Den zukünftigen US-Präsidenten mit Faschisten zu vergleichen ist nicht neu, aber eine Facette des Vergleichs habe ich bisher selten gesehen. In seiner Rede zum Wahlsieg hat Trump von groß angelegten Investitionsprogrammen gesprochen. Tatsächlich kann die USA das sehr gut gebrauchen. Schon seit Jahren beklagen Bauingenieure dort den schlechten Zustand der Infrastruktur, und natürlich wäre ein solches Investitionsprogramm gut für die Wirtschaft und könnte flächendeckend die Nachfrage nach Arbeit stärken.
Das ist wichtig, denn man muss sich klar machen, dass es ganze Schichten in den USA gibt, an denen die Erholung von der Wirtschaftskrise vollkommen vorbeigegangen ist. Diese Menschen beklagen sich zurecht über den Status Quo.
Das vermischt sich dann oft mit den für mich illegitimen Klagen von Weißen, die einfach nur Angst vor dem Verlust des gefühlten Privilegs der Mehrheit haben. Werdet endlich erwachsen!, möchte ich diesen Menschen zurufen. Aber wer sie dann deswegen als Rassisten abstempelt und den legitimen Teil ihrer Beschwerden schlicht ignoriert macht es sich auch zu einfach. Man riskiert damit nämlich genau den Aufstieg von Gefährdern wie Trump.
Die Parallele zu Hitler, dessen Regierungsprogramm ja trotz allem Negativen tatsächlich auch durch massive Investitionen erst einmal die Leben vieler Menschen verbessert hat, ist mir deswegen so wichtig, weil sie so unglaublich traurig ist. Warum konnten sich die Demokraten der Weimarer Republik nicht zu großen Investitionsprogramm zusammenreißen? Warum gelang es in den USA in den letzten Jahren nicht? Und warum gelingt es auch heute in Deutschland wieder nicht und schafft so den Nährboden für die AfD? Warum lassen liberale, progressive Parteien und Politiker ihre Flanken so ungeschützt? Man könnte ja durchaus die positiven Seiten eines expansiven und inklusiven Wirtschaftsprogramms übernehmen ohne deswegen gleich dem globalen Klimawandel die Tür zu öffnen, alle Juden zu vernichten, oder einen Weltkrieg anzuzetteln.
Wenn ich heute mit Menschen darüber rede, begegne ich leider immer wieder Fehlinformationen über unser Wirtschaftssystem. Bei Hitler heißt es sofort, das wäre ja alles in Wirklichkeit schlecht gewesen wegen der Schuldenaufnahme (dem zweiten beliebten Argument bei Hitler, nämlich der Kritik am Rüstungsfokus, stimme ich zu - aber es gibt so viele sinnvolle Dinge, in die man investieren kann, es muss wirklich nicht das Militär sein!). Auch im heutigen Deutschland ist die Ideologie der schwarzen Null das große Hindernis. Genauso haben in den USA in den letzten Jahren die Republikaner gerne mit Verweis auf das Haushaltsdefizit blockiert. Letzteres mag Zweifel aufbringen, ob es unter Trump große Investitionsprogramme geben wird, aber die Republikaner haben ja auch immer wieder bewiesen, dass ihnen Haushaltsdefizite nur so lange wichtig sind, wie sie damit demokratische Vorschläge blockieren können. Paul Ryans (republikanischer Speaker of the House) eigene Budgetentwürfe enthalten, wenn man sie nüchtern analysiert, immer gigantische Haushaltsdefizite. Vielleicht kommt Trump mit seinem Investitionsprogramm trotzdem nicht durch den Kongress, aber die Chancen stehen nicht schlecht.
In Wirklichkeit sind Schulden und Defizite für monetär souveräne Staaten schlicht kein Problem - zumindest nicht so, wie die meisten Menschen das zu wissen glauben. In der Eurozone verkompliziert die fehlende Souveränität die Situation, aber das ist ein Thema für ein andermal.
Natürlich ist ein Investitionsprogramm alleine nicht genug. Auch an Bildung muss gearbeitet werden und an regionalen Strukturen, und sicherlich an noch mehr. Aber ein Investitionsprogramm ist ein guter, klar sichtbarer und medienwirksamer Anfang, mit dem es einfach ist, in die richtige Richtung zu gehen.
Unsere Demokratie ist zu wichtig, um sie einer ökonomischen Ideologie zu opfern.
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Freitag, November 11, 2016
Montag, Juli 06, 2015
OXI zu Parallelwelten
Es sind krasse Parallelwelten, die sich in Folge der Finanzkrise in Europa aufgebaut haben. Letzte Woche wurde in den Tagesthemen kommentiert, die Griechen sollten doch bitte beim gestrigen Referendum mit Ja stimmen. Die Logik des Kommentators: Dann gebe es ein Ende (der Syriza-Regierung) mit Schrecken, statt einem Schrecken (stockende Verhandlungen) ohne Ende.
Dabei erleben die Griechen den Schrecken (Rezession) ohne Ende schon seit mehreren Jahren. Folgerichtig haben sie mit deutlicher Mehrheit Nein gesagt zu den Forderungen der Gläubigern. Womöglich ist damit ein Ende (Grexit) mit Schrecken eingeleitet - so sieht es in der Welt aus, in der ich lebe, und die sich offenbar deutlich von der jenes Kommentators unterscheidet.
Der Kommentator und ich verwenden die gleiche Redensart - "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" - und drücken damit vollkommen gegensätzliche Meinungen aus.
Das macht mir schon länger Sorgen. Denn wie überlegen haben wir uns gefühlt, als vor über 10 Jahren in den USA das öffentlich-mediale Narrativ aus dem Ruder gelaufen ist und so den Irakkrieg ermöglicht hat! Und nun passiert bei uns etwas ganz ähnliches (nur dass es wenigstens nicht in einem Krieg, sondern "nur" in der ewigen Rezession einer Volkswirtschaft durch Austeritätspolitik mündet)!
Von daher: Ganz unabhängig davon, wie es mit dem Euro weitergeht, von mir ein "Vielen Dank, ihr Griechen!" aus tiefster Seele. Denn die Griechen haben mit ihrem Mut und ihrer Standfestigkeit eine Politik gestärkt, die Europa zur Auseinandersetzung mit den blinden Flecken seiner Eliten zwingt. Die Chancen stehen besser denn je, dass wir die Parallelwelten, in denen wir leben, aufbrechen und wieder gemeinsam zur Vernunft finden können.
Dabei erleben die Griechen den Schrecken (Rezession) ohne Ende schon seit mehreren Jahren. Folgerichtig haben sie mit deutlicher Mehrheit Nein gesagt zu den Forderungen der Gläubigern. Womöglich ist damit ein Ende (Grexit) mit Schrecken eingeleitet - so sieht es in der Welt aus, in der ich lebe, und die sich offenbar deutlich von der jenes Kommentators unterscheidet.
Der Kommentator und ich verwenden die gleiche Redensart - "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" - und drücken damit vollkommen gegensätzliche Meinungen aus.
Das macht mir schon länger Sorgen. Denn wie überlegen haben wir uns gefühlt, als vor über 10 Jahren in den USA das öffentlich-mediale Narrativ aus dem Ruder gelaufen ist und so den Irakkrieg ermöglicht hat! Und nun passiert bei uns etwas ganz ähnliches (nur dass es wenigstens nicht in einem Krieg, sondern "nur" in der ewigen Rezession einer Volkswirtschaft durch Austeritätspolitik mündet)!
Von daher: Ganz unabhängig davon, wie es mit dem Euro weitergeht, von mir ein "Vielen Dank, ihr Griechen!" aus tiefster Seele. Denn die Griechen haben mit ihrem Mut und ihrer Standfestigkeit eine Politik gestärkt, die Europa zur Auseinandersetzung mit den blinden Flecken seiner Eliten zwingt. Die Chancen stehen besser denn je, dass wir die Parallelwelten, in denen wir leben, aufbrechen und wieder gemeinsam zur Vernunft finden können.
Samstag, Juli 04, 2015
Kritik an der Struktur des Europäischen Emissionshandels
Die Reduktion von Treibhausgasemissionen ist ein (überlebens-)wichtiges Politikziel. Ein Mechanismus dafür unter vielen ist der Emissionshandel in der EU.
Der funktioniert so: Emittenten kaufen das Recht, Treibhausgase auszustoßen. Konkret kaufen sie ein standardisiertes Finanzprodukt, das kurz "allowance" genannt wird. Eine Allowance erlaubt den Ausstoß einer Tonne CO2 (bzw. einer äquivalenten Menge anderer Treibhausgase). Einmal im Jahr wird abgerechnet, wie viel der Emittent im vorangegangenen Jahr tatsächlich ausgestoßen hat. Die entsprechende Anzahl an Allowances muss er abgeben. Diese Allowances werden vernichtet und sind nicht mehr verfügbar. Hat der Emittent nicht genügend Allowances, muss er eine Strafe zahlen.
Die Allowances können wie Aktien an der Börse gehandelt werden, und wir wissen, wie sie vernichtet werden. Aber wie kommen sie in Umlauf? Es gibt eine politisch definierte Menge an Allowances, die jährlich in der EU in Umlauf gebracht wird (für 2015 sind es knapp über 20 Mrd. im Emissionsmarkt für "power stations and other fixed installations"; es gibt einen separaten Markt für Flugemissionen, aber solche Details klammere ich aus). Zum einen erhalten Emittenten kostenlos Allowances je nach Industrie und Unternehmensgröße. Dieser erste Mechanismus ist primär dazu gedacht, die Einführung des Emissionshandels möglichst reibungsfrei zu gestalten, und verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Die restlichen Allowances werden durch die Mitgliedsstaaten per regelmäßiger Auktion verkauft, mindestens die Hälfte der Erlöse muss für Projekte im Rahmen des Klimawandels verwendet werden. Der Lebenszyklus der Allowances sieht also so aus: Eine Allowance kostet übrigens zur Zeit zwischen 7€ und 8€. So weit die grobe Übersicht.
Eine politisch aufgeladene Frage ist natürlich noch, wer überhaupt Allowances kaufen muss, um Treibhausgase auszustoßen. Als Normalbürger darf man schließlich das eigene Haus heizen und Auto fahren, ohne sich am Emissionshandel zu beteiligen, und auch nicht alle Industrien sind gleichermaßen betroffen. Aber hier will ich mich konkreten Fragen der Marktstruktur zuwenden. Ich habe dazu einen kleinen und einen sehr großen Kritikpunkt.
Die potentiell drastischen Preisschwankungen bei Fehleinschätzung der tatsächlichen Emissionsmenge wurden bereits als Problem erkannt. Was dagegen getan werden kann ist mir aber unklar. Es gibt durchaus Alternativen zum Emissionshandel, um eine Einpreisung der Emissionen zu erzwingen, ganz banal zum Beispiel eine Emissionssteuer.
Wenn man beim Emissionshandel bleiben möchte - vielleicht auch im Hinblick darauf, dass dieser langfristig am ehesten international durchsetzbar ist - könnte die EU-Kommission statt der Emissionsmenge die Preiskurve fixieren. Vom aktuellen Auktionsmodell müsste man sich verabschieden. Konkret könnte die Kommission jederzeit zum Verkauf von Allowances bereitstehen, wobei der Preis vom gleitenden durchschnittlichen Verkaufsvolumen der letzten X Tage abhängt. Auf diese Weise ließe sich eine Preiskurve realisieren, die so aussieht:
Anstatt die in Auktionen verfügbaren Emissionsmengen schrittweise zu reduzieren, würde die Kommission dann diese Kurve im Laufe der Jahre nach links verschieben. Vermutlich hat auch diese Variante ihre Schwächen, aber sie müsste die Planungsunsicherheit eliminieren, die mit drastisch schwankenden Preisen verbunden ist. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir auf diesem Gebiet noch viel Erfahrung sammeln müssen.
Der funktioniert so: Emittenten kaufen das Recht, Treibhausgase auszustoßen. Konkret kaufen sie ein standardisiertes Finanzprodukt, das kurz "allowance" genannt wird. Eine Allowance erlaubt den Ausstoß einer Tonne CO2 (bzw. einer äquivalenten Menge anderer Treibhausgase). Einmal im Jahr wird abgerechnet, wie viel der Emittent im vorangegangenen Jahr tatsächlich ausgestoßen hat. Die entsprechende Anzahl an Allowances muss er abgeben. Diese Allowances werden vernichtet und sind nicht mehr verfügbar. Hat der Emittent nicht genügend Allowances, muss er eine Strafe zahlen.
Die Allowances können wie Aktien an der Börse gehandelt werden, und wir wissen, wie sie vernichtet werden. Aber wie kommen sie in Umlauf? Es gibt eine politisch definierte Menge an Allowances, die jährlich in der EU in Umlauf gebracht wird (für 2015 sind es knapp über 20 Mrd. im Emissionsmarkt für "power stations and other fixed installations"; es gibt einen separaten Markt für Flugemissionen, aber solche Details klammere ich aus). Zum einen erhalten Emittenten kostenlos Allowances je nach Industrie und Unternehmensgröße. Dieser erste Mechanismus ist primär dazu gedacht, die Einführung des Emissionshandels möglichst reibungsfrei zu gestalten, und verliert im Laufe der Zeit an Bedeutung. Die restlichen Allowances werden durch die Mitgliedsstaaten per regelmäßiger Auktion verkauft, mindestens die Hälfte der Erlöse muss für Projekte im Rahmen des Klimawandels verwendet werden. Der Lebenszyklus der Allowances sieht also so aus: Eine Allowance kostet übrigens zur Zeit zwischen 7€ und 8€. So weit die grobe Übersicht.
Eine politisch aufgeladene Frage ist natürlich noch, wer überhaupt Allowances kaufen muss, um Treibhausgase auszustoßen. Als Normalbürger darf man schließlich das eigene Haus heizen und Auto fahren, ohne sich am Emissionshandel zu beteiligen, und auch nicht alle Industrien sind gleichermaßen betroffen. Aber hier will ich mich konkreten Fragen der Marktstruktur zuwenden. Ich habe dazu einen kleinen und einen sehr großen Kritikpunkt.
- Die relevante Regulierung legt fest (Artikel 6), dass jedes Gebot auf Auktionen ein Vielfaches von 500 oder 1000 Allowances sein muss. Insbesondere ist damit ein relativ hohes Mindestgebot festgelegt. Erstens erhöht dies die Hürden, überhaupt an Auktionen teilzunehmen. Zweitens wird es für Auktionsteilnehmer schwieriger, ihre Nachfragekurve präzise als Gebote zu formulieren. Und all das ohne guten Grund: Die Handelssysteme funktionieren allesamt elektronisch, und die Auktionen arbeiten im Stundentakt. Es wäre also problemlos möglich, Auktionen mit der feinsten Auflösung durchzuführen.
- Die harte Festlegung auf eine bestimmte Emissionsmenge pro Jahr ist weltfremd. Natürlich hat die verwendete Technologie eine Auswirkung auf die Emissionsmenge, und das Umrüsten auf umweltfreundlichere Produktionsmethoden ist ja gerade ein Ziel der Politik des Emissionshandels. Allerdings sind diese Umstellungsprozesse sehr langfristig. Kurzfristig wird die Emissionsmenge primär durch die Wirtschaftsleistung bestimmt, also durch die Nachfrage nach Produkten. Diese wird sich nur wegen des bisschen Emissionshandels nicht ändern.
Folgerichtig wird in einem Jahr also nie genau die politisch bestimmte angepeilte Menge emittiert, sondern entweder zu viel oder zu wenig. Wird zu viel emittiert, dann reicht die Menge der zufließenden Allowances nicht aus, um die tatsächlichen Emissionen abzudecken. Es werden also zwangsläufig irgendwo Strafen gezahlt werden müssen, was den Preis der Allowances in die Höhe treibt, bis eine Allowance genausoviel kostet wie die ansonsten zu zahlende Strafe.
Wird "zu wenig" emittiert, dann gibt es ein Überangebot an Allowances, was den Preis auf 0 drückt. Tatsächlich ist das auch zwischendurch in der Geschichte des Emissionshandels geschehen.
Graphisch gezeigt verhält sich der Preis für Allowances in etwa wie folgt, wobei M die angestrebte Emissionsmenge und S die Strafe für eine fehlende Allowance ist:
Bei perfekter Voraussicht der Marktteilnehmer müsste die Preiskurve bei M sogar vertikal sein. Praktisch ist diese perfekte Voraussicht nicht gegeben, so dass sich eine weniger langweilige Kurve ergibt. Dennoch ist vollkommen unklar, ob die resultierende Kurve irgendeine sinnvolle Erkenntnis wiedergibt. Wahrscheinlicher ist, dass sie wie ein Fraktal im Wesentlichen chaotisch und zufällig aus Implementierungsdetails des Marktes entsteht, und der tatsächliche Informationsgehalt verschwindend gering ist.
Die potentiell drastischen Preisschwankungen bei Fehleinschätzung der tatsächlichen Emissionsmenge wurden bereits als Problem erkannt. Was dagegen getan werden kann ist mir aber unklar. Es gibt durchaus Alternativen zum Emissionshandel, um eine Einpreisung der Emissionen zu erzwingen, ganz banal zum Beispiel eine Emissionssteuer.
Wenn man beim Emissionshandel bleiben möchte - vielleicht auch im Hinblick darauf, dass dieser langfristig am ehesten international durchsetzbar ist - könnte die EU-Kommission statt der Emissionsmenge die Preiskurve fixieren. Vom aktuellen Auktionsmodell müsste man sich verabschieden. Konkret könnte die Kommission jederzeit zum Verkauf von Allowances bereitstehen, wobei der Preis vom gleitenden durchschnittlichen Verkaufsvolumen der letzten X Tage abhängt. Auf diese Weise ließe sich eine Preiskurve realisieren, die so aussieht:
Anstatt die in Auktionen verfügbaren Emissionsmengen schrittweise zu reduzieren, würde die Kommission dann diese Kurve im Laufe der Jahre nach links verschieben. Vermutlich hat auch diese Variante ihre Schwächen, aber sie müsste die Planungsunsicherheit eliminieren, die mit drastisch schwankenden Preisen verbunden ist. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir auf diesem Gebiet noch viel Erfahrung sammeln müssen.
Sonntag, Februar 01, 2015
Noch mehr Spaghetti! Wie soll Staatsfinanzierung durch die EZB aussehen?
Im Freitag erscheint ein Artikel von Christian Felber mit dem etwas albernen Titel "Mehr Spaghetti für die Wirtschaft". Der Artikel handelt nicht etwa von Griechenland, wie man angesichts des aktuellen, etwas ermüdenden Dauerthemas erwarten könnte, sondern von der EZB-Politik des Quantitative Easings. Der geneigte Leser sollte ihn am besten jetzt sofort lesen. Dieses Blog hier wartet solange geduldig.
Es stimmt vollkommen, dass die Staatsfinanzierung über Finanzmärkte ein unsinniges, undemokratisches Konstrukt ist. Der Vorschlag von Christian Felber, Staatsanleihen bis zur Höhe von 50% des BIP direkt und ohne Zinsen von der EZB kaufen zu lassen ist gut und richtig. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen.
Woher kommt eigentlich diese Zahl von 50%? Mit den 50% ist es genau wie mit den fast schon in Vergessenheit geratenen 60% aus dem Vertrag von Maastricht oder den durch Reinhart und Rogoff popularisierten 90%. Diese Zahlen sind aus der Luft gegriffen. In Vergessenheit gerät dabei, dass Keynes für eine expansive Fiskalpolitik plädiert hat, als der Schuldenstand weit oberhalb von 100% zum BIP lag. Was ist also die richtige Zahl?
Es gibt keine, und zwar aus gutem Grund. Die wesentliche und notwendige Funktion von Staatsschulden ist die des Gegengewichts zu privaten Vermögen. Private Haushalte versuchen aus den verschiedensten und meist auch berechtigten Gründen, direkt oder indirekt Vermögen aufzubauen. Das schafft finanzielle Freiheit, sorgt vor fürs Alter, und so weiter. Dieses Vermögen kann zum Beispiel in Form eines Eigenheims oder in Form von Anteilen an privaten Unternehmen gehalten werden. Insgesamt gibt es aber nie genügend Werte - und vor allem nicht genügend Werte der gewünschten Bonität - um die "Nachfrage" nach Vermögen zu bedienen (das ist keine mathematisch zwingende Tatsache, sondern eine empirische Beobachtung). Ohne Staatsschulden führt diese "Nachfrage" nach Vermögen zu einem Sparverhalten, das die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen drückt und dadurch die Wirtschaft abwürgt. Staatsschulden dienen als Ausgleichsventil, weil sie einen Vermögenswert guter Bonität zur Verfügung stellen.
Wie viele Staatsschulden werden für diese Funktion als Ausgleichsventil benötigt? Das hängt vom Sparverhalten der privaten Haushalte und vom Verhalten der privaten Wirtschaft ab. Deshalb ist eine feste Zahl Unsinn - egal ob man sie nun auf 50%, 60%, 90%, oder gar 200% setzt. Die Aufgabe der Politik muss es sein, angemessen auf das Verhalten des Privatsektors zu reagieren.
Für die Eurozone bedeutet das, dass die EZB Staatsfinanzierung nicht nur bis zu einer festen Grenze leisten sollte, sondern - den Umständen entsprechend - potentiell unbegrenzt. Natürlich darf der Zugriff auf diese Finanzierung nicht nur von der Politik der individuellen Mitgliedsstaaten abhängig sein, da sonst einer Inflationsspirale nichts im Weg stünde (das ist offensichtlich und wurde auch schon von Christian Felber angemerkt). Außerdem gibt es noch das Problem der Fairness: Wenn Österreich aus guten Gründen ordentlich bei der EZB zugreift, dann werden die Populisten in Deutschland darauf pochen, dass das unfair ist und man zumindest genauso zugreifen sollte - auch wenn es in Deutschland vielleicht gar keinen ökonomisch angemessenen Grund dafür gibt. Dann werden Geschenke verteilt, die man bald wieder rückgängig machen muss.
Meine favorisierte Lösung ist daher, dass man ein System fester Grenzen, wie es von Christian Felber vorgeschlagen wird, durch automatische Stabilisatoren ergänzt, die einheitlich für die Eurozone sind. Der progressivste Vorschlag in diese Richtung ist eine Euro-weite Job-Garantie. Es wäre aber auch denkbar, verschiedene Sozialsysteme, wie zum Beispiel eine Arbeitslosigkeitsversicherung, auf Ebene der Eurozone zu errichten und durch die EZB abzusichern (die Sozialsysteme der einzelnen Mitgliedsstaaten würden natürlich - entsprechend reduziert - als Ergänzung weitergeführt). Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn in der nächsten Krise die Arbeitslosigkeit wieder in die Höhe schnellt, und staatliche Ausgaben am dringendsten benötigt werden, dann wird der größte Teil dieser Last durch die Eurozone insgesamt getragen. Einzelne Staaten geraten nicht mehr in einen fiskalischen Teufelskreis, und eine humanitäre Katastrophe, wie wir sie jetzt in Griechenland erlebt haben, kann auf gerechte Weise vermieden werden.
Es stimmt vollkommen, dass die Staatsfinanzierung über Finanzmärkte ein unsinniges, undemokratisches Konstrukt ist. Der Vorschlag von Christian Felber, Staatsanleihen bis zur Höhe von 50% des BIP direkt und ohne Zinsen von der EZB kaufen zu lassen ist gut und richtig. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen.
Woher kommt eigentlich diese Zahl von 50%? Mit den 50% ist es genau wie mit den fast schon in Vergessenheit geratenen 60% aus dem Vertrag von Maastricht oder den durch Reinhart und Rogoff popularisierten 90%. Diese Zahlen sind aus der Luft gegriffen. In Vergessenheit gerät dabei, dass Keynes für eine expansive Fiskalpolitik plädiert hat, als der Schuldenstand weit oberhalb von 100% zum BIP lag. Was ist also die richtige Zahl?
Es gibt keine, und zwar aus gutem Grund. Die wesentliche und notwendige Funktion von Staatsschulden ist die des Gegengewichts zu privaten Vermögen. Private Haushalte versuchen aus den verschiedensten und meist auch berechtigten Gründen, direkt oder indirekt Vermögen aufzubauen. Das schafft finanzielle Freiheit, sorgt vor fürs Alter, und so weiter. Dieses Vermögen kann zum Beispiel in Form eines Eigenheims oder in Form von Anteilen an privaten Unternehmen gehalten werden. Insgesamt gibt es aber nie genügend Werte - und vor allem nicht genügend Werte der gewünschten Bonität - um die "Nachfrage" nach Vermögen zu bedienen (das ist keine mathematisch zwingende Tatsache, sondern eine empirische Beobachtung). Ohne Staatsschulden führt diese "Nachfrage" nach Vermögen zu einem Sparverhalten, das die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen drückt und dadurch die Wirtschaft abwürgt. Staatsschulden dienen als Ausgleichsventil, weil sie einen Vermögenswert guter Bonität zur Verfügung stellen.
Wie viele Staatsschulden werden für diese Funktion als Ausgleichsventil benötigt? Das hängt vom Sparverhalten der privaten Haushalte und vom Verhalten der privaten Wirtschaft ab. Deshalb ist eine feste Zahl Unsinn - egal ob man sie nun auf 50%, 60%, 90%, oder gar 200% setzt. Die Aufgabe der Politik muss es sein, angemessen auf das Verhalten des Privatsektors zu reagieren.
Für die Eurozone bedeutet das, dass die EZB Staatsfinanzierung nicht nur bis zu einer festen Grenze leisten sollte, sondern - den Umständen entsprechend - potentiell unbegrenzt. Natürlich darf der Zugriff auf diese Finanzierung nicht nur von der Politik der individuellen Mitgliedsstaaten abhängig sein, da sonst einer Inflationsspirale nichts im Weg stünde (das ist offensichtlich und wurde auch schon von Christian Felber angemerkt). Außerdem gibt es noch das Problem der Fairness: Wenn Österreich aus guten Gründen ordentlich bei der EZB zugreift, dann werden die Populisten in Deutschland darauf pochen, dass das unfair ist und man zumindest genauso zugreifen sollte - auch wenn es in Deutschland vielleicht gar keinen ökonomisch angemessenen Grund dafür gibt. Dann werden Geschenke verteilt, die man bald wieder rückgängig machen muss.
Meine favorisierte Lösung ist daher, dass man ein System fester Grenzen, wie es von Christian Felber vorgeschlagen wird, durch automatische Stabilisatoren ergänzt, die einheitlich für die Eurozone sind. Der progressivste Vorschlag in diese Richtung ist eine Euro-weite Job-Garantie. Es wäre aber auch denkbar, verschiedene Sozialsysteme, wie zum Beispiel eine Arbeitslosigkeitsversicherung, auf Ebene der Eurozone zu errichten und durch die EZB abzusichern (die Sozialsysteme der einzelnen Mitgliedsstaaten würden natürlich - entsprechend reduziert - als Ergänzung weitergeführt). Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn in der nächsten Krise die Arbeitslosigkeit wieder in die Höhe schnellt, und staatliche Ausgaben am dringendsten benötigt werden, dann wird der größte Teil dieser Last durch die Eurozone insgesamt getragen. Einzelne Staaten geraten nicht mehr in einen fiskalischen Teufelskreis, und eine humanitäre Katastrophe, wie wir sie jetzt in Griechenland erlebt haben, kann auf gerechte Weise vermieden werden.
Dienstag, Januar 27, 2015
Sado-Maso Europolitik
(Dieser Kommentar ist auch als Gastbeitrag auf Deliberation Daily erschienen.)
Anlässlich des Wahlergebnisses in Griechenland schreibt Stefan Sasse einen klugen Kommentar, in dem er unter anderem den wichtigen Hinweis gibt:
Da gibt es keinen Zweifel: Die deutsche Mainstream-Position ist gefährlicher, quasi-religiöser, und sadistisch-masochistischer Unfug.
Das ist drastisch formuliert, aber auf mehreren Ebenen gut begründbar. Zunächst ist die Position quasi-religiös: sie fußt nicht auf sauberer volkswirtschaftlicher Analyse, sondern auf dem unreflektierten Glauben an die Lehren der schwäbischen Hausfrau, die aber makroökonomisch nicht anwendbar sind. Ja, es gibt deutsche Ökonomen - auch akademischer Couleur - die im deutschen Mainstream schwimmen. International sind diese Ökonomen ziemlich isoliert.
Stefan hat bereits erklärt, wieso die Position gefährlich ist - siehe das Zitat eingangs.
Vor allem aber ist die Position Unfug, nämlich sachlich falsch. Es gibt Situationen, in denen ein Land tatsächlich wirtschaftlich schwierige Zeiten durchleben muss. Aber solche Situationen sehen anders aus, und können von Demokratien auch gut überlebt werden. Man denke zum Beispiel an Großbritannien oder die USA im Zweiten Weltkrieg. Die Anstrengungen des Krieges hatten drastische wirtschaftliche Konsequenzen, und die Menschen mussten tatsächlich "ihre Gürtel enger schnallen". Aber da waren die Gründe für jeden klar erkennbar, weshalb daraus keine Probe für die Demokratie wurde. Und, was auch noch auffallen sollte: es gab keine Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: wer immer irgendwie wirtschaftlich oder militärisch einsetzbar war wurde eingesetzt.
Warum konnte die Arbeitslosigkeit in Griechenland über 25% steigen? Es ist offensichtlich, dass es den Menschen in Griechenland besser ginge, wenn dort mehr Menschen arbeiten und daher mehr produziert würde. Tatsächlich ist Arbeitslosigkeit immer Verschwendung und nie zwangsläufig notwendig.
Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da. Das lehren uns die historischen Erfahrungen, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufgabe des Goldstandards gemacht wurden - der Austritt aus dem Euro wäre analog dazu. Ja, eine wieder eingeführte Drachme, oder wie auch immer die neue von Griechenland ausgegebene Währung dann genannt würde, hätte zunächst deutlich an Wert verloren. Aber gleichzeitig hätte die griechische Regierung die Handlungsfreiheit gehabt, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Wirtschaft wäre wieder besser gelaufen, und eine Wirtschaft, die gut läuft, ist gleichzeitig eine flexiblere und anpassungsfähigere Wirtschaft.
Wenn ich Alexis Tsipras wäre, würde ich deshalb auch den griechischen Austritt als "nukleare Option" auf dem Verhandlungstisch belassen. Langfristig gesehen braucht Griechenland den Euro nicht wirklich. Aber die Eurozone braucht Griechenland als Mitglied, um langfristig zu überleben: ein "Grexit" würde in der nächsten Krise Nachahmer finden.
Wir stellen also fest: das griechische Leid ist unnötig, wenn man bereit ist, den Euro aufzugeben. Damit ist die deutsche Position sachlich falsch. Aber was, wenn man den Euro beibehalten will?
Die deutsche Position basiert auf einem Fünkchen Wahrheit. Wenn die relative Produktivität, insbesondere gemessen als Marktwert der produzierten Güter dividiert durch dafür gezahlte Gehälter und Löhne, zwischen zwei Ländern verschieden ist, dann führt dies mittelfristig zu einem Ungleichgewicht im Handel zwischen diesen Ländern. Wenn die Länder verschiedene Währung verwenden, dann führt dieses Ungleichgewicht zu einer Verschiebung des Wechselkurses, so dass sich die relative Produktivität und damit der Handel wieder ausgleicht.
Innerhalb der Eurozone gibt es keine Wechselkurse, so dass sich die Handelsströme nicht automatisch ausgleichen. Den Handelsströmen stehen in der Bilanz Geldströme gegenüber, so dass sich das (relativ gemessen) unproduktivere Land auf Dauer verschuldet.
In den meisten ähnlich gestrickten Situationen wird politisch ein direkter Ausgleich geschaffen, so zum Beispiel innerhalb Deutschlands ganz explizit durch den Länderfinanzausgleich. Es gibt aber auch einen impliziten Ausgleich durch die Steuern und Ausgaben der Bundesregierung, die einen signifikanten Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen.
Zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone gibt es keinen direkten Ausgleich dieser Form. Die einzige Alternative wäre also ein Angleichen der relativen Produktivität. Hier behauptet die deutsche Position, dass dies nur möglich ist, indem die Löhne und Gehälter in Griechenland jahrelang nicht steigen oder sogar fallen. Das ist offensichtlich falsch, denn schließlich könnten die Löhne und Gehälter auch einfach in Deutschland (und einigen anderen Ländern) einige Jahre lang deutlich schneller steigen.
tl;dr: Die deutsche Position basiert auf den Irrglauben,
Anlässlich des Wahlergebnisses in Griechenland schreibt Stefan Sasse einen klugen Kommentar, in dem er unter anderem den wichtigen Hinweis gibt:
Die Belastungen, denen die Griechen ausgesetzt sind, sind in einer Demokratie auf die Dauer nicht zu ertragen, und für die Griechen gehen sie mittlerweile in die Halbzeit einer Dekade. Den Deutschen reichten seinerzeit zweieinhalb Jahre unter solchen wirtschaftlichen Bedingungen, um alle Demokraten zum Teufel zu wünschen und ihr Glück im Autoritarismus zu suchen.Davor aber schreibt er:
Das BIP des Landes ist gewaltig eingebrochen, und mit ihm die Gehälter, Löhne und Sozialleistungen, auf denen der bisherige griechische Lebensstandard fußte. Man mag dies wie die meisten Staaten der Europäischen Union, Deutschland voran, als eine ökonomisch notwendige und schmerzhafte Anpassungsoperation sehen, an deren Ende ein gesundes Griechenland den Kampf um wirtschaftlichen Wohlstand erneut aufnehmen kann. In der Realität aber ist die Frage, ob diese Sicht richtig ist – die an dieser Stelle auch nicht beantwortet werden kann – völlig irrelevant.Ich kann verstehen, dass Stefan dieses Fass an dieser Stelle nicht aufmachen wollte, aber die Frage ist alles andere als irrelevant. Wenn wir aus der ersten großen Wirtschaftskrise der Eurozone lernen wollen, müssen wir diese Frage richtig beantworten.
Da gibt es keinen Zweifel: Die deutsche Mainstream-Position ist gefährlicher, quasi-religiöser, und sadistisch-masochistischer Unfug.
Das ist drastisch formuliert, aber auf mehreren Ebenen gut begründbar. Zunächst ist die Position quasi-religiös: sie fußt nicht auf sauberer volkswirtschaftlicher Analyse, sondern auf dem unreflektierten Glauben an die Lehren der schwäbischen Hausfrau, die aber makroökonomisch nicht anwendbar sind. Ja, es gibt deutsche Ökonomen - auch akademischer Couleur - die im deutschen Mainstream schwimmen. International sind diese Ökonomen ziemlich isoliert.
Stefan hat bereits erklärt, wieso die Position gefährlich ist - siehe das Zitat eingangs.
Vor allem aber ist die Position Unfug, nämlich sachlich falsch. Es gibt Situationen, in denen ein Land tatsächlich wirtschaftlich schwierige Zeiten durchleben muss. Aber solche Situationen sehen anders aus, und können von Demokratien auch gut überlebt werden. Man denke zum Beispiel an Großbritannien oder die USA im Zweiten Weltkrieg. Die Anstrengungen des Krieges hatten drastische wirtschaftliche Konsequenzen, und die Menschen mussten tatsächlich "ihre Gürtel enger schnallen". Aber da waren die Gründe für jeden klar erkennbar, weshalb daraus keine Probe für die Demokratie wurde. Und, was auch noch auffallen sollte: es gab keine Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: wer immer irgendwie wirtschaftlich oder militärisch einsetzbar war wurde eingesetzt.
Warum konnte die Arbeitslosigkeit in Griechenland über 25% steigen? Es ist offensichtlich, dass es den Menschen in Griechenland besser ginge, wenn dort mehr Menschen arbeiten und daher mehr produziert würde. Tatsächlich ist Arbeitslosigkeit immer Verschwendung und nie zwangsläufig notwendig.
Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da. Das lehren uns die historischen Erfahrungen, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufgabe des Goldstandards gemacht wurden - der Austritt aus dem Euro wäre analog dazu. Ja, eine wieder eingeführte Drachme, oder wie auch immer die neue von Griechenland ausgegebene Währung dann genannt würde, hätte zunächst deutlich an Wert verloren. Aber gleichzeitig hätte die griechische Regierung die Handlungsfreiheit gehabt, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Wirtschaft wäre wieder besser gelaufen, und eine Wirtschaft, die gut läuft, ist gleichzeitig eine flexiblere und anpassungsfähigere Wirtschaft.
Wenn ich Alexis Tsipras wäre, würde ich deshalb auch den griechischen Austritt als "nukleare Option" auf dem Verhandlungstisch belassen. Langfristig gesehen braucht Griechenland den Euro nicht wirklich. Aber die Eurozone braucht Griechenland als Mitglied, um langfristig zu überleben: ein "Grexit" würde in der nächsten Krise Nachahmer finden.
Wir stellen also fest: das griechische Leid ist unnötig, wenn man bereit ist, den Euro aufzugeben. Damit ist die deutsche Position sachlich falsch. Aber was, wenn man den Euro beibehalten will?
Die deutsche Position basiert auf einem Fünkchen Wahrheit. Wenn die relative Produktivität, insbesondere gemessen als Marktwert der produzierten Güter dividiert durch dafür gezahlte Gehälter und Löhne, zwischen zwei Ländern verschieden ist, dann führt dies mittelfristig zu einem Ungleichgewicht im Handel zwischen diesen Ländern. Wenn die Länder verschiedene Währung verwenden, dann führt dieses Ungleichgewicht zu einer Verschiebung des Wechselkurses, so dass sich die relative Produktivität und damit der Handel wieder ausgleicht.
Innerhalb der Eurozone gibt es keine Wechselkurse, so dass sich die Handelsströme nicht automatisch ausgleichen. Den Handelsströmen stehen in der Bilanz Geldströme gegenüber, so dass sich das (relativ gemessen) unproduktivere Land auf Dauer verschuldet.
In den meisten ähnlich gestrickten Situationen wird politisch ein direkter Ausgleich geschaffen, so zum Beispiel innerhalb Deutschlands ganz explizit durch den Länderfinanzausgleich. Es gibt aber auch einen impliziten Ausgleich durch die Steuern und Ausgaben der Bundesregierung, die einen signifikanten Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen.
Zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone gibt es keinen direkten Ausgleich dieser Form. Die einzige Alternative wäre also ein Angleichen der relativen Produktivität. Hier behauptet die deutsche Position, dass dies nur möglich ist, indem die Löhne und Gehälter in Griechenland jahrelang nicht steigen oder sogar fallen. Das ist offensichtlich falsch, denn schließlich könnten die Löhne und Gehälter auch einfach in Deutschland (und einigen anderen Ländern) einige Jahre lang deutlich schneller steigen.
tl;dr: Die deutsche Position basiert auf den Irrglauben,
- dass der Ausgleich in relativer Produktivität durch griechisches Leid und Lohndumping geschehen muss anstatt durch Belohnung deutscher und anderer Arbeiter und Angestellter (weshalb ich die deutsche Position sadistisch-masochistisch nenne), und
- dass irgendein Währungsraum der Welt langfristig ohne politische Finanzausgleiche (egal ob explizit oder implizit) funktionieren könnte.
Montag, Januar 26, 2015
Ausländische Investitionen
Syriza hat die Wahlen in Griechenland mit deutlichem Abstand gewonnen. Typisch für der Herren eigener Geist, in dem sich unsere heutige Zeit spiegelt, sorgen sich die Verfechter der marktkonformen Demokratie um die verschiedenen wirtschaftlichen Konsequenzen des Wahlergebnisses. Zum Beispiel: Sieht es für ausländische Investitionen in Griechenland jetzt düster aus? Ich möchte dies als Anlass für ein paar grundsätzliche Überlegungen nehmen.
Lauscht man den Sonntagsreden der Politiker, dann gehört die Steigerung der Attraktivität des eigenen Landes für ausländische Investoren zu den wichtigsten Tugenden einer Regierung. Zeit für die Frage nach des Kaisers neuen Kleidern: Warum eigentlich?
Die oberflächlichen Argumente sind einfach: Da kommt jemand, stellt eine Fabrik o.ä. hin, und das schafft Arbeitsplätze. So weit richtig, sofern man mal von den vielen Beispielen der Enttäuschung absieht, in denen ein ausländisches Unternehmen mit zeitlich beschränkten Steuergeschenken angelockt wird. Wenn diese Geschenke dann auslaufen sind alle furchtbar überrascht, wenn sich das Unternehmen wieder verabschiedet.
Aber selbst wenn die Investoren bleiben, so bleiben sie nur, wenn und weil sie einen dauerhaften Profit darin sehen. Aus der Perspektive des Auslands sieht das super aus: Man schickt eine einmalige Geldsumme, und erhält anschließend einen potentiell ewig anhaltenden Geldstrom, ohne, dass man dafür eine Gegenleistung bieten muss. Dies ist schließlich das Wesen allen Profits und aller Kapitalerträge.
Dementsprechend schlecht sieht der Deal für das Land aus, in dem die Investition getätigt wird: Klar, am Anfang kommt da eine Geldsumme herein, und klar, da werden Arbeitsplätze geschaffen. Aber gleichzeitig verpflichtet sich das Land dazu, potentiell auf ewig einen Geldstrom ins Ausland zu schicken, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.
Auf einmal sehen ausländische Investitionen überhaupt nicht mehr so toll aus.
Es wird noch schlimmer: Braucht man die ausländischen Investitionen überhaupt, um die Arbeitsplätze zu schaffen? In vielen Fällen nein. Das nötige Geld für den Aufbau der Fabrik o.ä. kann auch im Inland zum Beispiel durch den Finanzsektor bereitgestellt werden. Die gleiche Produktion kann oft gewährleistet werden, ohne dass danach langfristig Geld ins Ausland fließt. Schlimmstenfalls fließen die gleichen Ströme an reiche Inländer, bestenfalls in Pensionsfonds oder in einen Staatsfonds à la Norwegen oder Alaska.
Ein schönes Beispiel für all diese Überlegungen ist die Ausbeutung Rohstoff-reicher armer Länder. Dort kommen ausländische Investoren und bauen Minen. Sie entziehen dem Land die Bodenschätze, aber die Gewinne kassieren Ausländer. Dabei könnten diese Länder prinzipiell die gleichen Minen selbst bauen. Sicherlich müssten sie anfänglich notwendige Maschinen aus dem Ausland kaufen - aber die langfristigen Gewinne würden sie selbst einkassieren. Es wäre genau das umgekehrte Bild: eine einmalige Geldsumme wurde anfänglich ans Ausland gehen, damit ein langfristiger Geldstrom an Gewinnen aus dem Ausland aufgebaut wird. Das sieht kurzfristig teuer aus, ist aber langfristig der intelligentere Weg. Manche Regierungen verstehen das auch.
Das Beispiel der Maschinen, zu deren Bau das technische Know-How zumindest anfänglich nicht im Inland verfügbar ist, zeigt auch, dass ausländische Investitionen unter bestimmten Umständen ein akzeptabler Kompromiss sein können. Zum Beispiel eben dann, wenn das organisatorische Know-How im Inland nicht verfügbar ist, und dafür gesorgt wird, dass diese Know-How im Zuge der Investition langsam aufgebaut wird. Letzteres zu garantieren ist aber ein extrem schwieriges Spiel mit dem Feuer.
Die Idee, sich für ausländische Investitionen attraktiv machen zu wollen, ist fehlgeleitet. Das heißt nicht, dass man sich abschotten muss. Es heißt erst recht nicht, dass man auf internationalen Handel verzichten sollte - das ist eine andere Geschichte. Aber es heißt eben, dass es besser für ein Land ist, wenn es Investitionen aus sich selbst heraus generiert. Daran sollte sich Politik orientieren.
Lauscht man den Sonntagsreden der Politiker, dann gehört die Steigerung der Attraktivität des eigenen Landes für ausländische Investoren zu den wichtigsten Tugenden einer Regierung. Zeit für die Frage nach des Kaisers neuen Kleidern: Warum eigentlich?
Die oberflächlichen Argumente sind einfach: Da kommt jemand, stellt eine Fabrik o.ä. hin, und das schafft Arbeitsplätze. So weit richtig, sofern man mal von den vielen Beispielen der Enttäuschung absieht, in denen ein ausländisches Unternehmen mit zeitlich beschränkten Steuergeschenken angelockt wird. Wenn diese Geschenke dann auslaufen sind alle furchtbar überrascht, wenn sich das Unternehmen wieder verabschiedet.
Aber selbst wenn die Investoren bleiben, so bleiben sie nur, wenn und weil sie einen dauerhaften Profit darin sehen. Aus der Perspektive des Auslands sieht das super aus: Man schickt eine einmalige Geldsumme, und erhält anschließend einen potentiell ewig anhaltenden Geldstrom, ohne, dass man dafür eine Gegenleistung bieten muss. Dies ist schließlich das Wesen allen Profits und aller Kapitalerträge.
Dementsprechend schlecht sieht der Deal für das Land aus, in dem die Investition getätigt wird: Klar, am Anfang kommt da eine Geldsumme herein, und klar, da werden Arbeitsplätze geschaffen. Aber gleichzeitig verpflichtet sich das Land dazu, potentiell auf ewig einen Geldstrom ins Ausland zu schicken, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.
Auf einmal sehen ausländische Investitionen überhaupt nicht mehr so toll aus.
Es wird noch schlimmer: Braucht man die ausländischen Investitionen überhaupt, um die Arbeitsplätze zu schaffen? In vielen Fällen nein. Das nötige Geld für den Aufbau der Fabrik o.ä. kann auch im Inland zum Beispiel durch den Finanzsektor bereitgestellt werden. Die gleiche Produktion kann oft gewährleistet werden, ohne dass danach langfristig Geld ins Ausland fließt. Schlimmstenfalls fließen die gleichen Ströme an reiche Inländer, bestenfalls in Pensionsfonds oder in einen Staatsfonds à la Norwegen oder Alaska.
Ein schönes Beispiel für all diese Überlegungen ist die Ausbeutung Rohstoff-reicher armer Länder. Dort kommen ausländische Investoren und bauen Minen. Sie entziehen dem Land die Bodenschätze, aber die Gewinne kassieren Ausländer. Dabei könnten diese Länder prinzipiell die gleichen Minen selbst bauen. Sicherlich müssten sie anfänglich notwendige Maschinen aus dem Ausland kaufen - aber die langfristigen Gewinne würden sie selbst einkassieren. Es wäre genau das umgekehrte Bild: eine einmalige Geldsumme wurde anfänglich ans Ausland gehen, damit ein langfristiger Geldstrom an Gewinnen aus dem Ausland aufgebaut wird. Das sieht kurzfristig teuer aus, ist aber langfristig der intelligentere Weg. Manche Regierungen verstehen das auch.
Das Beispiel der Maschinen, zu deren Bau das technische Know-How zumindest anfänglich nicht im Inland verfügbar ist, zeigt auch, dass ausländische Investitionen unter bestimmten Umständen ein akzeptabler Kompromiss sein können. Zum Beispiel eben dann, wenn das organisatorische Know-How im Inland nicht verfügbar ist, und dafür gesorgt wird, dass diese Know-How im Zuge der Investition langsam aufgebaut wird. Letzteres zu garantieren ist aber ein extrem schwieriges Spiel mit dem Feuer.
Die Idee, sich für ausländische Investitionen attraktiv machen zu wollen, ist fehlgeleitet. Das heißt nicht, dass man sich abschotten muss. Es heißt erst recht nicht, dass man auf internationalen Handel verzichten sollte - das ist eine andere Geschichte. Aber es heißt eben, dass es besser für ein Land ist, wenn es Investitionen aus sich selbst heraus generiert. Daran sollte sich Politik orientieren.
Sonntag, August 25, 2013
Leserbrief zu "Haushälterträume" in der FAZ
In der FAZ vom Samstag las ich auf der Titelseite einen Kommentar von Heike Göbel zu Überschüssen im deutschen Regierungssektor. Wer den Kommentar sieht und mich kennt, der kann sich denken, dass ich mich beim Lesen sehr geärgert habe. (Wenn man es sich recht überlegt: Wer die deutschen Medien kennt kann meine Reaktion erahnen, ohne den Kommentar gelesen zu haben, so tief sind die Abgründe...)
Wer mich noch nicht so kennt, aber wirtschaftspolitisch interessiert ist, kann z.B. hier und hier mit dem Durchklicken und Lesen anfangen.
Wie dem auch sei: Ich habe einen kurzen Leserbrief an die FAZ geschickt, den ich der Vollständigkeit halber auch hier veröffentliche:
Wer mich noch nicht so kennt, aber wirtschaftspolitisch interessiert ist, kann z.B. hier und hier mit dem Durchklicken und Lesen anfangen.
Wie dem auch sei: Ich habe einen kurzen Leserbrief an die FAZ geschickt, den ich der Vollständigkeit halber auch hier veröffentliche:
In der FAZ vom 23. August kommentiert Heike Göbel die Meldung über Haushaltsüberschüsse im deutschen Regierungssektor ("Haushälterträume", Seite 1). Spätestens seit den Arbeiten von Wolfgang Stützel zur Saldenmechanik ist bekannt, dass Überschüsse und Defizite eines Wirtschaftssektors nur im Kontext der Ergebnisse der anderen Sektoren sinnvoll bewertet werden können.
Da die Einnahmen des Einen stets die Ausgaben eines Anderen sein müssen, ist ein Haushaltsüberschuss nur dann möglich, wenn mindestens ein anderer Sektor ein Defizit erwirtschaftet. Dies ist eine einfache Angelegenheit von Addition und Subtraktion.
In unserer heutigen Situation wird der Haushaltsüberschuss des deutschen Regierungssektors rein arithmetisch durch Defizite in anderen Euroländern ermöglicht. Die Mathematik spricht eine klare Sprache: Wer die Haushaltsüberschüsse lobt, der darf die Defizite anderswo nicht unreflektiert kritisieren, denn ohne sie könnten die Überschüsse nicht existieren. Beides geht Hand in Hand.
Wir brauchen in unserem Land eine ehrliche Diskussion darüber. Wer - wie viele heutzutage mit einer Scheuklappen-artigen Fixierung auf Regierungshaushalte - an einer Stelle unbedingt Überschüsse sehen will, der muss auch erklären, wo er die dafür notwendigen Defizite haben will. Will er die Defizite bei sich selbst, vielleicht in Form einer Vermögenssteuer? Will er weitere Defizite in Südeuropa? Oder einigen wir uns angesichts der Arithmetik darauf, dass das mit den Regierungsüberschüssen doch eine dumme Idee war? Dies ist keine einfache Diskussion. Aber solange sie nicht stattfindet ist es wenig überraschend, dass der Euroraum global gesehen das klare Schlusslicht in der Bewältigung der Spätfolgen der Finanzkrise bleibt.
Donnerstag, Juli 25, 2013
"The Money is Stuck in the Banks"
In der wirtschafts- und finanzpolitischen Diskussion hört und liest man regelmäßig Phrasen wie "Die Banken parken ihr Geld bei der Zentralbank" oder "Das Geld bleibt in den Banken". Exemplarisch zum Beispiel hier:
Das hört sich erst einmal merkwürdig an. Man muss genauer untersuchen, was mit Zentralbankgeld eigentlich geschieht. Einen Einstieg bieten diese Artikel, und hier noch einer mit Bildern.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld, und es wird von den Banken für den Zahlungsausgleich verwendet. Es gibt genau drei Dinge, die eine Bank mit Zentralbankgeld tun kann:
Manchmal reden die Mitglieder des Kommentariats auch davon, dass "das Geld in den Banken bleibt", und meinen damit, dass die Banken wenig neue Kredite vergeben. Wenn sie das so meinen, dann sollten sie das auch so sagen: Die Banken vergeben wenig Kredite. Denn die andere Formulierung zeugt von unsauberem Denken. Sie basiert auf dem Irrglauben, die Banken würden das Geld ihrer Kunden verleihen.
Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, dass dem nicht so ist. Denn wenn es die Wahrheit wäre, dann wären wir mit der folgenden Szene vertraut:
Die Wahrheit ist: Wenn Banken Kredite vergeben, dann erzeugen sie neues Geld. Mit dem Geld, das bereits auf Konten von Kunden der Bank existiert, hat das nichts zu tun. Damit ist die Phrase vom Geld, das "in den Banken bleibt" genauso unsinnig wie die Phrase vom Geld, das "bei der Zentralbank geparkt ist".
Was lernen wir daraus? Die wenigsten Menschen scheinen wirklich zu verstehen, wie das Geldwesen funktioniert. Das gilt sogar für diejenigen, die es eigentlich wissen müssten -- zum Beispiel, weil sie Wirtschafts- und Finanzjournalisten sind. Es wird versucht, dieses Unwissen durch unpräzise und irreführende Sprache zu verstecken. Das wäre an sich auch gar nicht so tragisch, wenn nicht wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen auf diesem unsoliden Fundament aufgebaut würden.
Wie man daran etwas ändern kann? Solange mir nichts Besseres einfällt hoffe ich, dass steter Tropfen den Stein wirklich höhlt.
Let's face it: inflation levels in Europe and Germany are astonishingly low, given the enormous amounts of newly printed money that was released by the ECB. To my mind this has several reasons:Diese Formulierungen sind allesamt Zeugen von unsauberem Denken. Denn von "Geld parken" spricht nur, wer eine andere Verwendung des Geldes für möglich hält. In der Diskussion der Geldbasis, also der Menge allen Zentralbankgeldes, gibt es aber keine andere Verwendung. Zentralbankgeld ist immer bei der Zentralbank geparkt solange es existiert.
1. The money is stuck in the banks. Which is good for Germany (little headline inflation) but bad for the periphery (credit crunch).
Das hört sich erst einmal merkwürdig an. Man muss genauer untersuchen, was mit Zentralbankgeld eigentlich geschieht. Einen Einstieg bieten diese Artikel, und hier noch einer mit Bildern.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld, und es wird von den Banken für den Zahlungsausgleich verwendet. Es gibt genau drei Dinge, die eine Bank mit Zentralbankgeld tun kann:
- Sie kann das Zentralbankgeld auf das Zentralbankkonto einer anderen Bank überweisen.
- Sie kann mit dem Zentralbankgeld von der Zentralbank Bargeld kaufen.
- Sie kann mit dem Zentralbankgeld Kredite an die Zentralbank zurückzahlen oder Wertpapiere von der Zentralbank kaufen.
Manchmal reden die Mitglieder des Kommentariats auch davon, dass "das Geld in den Banken bleibt", und meinen damit, dass die Banken wenig neue Kredite vergeben. Wenn sie das so meinen, dann sollten sie das auch so sagen: Die Banken vergeben wenig Kredite. Denn die andere Formulierung zeugt von unsauberem Denken. Sie basiert auf dem Irrglauben, die Banken würden das Geld ihrer Kunden verleihen.
Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt, dass dem nicht so ist. Denn wenn es die Wahrheit wäre, dann wären wir mit der folgenden Szene vertraut:
PersonenAn der Absurdität dieser Szene erkennt man, dass Banken das Geld ihrer Kunden nicht verleihen.
Herr Kunde
Frau Bankière
Eine Bankfiliale. Frau Bankière sitzt an einem gut aufgeräumten, überdimensionierten Schreibtisch und telefoniert. Im Hintergrund sind weitere Pinguine zu sehen. Herr Kunde betritt die Bank und versucht, am Automaten im Vorraum Geld abzuheben. Dies scheint zu misslingen, worauf er den Hauptraum mit suchendem Blick betritt.
Frau Bankière: Grüß Gott, wie kann ich Ihnen helfen?
Herr Kunde: Ihr Geldautomat behauptet, mein Kontostand sei zu niedrig. Das kann eigentlich nicht sein!
Frau Bankière: Einen Moment. Dürfte ich Ihre ec-Karte sehen?
(Er überreicht die Karte, worauf sie etwas auf ihrem Computer eingibt.)
Frau Bankière: Doch, hier steht es. Auf Ihrem Konto sind gerade noch 17 Euro und 52 Cents.
Herr Kunde: Aber vorgestern waren da noch über 500 Euro drauf!
Frau Bankière: Das ist richtig, aber die haben wir inzwischen verliehen.
Die Wahrheit ist: Wenn Banken Kredite vergeben, dann erzeugen sie neues Geld. Mit dem Geld, das bereits auf Konten von Kunden der Bank existiert, hat das nichts zu tun. Damit ist die Phrase vom Geld, das "in den Banken bleibt" genauso unsinnig wie die Phrase vom Geld, das "bei der Zentralbank geparkt ist".
Was lernen wir daraus? Die wenigsten Menschen scheinen wirklich zu verstehen, wie das Geldwesen funktioniert. Das gilt sogar für diejenigen, die es eigentlich wissen müssten -- zum Beispiel, weil sie Wirtschafts- und Finanzjournalisten sind. Es wird versucht, dieses Unwissen durch unpräzise und irreführende Sprache zu verstecken. Das wäre an sich auch gar nicht so tragisch, wenn nicht wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen auf diesem unsoliden Fundament aufgebaut würden.
Wie man daran etwas ändern kann? Solange mir nichts Besseres einfällt hoffe ich, dass steter Tropfen den Stein wirklich höhlt.
[1] Wenn man diese Aussage das erste Mal liest, sollte man darüber stolpern. Ich lege dem geneigten Leser nahe, sich diese Tatsache zu verinnerlichen: Wenn die Zentralbank Zentralbankgeld einnimmt, dann verschwindet es einfach. Das ist übrigens bei Banken konzeptionell genauso, wenn sie Kontoführungsgebühren einziehen: Wo vorher noch eine Verbindlichkeit der Bank in Form von Buchgeld war, ist jetzt auf einmal ein Gewinn der Bank. Der steht als solcher in der gedachten Bilanz auch erst einmal auf der Passiv-Seite, ist aber kein Geld.
Sonntag, Juli 21, 2013
Transferzahlungen und Targetsalden
Seit vielen Jahren werden die Völker Europas durch die Folgen der Finanzkrise zermürbt. Die humanitäre Situation in Griechenland ist so schlecht wie eh und je, und eine Besserung ist nicht in Sicht, jedenfalls nicht außerhalb von Sonntagsreden. Ich sehe auch die Krisenmüdigkeit, die sich deswegen in Europa ausgebreitet hat. Nach so langer Zeit begegnen viele der Krise mit emotionaler Erschöpfung.
Die Diagnose hat sich in den letzten zwei Jahren wenig verändert. Die Handelsungleichgewichte innerhalb der Eurozone haben zum "monetären Ausbluten" einiger Mitgliedsstaaten geführt, in denen deshalb die Wirtschaft zusammen gebrochen ist. Der Geldmangel verhindert ein sinnvolles Wirtschaften, und Ressourcen liegen brach während Menschen leiden.
Es ist richtig, dass in Griechenland nicht so produktiv gearbeitet wird wie in Deutschland. Aber dass in Griechenland deshalb Menschen gar nicht arbeiten, obwohl sie können und wollen, das ist ein großes Unglück. Richtig pervers wird dieses Unglück dadurch, dass es nur über ein soziales Konstrukt -- nämlich den Mangel an Geld -- ausgelöst wurde.
In einer funktionierenden Währungsunion wäre die Krise schon längst überwunden, und zwar durch zwei gleichzeitig wirkende Mechanismen. Erstens würden Menschen auf der Suche nach Einkommen in ein anderes Land umziehen. Dies geschieht in Europa wegen der Sprachbarrieren nur unzureichend. Zweitens würden Geldtransfers in Form von automatischen Stabilisatoren den Geldmangel ausgleichen: In den USA wird das, was an Sozialhilfe und Arbeitslosengeld existiert, zu großen Teilen von der zentralen Bundesregierung finanziert. In Kombination mit dem Steuersystem ergibt sich ein impliziter Geldtransfer von reichen zu armen Bundesstaaten. Die Eurozone hat jedoch keine Zentralregierung und damit keine zentral implementierten automatischen Stabilisatoren.
Die Krise löst sich nicht von allein, und die Politik eiert ineffektiv herum.
Nun las ich vor Kurzem die Behauptung, die Target-Salden verhielten sich wie implizite Geldtransfers:
Was sind eigentlich Target-Salden?
Erst einmal muss man sich vergegenwärtigen, wie Überweisungen funktionieren: Wenn Person A von ihrem Konto bei der A-Bank etwas Geld an Person B mit Konto bei der B-Bank überweist, dann gleichen die Banken diese Zahlungen untereinander aus, indem die A-Bank eine zweite, parallel laufende Überweisung tätigt, bei der Zentralbankgeld vom Konto der A-Bank bei der Zentralbank auf das Zentralbankkonto der B-Bank überwiesen wird. So logisch, so einfach (und vereinfacht), so gut.
Nun ist das Europäische Zentralbanksystem nicht vollständig vereinheitlicht. Es gibt zwar die EZB als eigentliche Zentralbank der Eurozone. Aber auch die Zentralbanken der Länder existieren weiter. Die Zentralbanken der Länder erstellen auch nach wie vor separate Bilanzen, hier die der Bundesbank, der deutschen Zentralbank.
In den Bilanzen der Landes-Zentralbanken stehen die Zentralbankkonten der Banken aus diesem Land auf der Passiv-Seite, wie das in einer Bankbilanz eben üblich ist. (An dieser Stelle sei auch einmal wieder der exzellente Balance Sheet Visualizer empfohlen, mit dem man sich Bilanzen und die Veränderungen darin aus einer makroökonomischen Perspektive anzeigen lassen kann.)
Wenn nun Menschen und Unternehmen in Griechenland weitaus mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt, dann wird mehr Geld aus Griechenland nach Deutschland überwiesen als umgekehrt. Das bedeutet natürlich auch, dass -- netto betrachtet -- griechische Banken Zentralbankgeld an deutsche Banken überwiesen haben. Die Passiv-Seite der Bilanz der Bundesbank ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gewachsen.
In einer ordentlichen Bilanz müssen die Aktiv- und Passiv-Seiten gleich hoch sein. Also muss auch die Aktiv-Seite gewachsen sein. Damit das alles funktioniert, wurden beim Aufbau des europäischen Zentralbanksystems die Target-Salden erfunden. In der Bilanz der Bundesbank steht auf der Aktiv-Seite eine Target-Forderung (versteckt in Punkt 9.4 der Aktiva). Die Höhe dieser Forderung dokumentiert auf den Cent genau, wie viel Zentralbankgeld seit Gründung des Euro aus dem Rest der Eurozone nach Deutschland netto überwiesen wurde[1].
Mit anderen Worten: Die Target-Salden dokumentieren, dass Geld von Griechenland nach Deutschland geflossen ist! Spätestens hier wird der eingangs zitierte Vergleich von Target-Salden mit Transferzahlungen äußerst suspekt.
Der Vergleich bricht gänzlich in sich zusammen, wenn man sich die Frage stellt, woher dieses Geld, das nach Deutschland geflossen ist, ursprünglich gekommen ist, und wie es um die Netto-Geldvermögen bzw. Netto-Schulden der Menschen und Unternehmen in Griechenland bestellt ist.
Geld entsteht in unserem Geldsystem im Wesentlichen durch Kreditvergabe. Zentralbankgeld entsteht also primär dadurch, dass Banken einen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen, oder zu Krediten de facto identische Wertpapiergeschäfte mit der Zentralbank durchführen (sogenannte Repo-Geschäfte). Die Banken wiederum machen das nicht aus Spaß. Sie brauchen das Zentralbankgeld zum Zahlungsausgleich, weil Kunden der Bank Kredite aufgenommen haben. Letztlich ist das Geld, das nach Deutschland geflossen ist, also dadurch entstanden, dass sich Menschen, Unternehmen, und natürlich auch der Staat in Griechenland verschuldet haben.
Ändert sich an diesen Schulden etwas durch die Target-Salden? Natürlich nicht. Ändert sich an den eigenen Schulden zumindest netto etwas, wenn man Geld geschenkt bekommt? Natürlich ja.
Mit anderen Worten: Target-Salden sind keine Transferzahlungen. Sie haben auch keine Ähnlichkeit mit Transferzahlungen. Dass es überhaupt Menschen gibt, die auf diese Idee kommen, haben wir wahrscheinlich nur Meister Unsinn zu verdanken.
Ein Beispiel: Wenn ein Deutscher im Euro-Ausland lebt, dort ein Konto bei einer lokalen Bank eröffnet, dann wieder zurück nach Deutschland zieht und das Konto aber behält, dann fließt durch seinen Umzug natürlich kein Zentralbankgeld nach Deutschland. Erst, wenn er in Deutschland einkauft und elektronisch zahlt (bei einem Händler, dessen Konto bei einer deutschen Bank liegt), oder bei einem Geldautomaten einer deutschen Bank Geld abhebt, fließt Zentralbankgeld durch den Zahlungsausgleich nach Deutschland.
Ausschlaggebend ist also immer, über welches Zentralbankkonto die beteiligten Banken ihren Zahlungsverkehr abwickeln, und in welchem Land dieses Zentralbankkonto angemeldet ist.
Die Diagnose hat sich in den letzten zwei Jahren wenig verändert. Die Handelsungleichgewichte innerhalb der Eurozone haben zum "monetären Ausbluten" einiger Mitgliedsstaaten geführt, in denen deshalb die Wirtschaft zusammen gebrochen ist. Der Geldmangel verhindert ein sinnvolles Wirtschaften, und Ressourcen liegen brach während Menschen leiden.
Es ist richtig, dass in Griechenland nicht so produktiv gearbeitet wird wie in Deutschland. Aber dass in Griechenland deshalb Menschen gar nicht arbeiten, obwohl sie können und wollen, das ist ein großes Unglück. Richtig pervers wird dieses Unglück dadurch, dass es nur über ein soziales Konstrukt -- nämlich den Mangel an Geld -- ausgelöst wurde.
In einer funktionierenden Währungsunion wäre die Krise schon längst überwunden, und zwar durch zwei gleichzeitig wirkende Mechanismen. Erstens würden Menschen auf der Suche nach Einkommen in ein anderes Land umziehen. Dies geschieht in Europa wegen der Sprachbarrieren nur unzureichend. Zweitens würden Geldtransfers in Form von automatischen Stabilisatoren den Geldmangel ausgleichen: In den USA wird das, was an Sozialhilfe und Arbeitslosengeld existiert, zu großen Teilen von der zentralen Bundesregierung finanziert. In Kombination mit dem Steuersystem ergibt sich ein impliziter Geldtransfer von reichen zu armen Bundesstaaten. Die Eurozone hat jedoch keine Zentralregierung und damit keine zentral implementierten automatischen Stabilisatoren.
Die Krise löst sich nicht von allein, und die Politik eiert ineffektiv herum.
Nun las ich vor Kurzem die Behauptung, die Target-Salden verhielten sich wie implizite Geldtransfers:
Transferzahlungen, um die Leistungsbilanzdefizite der Peripherie zu beseitigen bedeuten nichts anderes, als dass die Überschussländer den Defizitländern das Geld schenken, um die Importe zu bezahlen.Das hat bei mir mal wieder ein Kopfschütteln ausgelöst, das ich dem geneigten Leser gerne erklären möchte. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen.
So einfach ist das. Im Augenblick passiert das implizit über nicht ausgeglichene Targetsalden im Eurosystem[.]
Was sind eigentlich Target-Salden?
Erst einmal muss man sich vergegenwärtigen, wie Überweisungen funktionieren: Wenn Person A von ihrem Konto bei der A-Bank etwas Geld an Person B mit Konto bei der B-Bank überweist, dann gleichen die Banken diese Zahlungen untereinander aus, indem die A-Bank eine zweite, parallel laufende Überweisung tätigt, bei der Zentralbankgeld vom Konto der A-Bank bei der Zentralbank auf das Zentralbankkonto der B-Bank überwiesen wird. So logisch, so einfach (und vereinfacht), so gut.
Nun ist das Europäische Zentralbanksystem nicht vollständig vereinheitlicht. Es gibt zwar die EZB als eigentliche Zentralbank der Eurozone. Aber auch die Zentralbanken der Länder existieren weiter. Die Zentralbanken der Länder erstellen auch nach wie vor separate Bilanzen, hier die der Bundesbank, der deutschen Zentralbank.
In den Bilanzen der Landes-Zentralbanken stehen die Zentralbankkonten der Banken aus diesem Land auf der Passiv-Seite, wie das in einer Bankbilanz eben üblich ist. (An dieser Stelle sei auch einmal wieder der exzellente Balance Sheet Visualizer empfohlen, mit dem man sich Bilanzen und die Veränderungen darin aus einer makroökonomischen Perspektive anzeigen lassen kann.)
Wenn nun Menschen und Unternehmen in Griechenland weitaus mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt, dann wird mehr Geld aus Griechenland nach Deutschland überwiesen als umgekehrt. Das bedeutet natürlich auch, dass -- netto betrachtet -- griechische Banken Zentralbankgeld an deutsche Banken überwiesen haben. Die Passiv-Seite der Bilanz der Bundesbank ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gewachsen.
In einer ordentlichen Bilanz müssen die Aktiv- und Passiv-Seiten gleich hoch sein. Also muss auch die Aktiv-Seite gewachsen sein. Damit das alles funktioniert, wurden beim Aufbau des europäischen Zentralbanksystems die Target-Salden erfunden. In der Bilanz der Bundesbank steht auf der Aktiv-Seite eine Target-Forderung (versteckt in Punkt 9.4 der Aktiva). Die Höhe dieser Forderung dokumentiert auf den Cent genau, wie viel Zentralbankgeld seit Gründung des Euro aus dem Rest der Eurozone nach Deutschland netto überwiesen wurde[1].
Mit anderen Worten: Die Target-Salden dokumentieren, dass Geld von Griechenland nach Deutschland geflossen ist! Spätestens hier wird der eingangs zitierte Vergleich von Target-Salden mit Transferzahlungen äußerst suspekt.
Der Vergleich bricht gänzlich in sich zusammen, wenn man sich die Frage stellt, woher dieses Geld, das nach Deutschland geflossen ist, ursprünglich gekommen ist, und wie es um die Netto-Geldvermögen bzw. Netto-Schulden der Menschen und Unternehmen in Griechenland bestellt ist.
Geld entsteht in unserem Geldsystem im Wesentlichen durch Kreditvergabe. Zentralbankgeld entsteht also primär dadurch, dass Banken einen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen, oder zu Krediten de facto identische Wertpapiergeschäfte mit der Zentralbank durchführen (sogenannte Repo-Geschäfte). Die Banken wiederum machen das nicht aus Spaß. Sie brauchen das Zentralbankgeld zum Zahlungsausgleich, weil Kunden der Bank Kredite aufgenommen haben. Letztlich ist das Geld, das nach Deutschland geflossen ist, also dadurch entstanden, dass sich Menschen, Unternehmen, und natürlich auch der Staat in Griechenland verschuldet haben.
Ändert sich an diesen Schulden etwas durch die Target-Salden? Natürlich nicht. Ändert sich an den eigenen Schulden zumindest netto etwas, wenn man Geld geschenkt bekommt? Natürlich ja.
Mit anderen Worten: Target-Salden sind keine Transferzahlungen. Sie haben auch keine Ähnlichkeit mit Transferzahlungen. Dass es überhaupt Menschen gibt, die auf diese Idee kommen, haben wir wahrscheinlich nur Meister Unsinn zu verdanken.
[1] Um genau zu sein dokumentiert sie, wie viel Zentralbankgeld netto von nicht-deutschen Banken zu deutsche Banken überwiesen wurde.Ein Beispiel: Wenn ein Deutscher im Euro-Ausland lebt, dort ein Konto bei einer lokalen Bank eröffnet, dann wieder zurück nach Deutschland zieht und das Konto aber behält, dann fließt durch seinen Umzug natürlich kein Zentralbankgeld nach Deutschland. Erst, wenn er in Deutschland einkauft und elektronisch zahlt (bei einem Händler, dessen Konto bei einer deutschen Bank liegt), oder bei einem Geldautomaten einer deutschen Bank Geld abhebt, fließt Zentralbankgeld durch den Zahlungsausgleich nach Deutschland.
Ausschlaggebend ist also immer, über welches Zentralbankkonto die beteiligten Banken ihren Zahlungsverkehr abwickeln, und in welchem Land dieses Zentralbankkonto angemeldet ist.
Mittwoch, Juli 17, 2013
Die Sache mit den Zinsen
Er war ein intelligenter Mensch, durchaus auch mit Verständnis für Mathematik. In leicht verschwörerischem Ton erzählte er mir, wie er vor einiger Zeit verstanden hat, was Banken überhaupt tun, und welche Konsequenzen das für unsere Wirtschaft hat. Ich habe in mich hinein gelächelt und gehofft, etwas über Kreditvergabe und die Entstehung und Vernichtung von Geld zu hören.
Leider wurde ich enttäuscht.
Stell dir ein vereinfachtes Modell vor, sagte er, mit dir und der Bank. Die Bank leiht dir 100#; dadurch entsteht das Geld erst (das ist korrekt, und auch seine korrekten Ausführungen zur Zentralbank lasse ich hier der Einfachheit halber weg). Es gibt also die 100# Geld und den Kredit. Am Ende musst du aber, wegen der Zinsen, 105# zurück zahlen. So viel Geld gibt es aber gar nicht! Du kannst dir die 5# natürlich auch von der Bank leihen, aber dann leihst du dir im Laufe der Zeit immer mehr von der Bank, und die Not, das Geld zurück zu zahlen, zwingt zu Wachstum. Deswegen, so seine Zusammenfassung, zwinge der Zins zu Wachstum.
Es gibt viele Menschen, die wie er denken. Seine Geschichte hört sich zunächst ja auch äußerst plausibel an. Aber wie so oft in der Ökonomie verbirgt sie einen Denkfehler dadurch, dass nicht der gesamte Geldkreislauf berücksichtigt wird. Um das gesamte Bild zu sehen, müssen wir das Modell etwas erweitern.
Zunächst hilft es, sich zu überlegen, dass niemand einen Kredit aufnehmen würde, wenn es nur eine Bank und eine einzige weitere Person gäbe. Kredite werden aufgenommen, um zu handeln. In unserem ersten Anlauf für ein seriöseres Modell gibt es deshalb den Kapitalisten K, die Bank und die (in eine einzige Person zusammengefassten) Arbeiter A.
Der Kapitalist ist Fabrikbesitzer und nimmt einen Kredit über 100# auf, um den Monatslohn der Arbeiter zu bezahlen. Diese geben ihren Lohn wiederum im Laufe eines Monats aus, um die von ihnen produzierten Dinge dem Kapitalisten ab zu kaufen. (Intelligente Kapitalismuskritik setzt an diesem Punkt an, aber das ist eine andere Geschichte.)
Am Ende des Monats muss K seinen Kredit bedienen. Dazu gehört, dass er die Zinsen darauf bezahlen muss. Da K aber sowieso einen neuen Kredit für den Lohn des nächsten Monats aufnehmen würde, steigt nur die Höhe des Kredits, ohne dass eine Zahlung geschieht. Das folgende Diagramm zeigt die Kontostände und die Höhe des Kredits im Verlauf der Zeit:
In der Grafik sieht man, wie die Arbeiter A zu Beginn der Periode ihren Lohn ausbezahlt bekommen, und wie er im Verlauf einer Periode zurück zum Kapitalisten K fließt. Der Kredit scheint im Laufe der Zeit unbegrenzt zu wachsen. Auch die vermutete Lücke zwischen den Kontoständen und der Kredithöhe ist zu sehen. In Wirklichkeit ist die Grafik aber schlicht falsch.
Das liegt daran, dass im Modell der Banker B fehlt. Denn der Banker B hat am Ende der ersten Periode bereits einen Zinsgewinn von 5# gemacht. Dieses Geld hat er nun auf seinem eigenen, privaten Konto, und er wird es im Verlauf der Zeit ausgeben, indem er beim Kapitalisten einkaufen geht. In Wirklichkeit sieht das Bild also so aus:
Wir sehen sofort, dass zu jedem Zeitpunkt die Summe der Kontostände gleich der Höhe des Kredits ist. Im Gegensatz zum Bild davor haben wir dieses Mal keinen Buchhaltungsfehler gemacht. Wir sehen auch sofort, dass der Kredit zwar noch ein wenig wächst, aber er wächst nicht mehr ins Unermessliche.
Um genau zu sein wächst der Kredit tatsächlich immer noch in jeder Periode wegen des Zinses. Das Wachstum ist aber durch eine geometrische Reihe beschränkt. Wenn unser Beispiel in alle Ewigkeit weiter laufen würde, würde der Kredit immer kleiner als 105,27# bleiben. Man kann das leicht nachrechnen, wie ich im Anhang an diesen Beitrag zeigen werde.
Fazit: Der Protagonist aus dem Anfang dieses Beitrags kann nicht Recht gehabt haben, weil insgesamt betrachtet genug Geld vorhanden ist, so dass die Kredite trotz Zinsen beschränkt bleiben.
Es ist zwar fraglich, ob der Banker die ca. 5,26#, die er langfristig zu Beginn jeder Periode erhält, in irgendeinem moralischen oder ethischen Sinne "verdient" hat. Schließlich kommt er in den Genuss der von den Arbeitern produzierten Dinge, obwohl er nichts "reales" geleistet, sondern nur irgendwelche Bücher geführt hat. Aber diese Verteilungsfrage ist eine andere Geschichte.
Nun mag jemand einwenden, dass die Realität nicht so sauber ist wie unser kleines Modell. Der Kapitalist K erhält zwar langfristig genügend Geld, aber vielleicht nicht zur richtigen Zeit. Tatsächlich ist es kaum denkbar, dass alle Kredite gleichzeitig vollständig getilgt werden. Aber erstens will das sowieso niemand, und zweitens ist das kein Problem des Zinses, sondern ein Problem der Verteilung des Geldes.
Selbst wenn es in unserem Modell keinen Zins gäbe könnte der Kapitalist am Ende einer Periode seinen Kredit nicht tilgen, wenn die Arbeiter ihren Lohn nicht wieder ausgeben. Sobald die Arbeiter zu sparen beginnen, fehlt dem Kapitalisten am Ende der Periode Geld. Dann muss er entweder einen höheren Kredit aufnehmen, oder er muss Arbeiter entlassen, damit er zu Beginn der nächsten Periode nicht so viel Lohn bezahlen muss.
Was als Problem des Zinses wahrgenommen wird ist also in Wirklichkeit ein Problem der ungleichen Verteilung und des Sparens. Damit will ich übrigens das Sparen nicht pauschal verteufeln. Die Realität des Sparens ist subtil, aber das ist eine andere Geschichte.
Und woher kommt nun der "Wachstumszwang"? Ich persönlich glaube nicht daran, dass es einen Wachstumszwang gibt. Die (unangenehme?) Wahrheit ist, dass es viele Menschen gibt, die (zumindest abseits von Sonntagsreden und Stammtischgeschwätz) Wachstum wollen -- teils aus Profitgier, teils weil sie das Wachstumsmantra unreflektiert nachplappern, teils weil sie der Überzeugung sind, dass wir unseren Lebensstandard mit Wachstum weiter verbessern könnten. Mit Zinsen hat das alles nichts zu tun.
Anhang: Die korrekte Modellrechnung
Wir gehen davon aus, dass der Kapitalist K am Anfang jeder Periode 100# an die Arbeiter A auszahlen will. Dazu nimmt er von der Bank einen Kredit auf. Im Laufe einer Periode zahlen die Arbeiter ihren gesamten Lohn zurück an K, und auch der Banker B gibt all sein Geld aus. Am Ende der Periode zahlt K seinen Kredit samt Zinsen zurück, nimmt aber direkt einen neuen Kredit auf, um den Teil der Zinsen, den er nicht bezahlen kann, zu decken. Alle Zinsen gehen an den Banker.
Die Höhe des Kredits C ist am Anfang 0. Am Anfang der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe C:
Ich lasse die Kontostände der Arbeiter weg, da sie immer nur zwischen 0 und 100 oszillieren. Am Ende der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe:
Der Kapitalist bezahlt nun den Kredit zurück unter Berücksichtigung der Zinsen:
Zu Beginn der zweiten Periode wird der Kredit um 100# erhöhte, um den Lohn der Arbeiter zu stellen:
Wir sehen also, dass der Kontostand des Kapitalisten am Ende jeder Periode genau ausreicht, um den Kredit ohne Zinsen zu bezahlen. Deswegen steigen die Zinsen im Laufe der Zeit gemäß einer geometrischen Reihe:
Der Grenzwert dieser geometrischen Reihe ist
Leider wurde ich enttäuscht.
Stell dir ein vereinfachtes Modell vor, sagte er, mit dir und der Bank. Die Bank leiht dir 100#; dadurch entsteht das Geld erst (das ist korrekt, und auch seine korrekten Ausführungen zur Zentralbank lasse ich hier der Einfachheit halber weg). Es gibt also die 100# Geld und den Kredit. Am Ende musst du aber, wegen der Zinsen, 105# zurück zahlen. So viel Geld gibt es aber gar nicht! Du kannst dir die 5# natürlich auch von der Bank leihen, aber dann leihst du dir im Laufe der Zeit immer mehr von der Bank, und die Not, das Geld zurück zu zahlen, zwingt zu Wachstum. Deswegen, so seine Zusammenfassung, zwinge der Zins zu Wachstum.
Es gibt viele Menschen, die wie er denken. Seine Geschichte hört sich zunächst ja auch äußerst plausibel an. Aber wie so oft in der Ökonomie verbirgt sie einen Denkfehler dadurch, dass nicht der gesamte Geldkreislauf berücksichtigt wird. Um das gesamte Bild zu sehen, müssen wir das Modell etwas erweitern.
Zunächst hilft es, sich zu überlegen, dass niemand einen Kredit aufnehmen würde, wenn es nur eine Bank und eine einzige weitere Person gäbe. Kredite werden aufgenommen, um zu handeln. In unserem ersten Anlauf für ein seriöseres Modell gibt es deshalb den Kapitalisten K, die Bank und die (in eine einzige Person zusammengefassten) Arbeiter A.
Der Kapitalist ist Fabrikbesitzer und nimmt einen Kredit über 100# auf, um den Monatslohn der Arbeiter zu bezahlen. Diese geben ihren Lohn wiederum im Laufe eines Monats aus, um die von ihnen produzierten Dinge dem Kapitalisten ab zu kaufen. (Intelligente Kapitalismuskritik setzt an diesem Punkt an, aber das ist eine andere Geschichte.)
Am Ende des Monats muss K seinen Kredit bedienen. Dazu gehört, dass er die Zinsen darauf bezahlen muss. Da K aber sowieso einen neuen Kredit für den Lohn des nächsten Monats aufnehmen würde, steigt nur die Höhe des Kredits, ohne dass eine Zahlung geschieht. Das folgende Diagramm zeigt die Kontostände und die Höhe des Kredits im Verlauf der Zeit:
In der Grafik sieht man, wie die Arbeiter A zu Beginn der Periode ihren Lohn ausbezahlt bekommen, und wie er im Verlauf einer Periode zurück zum Kapitalisten K fließt. Der Kredit scheint im Laufe der Zeit unbegrenzt zu wachsen. Auch die vermutete Lücke zwischen den Kontoständen und der Kredithöhe ist zu sehen. In Wirklichkeit ist die Grafik aber schlicht falsch.
Das liegt daran, dass im Modell der Banker B fehlt. Denn der Banker B hat am Ende der ersten Periode bereits einen Zinsgewinn von 5# gemacht. Dieses Geld hat er nun auf seinem eigenen, privaten Konto, und er wird es im Verlauf der Zeit ausgeben, indem er beim Kapitalisten einkaufen geht. In Wirklichkeit sieht das Bild also so aus:
Wir sehen sofort, dass zu jedem Zeitpunkt die Summe der Kontostände gleich der Höhe des Kredits ist. Im Gegensatz zum Bild davor haben wir dieses Mal keinen Buchhaltungsfehler gemacht. Wir sehen auch sofort, dass der Kredit zwar noch ein wenig wächst, aber er wächst nicht mehr ins Unermessliche.
Um genau zu sein wächst der Kredit tatsächlich immer noch in jeder Periode wegen des Zinses. Das Wachstum ist aber durch eine geometrische Reihe beschränkt. Wenn unser Beispiel in alle Ewigkeit weiter laufen würde, würde der Kredit immer kleiner als 105,27# bleiben. Man kann das leicht nachrechnen, wie ich im Anhang an diesen Beitrag zeigen werde.
Fazit: Der Protagonist aus dem Anfang dieses Beitrags kann nicht Recht gehabt haben, weil insgesamt betrachtet genug Geld vorhanden ist, so dass die Kredite trotz Zinsen beschränkt bleiben.
Es ist zwar fraglich, ob der Banker die ca. 5,26#, die er langfristig zu Beginn jeder Periode erhält, in irgendeinem moralischen oder ethischen Sinne "verdient" hat. Schließlich kommt er in den Genuss der von den Arbeitern produzierten Dinge, obwohl er nichts "reales" geleistet, sondern nur irgendwelche Bücher geführt hat. Aber diese Verteilungsfrage ist eine andere Geschichte.
Nun mag jemand einwenden, dass die Realität nicht so sauber ist wie unser kleines Modell. Der Kapitalist K erhält zwar langfristig genügend Geld, aber vielleicht nicht zur richtigen Zeit. Tatsächlich ist es kaum denkbar, dass alle Kredite gleichzeitig vollständig getilgt werden. Aber erstens will das sowieso niemand, und zweitens ist das kein Problem des Zinses, sondern ein Problem der Verteilung des Geldes.
Selbst wenn es in unserem Modell keinen Zins gäbe könnte der Kapitalist am Ende einer Periode seinen Kredit nicht tilgen, wenn die Arbeiter ihren Lohn nicht wieder ausgeben. Sobald die Arbeiter zu sparen beginnen, fehlt dem Kapitalisten am Ende der Periode Geld. Dann muss er entweder einen höheren Kredit aufnehmen, oder er muss Arbeiter entlassen, damit er zu Beginn der nächsten Periode nicht so viel Lohn bezahlen muss.
Was als Problem des Zinses wahrgenommen wird ist also in Wirklichkeit ein Problem der ungleichen Verteilung und des Sparens. Damit will ich übrigens das Sparen nicht pauschal verteufeln. Die Realität des Sparens ist subtil, aber das ist eine andere Geschichte.
Und woher kommt nun der "Wachstumszwang"? Ich persönlich glaube nicht daran, dass es einen Wachstumszwang gibt. Die (unangenehme?) Wahrheit ist, dass es viele Menschen gibt, die (zumindest abseits von Sonntagsreden und Stammtischgeschwätz) Wachstum wollen -- teils aus Profitgier, teils weil sie das Wachstumsmantra unreflektiert nachplappern, teils weil sie der Überzeugung sind, dass wir unseren Lebensstandard mit Wachstum weiter verbessern könnten. Mit Zinsen hat das alles nichts zu tun.
Anhang: Die korrekte Modellrechnung
Wir gehen davon aus, dass der Kapitalist K am Anfang jeder Periode 100# an die Arbeiter A auszahlen will. Dazu nimmt er von der Bank einen Kredit auf. Im Laufe einer Periode zahlen die Arbeiter ihren gesamten Lohn zurück an K, und auch der Banker B gibt all sein Geld aus. Am Ende der Periode zahlt K seinen Kredit samt Zinsen zurück, nimmt aber direkt einen neuen Kredit auf, um den Teil der Zinsen, den er nicht bezahlen kann, zu decken. Alle Zinsen gehen an den Banker.
Die Höhe des Kredits C ist am Anfang 0. Am Anfang der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe C:
K_1 = 100, B_1 = 0, C_1 = 100Ich lasse die Kontostände der Arbeiter weg, da sie immer nur zwischen 0 und 100 oszillieren. Am Ende der ersten Periode sind die Kontostände und die Kredithöhe:
K'_1 = 100, B'_1 = 0, C'_1 = 100Der Kapitalist bezahlt nun den Kredit zurück unter Berücksichtigung der Zinsen:
K''_1 = 0, B'_1 = 5, C''_1 = 5Zu Beginn der zweiten Periode wird der Kredit um 100# erhöhte, um den Lohn der Arbeiter zu stellen:
K_2 = 100, B_2 = 5, C_2 = 105K'_2 = 105, B'_2 = 0, C'_2 = 105K''_2 = 0, B''_2 = 5,25, C''_2 = 5,25K_3 = 100, B_3 = 5,25, C_3 = 105,25K'_3 = 105,25, B'_3 = 0, C'_3 = 105,25Wir sehen also, dass der Kontostand des Kapitalisten am Ende jeder Periode genau ausreicht, um den Kredit ohne Zinsen zu bezahlen. Deswegen steigen die Zinsen im Laufe der Zeit gemäß einer geometrischen Reihe:
5, 5 + 5*0,05, 5 + 5*0,05 + 5*0,05^2, ...Der Grenzwert dieser geometrischen Reihe ist
5 / 0,95 = 5,263.... Die an den Banker pro Periode zu zahlenden Zinsen bleiben also immer kleiner als 5,27#.
Montag, Mai 06, 2013
Die Verlogenheit des Hans-Werner Sinn
Leider genießt Prof. Unsinn immer noch ungerechtfertigte Anerkennung in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Zum Glück liefert der Mann mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder neue Beweise dafür, dass er nicht von einer objektiven, neutralen Position heraus argumentiert. Als Public Service Announcement und für mein eigenes Archiv will ich einen davon hier kurz dokumentieren, und zwar aus diesem Artikel hier.
Wie so gerne und so oft schreibt Prof. Unsinn darin, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer und auch Frankreichs sei das Kernproblem in der Eurokrise. Die Löhne sind dort zu schnell gestiegen, zumindest gemessen am Anstieg der Produktivität. Einmal abgesehen von der Frage, ob Wettbewerbsfähigkeit so unkommentiert, gewissermaßen als Selbstzweck akzeptiert werden sollte, steckt darin durchaus eine Menge Wahrheit. in der Tat weisen die Unsinn-Apologeten gerne darauf hin, dass das meiste, was der Mann sagt, korrekt ist.
Das Problem liegt - wie in nahezu jedem seiner Texte - darin, was der Mann verschweigt. Denn während in den Südländern die Löhne zu schnell gestiegen sind, sind sie in Deutschland viel zu langsam gestiegen. Jedem, der mit ökonomischem Verstand nach Treu und Glauben die Eurokrise analysiert muss das auffallen, besonders wenn der Blick sowieso schon auf die Lohnentwicklung gerichtet ist. Da zudem bekannt ist, dass Lohnzuwächse für eine Volkswirtschaft leichter ökonomisch zu verkraften sind als Lohnsenkungen, und die Pflicht des Handelns hier also primär bei Deutschland liegt, muss jeder, der nach Treu und Glauben über die Eurokrise schreibt, dies auch ansprechen. Aber Prof. Unsinn verschweigt es - konsequent, und seit Jahren.
Sein Verhalten ist schlicht und einfach unlauter. Der Mann müsste schon längst eine persona non grata und aus dem öffentlichen Medienbetrieb ausgeschlossen sein.
(Übrigens: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Großen Teilen der deutschen Wirtschaft ist sicherlich daran gelegen, dass in Deutschland nicht über Lohnerhöhungen diskutiert wird. Bei der Frage, ob und welche Wirtschaftsinstitute man finanziert, freut man sich bestimmt über einen linientreuen Institutsleiter...)
Wenn der Euroraum auseinander brechen sollte und das Kommentariat dann Hände ringend fragt, wie es dazu kommen konnte, werden wir die Antwort schon lange gewusst haben: Weil ihr und eure Kumpanen auf Prof. Unsinn (stellvertretend als lautester Repräsentant für eine ganze Reihe deutscher Ökonomen) gehört habt anstatt auf Leute wie Heiner Flassbeck.
Wie so gerne und so oft schreibt Prof. Unsinn darin, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer und auch Frankreichs sei das Kernproblem in der Eurokrise. Die Löhne sind dort zu schnell gestiegen, zumindest gemessen am Anstieg der Produktivität. Einmal abgesehen von der Frage, ob Wettbewerbsfähigkeit so unkommentiert, gewissermaßen als Selbstzweck akzeptiert werden sollte, steckt darin durchaus eine Menge Wahrheit. in der Tat weisen die Unsinn-Apologeten gerne darauf hin, dass das meiste, was der Mann sagt, korrekt ist.
Das Problem liegt - wie in nahezu jedem seiner Texte - darin, was der Mann verschweigt. Denn während in den Südländern die Löhne zu schnell gestiegen sind, sind sie in Deutschland viel zu langsam gestiegen. Jedem, der mit ökonomischem Verstand nach Treu und Glauben die Eurokrise analysiert muss das auffallen, besonders wenn der Blick sowieso schon auf die Lohnentwicklung gerichtet ist. Da zudem bekannt ist, dass Lohnzuwächse für eine Volkswirtschaft leichter ökonomisch zu verkraften sind als Lohnsenkungen, und die Pflicht des Handelns hier also primär bei Deutschland liegt, muss jeder, der nach Treu und Glauben über die Eurokrise schreibt, dies auch ansprechen. Aber Prof. Unsinn verschweigt es - konsequent, und seit Jahren.
Sein Verhalten ist schlicht und einfach unlauter. Der Mann müsste schon längst eine persona non grata und aus dem öffentlichen Medienbetrieb ausgeschlossen sein.
(Übrigens: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Großen Teilen der deutschen Wirtschaft ist sicherlich daran gelegen, dass in Deutschland nicht über Lohnerhöhungen diskutiert wird. Bei der Frage, ob und welche Wirtschaftsinstitute man finanziert, freut man sich bestimmt über einen linientreuen Institutsleiter...)
Wenn der Euroraum auseinander brechen sollte und das Kommentariat dann Hände ringend fragt, wie es dazu kommen konnte, werden wir die Antwort schon lange gewusst haben: Weil ihr und eure Kumpanen auf Prof. Unsinn (stellvertretend als lautester Repräsentant für eine ganze Reihe deutscher Ökonomen) gehört habt anstatt auf Leute wie Heiner Flassbeck.
Dienstag, Februar 26, 2013
Sparen und Investitionen
Etwas vehement habe ich gestern einen Blogeintrag zum Thema Vollgeld kritisiert. Diese Kritik möchte ich detaillierter erläutern, was mich zu einer Auseinandersetzung mit den kausalen Verbindungen zwischen Sparen und Investition führen wird.
Vorweg zwei Punkte, die ich nicht kritisiere. Erstens ist meine Kritik keine Kritik am Vollgeld (was wiederum nicht heißt, dass ich Vollgeld ohne Vorbehalte unterstütze; aber das Thema ist komplex und verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung in einem anderen Artikel). Zweitens bin ich durchaus glücklich darüber, dass jemand von der BaFin schreibt:
Vor allem aber suggeriert er, dass Banken Ersparnisse einsammeln um es dann für Investitionen weiter verteilen zu können. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie doch selbst Geld erschaffen können? Richtig, sie tun es nicht. Ersparnisse werden nicht für Investitionen alloziiert. Von daher ist der Satz schlicht falsch. Wahrscheinlich ist er das Resultat einer makroökonomischen Indoktrination, die durch den Sitz des Autors nahe am Zentrum des Geldwesens zwar aufgeweicht, aber noch nicht abgeworfen wurde.
Ich bin gegen solche Sätze besonders allergisch, weil sie im Kern der "intellektuellen" aber falschen Rationalisierung von Kürzungspolitik stehen. Diese beruht auf dem Glauben daran, dass sich Sparen über irgendwelche makroökonomischen Transmissionsmechanismen stark positiv auf Investitionen auswirkt.
In Wirklichkeit ist die Kausalität aber umgekehrt: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus (diese Einsicht geht wesentlich auf Kalecki zurück, siehe z.B. hier). Auf der anderen Seite sorgt ein makroökonomischer Transmissionsmechanismus dafür, dass sich Sparen tendenziell negativ auf Investitionen auswirkt.
Natürlich sind alle diese Kausalitäten nur Tendenzen, die situationsabhängig stärker oder schwächer ausfallen können.
Übrigens: Wenn ich von "Sparen" schreibe meine ich nicht nur den Fluss von Geld in das Sparschwein zu Hause oder das Sparbuch bei der Bank, sondern grundsätzlich Geldflüsse in jede Anlageform, bei der nicht real investiert wird (z.B. Kauf von Aktien oder Fondsanteilen).
Einzelwirtschaftliches Denken und die Gesamtwirtschaft
Sparen um zu investieren, das ist ein bekanntes Muster. Familien sparen, um sich eine größere Anschaffung leisten zu können. Ein potentieller Unternehmer spart womöglich, bevor er den Schritt in die Unternehmensgründung wagt. Dieses Verhalten ist real und sinnvoll, wobei man natürlich über die Worte streiten könnte. Spart der Unternehmer wirklich? Oder ändert er nicht in Wirklichkeit einfach sein Ausgabeverhalten von Konsum hin zu Investition, zumindest mittelfristig betrachtet? Aber lassen wir diese Wortklauberei einmal beiseite.
Das eigentliche Problem ist, dass diese einzelwirtschaftlichen Betrachtungen nicht auf die Gesamtwirtschaft übertragen werden können. Denn damit Sparen über gesamtwirtschaftliche Mechanismen einen positiven Effekt auf Investitionen haben kann, müsste sich das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan positiv auf die Investitionsentscheidung eines Unternehmens irgendwo anders im Land auswirken können. Wie soll das gehen? Niemand in dem Unternehmen hat jemals von X und Y gehört!
Eine kurze Geschichte vom Zins
Oben habe ich geschrieben, dass Banken selbst Geld erschaffen können und deshalb nicht Ersparnisse einsammeln um sie als Kredite für Investitionen weiter verteilen zu können. Allerdings beobachten wir, dass Banken nicht nur Anlagemöglichkeiten für Ersparnisse anbieten, sondern dafür auch noch (Guthaben-)Zinsen bezahlen. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach: Banken machen das, aber aus einem anderen Grund. Sie machen das nicht, um Kredite vergeben zu können, sondern um die mit der Kreditvergabe verbundenen Kosten zu minimieren. Denn es gibt durchaus noch ein paar Spielregeln, an die sich Banken halten müssen. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich am Zahlungsausgleich bei Überweisungen zwischen Banken beteiligen und dementsprechend im Zweifelsfall refinanzieren müssen. Banken profitieren davon, dass sie sich bei Nichtbanken meist zu besseren Konditionen refinanzieren können als bei anderen Banken oder der Zentralbank.
Aber führt deshalb das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan dazu, dass ein Unternehmen irgendwo anders im Lande sich dazu entschließt, einen Investitionskredit aufzunehmen, und diesen von einer Bank auch zugestanden bekommt? Sicherlich nicht direkt.
Es gibt einen indirekten Transmissionsmechanismus, der prinzipiell funktionieren könnte. Wenn mehr Menschen sparen wollen, so die Überlegung, dann sinkt der Refinanzierungsdruck für Banken, weshalb diese weniger Guthabenzinsen zahlen müssen. Das könnte zu einem Wettbewerb zwischen Banken führen, der auch den verlangten Kreditzins senkt. Die niedrigeren Kreditzinsen könnten Menschen dazu ermutigen, Investitionen zu tätigen.
Dieser Mechanismus ist zunächst plausibel. Die Frage ist, wie stark er wirkt. Da muss man zunächst einmal feststellen, dass die endogenen Zinsschwankungen sowieso politisch beschränkt werden: die Zentralbank steuert den Zinssatz für kurzfristige Kredite, der sich natürlich mittelfristig auch auf den Zinssatz für langfristige Kredite auswirkt. Die absolute Größe der Zinsschwankungen ist daher ohnehin sehr klein. Und wie groß ist der Einfluss von Zinsen auf Investitionsentscheidungen überhaupt? Wird ein Prozentpunkt Unterschied in Kreditzinsen nicht sowieso von Faktoren wie dem unternehmerischen Risiko, oder dem Risiko, dass der Zinssatz in Zukunft wieder steigt, dominiert?
Die Nachfrageseite
Damit die Zinsen bei unveränderter Geldpolitik durch Sparen spürbar sinken können müssen viele Menschen ihr Ausgabeverhalten deutlich ändern (oder weniger Menschen noch deutlicher). Konkret müssen sie ihre Ausgabegeschwindigkeit (gemessen in Euro pro Tag oder Monat) deutlich reduzieren. Das bedeutet aber, dass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann - und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist.
Das ist der makroökonomische Transmissionsmechanismus, über den Sparen dazu führt, dass weniger investiert wird.
Die eigentliche Frage die beantwortet werden muss ist daher: Welcher der beiden Mechanismen ist stärker? Zumindest in der heutigen Zeit, in der das Zinsniveau sowieso schon extrem niedrig ist und Investitionen begünstigen sollte, aber Investitionen angesichts niedriger Nachfrage trotzdem schwächeln, hat die Frage doch recht rhetorischen Charakter.
Fazit
Aus makroökonomischer Perspektive ist Sparen tendenziell schädlich. Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation. Ungeachtet dessen gilt:
Vorweg zwei Punkte, die ich nicht kritisiere. Erstens ist meine Kritik keine Kritik am Vollgeld (was wiederum nicht heißt, dass ich Vollgeld ohne Vorbehalte unterstütze; aber das Thema ist komplex und verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung in einem anderen Artikel). Zweitens bin ich durchaus glücklich darüber, dass jemand von der BaFin schreibt:
Banken "erschaffen" durch ihre Kreditschöpfung Geld - und zwar den überwiegenden Teil der Geldmenge. Vergibt eine Bank einen Kredit und schreibt den korrespondierenden Betrag dem Kreditnehmer auf seinem Konto gut, dann entsteht damit neues Giralgeld.Aber damit kommen wir zur Kritik. Denn auf der anderen Seite schreibt er im gleichen Blogeintrag das Folgende:
[Die Banken] funktionieren durch ihr Kreditgeschäft als Finanzintermediäre, die eine effiziente Allokation der Ersparnisse für Investitionen sicherstellen.Dieser Satz enthält viele Dinge, an denen ich teils sehr grundsätzliche Kritik üben würde, zum Beispiel am Stichwort "effizient".
Vor allem aber suggeriert er, dass Banken Ersparnisse einsammeln um es dann für Investitionen weiter verteilen zu können. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie doch selbst Geld erschaffen können? Richtig, sie tun es nicht. Ersparnisse werden nicht für Investitionen alloziiert. Von daher ist der Satz schlicht falsch. Wahrscheinlich ist er das Resultat einer makroökonomischen Indoktrination, die durch den Sitz des Autors nahe am Zentrum des Geldwesens zwar aufgeweicht, aber noch nicht abgeworfen wurde.
Ich bin gegen solche Sätze besonders allergisch, weil sie im Kern der "intellektuellen" aber falschen Rationalisierung von Kürzungspolitik stehen. Diese beruht auf dem Glauben daran, dass sich Sparen über irgendwelche makroökonomischen Transmissionsmechanismen stark positiv auf Investitionen auswirkt.
In Wirklichkeit ist die Kausalität aber umgekehrt: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus (diese Einsicht geht wesentlich auf Kalecki zurück, siehe z.B. hier). Auf der anderen Seite sorgt ein makroökonomischer Transmissionsmechanismus dafür, dass sich Sparen tendenziell negativ auf Investitionen auswirkt.
Natürlich sind alle diese Kausalitäten nur Tendenzen, die situationsabhängig stärker oder schwächer ausfallen können.
Übrigens: Wenn ich von "Sparen" schreibe meine ich nicht nur den Fluss von Geld in das Sparschwein zu Hause oder das Sparbuch bei der Bank, sondern grundsätzlich Geldflüsse in jede Anlageform, bei der nicht real investiert wird (z.B. Kauf von Aktien oder Fondsanteilen).
Einzelwirtschaftliches Denken und die Gesamtwirtschaft
Sparen um zu investieren, das ist ein bekanntes Muster. Familien sparen, um sich eine größere Anschaffung leisten zu können. Ein potentieller Unternehmer spart womöglich, bevor er den Schritt in die Unternehmensgründung wagt. Dieses Verhalten ist real und sinnvoll, wobei man natürlich über die Worte streiten könnte. Spart der Unternehmer wirklich? Oder ändert er nicht in Wirklichkeit einfach sein Ausgabeverhalten von Konsum hin zu Investition, zumindest mittelfristig betrachtet? Aber lassen wir diese Wortklauberei einmal beiseite.
Das eigentliche Problem ist, dass diese einzelwirtschaftlichen Betrachtungen nicht auf die Gesamtwirtschaft übertragen werden können. Denn damit Sparen über gesamtwirtschaftliche Mechanismen einen positiven Effekt auf Investitionen haben kann, müsste sich das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan positiv auf die Investitionsentscheidung eines Unternehmens irgendwo anders im Land auswirken können. Wie soll das gehen? Niemand in dem Unternehmen hat jemals von X und Y gehört!
Eine kurze Geschichte vom Zins
Oben habe ich geschrieben, dass Banken selbst Geld erschaffen können und deshalb nicht Ersparnisse einsammeln um sie als Kredite für Investitionen weiter verteilen zu können. Allerdings beobachten wir, dass Banken nicht nur Anlagemöglichkeiten für Ersparnisse anbieten, sondern dafür auch noch (Guthaben-)Zinsen bezahlen. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach: Banken machen das, aber aus einem anderen Grund. Sie machen das nicht, um Kredite vergeben zu können, sondern um die mit der Kreditvergabe verbundenen Kosten zu minimieren. Denn es gibt durchaus noch ein paar Spielregeln, an die sich Banken halten müssen. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich am Zahlungsausgleich bei Überweisungen zwischen Banken beteiligen und dementsprechend im Zweifelsfall refinanzieren müssen. Banken profitieren davon, dass sie sich bei Nichtbanken meist zu besseren Konditionen refinanzieren können als bei anderen Banken oder der Zentralbank.
Aber führt deshalb das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan dazu, dass ein Unternehmen irgendwo anders im Lande sich dazu entschließt, einen Investitionskredit aufzunehmen, und diesen von einer Bank auch zugestanden bekommt? Sicherlich nicht direkt.
Es gibt einen indirekten Transmissionsmechanismus, der prinzipiell funktionieren könnte. Wenn mehr Menschen sparen wollen, so die Überlegung, dann sinkt der Refinanzierungsdruck für Banken, weshalb diese weniger Guthabenzinsen zahlen müssen. Das könnte zu einem Wettbewerb zwischen Banken führen, der auch den verlangten Kreditzins senkt. Die niedrigeren Kreditzinsen könnten Menschen dazu ermutigen, Investitionen zu tätigen.
Dieser Mechanismus ist zunächst plausibel. Die Frage ist, wie stark er wirkt. Da muss man zunächst einmal feststellen, dass die endogenen Zinsschwankungen sowieso politisch beschränkt werden: die Zentralbank steuert den Zinssatz für kurzfristige Kredite, der sich natürlich mittelfristig auch auf den Zinssatz für langfristige Kredite auswirkt. Die absolute Größe der Zinsschwankungen ist daher ohnehin sehr klein. Und wie groß ist der Einfluss von Zinsen auf Investitionsentscheidungen überhaupt? Wird ein Prozentpunkt Unterschied in Kreditzinsen nicht sowieso von Faktoren wie dem unternehmerischen Risiko, oder dem Risiko, dass der Zinssatz in Zukunft wieder steigt, dominiert?
Die Nachfrageseite
Damit die Zinsen bei unveränderter Geldpolitik durch Sparen spürbar sinken können müssen viele Menschen ihr Ausgabeverhalten deutlich ändern (oder weniger Menschen noch deutlicher). Konkret müssen sie ihre Ausgabegeschwindigkeit (gemessen in Euro pro Tag oder Monat) deutlich reduzieren. Das bedeutet aber, dass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann - und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist.
Das ist der makroökonomische Transmissionsmechanismus, über den Sparen dazu führt, dass weniger investiert wird.
Die eigentliche Frage die beantwortet werden muss ist daher: Welcher der beiden Mechanismen ist stärker? Zumindest in der heutigen Zeit, in der das Zinsniveau sowieso schon extrem niedrig ist und Investitionen begünstigen sollte, aber Investitionen angesichts niedriger Nachfrage trotzdem schwächeln, hat die Frage doch recht rhetorischen Charakter.
Fazit
Aus makroökonomischer Perspektive ist Sparen tendenziell schädlich. Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation. Ungeachtet dessen gilt:
- Wer "spart", um persönlich in das eigene Unternehmen oder den eigenen Hausbau zu investieren, der spart nicht im makroökonomischen Sinne. Deswegen trifft das Fazit auf diesen Fall nicht zu.
- Ersparnisse können ökonomische Sicherheit und Freiheit ermöglichen. Von daher kann Sparen aus der persönlichen Perspektive auch dann sinnvoll sein, wenn man keine konkrete Investition plant.
- Deswegen sollte der Staat eine Wirtschaftspolitik verfolgen, die jedem Menschen das Sparen ermöglicht, aber gleichzeitig die dadurch potentiell entstehenden makroökonomischen Schäden vermeidet (mein persönlicher Favorit ist bekannt).
- Dies ist möglich und angemessen, weil ein monetär souveräner Staat nicht den gleichen Handlungsbeschränkungen unterliegt wie private Akteure, und deshalb als Symmetrie brechender Stabilisator handeln kann und sollte.
Mittwoch, November 14, 2012
Vollbeschäftigung
Ich rede und streite gerne und viel über die Zukunft unserer Gesellschaft. Wie sieht die Zukunft aus? Wie können wir die Zukunft besser machen? In mir wächst die Überzeugung, dass wir ein ganz zentrales Thema im öffentlichen Diskurs permanent verankern müssen, das dort heute fehlt. Dieses Thema ist die Vollbeschäftigung.
Beim Wort Vollbeschäftigung denkt sich der ein oder andere erfahrungsgemäß: Ist doch Quatsch, dass jeder arbeiten soll. Darum geht es auch gar nicht. Vollbeschäftigung heißt nicht, dass jeder arbeitet. Vollbeschäftigung heißt, dass jeder, der arbeiten will auch eine reguläre, angemessen bezahlte und nützliche Arbeit findet. Die Gesellschaft soll jedem die Möglichkeit geben, sich sinnvoll und Sinn stiftend einzubringen.
Viele glauben, das sei unrealistisch, weil es gar nicht genug zu tun gäbe. Aber nüchtern betrachtet sehen wir auf der einen Seite Millionen von Arbeitslosen und Unterbeschäftigten. Auf der anderen Seite sehen wir so viele nützliche Dinge, die getan werden könnten, in Infrastruktur, in Betreuung, in Bildung, in Kunst und Kultur - diese beiden Seiten müsste man nur zusammen bringen.
Der Vorteile wären viele. Der nächstliegende Vorteil ist die Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist auf vielen Ebenen ein Verlust, für die betroffenen Menschen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Für die betroffenen Menschen, weil sie in Armut führt, weil sie den Menschen das zermürbende Gefühl gibt, nicht gebraucht zu werden. Die Gesellschaft verliert, weil sie auf die Arbeit dieser Menschen verzichtet. Dadurch geht Potential für reale Wertschöpfung für immer verloren. Im Gegensatz dazu wird dieses Potential durch die Vollbeschäftigung sinnvoll genutzt.
Darüber hinaus gibt es sekundäre Vorteile. Wer eine Arbeit mit einem regulären Einkommen hat wird weniger strafanfällig. Für Kinder macht es einen ganz wesentlichen Unterschied in der Entwicklung, ob die Erwachsenen in ihrer Familie morgens früh aufstehen und zur Arbeit gehen oder nicht.
Vollbeschäftigung bietet auch Sicherheit. Wer weiß, dass er im Zweifelsfall leicht wieder eine Arbeit und damit ein reguläres Einkommen finden kann, der hat im Leben weniger Sorgen. Das stärkt auch die Position der Arbeitnehmer in Lohn- und Gehaltsverhandlungen, was wiederum dazu führt, dass sich die Löhne und Gehälter wieder angemessen entwickeln.
Vollbeschäftigung ist ein Thema, das eigentlich auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung stoßen müsste, auch wenn es heute in den Medien kaum ein Thema ist. Warum ist es heute kaum ein Thema? Und was ist also zu tun?
Zum einen liegt die Erklärung sicherlich in der Funktionsweise der Medien. Damit ein Thema in den Medien erscheint, muss es von außen an die Medien heran getragen werden. Offenbar setzen selbst die Parteien und Verbände, insbesondere Gewerkschaften, die eigentlich natürliche Verbündete sein müssten, das Thema Vollbeschäftigung nicht auf die Agenda. Wir müssen hier selbst aktiv werden und ein breites gesellschaftliches Bündnis für Vollbeschäftigung schaffen.
Zum anderen vermute ich - auch wenn ich keine genauen Zahlen kenne - dass viele Menschen nicht mehr an Vollbeschäftigung glauben. Sie denken, dass es unmöglich wäre, diese zu erreichen. Wir müssen den Menschen also auch konkrete Modelle bieten, mit denen Vollbeschäftigung real implementiert werden kann. Mein persönlicher Favorit dafür ist die von Ökonomen wie Bill Mitchell, Randall Wray und Warren Mosler entwickelte Job-Garantie, aber ich würde mich über eine lebhafte Diskussion über verschiedene, ernst gemeinte Modelle freuen.
Wie auch immer die Strategie aussehen mag, ich will Vollbeschäftigung als universelles gesellschaftliches Ziel im Bewusstsein der Menschen verankert sehen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es ist eine Vision für die es zu kämpfen wert ist.
Beim Wort Vollbeschäftigung denkt sich der ein oder andere erfahrungsgemäß: Ist doch Quatsch, dass jeder arbeiten soll. Darum geht es auch gar nicht. Vollbeschäftigung heißt nicht, dass jeder arbeitet. Vollbeschäftigung heißt, dass jeder, der arbeiten will auch eine reguläre, angemessen bezahlte und nützliche Arbeit findet. Die Gesellschaft soll jedem die Möglichkeit geben, sich sinnvoll und Sinn stiftend einzubringen.
Viele glauben, das sei unrealistisch, weil es gar nicht genug zu tun gäbe. Aber nüchtern betrachtet sehen wir auf der einen Seite Millionen von Arbeitslosen und Unterbeschäftigten. Auf der anderen Seite sehen wir so viele nützliche Dinge, die getan werden könnten, in Infrastruktur, in Betreuung, in Bildung, in Kunst und Kultur - diese beiden Seiten müsste man nur zusammen bringen.
Der Vorteile wären viele. Der nächstliegende Vorteil ist die Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist auf vielen Ebenen ein Verlust, für die betroffenen Menschen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Für die betroffenen Menschen, weil sie in Armut führt, weil sie den Menschen das zermürbende Gefühl gibt, nicht gebraucht zu werden. Die Gesellschaft verliert, weil sie auf die Arbeit dieser Menschen verzichtet. Dadurch geht Potential für reale Wertschöpfung für immer verloren. Im Gegensatz dazu wird dieses Potential durch die Vollbeschäftigung sinnvoll genutzt.
Darüber hinaus gibt es sekundäre Vorteile. Wer eine Arbeit mit einem regulären Einkommen hat wird weniger strafanfällig. Für Kinder macht es einen ganz wesentlichen Unterschied in der Entwicklung, ob die Erwachsenen in ihrer Familie morgens früh aufstehen und zur Arbeit gehen oder nicht.
Vollbeschäftigung bietet auch Sicherheit. Wer weiß, dass er im Zweifelsfall leicht wieder eine Arbeit und damit ein reguläres Einkommen finden kann, der hat im Leben weniger Sorgen. Das stärkt auch die Position der Arbeitnehmer in Lohn- und Gehaltsverhandlungen, was wiederum dazu führt, dass sich die Löhne und Gehälter wieder angemessen entwickeln.
Vollbeschäftigung ist ein Thema, das eigentlich auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung stoßen müsste, auch wenn es heute in den Medien kaum ein Thema ist. Warum ist es heute kaum ein Thema? Und was ist also zu tun?
Zum einen liegt die Erklärung sicherlich in der Funktionsweise der Medien. Damit ein Thema in den Medien erscheint, muss es von außen an die Medien heran getragen werden. Offenbar setzen selbst die Parteien und Verbände, insbesondere Gewerkschaften, die eigentlich natürliche Verbündete sein müssten, das Thema Vollbeschäftigung nicht auf die Agenda. Wir müssen hier selbst aktiv werden und ein breites gesellschaftliches Bündnis für Vollbeschäftigung schaffen.
Zum anderen vermute ich - auch wenn ich keine genauen Zahlen kenne - dass viele Menschen nicht mehr an Vollbeschäftigung glauben. Sie denken, dass es unmöglich wäre, diese zu erreichen. Wir müssen den Menschen also auch konkrete Modelle bieten, mit denen Vollbeschäftigung real implementiert werden kann. Mein persönlicher Favorit dafür ist die von Ökonomen wie Bill Mitchell, Randall Wray und Warren Mosler entwickelte Job-Garantie, aber ich würde mich über eine lebhafte Diskussion über verschiedene, ernst gemeinte Modelle freuen.
Wie auch immer die Strategie aussehen mag, ich will Vollbeschäftigung als universelles gesellschaftliches Ziel im Bewusstsein der Menschen verankert sehen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es ist eine Vision für die es zu kämpfen wert ist.
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Mittwoch, April 18, 2012
Warum wir ein langfristiges Haushaltsdefizit brauchen
John Maynard Keynes ist berühmt für seine Forderung, dass das Haushaltsdefizit des Staates antizyklisch sein soll. In Zeiten der Rezession soll die Nachfrage mit einem hohen Defizit angekurbelt werden, und diese Maßnahmen sollen in Zeiten des Booms wieder zurückgefahren werden. Das ist vernünftig. Aber heute wird oft gefordert, dass während eines Booms Haushaltsüberschüsse gefahren werden sollen, so dass Defizit und Überschuss sich langfristig gegenseitig ausgleichen. Diese Forderung geht hinten und vorne einfach nicht auf, sie ist geradezu gefährlich.
Wir brauchen langfristig ein staatliches Haushaltsdefizit von wenigen Prozent des BIP. Das bedeutet in schlechten Zeiten ein noch größeres Haushaltsdefizit und in guten Zeiten ein kleineres Haushaltsdefizit, manchmal vielleicht auch einen Überschuss, aber im langfristigen Mittel muss ein Defizit herauskommen, und die Begründung ist so einfach, dass sie wirklich jeder verstehen kann.
Wir alle finden es als Privatleute gut, wenn wir Vermögen aufbauen können. Vermögen bedeutet Sicherheit, es bedeutet, dass wir uns ab und zu etwas Größeres leisten können, und es bedeutet zusätzliche Vorsorge fürs Alter. In unserer monetarisierten Welt ist dieses Vermögen zu einem sehr großen Teil Geldvermögen. Jedem Geldvermögen steht per Definition die Verbindlichkeit eines anderen Wirtschaftsteilnehmers gegenüber. Das kann die Verbindlichkeit einer Firma bzw. eines Unternehmers sein in Form eines Bankkredits oder einer Unternehmensanleihe, oder eine Verbindlichkeit des Staates in Form einer Staatsanleihe.
Unser aller privates Streben nach Geldvermögen ist so groß, dass die Verbindlichkeiten des privaten Sektors alleine nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Wenn man alle Geldvermögen im privaten Sektor aufsummiert und die Verbindlichkeiten gegenrechnet, dann bleibt ein Betrag übrig: das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors.
Erfahrungsgemäß verlangt der private Sektor Netto-Geldvermögen in Höhe von 30% bis 250% des BIP. Ein Teil davon kann durch Verbindlichkeiten des Auslands gedeckt sein, aber am Ende des Tages muss der größte Teil dieser Verbindlichkeiten von der Regierung gehalten werden. Verbindlichkeiten des Staates, vulgo Staatsschulden, sind also notwendig.
Was würde passieren, wenn der Staatshaushalt wirklich langfristig ausgeglichen wäre? Lasst uns ein Gedankenexperiment wagen, in dem wir die folgenden Beispielzahlen annehmen.
Wenn wir mit diesen Annahmen rechnen, also einem sehr moderaten Wirtschaftswachstum und einer Inflation, die der aktuellen Zielsetzung der EZB entspricht, und weiter annehmen, dass der Staatshaushalt im Durchschnitt ausgeglichen ist, erhalten wir folgendes Ergebnis nach 25 Jahren:
Wir sehen also, dass der private Sektor langfristig deutlich weniger Netto-Geldvermögen zur Verfügung hätte, bezogen auf die wirtschaftliche Gesamtlage. Die Menschen wären wahrscheinlich insgesamt ärmer, und das Schrumpfen der relativen Netto-Geldvermögen von 80% auf 40% wäre wahrscheinlich ein sehr schmerzhafter Anpassungsprozess.
Nach weiteren 25 Jahren wäre das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors nur noch bei 20% des BIP, ein unvorstellbar niedriger Wert. Solange sich der Wunsch des privaten Sektors nach Netto-Geldvermögen nicht ändert, ist ein langfristiges Haushaltsdefizit notwendig, um die Netto-Geldvermögen aufrecht zu erhalten. In unserem konkreten Beispiel ist ein Haushaltsdefizit in Höhe von 2,18% des BIP notwendig, wie in den folgenden Grafiken veranschaulicht wird.


Kann sich der Wunsch nach Netto-Geldvermögen ändern? Natürlich. Aber wir müssen bedenken, dass sich dieser Wunsch zu großen Teilen aus einem Wunsch nach wirtschaftlicher Sicherheit speist. Wer einfach blind den Haushalt kürzt, der erzeugt Arbeitslosigkeit. Dadurch werden die Menschen weiter verunsichert.
Eine Alternative wäre die von Vertretern der Modern Monetary Theory vorgeschlagene Job-Garantie. Diese gibt den Menschen Sicherheit, und so ist denkbar, dass der Wunsch nach Netto-Geldvermögen durch ihre Einführung sinken wird. Dann wird für einige Zeit ein kleineres Haushaltsdefizit möglich, während dieser Anpassungsprozess stattfindet. Aber solange der Wunsch nach Netto-Geldvermögen nicht auf Null sinkt, wird langfristig immer im Durchschnitt ein Haushaltsdefizit notwendig sein.
Wir brauchen langfristig ein staatliches Haushaltsdefizit von wenigen Prozent des BIP. Das bedeutet in schlechten Zeiten ein noch größeres Haushaltsdefizit und in guten Zeiten ein kleineres Haushaltsdefizit, manchmal vielleicht auch einen Überschuss, aber im langfristigen Mittel muss ein Defizit herauskommen, und die Begründung ist so einfach, dass sie wirklich jeder verstehen kann.
Wir alle finden es als Privatleute gut, wenn wir Vermögen aufbauen können. Vermögen bedeutet Sicherheit, es bedeutet, dass wir uns ab und zu etwas Größeres leisten können, und es bedeutet zusätzliche Vorsorge fürs Alter. In unserer monetarisierten Welt ist dieses Vermögen zu einem sehr großen Teil Geldvermögen. Jedem Geldvermögen steht per Definition die Verbindlichkeit eines anderen Wirtschaftsteilnehmers gegenüber. Das kann die Verbindlichkeit einer Firma bzw. eines Unternehmers sein in Form eines Bankkredits oder einer Unternehmensanleihe, oder eine Verbindlichkeit des Staates in Form einer Staatsanleihe.
Unser aller privates Streben nach Geldvermögen ist so groß, dass die Verbindlichkeiten des privaten Sektors alleine nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Wenn man alle Geldvermögen im privaten Sektor aufsummiert und die Verbindlichkeiten gegenrechnet, dann bleibt ein Betrag übrig: das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors.
Erfahrungsgemäß verlangt der private Sektor Netto-Geldvermögen in Höhe von 30% bis 250% des BIP. Ein Teil davon kann durch Verbindlichkeiten des Auslands gedeckt sein, aber am Ende des Tages muss der größte Teil dieser Verbindlichkeiten von der Regierung gehalten werden. Verbindlichkeiten des Staates, vulgo Staatsschulden, sind also notwendig.
Was würde passieren, wenn der Staatshaushalt wirklich langfristig ausgeglichen wäre? Lasst uns ein Gedankenexperiment wagen, in dem wir die folgenden Beispielzahlen annehmen.
BIP im 1. Jahr: 1.000 Mrd. #
Netto-Geldvermögen des privaten Sektors im 1. Jahr: 800 Mrd. # = 80% des BIP
Jährliches reales Wirtschaftswachstum im Durchschnitt: 1%
Inflation im Durchschnitt: 1,8%
Wenn wir mit diesen Annahmen rechnen, also einem sehr moderaten Wirtschaftswachstum und einer Inflation, die der aktuellen Zielsetzung der EZB entspricht, und weiter annehmen, dass der Staatshaushalt im Durchschnitt ausgeglichen ist, erhalten wir folgendes Ergebnis nach 25 Jahren:
BIP im 26. Jahr: 1.994 Mrd. #
Netto-Geldvermögen des privaten Sektors im 26. Jahr: 800 Mrd. # = 40% des BIP
Wir sehen also, dass der private Sektor langfristig deutlich weniger Netto-Geldvermögen zur Verfügung hätte, bezogen auf die wirtschaftliche Gesamtlage. Die Menschen wären wahrscheinlich insgesamt ärmer, und das Schrumpfen der relativen Netto-Geldvermögen von 80% auf 40% wäre wahrscheinlich ein sehr schmerzhafter Anpassungsprozess.
Nach weiteren 25 Jahren wäre das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors nur noch bei 20% des BIP, ein unvorstellbar niedriger Wert. Solange sich der Wunsch des privaten Sektors nach Netto-Geldvermögen nicht ändert, ist ein langfristiges Haushaltsdefizit notwendig, um die Netto-Geldvermögen aufrecht zu erhalten. In unserem konkreten Beispiel ist ein Haushaltsdefizit in Höhe von 2,18% des BIP notwendig, wie in den folgenden Grafiken veranschaulicht wird.


Kann sich der Wunsch nach Netto-Geldvermögen ändern? Natürlich. Aber wir müssen bedenken, dass sich dieser Wunsch zu großen Teilen aus einem Wunsch nach wirtschaftlicher Sicherheit speist. Wer einfach blind den Haushalt kürzt, der erzeugt Arbeitslosigkeit. Dadurch werden die Menschen weiter verunsichert.
Eine Alternative wäre die von Vertretern der Modern Monetary Theory vorgeschlagene Job-Garantie. Diese gibt den Menschen Sicherheit, und so ist denkbar, dass der Wunsch nach Netto-Geldvermögen durch ihre Einführung sinken wird. Dann wird für einige Zeit ein kleineres Haushaltsdefizit möglich, während dieser Anpassungsprozess stattfindet. Aber solange der Wunsch nach Netto-Geldvermögen nicht auf Null sinkt, wird langfristig immer im Durchschnitt ein Haushaltsdefizit notwendig sein.
Donnerstag, April 12, 2012
Wie funktionieren Überweisungen?
Ich schreibe auf diesem Blog immer wieder über volkswirtschaftliche Themen aus der in Deutschland nicht weit verbreiteten Perspektive der Modern Monetary Theory. Damit verbunden sind neue und kreative Lösungsansätze für die wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit. Leider werden die Auswirkungen dieser Lösungsansätze oft falsch analysiert, weil wir einen massiven Bildungsmangel haben. Die wenigsten Menschen wissen, wie unser Geldsystem eigentlich funktioniert. Deshalb widme ich mich heute einem ganz unkontroversen aber grundlegenden und daher wichtigen Thema.
Jeder weiß, wie man eine Überweisung tätigt. Man füllt einen Überweisungsträger aus und wirft ihn in den dafür vorgesehenen Briefkasten der Bank. Man geht mit der Bankkarte zum automatischen Bankingterminal und gibt die Überweisungsdaten ein. Oder man nutzt mit dem eigenen Computer das Onlinebanking. Aber was geschieht eigentlich hinter den Kulissen?
Wir wollen das einmal an Hand eines ersten Beispiels verfolgen. Herr Albrecht, Kunde der Berliner Beispielbank BB, möchte 1000€ an Frau Bartel überweisen, die ihr Konto ebenfalls bei der BB führt.
Die Überweisungsdaten werden an ein Rechenzentrum der Bank geschickt und dort verarbeitet. Irgendwo in dem Rechenzentrum gibt es eine große Tabelle mit den Kontoständen aller Kunden der BB-Bank. Da sowohl das Konto von Herrn Albrecht als auch das Konto von Frau Bartel in dieser Tabelle stehen, muss die Bank nur die Einträge in dieser Tabelle ändern, und schon ist die Überweisung abgeschlossen.

Die gesamte Überweisung besteht alleine darin, dass die Bank ihre (elektronischen) Bücher anpasst. Das ist alles. Natürlich werden auch die Details der Überweisung irgendwo gespeichert, damit sie auf dem nächsten Kontoauszug bereitgestellt werden können, und um die rechtlichen Dokumentationspflichten zu erfüllen. Solche Details sind für uns allerdings weniger wichtig.
Durch die Überweisung ändert sich implizit auch die Bilanz der Bank. Einlagen der Kunden stehen auf der Passivseite der Bankbilanz, weil es sich dabei aus Sicht der Bank um Verbindlichkeiten bzw. Schulden handelt. Als Bankkunde mit Einlagen hat man eine Forderung gegenüber der Bank:
man kann gegenüber der Bank einfordern, dass sie Überweisungen im eigenen Namen durchführt oder den Gegenwert als Bargeld auszahlt.
In unserem Beispiel ändert sich die Summe der Bilanz nicht, aber es werden Einträge auf der Passivseite verschoben, wie die folgende Grafik illustriert (die Flächen in grau stehen für andere Einträge der Bilanz, die von der Überweisung nicht berührt werden).

Überweisungen zwischen Banken
Betrachten wir ein zweites Beispiel: Frau Bartel will 500# an Herrn Cuhn überweisen, der sein Konto bei der Ersten Exemplarischen Bank EE führt.
Die Überweisungsdaten werden in einem Rechenzentrum der Bank BB, bei der Frau Bartel Kundin ist, verarbeitet. Dort kann in der Tabelle mit den Kontoständen 500# von Frau Bartels Konto abgezogen werden.

Aber die Bank BB kann die 500# nicht direkt auf das Konto von Herrn Cuhn gutschreiben, da dessen Kontostand von der Bank EE verwaltet wird. Also kontaktiert die Bank BB die Bank EE und informiert sie über die Überweisung. Nun kann Bank EE ihre Tabelle mit Kontoständen entsprechend anpassen.

Aber Moment! Jetzt hat Bank EE eine zusätzliche Verbindlichkeit, eine Schuld gegenüber Herrn Cuhn. Warum sollte sie diese Verbindlichkeit eingehen, wenn sie dafür nichts im Gegenzug erhält? Dieses Problem wird auch in den Bankbilanzen sichtbar. Wir haben gesehen, dass die Kontostände auf der Passivseite stehen, und die Passivseite von Bank BB schrumpft jetzt während die Passivseite von Bank EE wächst. Dabei ist die eherne Regel der Buchführung, dass Aktiva und Passiva die gleiche Summe ergeben müssen. Es muss einen Zahlungsausgleich zwischen Bank BB und Bank EE geben, um das Problem zu lösen.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank, in Deutschland ist die Bankleitzahl gleichzeitig die Nummer dieses Kontos. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld oder Reserven,
und es wird für den Zahlungsausgleich verwendet. So wie die Banken eine Tabelle mit den Kontoständen ihrer Kunden verwalten, verwaltet die Zentralbank eine Tabelle mit den Zentralbankkontoständen der Banken. In unserem Beispiel weist Bank BB die Zentralbank an, 500# auf das Zentralbankkonto von Bank EE zu überweisen.

Die Reserven auf dem Zentralbankkonto sind Guthaben der Bank. Es sind also Vermögen, Forderungen gegenüber der Zentralbank, und deshalb stehen sie auf der Aktivseite der Bankbilanz. Jetzt können wir ein vollständiges Bild der Bankbilanzen vor und nach der Überweisung aufstellen:

Weil Überweisungen natürlich nicht nur in eine Richtung gehen, sondern in beide Richtungen zwischen zwei Banken, und kreuz und quer im gesamten Bankensystem, benötigen die Banken für den Zahlungsausgleich insgesamt weniger Reserven als die Summe aller verwalteten Kontostände. Wenn die Überweisungen doch einmal unausgeglichen sind und eine Bank in Gefahr gerät, zu wenige Reserven zu haben, um die Überweisungen abzudecken, dann muss sie sich refinanzieren. In der Regel geschieht das, indem sie sich die Reserven von einer anderen Bank ausleiht. Die Details sind aber ein Thema für einen anderen Artikel, und den Zusammenhang zu Geldpolitik und Leitzins habe ich bereits in einem Artikel angerissen.
Clearingstellen
Ich will fair sein: die Darstellung oben ist in ihren Grundprinzipien korrekt, die tatsächlichen Details sehen in der Praxis aber etwas anders aus. Täglich werden Millionen von Überweisungen in Auftrag gegeben, und es wird nicht für jede Überweisung einzeln Zentralbankgeld überwiesen. Stattdessen werden alle Überweisungen täglich in einer Clearingstelle gesammelt.
Am Ende des Tages werden alle Überweisungen gegen gerechnet. Dabei wird festgestellt, welche Banken insgesamt wie viele Reserven bezahlen müssen, und welche Banken Reserven erhalten. Wenn an einem Tag Überweisungen in der Höhe von 183 Mio. # von Konten der Bank BB auf Konten bei anderen Banken in Auftrag gegeben wurden, und umgekehrt Überweisungen in der Höhe von 175 Mio. # von Konten bei anderen Banken auf Konten bei der Bank BB in Auftrag gegeben wurden, dann muss die Bank BB lediglich 8 Mio. # an Reserven in das Clearingsystem zahlen, und alle Überweisungen des Tages können auf einen Schlag ausgeführt werden.
Es ist gut, dies im Hinterkopf zu behalten. Durch die Clearingstellen werden Schwankungen im Tagesverlauf geglättet, und so wird die Höhe der für den Zahlungsausgleich nötigen Reserven
weiter reduziert. Für die meisten Überlegungen kann man die Clearingstellen aber getrost ignorieren.
Jeder weiß, wie man eine Überweisung tätigt. Man füllt einen Überweisungsträger aus und wirft ihn in den dafür vorgesehenen Briefkasten der Bank. Man geht mit der Bankkarte zum automatischen Bankingterminal und gibt die Überweisungsdaten ein. Oder man nutzt mit dem eigenen Computer das Onlinebanking. Aber was geschieht eigentlich hinter den Kulissen?
Wir wollen das einmal an Hand eines ersten Beispiels verfolgen. Herr Albrecht, Kunde der Berliner Beispielbank BB, möchte 1000€ an Frau Bartel überweisen, die ihr Konto ebenfalls bei der BB führt.
Die Überweisungsdaten werden an ein Rechenzentrum der Bank geschickt und dort verarbeitet. Irgendwo in dem Rechenzentrum gibt es eine große Tabelle mit den Kontoständen aller Kunden der BB-Bank. Da sowohl das Konto von Herrn Albrecht als auch das Konto von Frau Bartel in dieser Tabelle stehen, muss die Bank nur die Einträge in dieser Tabelle ändern, und schon ist die Überweisung abgeschlossen.

Die gesamte Überweisung besteht alleine darin, dass die Bank ihre (elektronischen) Bücher anpasst. Das ist alles. Natürlich werden auch die Details der Überweisung irgendwo gespeichert, damit sie auf dem nächsten Kontoauszug bereitgestellt werden können, und um die rechtlichen Dokumentationspflichten zu erfüllen. Solche Details sind für uns allerdings weniger wichtig.
Durch die Überweisung ändert sich implizit auch die Bilanz der Bank. Einlagen der Kunden stehen auf der Passivseite der Bankbilanz, weil es sich dabei aus Sicht der Bank um Verbindlichkeiten bzw. Schulden handelt. Als Bankkunde mit Einlagen hat man eine Forderung gegenüber der Bank:
man kann gegenüber der Bank einfordern, dass sie Überweisungen im eigenen Namen durchführt oder den Gegenwert als Bargeld auszahlt.
In unserem Beispiel ändert sich die Summe der Bilanz nicht, aber es werden Einträge auf der Passivseite verschoben, wie die folgende Grafik illustriert (die Flächen in grau stehen für andere Einträge der Bilanz, die von der Überweisung nicht berührt werden).

Überweisungen zwischen Banken
Betrachten wir ein zweites Beispiel: Frau Bartel will 500# an Herrn Cuhn überweisen, der sein Konto bei der Ersten Exemplarischen Bank EE führt.
Die Überweisungsdaten werden in einem Rechenzentrum der Bank BB, bei der Frau Bartel Kundin ist, verarbeitet. Dort kann in der Tabelle mit den Kontoständen 500# von Frau Bartels Konto abgezogen werden.

Aber die Bank BB kann die 500# nicht direkt auf das Konto von Herrn Cuhn gutschreiben, da dessen Kontostand von der Bank EE verwaltet wird. Also kontaktiert die Bank BB die Bank EE und informiert sie über die Überweisung. Nun kann Bank EE ihre Tabelle mit Kontoständen entsprechend anpassen.

Aber Moment! Jetzt hat Bank EE eine zusätzliche Verbindlichkeit, eine Schuld gegenüber Herrn Cuhn. Warum sollte sie diese Verbindlichkeit eingehen, wenn sie dafür nichts im Gegenzug erhält? Dieses Problem wird auch in den Bankbilanzen sichtbar. Wir haben gesehen, dass die Kontostände auf der Passivseite stehen, und die Passivseite von Bank BB schrumpft jetzt während die Passivseite von Bank EE wächst. Dabei ist die eherne Regel der Buchführung, dass Aktiva und Passiva die gleiche Summe ergeben müssen. Es muss einen Zahlungsausgleich zwischen Bank BB und Bank EE geben, um das Problem zu lösen.
Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank, in Deutschland ist die Bankleitzahl gleichzeitig die Nummer dieses Kontos. Das Geld auf diesem Konto nennt man Zentralbankgeld oder Reserven,
und es wird für den Zahlungsausgleich verwendet. So wie die Banken eine Tabelle mit den Kontoständen ihrer Kunden verwalten, verwaltet die Zentralbank eine Tabelle mit den Zentralbankkontoständen der Banken. In unserem Beispiel weist Bank BB die Zentralbank an, 500# auf das Zentralbankkonto von Bank EE zu überweisen.

Die Reserven auf dem Zentralbankkonto sind Guthaben der Bank. Es sind also Vermögen, Forderungen gegenüber der Zentralbank, und deshalb stehen sie auf der Aktivseite der Bankbilanz. Jetzt können wir ein vollständiges Bild der Bankbilanzen vor und nach der Überweisung aufstellen:

Weil Überweisungen natürlich nicht nur in eine Richtung gehen, sondern in beide Richtungen zwischen zwei Banken, und kreuz und quer im gesamten Bankensystem, benötigen die Banken für den Zahlungsausgleich insgesamt weniger Reserven als die Summe aller verwalteten Kontostände. Wenn die Überweisungen doch einmal unausgeglichen sind und eine Bank in Gefahr gerät, zu wenige Reserven zu haben, um die Überweisungen abzudecken, dann muss sie sich refinanzieren. In der Regel geschieht das, indem sie sich die Reserven von einer anderen Bank ausleiht. Die Details sind aber ein Thema für einen anderen Artikel, und den Zusammenhang zu Geldpolitik und Leitzins habe ich bereits in einem Artikel angerissen.
Clearingstellen
Ich will fair sein: die Darstellung oben ist in ihren Grundprinzipien korrekt, die tatsächlichen Details sehen in der Praxis aber etwas anders aus. Täglich werden Millionen von Überweisungen in Auftrag gegeben, und es wird nicht für jede Überweisung einzeln Zentralbankgeld überwiesen. Stattdessen werden alle Überweisungen täglich in einer Clearingstelle gesammelt.
Am Ende des Tages werden alle Überweisungen gegen gerechnet. Dabei wird festgestellt, welche Banken insgesamt wie viele Reserven bezahlen müssen, und welche Banken Reserven erhalten. Wenn an einem Tag Überweisungen in der Höhe von 183 Mio. # von Konten der Bank BB auf Konten bei anderen Banken in Auftrag gegeben wurden, und umgekehrt Überweisungen in der Höhe von 175 Mio. # von Konten bei anderen Banken auf Konten bei der Bank BB in Auftrag gegeben wurden, dann muss die Bank BB lediglich 8 Mio. # an Reserven in das Clearingsystem zahlen, und alle Überweisungen des Tages können auf einen Schlag ausgeführt werden.
Es ist gut, dies im Hinterkopf zu behalten. Durch die Clearingstellen werden Schwankungen im Tagesverlauf geglättet, und so wird die Höhe der für den Zahlungsausgleich nötigen Reserven
weiter reduziert. Für die meisten Überlegungen kann man die Clearingstellen aber getrost ignorieren.
Freitag, April 06, 2012
Von Geld und der Zukunft der Eurozone
Allerorten hört man Seufzen, wenn die Rede von den Staatsschulden dieser Welt ist. So hoch seien sie. Wer soll das denn jemals bezahlen, fragt man? Die Sorge kommt daher, dass wir unsere eigene Erfahrung mit Geld auf die Situation der Staaten übertragen. Die Analogie ist verlockend. Sie ist aber leider auch falsch.
Was ist eigentlich Geld? Als Kinder lernen wir Geld als physikalisches Artefakt kennen. Geld, das sind Münzen und Scheine. Stolz bezahlen wir zum ersten Mal ein Eis selbst — mit Münzen. Später lernen wir, dass es Geld auch in weniger handfester Form gibt, nämlich als Zahl auf dem Konto. Diese neue Erfahrung erweitert unser Verständnis von Geld. Wir "wissen" nun, dass wir Geld auf die Bank tragen können, die es für uns hütet. Unsere Interaktion mit der Bank, bei der wir als Kinder oder Jugendliche lernen, wie man Scheine und Münzen einzahlt und sich Scheine später am Automaten wieder auszahlen lassen kann, festigt das Bild der Bank als Tresor, in dem unser physikalisches Geld lagert. Wir hören auch, dass die Bank mit unserem Geld mysteriöse Dinge tut, weshalb wir Zinsen bekommen. Wir finden das natürlich gut, auch wenn wir es — Hand aufs Herz — nicht so ganz verstehen. Und das, was wir zu verstehen glauben, ist in der Regel falsch.
Vor allem aber hat Geld für uns nach wie vor primär physikalischen Charakter. Wir sehen Geld als ein Ding, und unsere ursprüngliche Erfahrung mit Geld aus der Kindheit hinterfragen wir nicht. Das ist nicht wirklich unsere Schuld. In der Regel gibt es keinen Erwachsenen, der uns dazu ermuntern würde und dabei anleiten könnte. Das steht im deutlichen Gegensatz zum Beispiel zu unserem intuitiven Verständnis der physikalischen Welt, das im Schulunterricht gehörig auf den Kopf gestellt wird. Wer käme denn als Kind von alleine auf die Idee, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt? In der Schule und anderswo lernt man solche Tatsachen, und erlangt so ein schlüssiges und weitgehend korrektes Bild der physikalischen Welt, das sich vom kindlichen Verständnis in vieler Hinsicht deutlich unterscheidet. Eine äquivalente Bildung in Sachen Geld fehlt.
Daher denken die meisten Menschen leider auch als Erwachsene so über Geld, als wäre es ein physikalisches Artefakt. Für das Privatleben ist das in Ordnung. Menschen sind über Jahrtausende davon ausgegangen, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht. Die falsche Annahme hat unseren fernen Vorfahren nicht geschadet, weil sie für ihren Wirkungskreis schlicht egal war. Genauso ist die Vorstellung von Geld als physikalischem Artefakt im Privatleben nicht weiter schädlich, weil sie dort als Analogie gut funktioniert. Aber die Analogie bricht in sich zusammen, sobald man die Mikroökonomie verlässt und über Wirtschafts- und Finanzpolitik auf makroökonomischer Ebene redet.
Aber was ist Geld denn nun wirklich? Es gibt keinen Konsens, der von heute auf morgen als ewige Wahrheit in die Schulbücher aufgenommen werden könnte, aber es gibt hilfreiche Sichtweisen, die unser Verständnis erweitern können. Insbesondere gibt es den Zusammenhang von Geld und Schulden, Vermögen und Verbindlichkeiten, der für mich hier im Vordergrund steht.
Geld ist Ausdruck einer Beziehung zwischen Menschen oder Institutionen. Jede Form von Geldbesitz ist gleichzeitig die Schuld bzw., mit weniger moralischen Konnotationen gesagt, die Verbindlichkeit eines anderen. Das Geld auf dem Bankkonto ist unser Vermögen und zugleich eine Verbindlichkeit der Bank. Wenn wir eine Anleihe besitzen, wie zum Beispiel einen Bundesschatzbrief, dann ist dieses Vermögen zugleich Verbindlichkeit des Ausgebers der Anleihe. Und die Banknoten, die wir mit uns tragen, sind Verbindlichkeiten der Zentralbank.
Diese Erkenntnis spiegelt sich in den Prinzipien der Buchführung wieder. Ich will das an einem Beispiel illustrieren. Wenn jemand etwas online auf Rechnung gekauft und noch nicht bezahlt hat, dann hat der Verkäufer ihm gegenüber eine Forderung. Diese Forderung ist eine Form von Geldvermögen. Auf der anderen Seite hält der Käufer eine Verbindlichkeit in seinen Büchern, nämlich die Verpflichtung, die Rechnung zu bezahlen.

Wie bezahlt der Käufer seine Rechnung? In der Regel per Überweisung, also mit Geld von seinem Konto. Dieses Geld auf dem Konto ist eine Forderung, die er gegenüber der Bank hat. In seiner privaten Bilanz löschen sich diese Forderung und die Verbindlichkeit gegenüber dem Verkäufer gegenseitig aus, sobald er die entsprechende Überweisung tätigt. Gleichzeitig wird die Forderung des Verkäufers uns gegenüber in eine Forderung gegenüber der Bank umgewandelt.

Man erkennt an diesem Beispiel einige zentrale Grundprinzipien eines Geldsystems:
Genauso wird klar, dass Staatsschulden einfach nur das rechnerische Gegenstück zum Netto-Geldvermögen des privaten Sektors plus Ausland sind. Mit dieser Erkenntnis sieht man in der Austeritätsdebatte klarer. Staatsschulden sind nichts Schlechtes, genau wie Geldvermögen im privaten Sektor nichts Schlechtes sind.
Sicher, wenn die Vermögen zu ungleich verteilt sind, dann sollte man dagegen etwas tun. Eine daran ausgerichtete Politik sähe aber ganz anders aus als das, was bei uns zur Zeit passiert. Und abgesehen von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen ist es doch gut, wenn Privatpersonen in der Lage sind, ordentliche Vermögen und die damit verbundene wirtschaftliche Freiheit zu erlangen. Entsprechend sind auch die damit verbundenen Staatsschulden gut.
Die Höhe der Staatsschulden ist in der Eurozone nur deshalb so problematisch, weil die Mitgliedsstaaten nicht mehr monetär souverän sind. Ein vergleichender Blick in die USA ist da lehrreich. Der Schuldenstand der meisten US-Bundesstaaten liegt deutlich unter 20% des jeweiligen BIP. Die Finanzmärkte dort würden selbst die Maastricht-Grenze von 60% für die Bundesstaaten nicht akzeptieren. Es ist also kein Wunder, dass sich die Finanzkrise in der Eurozone zu einer Schuldenkrise entwickelt hat. Schließlich sind die Eurostaaten in Geldfragen in der gleichen Situation wie die US-Bundesstaaten.
Der Blick in die USA zeigt aber auch, wie die Eurozone repariert werden kann. Die dortige Bundesregierung ist monetär souverän und kann daher einen beliebig hohen Schuldenstand erreichen, ohne von den Finanzmärkten bedrängt zu werden. Man erinnere sich an das totale Desinteresse der Märkte an der Herabstufung durch Standard & Poor's.
Dies ist der Weg, der auch für die Eurozone vorgezeichnet ist. Eine monetär souveräne europäische Institution wird analog zur US-Bundesregierung auf lange Sicht den größten Teil der Schulden der Mitgliedsstaaten übernehmen, und sie wird auch danach fiskalisch aktiv bleiben, entweder direkt mit einem eigenen Haushalt oder indirekt über Weisungsbefugnisse an die Euromitglieder. Vor einigen Monaten mag das noch utopisch geklungen haben, aber da es der einzige gangbare Weg ist wird er nach vielem Hin und Her gegangen werden. Der Kauf von Anleihen durch die EZB und der Aufbau von EFSF, ESM und Fiskalpakt sind die ersten Schritte in diese Richtung.
Angesichts dessen möchte ich mit zwei Aufrufen schließen. Erstens, emanzipiert Euch von der kindlich-naiven Vorstellung von Geld als physikalischem Ding, und damit auch von dem Glauben, dass öffentliche Schulden und Defizite inhärent schlecht sind. Natürlich gibt es viele Staatsausgaben, die dumm sind. Aber unabhängig davon, dass einzelne Ausgaben schlecht sein können, ist ein langfristiges öffentliches Defizit meistens eine gute Sache, da es die Wirtschaft und die Menschen im privaten Sektor stützt.
An dieser Stelle grenzt sich Modern Monetary Theory ganz bewusst von Keynes ab. Der Staatshaushalt sollte sich antizyklisch bewegen, aber es gibt keinen Grund, einen langfristig ausgeglichenen Haushalt zu fordern. In der Regel ist ein Defizit auch im langfristigen Durchschnitt notwendig und gut, da es dem Verhalten des Privatsektors besser entspricht.
Überlegt Euch zweitens, welche Machtstrukturen Ihr bei der besagten monetär souveränen Institution für Europa vorfinden wollt. Sie wird über Geldflüsse in einer Größenordnung entscheiden, die die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone nachhaltig fördern, aber auch beschädigen können. Damit wird sie langfristig über das Schicksal von mindestens 300 Millionen Menschen mit bestimmen — deutlich mehr, wenn die Eurozone planmäßig ausgeweitet wird. Wer soll da am Hebel sitzen? Wie kann gewährleistet werden, dass diese Institution nicht im Interesse der Banken oder der sprichwörtlichen 0,1%, sondern im Interesse der gesamten Bevölkerung handelt? Darüber sollten wir nachdenken, bevor Tatsachen geschaffen werden. Ich wünsche uns allen viel Erfolg.
Was ist eigentlich Geld? Als Kinder lernen wir Geld als physikalisches Artefakt kennen. Geld, das sind Münzen und Scheine. Stolz bezahlen wir zum ersten Mal ein Eis selbst — mit Münzen. Später lernen wir, dass es Geld auch in weniger handfester Form gibt, nämlich als Zahl auf dem Konto. Diese neue Erfahrung erweitert unser Verständnis von Geld. Wir "wissen" nun, dass wir Geld auf die Bank tragen können, die es für uns hütet. Unsere Interaktion mit der Bank, bei der wir als Kinder oder Jugendliche lernen, wie man Scheine und Münzen einzahlt und sich Scheine später am Automaten wieder auszahlen lassen kann, festigt das Bild der Bank als Tresor, in dem unser physikalisches Geld lagert. Wir hören auch, dass die Bank mit unserem Geld mysteriöse Dinge tut, weshalb wir Zinsen bekommen. Wir finden das natürlich gut, auch wenn wir es — Hand aufs Herz — nicht so ganz verstehen. Und das, was wir zu verstehen glauben, ist in der Regel falsch.
Vor allem aber hat Geld für uns nach wie vor primär physikalischen Charakter. Wir sehen Geld als ein Ding, und unsere ursprüngliche Erfahrung mit Geld aus der Kindheit hinterfragen wir nicht. Das ist nicht wirklich unsere Schuld. In der Regel gibt es keinen Erwachsenen, der uns dazu ermuntern würde und dabei anleiten könnte. Das steht im deutlichen Gegensatz zum Beispiel zu unserem intuitiven Verständnis der physikalischen Welt, das im Schulunterricht gehörig auf den Kopf gestellt wird. Wer käme denn als Kind von alleine auf die Idee, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt? In der Schule und anderswo lernt man solche Tatsachen, und erlangt so ein schlüssiges und weitgehend korrektes Bild der physikalischen Welt, das sich vom kindlichen Verständnis in vieler Hinsicht deutlich unterscheidet. Eine äquivalente Bildung in Sachen Geld fehlt.
Daher denken die meisten Menschen leider auch als Erwachsene so über Geld, als wäre es ein physikalisches Artefakt. Für das Privatleben ist das in Ordnung. Menschen sind über Jahrtausende davon ausgegangen, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht. Die falsche Annahme hat unseren fernen Vorfahren nicht geschadet, weil sie für ihren Wirkungskreis schlicht egal war. Genauso ist die Vorstellung von Geld als physikalischem Artefakt im Privatleben nicht weiter schädlich, weil sie dort als Analogie gut funktioniert. Aber die Analogie bricht in sich zusammen, sobald man die Mikroökonomie verlässt und über Wirtschafts- und Finanzpolitik auf makroökonomischer Ebene redet.
Aber was ist Geld denn nun wirklich? Es gibt keinen Konsens, der von heute auf morgen als ewige Wahrheit in die Schulbücher aufgenommen werden könnte, aber es gibt hilfreiche Sichtweisen, die unser Verständnis erweitern können. Insbesondere gibt es den Zusammenhang von Geld und Schulden, Vermögen und Verbindlichkeiten, der für mich hier im Vordergrund steht.
Geld ist Ausdruck einer Beziehung zwischen Menschen oder Institutionen. Jede Form von Geldbesitz ist gleichzeitig die Schuld bzw., mit weniger moralischen Konnotationen gesagt, die Verbindlichkeit eines anderen. Das Geld auf dem Bankkonto ist unser Vermögen und zugleich eine Verbindlichkeit der Bank. Wenn wir eine Anleihe besitzen, wie zum Beispiel einen Bundesschatzbrief, dann ist dieses Vermögen zugleich Verbindlichkeit des Ausgebers der Anleihe. Und die Banknoten, die wir mit uns tragen, sind Verbindlichkeiten der Zentralbank.
Diese Erkenntnis spiegelt sich in den Prinzipien der Buchführung wieder. Ich will das an einem Beispiel illustrieren. Wenn jemand etwas online auf Rechnung gekauft und noch nicht bezahlt hat, dann hat der Verkäufer ihm gegenüber eine Forderung. Diese Forderung ist eine Form von Geldvermögen. Auf der anderen Seite hält der Käufer eine Verbindlichkeit in seinen Büchern, nämlich die Verpflichtung, die Rechnung zu bezahlen.

Wie bezahlt der Käufer seine Rechnung? In der Regel per Überweisung, also mit Geld von seinem Konto. Dieses Geld auf dem Konto ist eine Forderung, die er gegenüber der Bank hat. In seiner privaten Bilanz löschen sich diese Forderung und die Verbindlichkeit gegenüber dem Verkäufer gegenseitig aus, sobald er die entsprechende Überweisung tätigt. Gleichzeitig wird die Forderung des Verkäufers uns gegenüber in eine Forderung gegenüber der Bank umgewandelt.

Man erkennt an diesem Beispiel einige zentrale Grundprinzipien eines Geldsystems:
- An jeder Transaktion sind, wenn man genau hinsieht, nicht nur zwei, sondern mindestens drei Parteien beteiligt: ein Käufer, ein Verkäufer, und ein Zahlungsdienstleister. In unserem Beispiel wird die letzte Funktion durch die Bank ausgefüllt. Wenn Käufer und Verkäufer ihre Konten bei verschiedenen Banken führen, dann erfüllen die Banken gemeinsam mit einer Clearingstelle (im Zweifelsfall ist das die Zentralbank) diese Funktion. Bei einer Barzahlung ist der Zahlungsdienstleister die Regierung in Form der Zentralbank, deren Dienstleistung in diesem Fall lediglich in der Produktion von Bargeld besteht.
In jedem Fall stehen sowohl der Käufer als auch der Verkäufer in einer Geschäftsbeziehung zum Zahlungsdienstleister. Der Käufer hat zu Beginn eine Forderung gegenüber dem Zahlungsdienstleister, die dann als Zahlung in den Besitz des Verkäufers übergeht. Dieses Drei-Parteien-Prinzip wird besonders von den italienischen Circuitists gerne betont. - Dadurch, dass der Käufer seine Schulden beglichen hat, ist die Bilanzsumme der Volkswirtschaft insgesamt geschrumpft. Vorher war die Bilanzsumme insgesamt gestiegen, als der Verkäufer implizit einen kurzfristigen, zinsfreien Kredit gewährt hat. Gleiches gilt für die Brutto-Geldvermögen, also die Summe aller finanzieller Forderungen ohne Gegenrechnung der Verbindlichkeiten. Durch den impliziten Kredit wurde eine neue Forderung geschaffen, und durch die Rückzahlung des Kredits wurde sie wieder vernichtet.
- Anders sieht es beim Netto-Geldvermögen aus, also wenn man die Verbindlichkeiten von den Forderungen abzieht. Das persönliche Netto-Geldvermögen des Käufers schrumpft durch den Kauf, was hoffentlich durch den realen Wert der gekauften Ware ausgeglichen wird. Aber über alle beteiligten Parteien aufsummiert bleibt das Netto-Geldvermögen gleich.
Genauso wird klar, dass Staatsschulden einfach nur das rechnerische Gegenstück zum Netto-Geldvermögen des privaten Sektors plus Ausland sind. Mit dieser Erkenntnis sieht man in der Austeritätsdebatte klarer. Staatsschulden sind nichts Schlechtes, genau wie Geldvermögen im privaten Sektor nichts Schlechtes sind.
Sicher, wenn die Vermögen zu ungleich verteilt sind, dann sollte man dagegen etwas tun. Eine daran ausgerichtete Politik sähe aber ganz anders aus als das, was bei uns zur Zeit passiert. Und abgesehen von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen ist es doch gut, wenn Privatpersonen in der Lage sind, ordentliche Vermögen und die damit verbundene wirtschaftliche Freiheit zu erlangen. Entsprechend sind auch die damit verbundenen Staatsschulden gut.
Die Höhe der Staatsschulden ist in der Eurozone nur deshalb so problematisch, weil die Mitgliedsstaaten nicht mehr monetär souverän sind. Ein vergleichender Blick in die USA ist da lehrreich. Der Schuldenstand der meisten US-Bundesstaaten liegt deutlich unter 20% des jeweiligen BIP. Die Finanzmärkte dort würden selbst die Maastricht-Grenze von 60% für die Bundesstaaten nicht akzeptieren. Es ist also kein Wunder, dass sich die Finanzkrise in der Eurozone zu einer Schuldenkrise entwickelt hat. Schließlich sind die Eurostaaten in Geldfragen in der gleichen Situation wie die US-Bundesstaaten.
Der Blick in die USA zeigt aber auch, wie die Eurozone repariert werden kann. Die dortige Bundesregierung ist monetär souverän und kann daher einen beliebig hohen Schuldenstand erreichen, ohne von den Finanzmärkten bedrängt zu werden. Man erinnere sich an das totale Desinteresse der Märkte an der Herabstufung durch Standard & Poor's.
Dies ist der Weg, der auch für die Eurozone vorgezeichnet ist. Eine monetär souveräne europäische Institution wird analog zur US-Bundesregierung auf lange Sicht den größten Teil der Schulden der Mitgliedsstaaten übernehmen, und sie wird auch danach fiskalisch aktiv bleiben, entweder direkt mit einem eigenen Haushalt oder indirekt über Weisungsbefugnisse an die Euromitglieder. Vor einigen Monaten mag das noch utopisch geklungen haben, aber da es der einzige gangbare Weg ist wird er nach vielem Hin und Her gegangen werden. Der Kauf von Anleihen durch die EZB und der Aufbau von EFSF, ESM und Fiskalpakt sind die ersten Schritte in diese Richtung.
Angesichts dessen möchte ich mit zwei Aufrufen schließen. Erstens, emanzipiert Euch von der kindlich-naiven Vorstellung von Geld als physikalischem Ding, und damit auch von dem Glauben, dass öffentliche Schulden und Defizite inhärent schlecht sind. Natürlich gibt es viele Staatsausgaben, die dumm sind. Aber unabhängig davon, dass einzelne Ausgaben schlecht sein können, ist ein langfristiges öffentliches Defizit meistens eine gute Sache, da es die Wirtschaft und die Menschen im privaten Sektor stützt.
An dieser Stelle grenzt sich Modern Monetary Theory ganz bewusst von Keynes ab. Der Staatshaushalt sollte sich antizyklisch bewegen, aber es gibt keinen Grund, einen langfristig ausgeglichenen Haushalt zu fordern. In der Regel ist ein Defizit auch im langfristigen Durchschnitt notwendig und gut, da es dem Verhalten des Privatsektors besser entspricht.
Überlegt Euch zweitens, welche Machtstrukturen Ihr bei der besagten monetär souveränen Institution für Europa vorfinden wollt. Sie wird über Geldflüsse in einer Größenordnung entscheiden, die die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone nachhaltig fördern, aber auch beschädigen können. Damit wird sie langfristig über das Schicksal von mindestens 300 Millionen Menschen mit bestimmen — deutlich mehr, wenn die Eurozone planmäßig ausgeweitet wird. Wer soll da am Hebel sitzen? Wie kann gewährleistet werden, dass diese Institution nicht im Interesse der Banken oder der sprichwörtlichen 0,1%, sondern im Interesse der gesamten Bevölkerung handelt? Darüber sollten wir nachdenken, bevor Tatsachen geschaffen werden. Ich wünsche uns allen viel Erfolg.
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