaven in die Gegend von New Orleans gebracht. Dort ist es scheinbar auf fruchtbaren Boden gestoßen und hat sich mit diversen anderen Kulten vermischt. Entsprechend präsent ist Voodoo überall in New Orleans. Heutzutage gibt es zum Beispiel eine Ladenkette, die sich VoodooMart nennt.

Wir sind dann noch zum Garden District, einem vor allem dank dichter Bewaldung und niedlicher Häuser echt hübschen Wohngebiet gefahren und haben dort einen Friedhof mit diesen aus Filmen bekannten Grabmonumenten besucht. Da der Grundwasserpegel keine vernünftigen Bestattungen erlaubt, haben die Bewohner der Gegend irgendwann angefangen, Minimausoleen zu bauen, und so die perfekte Szenerie zum Versteckspielen geschaffen.

Als wir abends im Hostel gespeist haben wurden wir dank unserer deutschen Unterhaltung von einer Grazerin namens Jule in wunderbar österreichischem Dialekt angesprochen. Endlich habe ich mal wieder jemanden "heuer" (bzw. eigentlich "heier") sagen hören! Sie ist nach einem Auslandssemester in Atlanta ebenfalls auf einer USA-Reise und noch mit uns zur Bourbon Street gekommen, wo wir den jungen - die meisten von ihnen waren wahrscheinlich jünger als ich (jetzt komme ich mir schon vor wie Lars...) - Jazzmusikern auf der Straße gelauscht haben. In die Lokale sind wir dank hierzulande üblicher Altersbeschränkung leider nicht hereingekommen, und so hat der sintflutartige Regen, der nach kurzer Zeit angefangen hat, unserem Ausflug ein hektisches Ende verpasst. Immerhin hat sich der Fahrer unseres Streetcars richtig zuvorkommend um uns Fahrgäste gekümmert. Einer fünfköpfigen Familie hat er zum Beispiel einen Regenschirm mitgegeben, und für uns hat er an einer Stelle mit direkterem Weg zum Hostel gehalten. Diese Art von Freundlichkeit fehlt bei uns in Deutschland leider.

Damit war unsere Zeit in New Orleans auch schon fast vorbei, denn heute früh sind wir um kurz nach 6 Uhr wieder mit dem Streetcar abgefahren, um die achtstündige Fahrt mit dem Greyhoundbus nach Houston anzutreten.

Ich wünsche allen Lesern (innen und außen) frohe Weihnachten!

Samstag, Dezember 22, 2007

Die Schöne ist das Biest

[Der Blogpost bittet um Entschuldigung für die Verspätung. Er hat einen langen Weg hinter sich.]

Ich sitze gerade im Flughafen von Houston, wo zum ersten Mal jemand eins meiner XKCD-T-Shirts erkannt hat, und bin gerade dabei, wieder einigermaßen aufzutauchen. Die letzten anderthalb Wochen waren mit Finals und Abschieden so vollgepackt, dass kaum Zeit zur Reflektion übrig blieb. Ich habe also einiges nachzuholen.

Vielleicht sollte ich beim vorletzten Wochenende anfangen, als Oklahoma im Eis versunken ist. Nach einer finsteren und stürmischen Nacht sind wir in einer stillen, bizarren und zugleich wunderbar schönen Welt aufgewacht. Da die Temperaturen gerade so um den Gefrierpunkt waren hat es zwar geregnet, der Regen ist aber direkt am Boden zu einer zentimeterdicken Eisschicht gefroren. So hatten wir Eiszapfen vor dem Fenster, zugeeiste Treppengeländer und Eis auf dem Fliegengitter. Noch beeindruckender war aber der Effekt auf die Natur. Der Anblick der vom Eis bezwungenen Bäume und Büsche war atemberaubend, und die Erinnerung an das Knistern, als ich in Sandalen über den Rasen gelaufen bin, ruft mich immer wieder in die Kindheit zurück. Es war, als hätte jemand die ganze Welt über Nacht in eine ausgefeilte Skulptur verwandelt.

Allerdings gab es auch genügend Menschen, die sich zu Recht weniger gefreut haben. Bäume sind nun einmal nicht für Eisstürme ausgelegt, und dementsprechend sind viele von ohnen unter dem Übergewicht des Eises zusammengebrochen. Norman glich in dieser Hinsicht noch tagelang einem Schlachtfeld. Und was Äste zufriert, friert natürlich auch oberirdische Stromleitungen zu, mit unangenehmen Folgen für einen Großteil von Norman. So ist es schon irgendwie verständlich, dass die Uni am Montag geschlossen blieb, und alle montäglichen Finals auf den folgenden Samstag verschoben wurden. Die Situation in Norman mit der Flut in New Orleans zu vergleichen, wie auf manchen Onlineforen geschehen, ist trotzdem lächerlich.

An den folgenden Tagen hat sich das Wetter jedenfalls wie ein auf frischer Tat ertapptes Kind verhalten, und seit dem großen Unwetter waren kaum noch Wolken am Himmel zu sehen. Gestern bin ich bei strahlendem Sonnenschein mit Amandine auf dem Rasen gelegen. Im Wetterbericht wurde uns trotzdem noch lange für den jeweils nächsten Tag Schnee versprochen. Es hat zwar auch tatsächlich einmal geschneit, aber liegengeblieben ist nichts. Daher musste die Schneeballschlacht M-Gebäude gegen L-Gebäude leider ausfallen. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut...

In den nächsten Tagen werde ich mit meinem Bruder New Orleans besuchen, und dann nach einem "Abstecher" nach Houston zum Space Center nach Washington D.C. fliegen. Die gemeinsame Reise werden wir mit einer mehrtägigen Rundfahrt durch Florida abschließen.

Sonntag, Dezember 09, 2007

Eiszapfen

Letzte Nacht hat es bei eisigen Temperaturen heftig geregnet, und die Kälte hat vor unseren Fenstern für Eiszapfen gesorgt. Welch Kontrast zu den 40°C, die wir im August hatten...

Manchmal lernt man in den unwahrscheinlichsten Momenten Neues. Ich verstehe zum Beispiel endlich, warum Körper auf englisch field heißt. Ob die Verbindung etymologisch direkt über das französische corps lief weiß ich nicht. Tatsache ist, dass corps zwar hauptsächlich Körper bedeutet, aber zusätzlich auch Feld im Sinne von Berufsfeld und ähnlichem bedeuten kann. Und damit ist nun auch dieses Rätsel des (mathematischen) Alltags zu meiner Zufriedenheit gelöst.

Immer wieder überraschend ist, welche Teile deutscher Kultur ins Ausland dringen. Dass ausgerechnet Rammstein offenbar die international bekannteste deutsche Band ist habe ich ja inzwischen akzeptiert. Jetzt habe ich darüber hinaus erfahren, dass Tokio Hotel dafür verantwortlich ist, dass französische Jugendliche vermehrt Deutsch lernen wollen...

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Die Wiege der Freiheit

Es kann nicht sein, dass man zwei Mal, und dann auch noch so lange, in den USA ist, ohne nach New England gekommen zu sein. Also habe ich, da die Finals vor der Tür stehen auf eigene Faust, vor einiger Zeit einen Trip nach Boston gebucht. Am Samstagmorgen, viel zu früh für vernünftige Menschen, hat Alexis mich an den Flughafen gefahren, zusammen mit Dany, der allerdings ein anderes Ziel im Sinn hatte. Ganze 35 Minuten vor dem Abflug habe ich eingecheckt. Da der Flughafen von Oklahoma City schön klein ist und die Schlange an den Sicherheitskontrollen kurz war war das kein Problem, aber trotzdem halte ich's beim nächsten Mal lieber nicht so knapp. Das Umsteigen in Minneapolis war auch nochmal eher hektisch, aber am Ende bin ich wohlbehalten bei eiskaltem, aber klaren Wetter in Boston angekommen.

Der Flughafen dort ist irritierend ausgeschildert, aber ich habe den Bus ins Stadtinnere, der sich übrigens auf halber Strecke in eine Pseudo-U-Bahn verwandelt, letztendlich gefunden. Als erstes bin ich nach Cambridge gefahren und bin dort über den Campus von Harvard und durch das umherliegende Viertel geschlendert. Zu dieser Jahreszeit sind viele der Bäume schon kahl, die anderen strahlen dagegen im satten Rot oder Braun, selten auch mal Gelb. Was die Botanik anbelangt putzt sich die University of Oklahoma deutlich schöner heraus als Harvard. Dafür sind die Gebäude von Harvard wirklich altehrwürdige Ziegelbauten und tun nicht nur so.

Richtig voll mit Leben ist der Harvard Square, wo ein Café, Restaurant oder Laden neben dem nächsten steht. Trotz frierenden Füßen und Händen waren hier auch offenbar noch Filmstudenten am Werk, und mit zwei Greenpeace-Werbern, die schon über sechs Stunden in der Kälte gestanden hatten, habe ich mich köstlich darüber unterhalten, dass es bei solchen Minusgraden besonders schwierig sein kann, den Leuten klarzumachen, dass Global Warming Realität ist. Es war schon dunkel, als ich in Dunkin' Donuts, einer wie sich später herausgestellt hat für Boston typischen Kette, eine heiße Schokolade getrunken hatte.

Also bin ich ins Stadtinnere gefahren. Da ich den Bostontrip unter Einfluß von Denver gebucht habe und kein Hostel in Boston selbst mehr frei war hatte ich dort ein recht günstiges Hotel gebucht. Als ich dort ankam, war ich dann ziemlich baff, wie nobel alles dort aussah. Manch einer suchte den Exzess in Las Vegas, mich hat er in Boston überrumpelt.

Auf der Suche nach Essen bin ich einen Block weiter zum Boston Common, einem Park, der traditionell als Zentrum des Lebens in Boston diente, gelaufen. Der Park ist recht groß und hat entgegen meinen Vermutungen nur an einer Seite erschwingliches Essen zu bieten. In einem McDonald's habe ich dann immerhin mehr als nur Bauchfüllung gefunden und mich mit drei Au-Pair-Mädels aus nicht ganz allen Teilen Deutschlands unterhalten.

Den gesamten Sonntag habe ich damit verbracht, dem Freedom Trail zu folgen. Dieser unter anderem vom National Park Service unterhaltene Pfad führt quer durch Boston an Museen und historischen Stätten vorbei, zum Beispiel an der Faneuil Hall, die immer noch wie ursprünglich als Markthalle genutzt wird. In der Faneuil Hall wurde der Geschichte zufolge die Boston Tea Party geplant, eines der filmreiferen Ereignisse im Vorfeld des Unabhängigkeitskrieges. Auch Kirchen, Friedhöfe und ein überdimensioniertes Denkmal für eine Schlacht säumen den rot markierten Pfad durch die Stadt. In Charlestown, auf der anderen Seite des Charles River, befindet sich an dem Pfad das älteste immer noch, oder besser gesagt wieder, seetaugliche Kriegsschiff der Welt, das immerhin schon 210 Jahre auf dem Buckel hat. Obwohl ich nicht einmal in die Museen gegangen bin ging die Sonne mal wieder zu früh unter, weshalb ich den Pfad nicht mehr ganz zu Ende gelaufen bin.

Während ich dem Pfad gefolgt bin habe ich verstanden, warum Boston so sympathisch wirkt. Im Gegensatz zu allen anderen Städten, die ich in den letzten Monaten besucht habe, kann Boston auf eine echte, immerhin fast 400 Jahre lange Geschichte zurückblicken, die sich eben nicht nur in Form von Monumenten zeigt sondern auch darin, dass die Stadt wie eine richtige Stadt, die nicht einfach nur aus Schachbrettmustern besteht, gewachsen ist.

Als ich wieder in der Innenstadt war hat es angefangen zu schneien. Ich bin noch zum Prudential Center, einem großen Einkaufszentrum, gefahren und habe dort Au Bon Pain selbiges genossen, aber danach hat mich die Kälte doch von weiteren Ausflügen abgehalten.

Am nächsten Morgen hatte ich eigentlich vor, den Skywalk im 50. Stock des Prudential Center Towers zu besuchen, aber Boston hatte sich über Nacht in ein wolkiges Kleid gehüllt, was den Plan zunichte gemacht hat. Also bin ich nach einem kurzen Spaziergang über Copley Plaza und der Auskunft, dass der Eintritt in die angrenzende Trinity Church 5$ kosten würde, noch einmal nach Cambridge gefahren, diesmal um mir den Campus des MIT anzusehen.

Mit Ausnahme vom Hauptgebäude, das, abgesehen von den Inschriften, mehr einem Schloss als einer Universität glich, scheint am MIT Funktion generell vor Form zu gehen. Die Betonbauten erinnerten mich sehr an so manche im 20. Jahrhundert entstandene oder signifikant erweiterte Universität in Deutschland. Sympathisch ist auch die ungewöhnlich hohe Dichte von Differentialgleichungen auf der Kleidung der Menschen.

Wer hinreichend besonders ist, sollte damit nicht prahlen. Diese Maxime scheint am MIT und an Boston insgesamt nicht vorbeigegangen zu sein, was mir die Stadt noch ein Stückchen sympathischer gemacht hat. Nur eins von vielen Beispielen ist der vollkommen unscheinbare Friedhof in der Nähe des Boston Commons mit seinen mickrigen Grabsteinen. Auf einer Tafel fand ich im Kleingeschriebenen den Hinweis, dass auf dem Friedhof neben einigen Gouverneuren von Massachusetts auch drei Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung dort begraben liegen. Der einzige größere Brocken ist Benjamin Franklins Eltern gewidmet (er selbst ist in Philadelphia gestorben).

Am Montagnachmittag bin ich aus dem Schneegestöber ins MIT Museum geflüchtet, wo ich auf einem Modellhochhaus Tetris gespielt habe. Mit dem Spracherkennungssystem, mit dem man angeblich übers Wetter reden kann, hatte ich leider weniger Erfolg. Angeblich werden diese Dinger ja immer besser, aber zumindest am MIT habe ich davon nichts gesehen...

Und jetzt bin ich wieder zurück in Norman und blicke mit einem weinendem und einem lachenden Auge dem Ende meiner Zeit hier entgegen.

P.S.: Herzlichen Glückwunsch an Christoph und viel Erfolg in Kalifornien, wenn's soweit ist!

Freitag, November 30, 2007

Highways, Interstates und Freeways

Ein kleiner Einschub zu den verschiedenen Bezeichnungen für Fernverkehrstraßen in den USA ist angesichts des Bildes in meinem letzten Eintrag vielleicht angebracht. Ein Highway kann im Prinzip alles sein von einer einfachen Landstraße in schlechtem Zustand bis zur gut ausgebauten Autobahn. Die meisten wichtigen und viel befahrenen Highways sind allerdings mindestens 2+2-spurig ausgelegt. Besonders in den Gegenden der USA, in denen nichts ist (von Oklahoma bis Nevada, und natürlich auch anderswo) haben solche mehrspurigen Highways oft einen deutlichen Mittelstreifen. "Deutlich" bedeutet hier, dass gerne einmal 100m Steppe zwischen den beiden Richtungen liegt. Mit Platz muss hier eben nicht gespart werden.

Besonders betonen sollte man an der Stelle, dass Highways in der Regel nicht kreuzungsfrei sind, und das gilt auch für die geteilten, mehrspurigen Highways. Immerhin sind die Kreuzungen auf diesen Highways eher unproblematisch, da kreuzender Verkehr die beiden Richtungen nicht auf einmal überqueren muss, sondern im Mittelbereich noch einmal anhalten kann und muss.

Die sogenannten Interstates sind die Highways, die sich als Hauptverkehrsadern durch die gesamte USA ziehen, wie die I-35 von der Grenze nach Mexiko im Süden bis zur Grenze nach Kanada im Norden, oder wie die I-40 von der Ostküste nach Westen bis kurz vor Los Angeles. Diese sind, zumindest soweit ich gesehen habe, durchgängig mindestens 2+2-spurig, und fast immer zu Freeways ausgebaut, vor allem in der Nähe von Städten.

Zu guter Letzt ist ein Freeway das, was wir unter einer Autobahn verstehen: Eine mindestens 2+2-spurige Straße ohne Kreuzungen oder Grundstückseinfahrten und daher mit "free-flowing traffic", was den Freeways ihren Namen gibt. Obwohl er auf Bundesebene definiert ist, wird der Begriff Freeway in den USA aber im Alltag nicht überall gleich häufig benutzt. In Oklahoma ist er mir beim Fahren noch nie begegnet, in Kalifornien dagegen ständig.

Zum Tempolimit muss ich auch noch ein Wort loswerden. Auf den gut ausgebauten Straßen sind 70 bis 75 Meilen pro Stunde die Regel. Wir sind, angepasst an die anderen Fahrer, typischerweise knappe 10 Meilen pro Stunde zu schnell und damit deutsche Richtgeschwindigkeit gefahren. Damit sind wir nicht in Probleme gekommen - weder mit anderen Fahrern noch mit der Polizei - aber übertreiben sollte man es wohl trotzdem nicht, nach allem, was ich von anderen gehört habe. Auf den Straßen, die mehr unseren Land- und Bundesstraßen ähneln, sind Tempolimits von 55 bis 65 Meilen pro Stunde die Regel, womit man auch auf deutschem Geschwindigkeitsniveau ist - für höhere Geschwindigkeiten sind diese Straßen meist sowieso nicht geeignet, wenn man mal von den schnurgeraden Strecken durch die Wüsten absieht. Alles in allem ist die Mär von übertrieben niedrigen Tempolimits in den USA jedenfalls nur ein Gerücht.

Ärgerlicher ist, dass die Amerikaner keine Spurwechseldisziplin haben. Wir mussten mehr als einmal Fahrer rechts überholen, die - zum Teil deutlich - unterhalb des Tempolimits auf der linken Spur unterwegs waren, obwohl nur recht wenig Verkehr auf der Straße war. Das ist hier in der Regel nicht verboten und auch nicht ganz unüblich, aber unangenehm ist es jedes Mal.

Home sweet home

Wir sind zurück in Norman, unseren Minivan haben wir in Oklahoma City zurückgegeben, und die Abrechnung ist gemacht. Wir haben insgesamt etwa 4500 Meilen, also über 7200 Kilometer, zurückgelegt. Aber der Reihe nach.

Ich habe zuletzt von Mittwoch, unserem Tag in Los Angeles berichtet. Am Donnerstagmorgen sind wir zunächst nach Malibu im Westen von Los Angeles gefahren, weil Emilies Freund ihr gesagt hatte, dass sie dort unbedingt hinmüsse. Dort angekommen haben wir immerhin einen Fotographen getroffen, der uns über die dort ansässigen Vögel (Pelikane, Reiher und Möven) aufklären konnte, aber der Strand selbst war wenig spektakulär.

Death Valley ist ein beeindruckender Ort. Beim Anblick dieses majestätischen Tals mitten in einer der Wüsten Kaliforniens versteht man auch ohne die im Sommer vorherrschenden mörderischen Temperaturen, warum man dem Tal diesen Namen gegeben hat. Trotz der Einsamkeit und Leere des Tals finden sich dort aber erstaunlich viele Camper und sogar eine Tankstelle, die man auf Grund der horrenden Preise aber besser meidet.

Natürlich ist das Adjektiv "horrend" in dem Kontext ziemlich relativ. Eine Gallone Benzin kostete an der Tankstelle etwa 4,40$. Beim aktuellen Wechselkurs (im Moment etwa 1,48$/€) sind das etwa 80 Euro-Cents pro Liter, für deutsche Verhältnisse also spottbillig. Aber in Oklahoma bekommt man Benzin durchaus schon mal für 2,90$ pro Gallone oder weniger - kein Wunder, dass das Verhältnis zu Autos hier ein anderes ist. Weiter westlich wird das Benzin übrigens generell teurer, da zusätzlich zum Bund auch die Bundesstaaten Benzinsteuer erheben, und Oklahoma im Vergleich wenig verlangt.

Am frühen Abend, was zu dieser Jahreszeit leider schon Dunkelheit bedeutet, sind wir in Las Vegas angekommen. Nach dem Motel in Los Angeles hatten wir beschlossen, nur eine Liste möglicher Motels zu besorgen und vor Ort die Wahl zu treffen. So fanden wir ein passables Motel am Nordende des Strips und zogen von dort aus los um die diversen Hotels und Casinos zu erkunden.

Las Vegas, oder besser gesagt, der kleine Teil von Las Vegas an den jeder denkt, wenn man Las Vegas erwähnt, wirkt unwirklich. Gigantische, unglaublich dekadent eingerichtete Gebäude säumen den Las Vegas Boulevard, und ganz ohne Hemmungen versuchen die Baumeister der Hotel-Casinos die Außenanlagen so beeindruckend wie möglich zu gestalten. Auch wenn die Gebilde natürlich hauptsächlich aus Plastik sind ist es schwer, davon nicht beeindruckt zu werden. Trotzdem hat sich mir die Frage gestellt, was man in Las Vegas eigentlich will. Denn nachdem man den Strip gesehen hat bleibt nicht mehr viel übrig außer unglaublich teuren Shows und Casinos, und meine Meinung über Casinos hat sich in Las Vegas definitiv nicht geändert.

Nachdem wir am Vorabend über den Strip gelaufen waren wäre ich am nächsten Tag am liebsten direkt weitergefahren, aber besonders Phoebe war ganz anderer Meinung und hat lieber über 400$ in irgendwelchen Läden ausgeben. Irgendwann in Las Vegas hat sie übrigens gesagt, ich verhalte mich wie ein alter englischer Gentleman, nur die Pfeife fehle mir. Irgendwo ist da wohl ein Kompliment versteckt.

Es war also leider schon später Freitagnachmittag, als wir Las Vegas verlassen haben. Daher haben wir vom Hoover Dam an der Grenze zu Arizona nicht mehr viel gesehen. Wenigstens sahen wir harmlos genug aus und wurden vom Polizisten bei den Sicherheitskontrollen einfach durchgewunken.

Unsere Fahrt nach Williams, auf der ich die ganze Zeit das Steuer hatte, war unspektakulär. Dort angekommen hatten wir zum ersten Mal ein Problem mit vollen Motels, und das, obwohl der ganze Ort subjektiv gesehen nur aus Motels und Souvenirläden besteht. Aber es war nunmal Wochenende, und der Grand Canyon ist scheinbar von allen National Parks der touristischste. Er ist vermutlich auch der einzige, der schon in über 200 Meilen Entfernung ausgeschildert ist.

Wir haben trotzdem noch kurz vor Mitternacht ein Motel gefunden, das gewissermaßen als Bonus noch eine Reihe internationaler Flaggen auf dem Hof präsentierte. Interessanterweise war auch als einziger US-Bundesstaat Oklahoma mit einer Flagge vertreten. Nach der eisigen Kälte draußen waren wir durch und durch glücklich, in unser großes und angenehm warmes Zimmer zu stürzen.
Am nächsten Morgen haben wir uns alle dick eingepackt, ich habe in weiser Voraussicht noch Schokolade in verschiedenen Formen gekauft, und dann fuhren wir die letzten etwa 60 Meilen bis zum Südeingang des Grand Canyons. Das erstaunliche an dieser Route ist, dass das Land verdammt eben ist. Irgendwann sieht man in der Ferne einen Streifen, der einen den Abgrund vermuten lässt, aber bis zu dem Punkt, an dem man tatsächlich vor dem Abgrund steht, ist das Gelände einfach nur platt.

Die Vegetation um den Grand Canyon herum ist eigenartig. Sie sieht aus wie die niedrigen Gewächse, die man sonst im Gebirge findet, nur dass sie zu richtigen Bäumen heranwächst. Der Canyon selbst wirkt dagegen zumindest auf den ersten Blick eher kahl, abgesehen von den winzigen grünen Flecken, die man tief unten am Colorado River sieht. Beim Anblick des riesigen Canyons hat mich das Verlangen gepackt, dort hinunterzusteigen und zu zelten. Denn leider kann man am Grand Canyon nicht all zu viel tun, wenn man nicht die Ausrüstung hat um unten zu übernachten. Der Höhenunterschied zwischen Kante und Fluss beträgt über 1600m, und wir sind zwar - abgesehen von Theresia, die sich den Fuß verstaucht hatte - den ersten Abschnitt des Bright Angel Trails nach unten gelaufen, aber wir waren natürlich noch weit vom Boden des Canyons entfernt als wir angesichts der sich neigenden Sonne umgekehrt sind. Mit Phoebe würde ich keine ernsthaften Wanderungen unternehmen, nicht nur wegen ihrer Phobie, aus Wasserflaschen anderer zu trinken.

Nachdem wir keinen Ort gefunden haben, an dem das Beobachten des Sonnenuntergangs besonders vielversprechend wirkte - die Sonne geht nunmal im Südwesten unter - war es an der Zeit, den Grand Canyon in Richtung Osten zu verlassen. Die Fahrt über die Highways Arizonas war furchtbar langweilig, und ich war froh, als ich von Olivier abgelöst wurde. Wir hatten unsere Pläne noch einmal geändert und übernachteten in Albuquerque in New Mexico, um am nächsten Tag noch etwas Sightseeing einzuschieben. Wie heißt es so schön: What happens in Albuquerque stays in Albuquerque? Leider ist das nicht immer der Fall.

Wie dem auch sei, am nächsten Morgen hatte Phoebe zwar genügend Energie um Theresia und mir die Haare zu flechten, aber niemand hatte mehr so richtig Lust, etwas zu unternehmen. Daher sind wir nonstop nach Norman gefahren, was uns richtig freundlich mit Regen und zähflüssigem Verkehr dank Unfällen empfangen hat. Schweren Herzens haben wir alle vom Urlaub Abschied genommen, und auf merkwürdige Weise auch voneinander, denn so dicht wie die vergangenen 11 Tage werden wir nicht mehr aufeinanderhocken. Es war absolut toll, mit diesen Jungs und Mädels unterwegs zu sein - auch wenn Phoebe und Tim irgendwann angefangen haben, ein idiotisches Lachen nachzuahmen, dass sie in irgendeiner Fernsehserie aufgeschnappt hatten... sowas gehört zu der ganzen Erfahrung eben dazu.

Am Montag bin ich ein letztes Mal mit dem vollkommen zugebröselten Van gefahren, um ihn in Oklahoma City abzugeben. Amandine, Olivier und Tim waren auch noch dabei, und Nicholas hat uns zurück nach Norman gefahren - vielen Dank! Und jetzt hat uns die Realität leider endgültig wieder. Aber zunächst habe ich noch ein paar Bilder für euch.

Unser Minivan beim Tanken irgendwo in Colorado

Und nochmal von außen, am zweiten Tag im Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada (der Regen am Ende hat alles weggewaschen)

Ein typisch amerikanischer Highway

Was Mathematiker ohne Tafel tun

Der Beweis, dass die Golden Gate Bridge nicht immer vom Nebel verhüllt wird

Der Strand von oben

Geburtstagskuchen am Pazifik

Jack und ich vor Grauman's Chinese Theatre

Samstag, November 24, 2007

3100 Meilen später

[Da ich kein Internet hatte poste ich diesen Eintrag aus dem Mountain Side Inn in Williams, in der Nähe des Grand Canyons; mehr Einträge auf Google Maps werden folgen, aber die Internetanbindung hier ist zu langsam, um angenehm mit dem ach so tollen Web 2.0 zu arbeiten; das Hochladen von Bildern habe ich auch irgendwann aufgegeben]

Ich sitze am Freitagnachmittag in einem ungewöhnlich und angenehm unscheinbaren Cafe am "Strip" in Las Vegas und warte darauf, dass die weibliche Fraktion unserer 7-köpfigen Mannschaft das Okay für die Weiterfahrt in Richtung Grand Canyon gibt. Während die ihrer Shoppingpflicht nachgeht habe ich genügend Zeit, die letzten knapp über sieben Tage revue passieren zu lassen.

Am letzten Donnerstag hat Josi uns (das heißt Olivier, Theresia, Tim und mich) netterweise (nochmal vielen, vielen Dank!) nach Oklahoma City gefahren hat, wo wir unseren Mietvan abgeholt haben. Nach einem kurzen Startversuch hat Theresia erst einmal vor dem Fahren zurückgeschreckt, weshalb ich uns zurück nach Norman gefahren habe. Am Abend sind wir dann zum Walmart gefahren, um Proviant, Paper Towels und eine Straßenkarte zu kaufen, und um danach Olivier und Theresia, die noch bis um sieben Uhr in einer Vorlesung waren, vom South Oval abzuholen. Damit waren wir komplett: Amandine, Emilie, Olivier (alle drei aus Frankreich), Phoebe (aus England), Theresia, Tim und ich (aus Deutschland), und es ging los auf der I-35 nach Norden in Richtung Kansas. (Hier in San Francisco, v.l.n.r.: ich, Emilie, Olivier, Phoebe, Amandine, Tim, Theresia)

An dieser Stelle muss ich sagen, dass amerikanische Autos angenehm groß sind. Unser Dodge Minivan hat zwei Sitze vorne, zwei in der Mitte und eine Rückbank mit drei Sitzen. Natürlich sieht das Auto inzwischen ziemlich chaotisch aus, so vollgepackt wie es ist. Aber man kann immer noch aus dem Rückfenster heraussehen, und nur auf der Rückbank fühlt man sich etwas eingeengt. Phoebe verlässt ihr Königreich hinten rechts trotzdem nicht, dafür hat sie es sich dort zu gemütlich eingerichtet.

Wir sind die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag durchgefahren. Irgendwann nach Mitternacht, als wir bereits auf der I-70 kurz vor der Grenze von Kansas nach Colorado waren, hat mich Olivier abgelöst. Als die Sonne aufging waren wir bereits über den Hauptkamm der Rocky Mountains hinweg, und wir machten eine etwas längere Pause im Glenwood Canyon am Colorado River.

Einen Umweg der abgedrehteren Art haben wir dann auf Grund einer Fehlnavigation meinerseits durch ein paar National Forests gemacht. Auf Schotterstraßen ging es da durch die Ausläufer der Rocky Mountains, und wir waren doch alle ganz froh, als wir wieder zurück auf der I-70 waren. Kurz vor Utah in Grand Junction wurde Olivier dann von Theresia abgelöst, nachdem er direkt von der linken Spur in eine Tankstelle gefahren ist ohne zu bemerken, dass er dabei beinahe einen Sheriff gerammt hätte. Der Sheriff hatte zum Glück offenbar besseres zu tun, als uns anzuhalten. Vielleicht war er auch einfach nicht für diese Gegend zuständig.

Am Nachmittag haben wir die I-70 dann noch einmal für ein paar Stunden verlassen, um im fantastischen Tal entlang des Colorado Rivers bis zum Arches National Park zu fahren.

Die ganze Gegend ist gewissermaßen das Vorfeld des Grand Canyons, und im Arches National Park stehen diese unglaublichen natürlichen Steinbögen. In und um diese herum zu klettern war eine richtig erfrischende Abwechslung von der ständigen Fahrerei.

Tim hat irgendwann angefangen, überall Namen und OU-Symbole auf den Felsen zu hinterlassen. Um so größer war unser Jubel, als ich an der höchsten sicher erreichbaren Stelle an der Innenwand des South Windows (eines der Steinbögen) ein OU-Symbol vorfand, dass einer unserer Vorgänger dort hinterlassen haben muss.

Noch bevor wir im National Park ankamen haben die Akkus meiner Kamera mal wieder ihren Geist aufgegeben. Zum Glück hat mir Emilie ihre neue Kamera anvertraut, obwohl sie meine Kletterei offensichtlich beängstigt hat. Und ich bin, wie ihr seht, ja auch wieder heil am Boden angekommen. Kurz vor Sonnenuntergang am Freitag haben wir den Park dann wieder verlassen und ich habe uns durch Utah gefahren, zuerst über die nahezu menschenleere (vielleicht besser: autoleere) I-70 und dann über den Loneliest Highway durch die Wüste bis an die Grenze nach Nevada. Dort, nachdem wir ohne einmal zu übernachten zwei Zeitzonengrenzen überquert hatten, hat mich Olivier wieder für das letzte Stück bis Ely in Nevada abgelöst. Dort haben wir uns ein Motel gesucht und sind ins Bett beziehungsweise auf den Boden gefallen.

Wir nehmen uns auf diesem Trip immer nur ein Zimmer mit zwei Betten (bzw. in Ely zwei Zimmer mit jeweils einem Bett). Das ist mit Abstand die spaßigste und günstigste Möglichkeit um hier zu reisen, nur muss man eben ab und zu auf dem Fußboden übernachten. Nicht zuletzt bietet es auch immer wieder spannende neue Szenarien, um die überschüssigen Gäste ins Zimmer zu schmuggeln.

Am nächsten Morgen bin ich zum ersten Mal in meinem Leben durch einen Drive-Through gefahren, da die Mehrheit ein McDonalds-Frühstück haben wollte. Auf dem Weg von Ely nach Eureka in Nevada habe ich Emilie das Steuer überlassen, und sie hat uns über weitere Schotterstraßen bis in den Berlin-Ichtyosaur State Park gefahren, wo wir Fossilien und eine echte Goldgräber-Geisterstadt bewundert haben. In Berlin-Ichtyosaur hat Phoebe das Steuer übernommen, und da Emilie mal wieder etwas länger auf sich warten ließ, haben wir zu härteren Methoden gegriffen. Das Bild ist aus dem fahrenden Auto aufgenommen...

Phoebe hat uns bis nach Sparks zur I-80 gefahren, aber dann war mir ihr Fahrstil zu viel. Für das Eiern in der Spur ist auch die englische Herkunft keine Ausrede, also habe ich die Fahrt bis nach San Francisco übernommen. Über die gesamte Strecke von Norman bis San Francisco ist die Stimmung trotz so mancher Übermüdung immer besser geworden. Phoebe hat sich in den französischen Akzent und die Fehlaussprüche wie "Close the lights please" verliebt.

Bei dichtestem Nebel sind wir schließlich zu alten Hippiesongs ("If you're going to San Francisco...") über die Golden Gate Bridge gefahren und ich musste feststellen, dass Verkehr in San Francisco (und damit meine ich Kraftfahrzeugverkehr) nicht so angenehm ist wie andernorts. Dafür sind die Straßen zu eng und die Hügel zu steil. Wir haben auch bereut, uns nicht von Vornherein um eine Unterkunft zu kümmern und mussten daher eine ganze Weile herumgurken, bevor wir südlich vom Flughafen ein Motel gefunden haben.

Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten haben wir als erstes online nach einem günstiger gelegenen Motel gesucht und wurden mitten in San Francisco in Marina auch fündig. Dort sind wir früh am nächsten morgen, also am Sonntag, hingefahren, um von dort entlang der Küste und an Ölaufräumern vorbei zum Pier 33 zu laufen, wo uns die Fähre nach Alcatraz erwartet hat. Den größten Teil des Nachmittags haben wir dann auch mit Sightseeing und der Selfguided Audio Tour auf der Insel der Seevögel verbracht.

Zurück auf dem Festland sind wir über den Pier 39 geschlendert, haben eine klassische Suppe im Sour Dough Bread genossen und sind durch die massenweise vorhandenen Läden getingelt, bevor wir mit dem Bus zurück zum Motel gefahren sind um unser Zimmer zu beziehen. Während Phoebe sich mit einem Bekannten getroffen hat sind wir anderen singend und hüpfend durch The Marina gezogen. Unser Plan, in eine Karaokebar zu gehen, wurde leider von der absurden Gesetzgebung hierzulande zerstört. Offensichtlich ist man selbst in San Francisco nicht in der Lage, vernünftige Regelungen für Leute zu finden, die unter 21 sind und einfach nur gemütlich ausgehen wollen. Auf dem Weg zurück haben wir zum Glück noch ein angenehmes Organic Café gefunden, in dem wir je nach Geschmack heiße Schokolade oder Kaffee genossen haben.

Danach wollte Tim offensichtlich einen Punkt machen und hat eine Flasche Wodka in einem Liquor Store gekauft. Und damit ist der ganze "unter 21 kein Alkohol"-Wahn ad absurdum geführt, denn in besagter Karaokebar hätte unsere unter-21-jährige sicher nichts getrunken. Zum Glück haben uns die Betten das viele Gehüpfe bei der darauffolgenden Zimmerparty nicht übel genommen. Ich bin irgendwann weggedöst, während die anderen weitergefeiert haben und angesichts der Gemälde an der Wand Marc Chagall lobgepriesen haben.

Am nächsten Morgen sind wir am Strand entlang zur Golden Gate Bridge gelaufen, die glücklicherweise ganz und gar nebelfrei war. Danach ging es mit dem Bus nach Chinatown. Nach einem Nachmittagessen in einem chinesischen Restaurant dort ist meine Stäbchenkunst zwar marginal mehr vorhanden als zuvor, aber von chinesischem Essen bin ich immer noch nicht überzeugt. Im Anschluss sind wir zum Coit Tower gelaufen, und in dessen Nähe haben wir eine kostenlose Fahrt mit dem Cable Car zu Fisherman's Wharf erschlichen. Dort gingen natürlich die meisten von uns auf Souvenirjagd, während ich mich hauptsächlich damit begnügt habe, die Bumperstickersprüche zu lesen.

Am Dienstagmorgen überreichten wir Tim sein "San Francisco is sexy"-T-Shirt als Geburtstagsgeschenk, danach habe ich wieder das Steuer übernommen. Über die Golden Gate Bridge, die Ostseite der Bay und zurück über die Bay Bridge sind wir zum Highway 1 an die Westküste gefahren, um diesem nach Süden zu folgen. Zweimal haben wir an Stränden gerastet, unter anderem um eine Geburtstagstorte zu verzehren. Kurz nach Mitternacht sind wir dann mit Olivier am Steuer in Los Angeles, genauer gesagt in Hollywood, angekommen.

Dort hatten wir bereits ein Motel einen Katzensprung vom Walk of Fame entfernt gebucht. Dummerweise hat sich herausgestellt, dass wir, um zu unserem Zimmer zu kommen, direkt an der Rezeption vorbei mussten. Nachdem Emilie und ich eingecheckt haben haben wir uns viel zu viele Rucksäcke und Taschen geschnappt und haben das Zimmer bezogen. Amandine, Olivier und Theresia sollten als zweite Gruppe ins Zimmer kommen. Klevererweise haben sie den Aufzug übersehen, der direkt in der Lobby war und sind erst einmal in die falsche Richtung getappst. Mehr als einen irritierten Blick des Rezeptionisten haben sie aber dennoch nicht geerntet, und am Ende sind auch Phoebe und Tim ereignislos ins Zimmer gekommen.

Am Mittwochmorgen sind wir den Sternen auf dem Walk of Fame gefolgt, haben die Hand- und Schuh- (bzw. im Fall von Sean Connery Fuß-)Abdrücke vor Grauman's Chinese Theatre bewundert und sind mit der Metro zur Universal City gefahren. Universal City ist eine gigantische Touristen-Abschöpfanlage, der zweite Ort nach Pier 39, an dem ich Bubba Gump gesehen habe. Es gibt dort neben dem City Walk auch einen Park mit Attraktionen und Tours, aber bei 64$ Eintritt haben wir dann doch verzichtet, und uns darauf beschränkt "Star und Groupies" auf dem roten Teppich zu spielen. Und natürlich haben wir den Texas Longhorn-Fan, der uns ständig über den Weg gelaufen ist, mit "Boomer Sooner"-Rufen amüsiert.

Länger als vermutet war die Fahrt mit der Metro nach Long Beach, und auch wenn Long Beach nett anzusehen war, die Strände, die wir am Vortag gesehen haben waren besser. Der mit Abstand beste Strand der Reise war übrigens der Strand, an dem wir gelandet sind, als wir eigentlich gar nicht zu einem Strand, sondern nur zu öffentlichen Toiletten entlang Highway 1 wollten.

Nach Long Beach und einer weiteren Souvenirshoppingtour am Hollywood Boulevard (Walk of Fame) hat uns Tim dazu überredet, Mulholland Drive entlang zu fahren. Die Aussicht über Los Angeles bei Nacht war durchaus beeindruckend, aber müde wie ich von dem langen Tag war war ich doch froh, als ich wieder im Motel in mein Bett fallen konnte.

Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich mit den anderen auf der "iPod Plaza" gegenüber vom Wynn treffe. Der Ort heißt eigentlich Fashion Show Plaza, aber auf Grund der vier gigantischen Bildschirme die fast ausschließlich iPod-Werbung zeigen, nennen wir ihn so. Daher werde ich von unserer Fahrt nach Las Vegas beim nächsten Mal berichten.

Donnerstag, November 15, 2007

All the leaves are brown

... and the sky is blue! Heute geht's los nach Kalifornien - über Kansas, Colorado, Utah und Nevada. Über Thanksgiving, bis zum nächsten Sonntag, bin ich mit einem Haufen cooler Leute in einem Minivan unterwegs. Jetzt muss ich aber erst noch ein paar Dinge packen, und mir noch eine letzte Vorlesung Zahlentheorie reinziehen, bevor ich am Montag und Dienstag die Uni schwänze...

Dienstag, November 13, 2007

Dies ist ein Liebesbrief

Über ein Auslandssemester in einem Blog zu berichten ist schwierig. Natürlich will ich euch auf dem Laufenden halten, was alles so passiert. Aber ich muss zugeben, dass mir schon vor längerem aufgefallen ist, dass meine Berichte oberflächlich sind. Ich erzähle von den Orten, an denen ich war, und von kulturellen Unterschieden, die mir besonders ins Auge gestochen sind. Ganz klar, dass vieles davon zu den für mich persönlich besonderen Eindrücken gehört. Jedoch bleibt ein Großteil dessen, was mich wirklich im Innersten bewegt, unausgesprochen.

Dafür gibt es gute Gründe. Zum einen ist ein Blog kein Tagebuch. Es gibt Menschen, die ihre privatesten Gefühle und Erlebnisse in die weite Welt posaunen. Ich dagegen denke, dass dies in der Regel dem klassischen Tagebuch vorbehalten bleiben sollte.

Zum anderen sind oberflächliche Themen sowohl für mich als Autor als auch für euch als Leser einfacher. Denn alle wirklich wichtigen Erlebnisse sind sehr subjektiv. Jeder kann nach Tulsa oder nach New York oder an die Cliffs of Moher fahren. (Ich persönlich würde im Anschluss am ehesten die Cliffs of Moher als wertvolle Erfahrung in Erinnerung behalten, jemand anderes vielleicht nur New York.) Davon kann man gut berichten, aber im Grunde ist es eben oberflächlich. Die wirklich bedeutenden und bleibenden Erinnerungen können so unscheinbar sein wie die Silhouette einer Leserin am Rande eines Teichs. Denn sie haben beinahe nie mit Orten oder offiziellen Anlässen zu tun, und falls doch, so dient der Ort oder Anlass meist nur als Katalysator. Wirklich wichtig sind nämlich nur andere Menschen. Und solange ihr als Leser diese Menschen nicht selbst kennt, ist es mir kaum möglich, von meinen Erfahrungen so zu berichten, dass ihr sie hinreichend nachvollziehen könnt.

Ich würde daran auch nichts ändern wenn mir meine Privatsphäre (und die meiner Mitmenschen hier!) egal wäre. Sicherlich könnte ich versuchen, euch mit schriftstellerischen Ausschweifungen wie in einem Roman an die Protagonisten meines Abenteuers hier heranzuführen. Aber - ich bitte um Entschuldigung - dafür ist mir meine Zeit zu schade. Ich verwende schon jetzt genügend Zeit mit dem Schreiben dieses Blogs, da ich nicht einfach nur meine erstbesten Gedanken zu Protokoll geben will. Trotzdem will ich euch ein paar der tollen Menschen, die ich hier kennengelernt habe, kurz vorstellen. Der wirklich spannende Tratsch bleibt aber privat!

Da wäre zum Beispiel Mohammed, mein algerisch-französischer Mitbewohner, der hier seinen Master macht. Es ist zum großen Teil ihm zu verdanken, dass unser Apartment trotz kolumbianischer Küchenbenutzung noch nicht ganz verwahrlost ist (das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist). Er hat eine freundliche und bedachte Art, die er auch in seinen im Überfluss vorhandenen Humor einfließen lässt. Kombiniert mit seinem Akzent hat das schon dazu geführt, dass Besucher im Wortsinn vor Lachen auf dem Boden gelegen haben. Und ich habe noch nicht ganz aufgegeben, ihm "Pfüati" beizubringen (wie schreibt man das eigentlich?), aber bis jetzt hört es sich mehr wie "fifty" an.

Wer vor Lachen auf dem Boden lag war übrigens nicht irgendwer, sondern Phoebe ("Can't you hear I'm from England?"), die selbst im Swimmingpool noch am Tanzen ist, wenn die Musik passt. Es gab eine Phase, in der wir ständig Südstaatenakzente ("Howdyall") und die absurden Rufe der Fraternities und Sororities imitiert haben. Auch sonst haben wir jede Menge Spaß, nicht zuletzt mit so tiefgreifenden Erkenntnissen wie der, dass es doch tatsächlich Eltern gibt, die ihr Kind Shithead nennen (der Name wird Shutheed ausgesprochen).

Für Heroes und andere Serien ist Aissata ("Oooohhhh, Shasha!") aus Mali Expertin. Sie ist außer ihrer Schwester Seina übrigens die einzige Studentin aus Mali hier, und immer wieder für Parties und ähnliches zu haben. Ich darf daran erinnern, dass der Elf ihre Idee war. Auf dem Bild sind Aissata, ihre Energie geladene Mitbewohnerin Yan und Lukas.

Ein ganz anderer Typ Mensch ist Sachiyo aus Japan durch die ich gelernt habe, wie mit etwas Aufmerksamkeit aus einem schönen Abend ein besonderer Abend werden kann. Sie entspricht viel mehr dem Klischee von fernöstlicher Zurückhaltung, aber jedes Mal, wenn ich mich mit mir unterhalten habe, war eine Bereicherung. Leider habe ich nicht mehr viel mit ihr zu tun.

Neben ihr auf dem Sofa sitzt Dominik, den ich in diesem Blog schon öfter erwähnt habe. Er wird von (fast?) allen geliebt, nicht nur für seinen grandiosen deutschen Akzent. Durch seine Arbeit bei OU Nightly hat er immer wieder interessante Einblicke parat. Leider versagt Dominik genau diese Arbeit die Mitfahrt bei unserem Thanksgiving-Roadtrip. Es ist übrigens einfach angenehm, ab und zu wieder mit einem anderen Deutschen zu reden. Denn ich habe hier mit den wenigsten anderen Deutschen viel zu tun, und das ist auch gut so.

Überhaupt nicht dem fernöstlichen Klischee der Zurückhaltung entsprechen übrigens Südkoreaner. Fast alle, die ich von ihnen getroffen habe, waren total offen und eine Freude beim gegenseitigen Austausch. 아름 (Areum), die ich zum ersten Mal vor ein paar Wochen richtig kennengelernt habe, hat mir auch gleich eine südkoreanische Fernsehsendung gezeigt. Areum ist übrigens Mitbewohnerin von Theresia aus Paderborn. Manchmal sind sie auch einfach nur süß, zum Beispiel als 예리 (Ye Li) mir vom im koreanischen Singsang ausgesprochenen "ree-sal" erzählt hat. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass damit eine Orchesterprobe gemeint war. Ich habe mir schon seit Jahren immer wieder überlegt, eine "ganz andere" Sprache zu lernen. Sieht aus, als hätte ich meine Entscheidung getroffen. Hier sind Cindy und Ye Li. Wie viele andere Koreaner heißt Cindy nicht wirklich Cindy, sondern hat sich diesen Namen zugelegt, weil er einfacher auszusprechen ist. Ihren echten Namen weiß ich nicht mehr, aber er klang ganz ähnlich.

Damit sind leider immer noch nicht alle erwähnt, die ich erwähnen wollte, und erst recht sind nicht alle erwähnt, die eine Erwähnung verdient haben. Aber es ist an der Zeit, dass ich diesen Eintrag abschließe. Vielleicht kommt ja noch ein Nachtrag... und wer wirklich mehr wissen will, wird dazu auch Gelegenheit bekommen.