Mittwoch, August 31, 2011

Konfrontation oder Kooperation mit Arbeitslosen

Wenn jede Arbeitskraft in jedem Jahr genau einen Monat arbeitslos wäre, dann hätten wir, wie man leicht nachrechnen kann, eine Arbeitslosenrate von etwas mehr als 8%. Und wir hätten keine sozialen Probleme, die durch Arbeitslosigkeit entstehen.

Sicher, unsere Gesellschaft würde 8% des Arbeitspotentials verschwenden, und darüber sollte man sich ab und zu Gedanken machen. Aber einen Monat lang arbeitslos zu sein ist in der Regel kein Problem. Man kann diesen Monat zur Arbeitssuche nutzen und hat mehr Zeit für Familie und Urlaub.

In der Praxis bedeutet 8% Arbeitslosigkeit aber, dass die meisten Menschen Arbeit haben, während ein kleinerer Teil (nämlich 8% der Arbeitskräfte) über einen sehr langen Zeitraum arbeitslos ist. Das ist ein schwerer Schlag für die Betroffenen, einerseits wirtschaftlich wegen des fehlenden Einkommens, vor allem aber psychisch.

Für die meisten Menschen ist es peinlich, keine Arbeit zu finden. Sie reden im Allgemeinen nicht gerne darüber. Menschen sind aber auch sehr gut darin, sich mit unangenehmen Situationen abzufinden und sich einzubilden, dass sie es gar nicht anders wollen. So ist es nur verständlich, wenn einzelne Langzeitarbeitslose irgendwann sagen, dass sie mit ihrer Arbeitslosigkeit zufrieden sind. Sich dies nicht einzureden wäre für sie einfach zu schmerzhaft.

In der Praxis verteilen sich 8% Arbeitslosigkeit auch sehr unterschiedlich auf verschiedene Regionen und Milieus. Wenn die Arbeitslosenrate insgesamt bei 8% liegt, dann wird sie in einigen regional-sozialen Milieus über 20% oder noch höher liegen.

In diesen Milieus kann der Scham-Effekt dann relativ schnell aussterben. Wenn im Bekanntenkreis jeder Fünfte schon seit längerer Zeit keine Arbeit findet, dann wird Arbeitslosigkeit zur Normalität. Und dann verringern sich womöglich die Anstrengungen, die die Arbeitslosen innerhalb des Milieus bringen um wieder einen Job zu finden. Auf dieses Weise kann ein soziales Milieu durch eine anfangs erhöhte Arbeitslosigkeit in einen Teufelskreis abrutschen.

Konfrontation oder Kooperation?

Es ist heutzutage in der Mode, daraufhin bestenfalls die Achseln zu zucken, normalerweise aber die Betroffenen zu beschimpfen. Sollen sie sich doch mehr anstrengen, dann würden sie schon Arbeitsplätze finden! Diese Haltung ist äußerst ignorant.

Erstens ist hohe Arbeitslosigkeit immer auch ein makro-ökonomisches Phänomen an dem die Betroffenen selbst nichts ändern können. Wenn die Gesamtnachfrage nun mal zu gering ist um genügend Arbeitsplätze in der Wirtschaft insgesamt bereitzustellen, dann können die Arbeitslosen daran nichts ändern. Die "Tale of 100 Dogs and 95 Bones" illustriert dies mit einer anschaulichen Parabel.

Zweitens geht diese Haltung an der sozialen Realität der Betroffenen vollkommen vorbei. Ihre Lebenserfahrung ist nun einmal, dass es eben nicht einfach ist, einen Job zu finden, und dass Arbeitslosigkeit außerdem ein Normalzustand ist. Schöne Reden ändern daran nichts, und daher verpuffen Moralpredigten angesichts der realen Umstände wirkungslos.

Will man ganzen Milieus aus der Arbeitslosigkeitsspirale wirksam heraus helfen, dann muss man diese realen Umstände verändern. Konkret bedeutet das: Es muss für die Betroffenen einfacher werden, Arbeit zu finden.[1]

Erst wenn es für die Betroffenen wieder einfach genug ist, einen respektablen Job zu finden, kann es für sie peinlich werden, arbeitslos zu sein. Die Scham kann erst dann langsam zurückkehren, wenn sich die erfahrene Realität lange genug und signifikant genug verändert hat. Und wie macht man es einfach genug, einen Job zu finden? Die Antwort ist offensichtlich: indem man neue Jobs schafft.

Die Frage ist also: Wenn alle Beteiligten nur gewinnen können, indem man direkt neue Arbeitsplätze schafft - die Arbeitslosen, weil sie aus ihrer Situation herauskommen, und der Rest der Gesellschaft, weil er die Arbeitslosen nicht mehr unterstützen muss - warum wird es dann nicht getan?

Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal (und anderswo) erzählt werden soll.

[1] Eine typische egoistische Reaktion auf diese Einsicht ist: "Wieso soll es den Arbeitslosen leicht gemacht werden? Ich habe mich doch auch angestrengt!" Aber auch diese Denkweise greift zu kurz. Wenn es für die jetzigen Arbeitslosen einfacher wird, einen Job zu finden, dann wirkt sich das natürlich auch für alle anderen positiv aus. Obwohl das eigentlich offensichtlich sein sollte erwähne ich es explizit, weil leider erfahrungsgemäß viele Menschen nicht so weit denken.

Mittwoch, August 24, 2011

Warum wir bei Null zu zählen anfangen

Der Titel mag zunächst verwundern, fangen doch die meisten Menschen bei Eins an wenn sie zählen. Dieser Umstand ist selbst in unserer Sprache verankert, die ein "erstens" kennt, während "nulltens" höchstens als Kunstwort durchgeht.

In den meisten Programmiersprachen sieht die Sache aber anders aus. Das erste Element eines Arrays mit n Elementen wird mit array[0] angesprochen, das letzte Element mit array[n-1]. Das irritiert viele, hat aber gute Gründe. Dijkstra hat diese vor langer Zeit in einem klaren Aufsatz, der schon allein der Handschrift wegen lesenswert ist, erläutert.

Dieser Aufsatz ist sehr schlüssig und logisch, aber er erklärt nicht, weshalb viele Menschen trotz guter Argumente Schwierigkeiten haben, das Zählen ab Null zu verinnerlichen. Mein Erklärungsansatz dafür ist, dass es (mindestens) zwei grundsätzlich verschiedene mentale Modelle von Arrays gibt. Ich will beide Modelle an Hand eines Strings, also einem Array aus Zeichen, illustrieren. Das erste sieht so aus:

Das Array ist eine Reihe von Kisten, und jede dieser Kisten hat eine Nummer. Dies ist vermutlich das Modell von Arrays, das die meisten Menschen im Kopf haben wenn sie zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kommen, und in der Tat wirkt es dann natürlicher, mit Eins anzufangen.

Schwierigkeiten treten - genau wie in Dijkstras Aufsatz geschildert - dann auf, wenn man über Teilsequenzen des Arrays reden will. Die erste Silbe des Namens geht von der ersten Kiste bis zur vierten, und man ist geneigt, dafür eine Notation wie array[1:4] einzuführen. Aber wie beschreibt man dann eine leere Teilsequenz? array[1:0] lautet die natürliche Antwort in diesem Modell, aber das wirkt doch ein wenig merkwürdig. Wie berechnet man die Länge einer Teilsequenz? Man muss das Ende vom Anfang subtrahieren und darf nicht vergessen, noch eins zu addieren - eine typische Fehlerquelle.

Bei beidem hilft das zweite mentale Modell eines Arrays, das ich persönlich bevorzuge:

Hier werden nicht die Einträge des Arrays nummeriert, sondern die Punkte dazwischen. Wie auf einem Meterstab oder dem Zahlenstrahl bezeichnen die Nummern nun "unendlich kleine" (genauer: 0-dimensionale) Punkte, während die Einträge des Arrays eine endliche (1-dimensionale) Größe haben.

Die erste Silbe geht nun ganz offensichtlich von 0 bis 4, die Notation array[0:4] bietet sich an. Die Länge der Silbe ist - ganz natürlich - die Differenz von Ende und Anfang, genau wie auf einem Meterstab. Und die leere Teilsequenz erhält man, indem man Anfang und Ende gleichsetzt.

Und mit diesem Modell ist es auch vollkommen intuitiv, dass man mit Null anfängt - denn wer hat schon einen Meterstab gesehen, der bei Eins beginnt?

Mittwoch, August 10, 2011

Die Red-Queen-Hypothese in der Volkswirtschaft

Im Zuge der Euro-Schuldenkrise hört man viel über Inflation. Am beliebtesten ist dabei der direkte Sprung von leicht erhöhter Inflation direkt zur Hyperinflation wie in der Weimarer Republik, obwohl dieser gedankliche Sprung alles andere als naheliegend ist. Hyperinflation unterscheidet sich grundlegend von regulärer Inflation. Aber zurück zur normalen Inflation: woher kommt sie, und ist sie schlecht?

Ich habe mich im letzten Jahr schon einmal mit dem Thema beschäftigt und dort auch kurz darüber geschrieben, was Inflation eigentlich ist. Da ich den ganzen Hickhack über subjektive Definitionen des Worts nicht leiden kann, werde ich Inflation als Synonym für Preissteigerungen, gemessen durch einen Preisindex, verwenden.

Ich will nun meine Gedanken zu dem Thema etwas aktualisieren, ausgehend von der zentralen Frage: Warum gibt es in einer gut laufenden Volkswirtschaft Inflation?

Eine gut laufende Volkswirtschaft befindet sich nicht in einem Gleichgewicht oder stationären Zustand. Firmen werden gegründet und gehen bankrott, neue Produkte werden entwickelt und Produktionstechniken verfeinert. Das führt dazu, dass sich der relative Wert von Gütern zueinander sinnvollerweise ändert, und diese Änderungen spiegeln sich natürlich in den Preisen wieder.

Tatsächlich zeigt ein Blick etwas tiefer in die Berechnung von Preisindizes (z.B. verfügbar vom Statistischen Bundesamt unter dem Stichwort Verbraucherpreisindex, dass sich Preise für verschiedener Güterklassen sehr unterschiedlich entwickeln.

Warum aber entwickeln sich Preise im Mittel nach oben? Eine Anpassung des relativen Wertes könnte auch bei konstantem oder fallendem Verbraucherpreisindex passieren.

Eine Erklärung dafür liegt in der Art und Weise, wie die Anpassung der Preise stattfindet. Viele Akteure streben danach, ihr Einkommen zu vergrößern. Im Fall von Angestellten und Arbeitern funktioniert das über individuelle Gehaltsverhandlungen, Jobwechsel und Gewerkschaften, die generell höhere Löhne durchsetzen wollen.

Auf Seite der Firmen geschieht dies nicht nur, aber eben auch, durch Preiserhöhungen. Sicher, ab und zu mag ein Händler seine Preise senken um mehr Kundschaft anzulocken. Diese Preissenkungen sind aber in der Regel eher ein Marketing-Gimmick und haben keine langfristigen Folgen auf den Trend der Preisentwicklung.

Wir sehen also, dass im Grunde alle Akteure danach trachten, ihre jeweiligen Preise zu erhöhen. Manch einer mag sich von Zeit zu Zeit dazu gezwungen sehen, seine Preise zu senken, aber das ist eher die Ausnahme. Kein Wunder also, dass Preisindizes insgesamt im Mittel nach oben gehen.

Eine Folge davon ist, dass das Einkommen von Akteuren, denen eine Preiserhöhung nicht gelingt, real sinkt. Selbst um das reale Einkommen einfach nur zu erhalten ist also eine permanente (wenn auch nicht sehr intensive) Anstrengung nötig, die jeweiligen Käufer davon zu überzeugen, das angebotene Gut auch zu einem höheren Preis zu kaufen - oder aber mehr Käufer zu finden und so weiter. Das ist die Red-Queen-Hypothese angewandt auf die Volkswirtschaft.

Und ist das nun gut oder schlecht? Darüber mag man streiten. Es ist genauso offensichtlich wie irrelevant, dass sehr schnelle Inflation zu chaotischen Zuständen führen kann und deshalb schlecht ist. Wo die Grenze zur zu schnellen Inflation liegt ist unklar, aber sie liegt vermutlich weit jenseits von 10%.

Ein Verfechter des freien Marktes sollte Inflation als Red-Queen-Hypothese jedenfalls grundsätzlich gut finden.

Unabhängig davon ob man Inflation gut oder schlecht findet ist die Frage, ob ein künstliches Anschieben oder Bekämpfen von Inflation hilfreich oder schädlich ist. Kann es die Preisfindung verbessern, wenn man künstlich Inflation erzeugt? Das hängt wahrscheinlich von vielen Faktoren ab, aber es erscheint mir grundsätzlich unwahrscheinlich, dass sich natürliche Preisfindungsprozesse durch ein aktives Eingreifen verbessern lassen. Da sind vermutlich "strukturelle" Veränderungen wie das Entstehen von Preisvergleichswebsites hilfreicher.

Umgekehrt könnte ein künstliches Unterdrücken der natürlichen Anpassungsprozesse, die zu Inflation führen, die Preisentwicklung verzerren. Es stellt sich durchaus die Frage, ob die EZB mit ihrem Inflationsziel von unter 2% nicht großen Schaden anrichtet angesichts der historischen Daten. Gerade zu den besten wirtschaftlichen Zeiten lag die Inflation in Deutschland regelmäßig eher bei 4% und darüber. Gut möglich, dass das einfach nur eine natürliche Begleiterscheinung einer gut florierenden Wirtschaft war, in der es zu lebhaften Preisanpassungen und ständigen Anpassungen der relativen Werte kam.

Donnerstag, Juli 07, 2011

Adorf, Bedorf und der Euro

In Adorf lebten ein Bäcker und ein Metzger. Der Bäcker kaufte beim Metzger Fleisch und Wurst, und umgekehrt kaufte der Metzger beim Bäcker Brot und Croissants. Beide bezahlten ihren Einkauf jeweils mit Geld.

Weder der Bäcker noch der Metzger dachten jemals darüber nach, warum sie eigentlich mit Geld bezahlten und wer damit angefangen haben könnte. Es war eben einfach so. Die mächtigsten sozialen Konstrukte sind diejenigen, die so selbstverständlich sind, dass man sie gar nicht mehr richtig als soziale Konstrukte wahrnimmt.

Auch im benachbarten Bedorf lebten ein Bäcker und ein Metzger, vielleicht auch noch ein Eisverkäufer, wer weiß das schon. Im Grunde ist es auch egal. Jedenfalls kauften und verkauften auch die Menschen in Bedorf untereinander Waren im Austausch gegen Geld.

Die Dörfer waren miteinander befreundet, und da lag es nahe, Handel zu treiben, und alles war gut.

Eines Tages kamen die Bürger von Bedorf zusammen und beklagten sich, wie sie das ohnehin gerne und häufig machten. Die Wirtschaft geht so schlecht! Keiner wusste so recht, was eigentlich das Problem war, aber weil Sparen in Bedorf schon immer als Tugend galt waren sie sich schnell einig. Mehr Geld müssten sie verdienen, dann würde alles besser werden! Natürlich ging das nicht, indem sie sich einfach gegenseitig Waren verkauften, also erklärten sie zum nobelsten aller Ziele, möglichst viele Waren an andere Dörfer zu verkaufen, und möglichst wenig aus anderen Dörfern zu kaufen.

Das gelang ihnen auch. Von nun an kauften die Bürger von Bedorf nichts mehr von den umliegenden Dörfern, aber sie verkauften ihre Waren noch, auch in Adorf.

So gaben also der Bäcker und der Metzger in Adorf nach und nach ihr Geld an die Menschen von Bedorf, ohne ihnen etwas im Gegenzug verkaufen zu können. Es dauerte nicht lange, da hatten der Bäcker und der Metzger in Adorf kein Geld mehr, um sich etwas in Bedorf zu kaufen.

Das ist nur fair, sagten die Menschen von Bedorf. Schließlich haben wir hart gearbeitet für all die Waren, die die Adorfer gekauft haben, da wäre es nur gerecht, wenn die Adorfer auch einmal etwas tun würden.

Aber es geschah noch etwas anderes. Der Bäcker aus Adorf hatte ja nun kein Geld mehr, also konnte er sich auch kein Fleisch und keine Wurst mehr vom Metzger kaufen. Und umgekehrt hatte der Metzger kein Geld mehr, und konnte sich kein Brot und keine Croissants mehr vom Bäcker kaufen. So hatten sie auf einmal beide weniger zu essen, und waren außerdem noch beide zur Hälfte arbeitslos - weil es ja niemanden mehr gab, der sie für ihre Arbeit bezahlte!



Deutschland und Griechenland

So weit die Geschichte. Wer in den letzten Tagen, ausgerüstet mit dem Blick für das, was sehr versteckt zwischen den Zeilen steht, die Zeitung gelesen hat weiß, dass sie nicht frei erfunden ist, sondern - natürlich sehr grob vereinfacht - die Ereignisse der letzten zehn Jahre skizziert, mit Griechenland in der Rolle von Adorf und Deutschland in der Rolle von Bedorf.

Halt! mag der ein oder andere rufen. In den Medien ist immer die Rede davon, Griechenland habe korrupte Politiker, eine ineffiziente Bürokratie, ein zu niedriges Renteneintrittsalter, die Griechen arbeiten zu wenig, die Beamtengehälter sind zu hoch,und so weiter. Vieles davon ist frei erfunden - so gehören zum Beispiel in Wirklichkeit die Deutschen zu den "faulsten" Europas.

Aber selbst wenn diese Behauptungen der Wahrheit entsprächen, so hätten sie rein gar nichts mit der aktuellen Notlage Griechenlands zu tun. Wenn Griechenland eine volkswirtschaftliche Insel wäre, dann hätte es keine Schwierigkeiten dabei, Käufer für seine Anleihen zu finden. Denn die Ausgaben des griechischen Staats verschwinden ja nicht in irgendeinem Loch, egal ob sie effizient sind oder ineffizient. Sie gehen an Bürger, die dieses Geld dann ausgeben oder sparen. Wenn sie es ausgeben, so fließt es langfristig über Steuern zurück an den Staat und der Staat hat überhaupt kein Defizit. Wenn sie es sparen, dann werden sie am Ende Anleihen kaufen, weil das irgendwann die einzige Möglichkeit ist, einen positiven Zinssatz zu erzielen. (Über die Mechanismen, über die ein Budgetdefizit auf Zinssätze wirkt, habe ich hier ein wenig geschrieben.)

Das eigentliche Problem ist, genau wie im Adorf der Geschichte, dass das Geld aus dem inländischen Kreislauf heraus ins Ausland fließt, und das liegt an der unausgeglichenen Außenhandelsbilanz.

Und tatsächlich verhalten sich die Deutschen in dieser Hinsicht genauso irrational wie die Bürger von Bedorf. Aus unerfindlichen Gründen befürworten sie große, andauernde Exportüberschüsse. Das bedeutet, dass aus Deutschland jedes Jahr mehr Waren ins Ausland geschickt werden als umgekehrt (bezogen auf den Geldwert). Die Deutschen arbeiten also, um Geschenke ans Ausland zu schicken.

An dieser Stelle muss man etwas genauer hinsehen um zu verstehen, warum das funktionieren kann. Normalerweise müsste das Geld aus Exporten unter die Menschen kommen, die es dann wieder ausgeben. Dadurch steigen dann unter anderem auch die Importe, und so kann die Außenhandelsbilanz normalerweise ausgeglichen werden.

In Deutschland funktioniert dieser Mechanismus nicht, weil das Geld aus Exporten auf Grund von Lohndumping nicht bei den Menschen ankommt. Dieses Lohndumping kann man sich eigenhändig anhand der veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamts vergegenwärtigen. Man braucht dazu die Zahlenreihen Produktivität je Arbeitsstunde (= reales Bruttoinlandsprodukt dividiert durch die Gesamtzahl im Jahr gearbeiteter Stunden) und Verdienst je Arbeitsstunde (= Einkommen aus Arbeit dividiert durch die Gesamtzahl im Jahr gearbeiteter Stunden), sowie die Reihe Verbraucherpreisindex, um den Verdienst je Arbeitsstunde von nominalen auf reale Größen umzurechnen. Dann teilt man noch durch die jeweiligen Größen für das Jahr 2000 um die relative Entwicklung seit damals zu veranschaulichen (2000 ist relativ beliebig gewählt, es ist eben eine runde Zahl; der Trend ist allerdings schon älter). Man erhält am Ende folgende Grafik:

Daran sieht man sehr deutlich, wie die Produktivität in Deutschland zwar gestiegen ist, dieser Fortschritt aber nicht an die Arbeiter und Angestellten weitergegeben wurde. Dadurch konnten deutsche Unternehmen billig exportieren, und Unternehmensbesitzer konnten die Gewinne einstreichen.

Das Geld floss also noch stärker als ohnehin schon zu denen, die bereits zu viel Geld haben und es deswegen nicht ausgeben. So wurde ein Ausgleich durch Importe unterbunden, und die deutsche "Elite" hat - auf Kosten der deutschen Arbeitnehmer - Geld aus dem Rest der Eurozone abgesaugt.

Gefangen in einem sozialen Konstrukt

In Adorf dauert es nicht lange bis der Bäcker und Metzger merken, wie unsinnig ihre Lage doch ist und anfangen, trotz mangels an Geld einfach Brot gegen Fleisch zu tauschen.

Vielleicht haben sie in der Zwischenzeit auch etwas mehr über Geld gelesen, oder sind besonders clever. Dann merken sie, dass dieser Akt der Loslösung vom alten Geld im Grunde ganz ähnlich ist zur Einführung eines neuen Adorf-Geldes (AG). Also belassen sie es nicht bei der Theorie, sondern führen tatsächlich AG ein.

Selbstverständlich ist AG in Bedorf nichts wert. Warum sollte ein Bedorfer Händler AG annehmen? Der Handel in Bedorf funktioniert mit dem alten Geld, und da die Bedorfer sich nichts in Adorf kaufen wollen haben sie keinen Grund, AG anzunehmen.

Das ist sehr schade für die Adorfer aber, da kein Dorf vom anderen langfristig Geschenke erwarten sollte, auch irgendwo gerecht - so idiotisch sich die Bedorfer auch verhalten, die Adorfer können daran nun mal nichts ändern. War also alles umsonst? Natürlich nicht: durch die Loslösung vom alten Geld und der Einführung von AG gelingt es den Adorfen nun wieder, zumindest ihre eigenen Ressourcen und Fähigkeiten voll auszunutzen und in den Dienst der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu stellen. Mit dem alten Geld war das nicht mehr möglich.

Das Schöne dabei für Adorf ist, dass die Loslösung vom alten Geld praktisch ganz von alleine abläuft. Es hat gereicht, dass zwei Menschen die Unsinnigkeit ihrer Lage erkennen und entsprechend handeln. Den alten Geldkreislauf von Bäcker zu Metzger und wieder zurück konnten sie einfach zu zweit mit AG wiederbeleben.

In Griechenland ist die Lage anders, weil solche einfachen Geldkreisläufe in einer modernen Volkswirtschaft praktisch nicht existieren. Der Teil des Kreislauf, über den das Geld von einem Gastwirt in Athen zurück zu seinen Gästen fließt ist kompliziert und weit verzweigt. Deshalb können der Gastwirt und seine Gäste die missliche Lage nicht auf eigene Faust lösen - alle Beteiligten dieses umfassenden Kreislaufs müssten sich auf einmal einig werden, und das ist bekanntermaßen schwierig (womöglich erkennen sie ihre Lage sogar gar nicht!). Sie sind gefangen in einem unsinnigen (bzw. unsinnig verwalteten) sozialen Konstrukt.

Der freie Markt hat keinen Ausweg aus der Situation, und kollektives Handeln wird notwendig. Und der umfassendste Mechanismus für kollektives Handeln in unserer Gesellschaft ist nun einmal der Staat.

Im Grunde ist das alles eine sehr alte Erkenntnis, die spätestens seit den 1930er Jahren eigentlich nicht mehr seriös in Frage gestellt werden kann. Leider sind Ökonomen als Zunft nicht unbedingt seriös. Wer den freien Markt als obersten Gott anbetet und den Staat verteufelt, der darf nicht akzeptieren, dass es Situationen geben kann, in denen kollektives Handeln notwendig ist. Zumindest nicht wirklich. So kommt es, dass das Ausmaß der Kognitiven Dissonanz unter Ökonomen zur Zeit beeindruckend groß ist. Aber ich schweife ab.

Quo vadius €?

Für Griechenland gibt es im Grunde nur eine Handlungsmöglichkeit vorwärts: die Wiedereinführung einer eigenen, frei auf Devisenmärkten gehandelten Währung. Solange dies nicht geschieht, bleibt das Land in der Arbeitslosigkeit stecken. Das bedeutet, dass es Griechenland weiterhin nicht möglich sein wird, die eigenen produktiven Kapazitäten voll auszunutzen, und das geht klar zu Lasten seiner Bürger. Ganz abgesehen davon, dass lange Phasen von Arbeitslosigkeit auch die zukünftigen Entwicklungschancen des Landes reduzieren, die Kriminalität erhöhen, und zu psychischen, sozialen und körperlichen Problemen aller Art führen.

Natürlich würde die Einführung einer neuen griechischen Währung (NGW) für eine kurze Phase des Chaos sorgen. Auch ist klar, dass die NGW zu Beginn sehr viel Wert gegenüber dem Euro verlieren würde. Aber was bedeutet das denn für die Menschen in Griechenland? Importe werden für sie teuer, richtig. Macht es einen so großen Unterschied, ob man sich die Importe nicht leisten kann, weil man wegen Arbeitslosigkeit keine Euro verdient, oder ob man sich die Importe nicht leisten kann, weil man zwar NGW verdient, diese aber wenig wert ist?

Mittelfristig würde sich der Wechselkurs von Euro und NGW stabilisieren, weil der niedrige Wert der NGW Exporte verbilligt. Durch ein steigendes Exportvolumen steigt dann auch die Nachfrage nach NGW im Ausland. Das ist ein ganz normaler Mechanismus, der sich vermutlich relativ schnell einpendeln würde.

Für den Rest der Eurozone wäre ein erfolgreicher Austritt Griechenlands - und erfolgreich wäre er innerhalb eines Jahres, wenn er mit einem entsprechenden Konjunkturprogramm begleitet wird - ein großes Problem. Denn die Stimmen in Irland und Portugal, die schon heute für einen Austritt plädieren, werden dadurch natürlich für alle sichtbar bestätigt. Und die selbstverstärkende Dynamik der Anleihenmärkte macht es dann äußerst wahrscheinlich, dass auch andere Länder folgen müssten.

Aber griechische Politiker sollten darauf keine Rücksicht nehmen. Griechische Politiker müssen Politik im Interesse der griechischen Bevölkerung machen. Sie sollten höchstens darauf hinweisen, dass es eine Alternative gibt.

Das Problem ist ja schließlich, dass Griechenland wegen der Einbindung in die Eurozone sein wirtschaftliches Potential nicht mehr voll entfalten kann. Es gäbe aber Mittel und Wege, allen Ländern der Eurozone die volle Entfaltung zu ermöglichen - und zwar über direkt auf die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgerichtete staatliche Ausgabenprogramme, die zentral von einem Eurohaushalt getragen werden.

Nur leider wird nicht einmal darüber diskutiert, ob ein solches Programm besser wäre als ein Austritt Griechenlands oder nicht, weil allen klar ist, dass die kollektive Dummheit, in der die europäische Bevölkerung ausnahmsweise mit ihren Politikern vereint ist, eine solche Lösung niemals zulassen wird.

Coda

Ja, ich habe einiges vereinfacht dargestellt. Natürlich ist unser Wirtschaftssystem komplexer als eine Bilderbuchgeschichte. So haben die Bedorfer den Adorfern in Wirklichkeit zunächst einfach Geld geliehen. Nun fordern sie das Geld zurück, ohne aber gleichzeitig bereit zu sein, statt Geld auch reale Warenströme als Bezahlung zu akzeptieren. (Von so abartigen Ideen wie dem Verkauf von Inseln will ich gar nicht reden. Natürlich kann sich die deutsche "Elite" bald halb Griechenland kaufen, aber das sollten wir schon aus Eigeninteresse nicht erlauben. Diese Art von Landnahme ist der soziale Sprengstoff, der zum Auseinanderbrechen der EU selbst führen kann.) Auch habe ich die Rolle von Investitionen ignoriert.

Es ist auch nicht alleine alles die Schuld Deutschlands, auch wenn Deutschland ohne Frage in Sachen Makro-Wirtschaftspolitik der größte Sünder der Eurozone ist.

Aber nichts davon ändert irgendetwas Wesentliches an der zentralen Erkenntnis, dass jemand anfangen muss, in Griechenland wieder Geld, und zwar viel Geld - egal ob Euro oder NGW - auszugeben, damit das Land wieder sein wirtschaftliches Potential entfalten kann. Und nur wenn letzteres passiert kann die Krise beendet werden.