Montag, Mai 06, 2013

Die Verlogenheit des Hans-Werner Sinn

Leider genießt Prof. Unsinn immer noch ungerechtfertigte Anerkennung in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Zum Glück liefert der Mann mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder neue Beweise dafür, dass er nicht von einer objektiven, neutralen Position heraus argumentiert. Als Public Service Announcement und für mein eigenes Archiv will ich einen davon hier kurz dokumentieren, und zwar aus diesem Artikel hier.

Wie so gerne und so oft schreibt Prof. Unsinn darin, die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer und auch Frankreichs sei das Kernproblem in der Eurokrise. Die Löhne sind dort zu schnell gestiegen, zumindest gemessen am Anstieg der Produktivität. Einmal abgesehen von der Frage, ob Wettbewerbsfähigkeit so unkommentiert, gewissermaßen als Selbstzweck akzeptiert werden sollte, steckt darin durchaus eine Menge Wahrheit. in der Tat weisen die Unsinn-Apologeten gerne darauf hin, dass das meiste, was der Mann sagt, korrekt ist.

Das Problem liegt - wie in nahezu jedem seiner Texte - darin, was der Mann verschweigt. Denn während in den Südländern die Löhne zu schnell gestiegen sind, sind sie in Deutschland viel zu langsam gestiegen. Jedem, der mit ökonomischem Verstand nach Treu und Glauben die Eurokrise analysiert muss das auffallen, besonders wenn der Blick sowieso schon auf die Lohnentwicklung gerichtet ist. Da zudem bekannt ist, dass Lohnzuwächse für eine Volkswirtschaft leichter ökonomisch zu verkraften sind als Lohnsenkungen, und die Pflicht des Handelns hier also primär bei Deutschland liegt, muss jeder, der nach Treu und Glauben über die Eurokrise schreibt, dies auch ansprechen. Aber Prof. Unsinn verschweigt es - konsequent, und seit Jahren.

Sein Verhalten ist schlicht und einfach unlauter. Der Mann müsste schon längst eine persona non grata und aus dem öffentlichen Medienbetrieb ausgeschlossen sein.

(Übrigens: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Großen Teilen der deutschen Wirtschaft ist sicherlich daran gelegen, dass in Deutschland nicht über Lohnerhöhungen diskutiert wird. Bei der Frage, ob und welche Wirtschaftsinstitute man finanziert, freut man sich bestimmt über einen linientreuen Institutsleiter...)

Wenn der Euroraum auseinander brechen sollte und das Kommentariat dann Hände ringend fragt, wie es dazu kommen konnte, werden wir die Antwort schon lange gewusst haben: Weil ihr und eure Kumpanen auf Prof. Unsinn (stellvertretend als lautester Repräsentant für eine ganze Reihe deutscher Ökonomen) gehört habt anstatt auf Leute wie Heiner Flassbeck.

Dienstag, Februar 26, 2013

Sparen und Investitionen

Etwas vehement habe ich gestern einen Blogeintrag zum Thema Vollgeld kritisiert. Diese Kritik möchte ich detaillierter erläutern, was mich zu einer Auseinandersetzung mit den kausalen Verbindungen zwischen Sparen und Investition führen wird.

Vorweg zwei Punkte, die ich nicht kritisiere. Erstens ist meine Kritik keine Kritik am Vollgeld (was wiederum nicht heißt, dass ich Vollgeld ohne Vorbehalte unterstütze; aber das Thema ist komplex und verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung in einem anderen Artikel). Zweitens bin ich durchaus glücklich darüber, dass jemand von der BaFin schreibt:
Banken "erschaffen" durch ihre Kreditschöpfung Geld - und zwar den überwiegenden Teil der Geldmenge. Vergibt eine Bank einen Kredit und schreibt den korrespondierenden Betrag dem Kreditnehmer auf seinem Konto gut, dann entsteht damit neues Giralgeld.
Aber damit kommen wir zur Kritik. Denn auf der anderen Seite schreibt er im gleichen Blogeintrag das Folgende:
[Die Banken] funktionieren durch ihr Kreditgeschäft als Finanzintermediäre, die eine effiziente Allokation der Ersparnisse für Investitionen sicherstellen.
Dieser Satz enthält viele Dinge, an denen ich teils sehr grundsätzliche Kritik üben würde, zum Beispiel am Stichwort "effizient".

Vor allem aber suggeriert er, dass Banken Ersparnisse einsammeln um es dann für Investitionen weiter verteilen zu können. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie doch selbst Geld erschaffen können? Richtig, sie tun es nicht. Ersparnisse werden nicht für Investitionen alloziiert. Von daher ist der Satz schlicht falsch. Wahrscheinlich ist er das Resultat einer makroökonomischen Indoktrination, die durch den Sitz des Autors nahe am Zentrum des Geldwesens zwar aufgeweicht, aber noch nicht abgeworfen wurde.

Ich bin gegen solche Sätze besonders allergisch, weil sie im Kern der "intellektuellen" aber falschen Rationalisierung von Kürzungspolitik stehen. Diese beruht auf dem Glauben daran, dass sich Sparen über irgendwelche makroökonomischen Transmissionsmechanismen stark positiv auf Investitionen auswirkt.

In Wirklichkeit ist die Kausalität aber umgekehrt: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus (diese Einsicht geht wesentlich auf Kalecki zurück, siehe z.B. hier). Auf der anderen Seite sorgt ein makroökonomischer Transmissionsmechanismus dafür, dass sich Sparen tendenziell negativ auf Investitionen auswirkt.

Natürlich sind alle diese Kausalitäten nur Tendenzen, die situationsabhängig stärker oder schwächer ausfallen können.

Übrigens: Wenn ich von "Sparen" schreibe meine ich nicht nur den Fluss von Geld in das Sparschwein zu Hause oder das Sparbuch bei der Bank, sondern grundsätzlich Geldflüsse in jede Anlageform, bei der nicht real investiert wird (z.B. Kauf von Aktien oder Fondsanteilen).


Einzelwirtschaftliches Denken und die Gesamtwirtschaft

Sparen um zu investieren, das ist ein bekanntes Muster. Familien sparen, um sich eine größere Anschaffung leisten zu können. Ein potentieller Unternehmer spart womöglich, bevor er den Schritt in die Unternehmensgründung wagt. Dieses Verhalten ist real und sinnvoll, wobei man natürlich über die Worte streiten könnte. Spart der Unternehmer wirklich? Oder ändert er nicht in Wirklichkeit einfach sein Ausgabeverhalten von Konsum hin zu Investition, zumindest mittelfristig betrachtet? Aber lassen wir diese Wortklauberei einmal beiseite.

Das eigentliche Problem ist, dass diese einzelwirtschaftlichen Betrachtungen nicht auf die Gesamtwirtschaft übertragen werden können. Denn damit Sparen über gesamtwirtschaftliche Mechanismen einen positiven Effekt auf Investitionen haben kann, müsste sich das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan positiv auf die Investitionsentscheidung eines Unternehmens irgendwo anders im Land auswirken können. Wie soll das gehen? Niemand in dem Unternehmen hat jemals von X und Y gehört!


Eine kurze Geschichte vom Zins

Oben habe ich geschrieben, dass Banken selbst Geld erschaffen können und deshalb nicht Ersparnisse einsammeln um sie als Kredite für Investitionen weiter verteilen zu können. Allerdings beobachten wir, dass Banken nicht nur Anlagemöglichkeiten für Ersparnisse anbieten, sondern dafür auch noch (Guthaben-)Zinsen bezahlen. Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Banken machen das, aber aus einem anderen Grund. Sie machen das nicht, um Kredite vergeben zu können, sondern um die mit der Kreditvergabe verbundenen Kosten zu minimieren. Denn es gibt durchaus noch ein paar Spielregeln, an die sich Banken halten müssen. Dazu gehört unter anderem, dass sie sich am Zahlungsausgleich bei Überweisungen zwischen Banken beteiligen und dementsprechend im Zweifelsfall refinanzieren müssen. Banken profitieren davon, dass sie sich bei Nichtbanken meist zu besseren Konditionen refinanzieren können als bei anderen Banken oder der Zentralbank.

Aber führt deshalb das Sparen von Frau X und Herrn Y von nebenan dazu, dass ein Unternehmen irgendwo anders im Lande sich dazu entschließt, einen Investitionskredit aufzunehmen, und diesen von einer Bank auch zugestanden bekommt? Sicherlich nicht direkt.

Es gibt einen indirekten Transmissionsmechanismus, der prinzipiell funktionieren könnte. Wenn mehr Menschen sparen wollen, so die Überlegung, dann sinkt der Refinanzierungsdruck für Banken, weshalb diese weniger Guthabenzinsen zahlen müssen. Das könnte zu einem Wettbewerb zwischen Banken führen, der auch den verlangten Kreditzins senkt. Die niedrigeren Kreditzinsen könnten Menschen dazu ermutigen, Investitionen zu tätigen.

Dieser Mechanismus ist zunächst plausibel. Die Frage ist, wie stark er wirkt. Da muss man zunächst einmal feststellen, dass die endogenen Zinsschwankungen sowieso politisch beschränkt werden: die Zentralbank steuert den Zinssatz für kurzfristige Kredite, der sich natürlich mittelfristig auch auf den Zinssatz für langfristige Kredite auswirkt. Die absolute Größe der Zinsschwankungen ist daher ohnehin sehr klein. Und wie groß ist der Einfluss von Zinsen auf Investitionsentscheidungen überhaupt? Wird ein Prozentpunkt Unterschied in Kreditzinsen nicht sowieso von Faktoren wie dem unternehmerischen Risiko, oder dem Risiko, dass der Zinssatz in Zukunft wieder steigt, dominiert?


Die Nachfrageseite

Damit die Zinsen bei unveränderter Geldpolitik durch Sparen spürbar sinken können müssen viele Menschen ihr Ausgabeverhalten deutlich ändern (oder weniger Menschen noch deutlicher). Konkret müssen sie ihre Ausgabegeschwindigkeit (gemessen in Euro pro Tag oder Monat) deutlich reduzieren. Das bedeutet aber, dass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann - und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist.

Das ist der makroökonomische Transmissionsmechanismus, über den Sparen dazu führt, dass weniger investiert wird.

Die eigentliche Frage die beantwortet werden muss ist daher: Welcher der beiden Mechanismen ist stärker? Zumindest in der heutigen Zeit, in der das Zinsniveau sowieso schon extrem niedrig ist und Investitionen begünstigen sollte, aber Investitionen angesichts niedriger Nachfrage trotzdem schwächeln, hat die Frage doch recht rhetorischen Charakter.


Fazit

Aus makroökonomischer Perspektive ist Sparen tendenziell schädlich. Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation. Ungeachtet dessen gilt:
  • Wer "spart", um persönlich in das eigene Unternehmen oder den eigenen Hausbau zu investieren, der spart nicht im makroökonomischen Sinne. Deswegen trifft das Fazit auf diesen Fall nicht zu.
  • Ersparnisse können ökonomische Sicherheit und Freiheit ermöglichen. Von daher kann Sparen aus der persönlichen Perspektive auch dann sinnvoll sein, wenn man keine konkrete Investition plant.
  • Deswegen sollte der Staat eine Wirtschaftspolitik verfolgen, die jedem Menschen das Sparen ermöglicht, aber gleichzeitig die dadurch potentiell entstehenden makroökonomischen Schäden vermeidet (mein persönlicher Favorit ist bekannt).
  • Dies ist möglich und angemessen, weil ein monetär souveräner Staat nicht den gleichen Handlungsbeschränkungen unterliegt wie private Akteure, und deshalb als Symmetrie brechender Stabilisator handeln kann und sollte.

Dienstag, November 27, 2012

Die Job-Garantie, ein Jahr später

Ich bin davon überzeugt, dass Vollbeschäftigung das beste Sozialprogramm ist. Jeder, der arbeiten will soll auch problemlos eine gesellschaftlich sinnvolle und angemessen bezahlte Arbeit finden. Dadurch wächst die Freiheit in der Wahl der Arbeit, so dass langfristig unser Verständnis von Arbeit insgesamt fundamental transformiert werden kann.

Das hört sich für die meisten Menschen gut an. Leider bezweifeln viele, dass Vollbeschäftigung überhaupt erreicht werden kann. Deshalb will ich noch einmal über die Job-Garantie reflektieren, die ich vor etwas über einem Jahr schon einmal erklärt habe.

Die Grundidee der Job-Garantie ist einfach. Sie erzeugt einen Pool an offenen Stellen, der so groß ist, dass jeder eine Arbeit findet. Die Stellen werden von Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen (zum Beispiel Sportvereine, Umweltverbände und wohltätige Organisationen) ausgeschrieben und zu einem gesetzlich festgelegten Stundenlohn mit Mindestlohn-Charakter bezahlt. Die wichtigsten Fakten zur Job-Garantie sind (siehe z.B. hier):
  • Wer arbeiten will und kann erhält von der Job-Garantie eine Stelle, unabhängig von seiner Ausbildung, seinem Lebenslauf, oder von der aktuellen wirtschaftlichen Lage.
  • Die Job-Garantie gibt den Menschen eine Möglichkeit, ihren Arbeitswillen konkret zu bezeugen, und wird zudem durch Weiterbildungs-Programme begleitet. Dadurch öffnet sich für die Beschäftigten der Weg in den privaten Arbeitsmarkt, und für private Unternehmen wird es einfacher, qualifizierte Beschäftigte zu finden.
  • Die Job-Garantie und der Privatsektor stehen nicht im Wettbewerb zueinander: Die Job-Garantie nimmt genau die Menschen auf, denen vom Privatsektor kein angemessener Arbeitsplatz angeboten wird.
  • Im Gegensatz zu klassischen Konjunkturprogrammen gibt es bei der Job-Garantie keine Inflationsgefahr, weil der ausgezahlte Lohn gesetzlich fixiert ist.
  • Die Richtlinien für die Job-Garantie - also zum Beispiel die Höhe des Lohns und die Kriterien für Ausschreibungen - werden zentral festgelegt, aber die einzelnen Stellen werden vor Ort durch die jeweiligen Ländern, Kommunen und gemeinnützigen Organisationen angeboten und verwaltet.
  • Die Job-Garantie wird von zentraler Stelle finanziert.
Der letzte Punkt ist besonders wichtig. Die Idee der Job-Garantie basiert unter anderem auf der Einsicht, dass es einerseits Millionen von Menschen gibt, die gerne einer sinnvollen Arbeit nachgehen würden, und dass es andererseits viele für die Gesellschaft sinnvollen Arbeiten gibt, die getan werden könnten. Das Problem ist, dass den Kommunen und gemeinnützigen Organisationen, die diese Arbeiten normalerweise durchführen würden, das Geld dazu fehlt. Die Job-Garantie überbrückt ganz gezielt diese Finanzierungslücke.

Ich möchte auch den Unterschied zu klassischen "keynesianischen" Konjunkturprogrammen betonen. Klassische Konjunkturprogramme werden gefordert, wenn produktive Kapazitäten in der Volkswirtschaft brach liegen. Die Politik legt dabei Projekte fest, die umgesetzt werden sollen, und geht dann auf den Markt, um diese Projekte "zu kaufen". Sie legt sich also von vornherein auf die Art und die Anzahl der Projekte fest, nicht aber auf deren Preis. Wenn die Politik dabei das Angebot überschätzt, dann steigt der Preis, und das kann sich auf das allgemeine Preisniveau auswirken.

Die Job-Garantie umgeht dieses Problem, indem sich die Politik nicht auf die Art und Anzahl der Projekte festlegt, sondern auf ihren Preis. Indem der Preis - genauer: der Lohn, der für Beschäftigte in der Job-Garantie gezahlt wird - politisch festgelegt wird, können die Preise nicht überraschend ansteigen, eine Inflationsgefahr gibt es daher nicht. Diese theoretische Überlegung wird auch durch ökonometrische Simulationen belegt.

Alles in allem bietet uns die Job-Garantie einen aus ökonomischer Perspektive realistischen Weg, um Arbeitslosigkeit grundsätzlich abzuschaffen. Gleichzeitig kann sie eine positive Transformation unserer Gesellschaft auslösen, indem Arbeit, die von gesellschaftlichem Nutzen ist, auch finanziell angemessen honoriert wird.

Mittwoch, November 14, 2012

Vollbeschäftigung

Ich rede und streite gerne und viel über die Zukunft unserer Gesellschaft. Wie sieht die Zukunft aus? Wie können wir die Zukunft besser machen? In mir wächst die Überzeugung, dass wir ein ganz zentrales Thema im öffentlichen Diskurs permanent verankern müssen, das dort heute fehlt. Dieses Thema ist die Vollbeschäftigung.

Beim Wort Vollbeschäftigung denkt sich der ein oder andere erfahrungsgemäß: Ist doch Quatsch, dass jeder arbeiten soll. Darum geht es auch gar nicht. Vollbeschäftigung heißt nicht, dass jeder arbeitet. Vollbeschäftigung heißt, dass jeder, der arbeiten will auch eine reguläre, angemessen bezahlte und nützliche Arbeit findet. Die Gesellschaft soll jedem die Möglichkeit geben, sich sinnvoll und Sinn stiftend einzubringen.

Viele glauben, das sei unrealistisch, weil es gar nicht genug zu tun gäbe. Aber nüchtern betrachtet sehen wir auf der einen Seite Millionen von Arbeitslosen und Unterbeschäftigten. Auf der anderen Seite sehen wir so viele nützliche Dinge, die getan werden könnten, in Infrastruktur, in Betreuung, in Bildung, in Kunst und Kultur - diese beiden Seiten müsste man nur zusammen bringen.

Der Vorteile wären viele. Der nächstliegende Vorteil ist die Abschaffung der Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist auf vielen Ebenen ein Verlust, für die betroffenen Menschen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Für die betroffenen Menschen, weil sie in Armut führt, weil sie den Menschen das zermürbende Gefühl gibt, nicht gebraucht zu werden. Die Gesellschaft verliert, weil sie auf die Arbeit dieser Menschen verzichtet. Dadurch geht Potential für reale Wertschöpfung für immer verloren. Im Gegensatz dazu wird dieses Potential durch die Vollbeschäftigung sinnvoll genutzt.

Darüber hinaus gibt es sekundäre Vorteile. Wer eine Arbeit mit einem regulären Einkommen hat wird weniger strafanfällig. Für Kinder macht es einen ganz wesentlichen Unterschied in der Entwicklung, ob die Erwachsenen in ihrer Familie morgens früh aufstehen und zur Arbeit gehen oder nicht.

Vollbeschäftigung bietet auch Sicherheit. Wer weiß, dass er im Zweifelsfall leicht wieder eine Arbeit und damit ein reguläres Einkommen finden kann, der hat im Leben weniger Sorgen. Das stärkt auch die Position der Arbeitnehmer in Lohn- und Gehaltsverhandlungen, was wiederum dazu führt, dass sich die Löhne und Gehälter wieder angemessen entwickeln.

Vollbeschäftigung ist ein Thema, das eigentlich auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung stoßen müsste, auch wenn es heute in den Medien kaum ein Thema ist. Warum ist es heute kaum ein Thema? Und was ist also zu tun?

Zum einen liegt die Erklärung sicherlich in der Funktionsweise der Medien. Damit ein Thema in den Medien erscheint, muss es von außen an die Medien heran getragen werden. Offenbar setzen selbst die Parteien und Verbände, insbesondere Gewerkschaften, die eigentlich natürliche Verbündete sein müssten, das Thema Vollbeschäftigung nicht auf die Agenda. Wir müssen hier selbst aktiv werden und ein breites gesellschaftliches Bündnis für Vollbeschäftigung schaffen.

Zum anderen vermute ich - auch wenn ich keine genauen Zahlen kenne - dass viele Menschen nicht mehr an Vollbeschäftigung glauben. Sie denken, dass es unmöglich wäre, diese zu erreichen. Wir müssen den Menschen also auch konkrete Modelle bieten, mit denen Vollbeschäftigung real implementiert werden kann. Mein persönlicher Favorit dafür ist die von Ökonomen wie Bill Mitchell, Randall Wray und Warren Mosler entwickelte Job-Garantie, aber ich würde mich über eine lebhafte Diskussion über verschiedene, ernst gemeinte Modelle freuen.

Wie auch immer die Strategie aussehen mag, ich will Vollbeschäftigung als universelles gesellschaftliches Ziel im Bewusstsein der Menschen verankert sehen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es ist eine Vision für die es zu kämpfen wert ist.