Mittwoch, April 18, 2012

Warum wir ein langfristiges Haushaltsdefizit brauchen

John Maynard Keynes ist berühmt für seine Forderung, dass das Haushaltsdefizit des Staates antizyklisch sein soll. In Zeiten der Rezession soll die Nachfrage mit einem hohen Defizit angekurbelt werden, und diese Maßnahmen sollen in Zeiten des Booms wieder zurückgefahren werden. Das ist vernünftig. Aber heute wird oft gefordert, dass während eines Booms Haushaltsüberschüsse gefahren werden sollen, so dass Defizit und Überschuss sich langfristig gegenseitig ausgleichen. Diese Forderung geht hinten und vorne einfach nicht auf, sie ist geradezu gefährlich.

Wir brauchen langfristig ein staatliches Haushaltsdefizit von wenigen Prozent des BIP. Das bedeutet in schlechten Zeiten ein noch größeres Haushaltsdefizit und in guten Zeiten ein kleineres Haushaltsdefizit, manchmal vielleicht auch einen Überschuss, aber im langfristigen Mittel muss ein Defizit herauskommen, und die Begründung ist so einfach, dass sie wirklich jeder verstehen kann.

Wir alle finden es als Privatleute gut, wenn wir Vermögen aufbauen können. Vermögen bedeutet Sicherheit, es bedeutet, dass wir uns ab und zu etwas Größeres leisten können, und es bedeutet zusätzliche Vorsorge fürs Alter. In unserer monetarisierten Welt ist dieses Vermögen zu einem sehr großen Teil Geldvermögen. Jedem Geldvermögen steht per Definition die Verbindlichkeit eines anderen Wirtschaftsteilnehmers gegenüber. Das kann die Verbindlichkeit einer Firma bzw. eines Unternehmers sein in Form eines Bankkredits oder einer Unternehmensanleihe, oder eine Verbindlichkeit des Staates in Form einer Staatsanleihe.

Unser aller privates Streben nach Geldvermögen ist so groß, dass die Verbindlichkeiten des privaten Sektors alleine nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Wenn man alle Geldvermögen im privaten Sektor aufsummiert und die Verbindlichkeiten gegenrechnet, dann bleibt ein Betrag übrig: das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors.

Erfahrungsgemäß verlangt der private Sektor Netto-Geldvermögen in Höhe von 30% bis 250% des BIP. Ein Teil davon kann durch Verbindlichkeiten des Auslands gedeckt sein, aber am Ende des Tages muss der größte Teil dieser Verbindlichkeiten von der Regierung gehalten werden. Verbindlichkeiten des Staates, vulgo Staatsschulden, sind also notwendig.

Was würde passieren, wenn der Staatshaushalt wirklich langfristig ausgeglichen wäre? Lasst uns ein Gedankenexperiment wagen, in dem wir die folgenden Beispielzahlen annehmen.

BIP im 1. Jahr: 1.000 Mrd. #
Netto-Geldvermögen des privaten Sektors im 1. Jahr: 800 Mrd. # = 80% des BIP
Jährliches reales Wirtschaftswachstum im Durchschnitt: 1%
Inflation im Durchschnitt: 1,8%

Wenn wir mit diesen Annahmen rechnen, also einem sehr moderaten Wirtschaftswachstum und einer Inflation, die der aktuellen Zielsetzung der EZB entspricht, und weiter annehmen, dass der Staatshaushalt im Durchschnitt ausgeglichen ist, erhalten wir folgendes Ergebnis nach 25 Jahren:

BIP im 26. Jahr: 1.994 Mrd. #
Netto-Geldvermögen des privaten Sektors im 26. Jahr: 800 Mrd. # = 40% des BIP

Wir sehen also, dass der private Sektor langfristig deutlich weniger Netto-Geldvermögen zur Verfügung hätte, bezogen auf die wirtschaftliche Gesamtlage. Die Menschen wären wahrscheinlich insgesamt ärmer, und das Schrumpfen der relativen Netto-Geldvermögen von 80% auf 40% wäre wahrscheinlich ein sehr schmerzhafter Anpassungsprozess.

Nach weiteren 25 Jahren wäre das Netto-Geldvermögen des privaten Sektors nur noch bei 20% des BIP, ein unvorstellbar niedriger Wert. Solange sich der Wunsch des privaten Sektors nach Netto-Geldvermögen nicht ändert, ist ein langfristiges Haushaltsdefizit notwendig, um die Netto-Geldvermögen aufrecht zu erhalten. In unserem konkreten Beispiel ist ein Haushaltsdefizit in Höhe von 2,18% des BIP notwendig, wie in den folgenden Grafiken veranschaulicht wird.




Kann sich der Wunsch nach Netto-Geldvermögen ändern? Natürlich. Aber wir müssen bedenken, dass sich dieser Wunsch zu großen Teilen aus einem Wunsch nach wirtschaftlicher Sicherheit speist. Wer einfach blind den Haushalt kürzt, der erzeugt Arbeitslosigkeit. Dadurch werden die Menschen weiter verunsichert.

Eine Alternative wäre die von Vertretern der Modern Monetary Theory vorgeschlagene Job-Garantie. Diese gibt den Menschen Sicherheit, und so ist denkbar, dass der Wunsch nach Netto-Geldvermögen durch ihre Einführung sinken wird. Dann wird für einige Zeit ein kleineres Haushaltsdefizit möglich, während dieser Anpassungsprozess stattfindet. Aber solange der Wunsch nach Netto-Geldvermögen nicht auf Null sinkt, wird langfristig immer im Durchschnitt ein Haushaltsdefizit notwendig sein.

Kommentare:

Wirtschaftsphilosoph hat gesagt…

Ich wiederhole hier meinen Kommentar von http://www.wiesaussieht.de/2012/04/19/warum-wir-ein-langfristiges-haushaltsdefizit-brauchen/ , wo der Beitrag gespiegelt wurde, und hänge noch einen zweiten Absatz an:

Mir ist nicht klar, warum für das gewünschte Geldvermögen Staatsanleihen nötig sein sollen. Dass die Verbindlichkeiten nicht von Unternehmen stammen können, wird einfach angenommen. Vor allem aber könnte die Notenbank Geld schöpfen.

Schließlich spricht das Argument doch nur für absolut steigende Staatsverschuldung, nicht für eine Steigerung relativ zum BIP, worauf die Maastrichtkriterien und Schuldenbremsen bezogen sind.

Nicolai Hähnle hat gesagt…

Es gibt eben keinen verlässlichen Mechanismus, der einen Ausgleich zwischen Forderungen und Verbindlichkeiten im privaten Sektor schafft. Es braucht einen externen Puffer.

In der Tat könnte man den ohne Staatsanleihen realisieren, wenn die Zentralbank das Haushaltsdefizit direkt finanziert. Deshalb habe ich auch vermieden zu schreiben, dass die Staatsschulden steigen müssen, sondern habe nur geschrieben, dass das es langfristig ein Haushaltsdefizit geben muss. Das kann über Staatsanleihen oder direkt finanziert sein.

Und ja, das Argument spricht in erster Linie für absolut steigende Staatsverschuldung. Aber das bedeutet eben im Durchschnitt ein Haushaltsdefizit - während viele Menschen leider glauben, dass das Haushaltsdefizit ausgeglichen sein muss, und das funktioniert eben aus rein rechnerischen Gründen nicht.

Was die relative Höhen angeht ist das Argument in zweiter Linie, dass diese sich an die Präferenzen des privaten Sektors anpassen sollte. Und wenn man einfach vernünftige Wirtschaftspolitik machen würde (also ein Haushaltsdefizit fahren, dass für hohe Beschäftigung ausreicht ohne beschleunigende Inflation zu erzeugen), dann würde das ganz automatisch passieren.

Systemfrager hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Systemfrager hat gesagt…

Tja,
mein Lieblingsfeind Walras war auch in Lausanne - der Begründer der mathematischen Ökonomie. Der mögchtegern Dampflokingenieur ... der aber als mathematisch nicht talentiert nie zu einem Dampflokingenieur wurde.
Die Wege des Herren sind unergründlich (und des Öfteren doof)

Vogel hat gesagt…

Hier einen interessanten Link, wie ich finde: http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Flassbeck.html Schulden am Beispiel der Argumentation Flassbecks.

Beim Autor finden sich noch weitere interessante Posts, z.Z. lese ich dessen "Das Pyramidenspiel-Finanzkapital manipuliert die Wirtschaft" unser Wirtschaftssytem als Kettenbrief, als Pyramidenspiel, schlüssig formuliert, dargelegt und belegt!

DrArzt hat gesagt…

Herr Hähnle,

Ihre Kentnnise über die allgemeine funktionsweise einer Volkswirtschaft sind unterirdisch. Sie sind ein exemplarisches Beweis dafür, dass die Inhalte in der Blog Sphäre zu 99% einfach nur Mist ist. Wenn ich Ihre Inhalte so lese dann kommt wirklich Mitleid bei mir auf. Ihr naives Verständnis über Ökonomie haben Sie vermutlich aus YouTube gewonnen.
Schreiben Sie doch über Sachen von dem Sie was verstehen. Wie wärs den mal mit einem Artikel über PI. Sie sind doch Mathematiker.

Schuster, bleib bei Deinen Leisten.

Gute Besserung

Nicolai Hähnle hat gesagt…

Hallo lieber Arzt,

solch lehrreiche und inhaltlich fundierte Kommentare wie deiner erfreuen mein Herz immer wieder von Neuem.

Oder anders gesagt: Wenn alle Leute, die argumentativ nichts zu bieten haben, einfach mal die Fresse halten würden, wäre die Eurokrise wahrscheinlich schon längst gelöst und Blog-Einträge wie dieser hier wären unnötig.

Anonym hat gesagt…

„Wir brauchen langfristig ein staatliches Haushaltsdefizit von wenigen Prozent des BIP. Das bedeutet in schlechten Zeiten ein noch größeres Haushaltsdefizit und in guten Zeiten ein kleineres Haushaltsdefizit, manchmal vielleicht auch einen Überschuss, aber im langfristigen Mittel muss ein Defizit herauskommen.“
Nach dieser Meinung führt nur ein Haushaltsdefizit zu Wachstum des BIP. Es ist ein krasser Anfängerfehler, zwei Variablen, hier BIP und Haushaltsdefizit, in Beziehung zu setzen und dann sogar noch zu behaupten, dass nur ein Haushaltsdefizit Wachstum garantiert. Im Falle Griechenlands hat ihr Theorie ganz und gar nicht funktioniert. Volkswirtschaftlich ist ihre Theorie vollkommen falsch. Langfristiges Wachstum hängt von ganz anderen Faktoren ab.
Setzen Sie doch einmal die Zahl der Störche und die Zahl der Geburten in Relation. Dann werden Sie als unkonventioneller Denker und Mathematiker vielleicht herausfinden, dass das das Märchen vom Klapperstorch doch der Wahrheit entspricht.

Nicolai Hähnle hat gesagt…

Der geneigte Leser des vorigen Kommentars möge als kleine Fingerübung die verschiedenen Denkfehler darin suchen. Es sind erstaunlich viele, ich finde zum Beispiel eine Verwechslung von einer Aussage über langfristige Mittelwerte mit einer Aussage mit ständiger Gültigkeit in jeder einzelnen Periode, sowie gleich mehrere Verwechslungen von notwendigen und hinreichenden Bedingungen.

Des weiteren ist es interessant zu beobachten, dass an keiner Stelle auf die Argumentation im Artikel eingegangen wird. Es wird also lediglich ein Gegenteil der Schlussfolgerung behauptet, anstatt Schwächen in der Argumentation zu suchen.